Zwischen den Rassen/Dritter Teil

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Zwischen den Rassen  (1907)  by Heinrich Mann
Dritter Teil
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Dritter Teil

 
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I

 

So leise Lola, ohne Licht zu machen, ihr Schlafzimmer betrat, Mai hörte sie doch, kam zögernd herein, — und plötzlich, schluchzend im Dunkeln, hängte sie sich an Lola, die den Atem anhielt und mit schlechtem Gewissen auf dies Schluchzen hörte.

„Werde glücklich!“ brachte Mai hervor.

„Darum handelt es sich nicht,“ murmelte Lola. „Aber du weißt, man muß vernünftig sein.“

Und sie übte sich in Vernunft und Nachgiebigkeit. Sie durfte jetzt nicht mehr das Damenbad verlassen. Pardis Augenrunzeln begegnete sie, wenn sie, ohne ihn zu erwarten, zu Tisch gegangen war. Er fand es unverschämt, fragte sie nur, wo er mit Mai den halben Tag verbracht habe. Denn sie verschwanden aufs Meer, in das Land … Dafür machte er aus Lolas Eintritt jedesmal etwas wie das Erscheinen einer Fürstin. Ein Fest, mit Regatta, Ball und Feuerwerk, das er plante, sollte ihm dazu dienen, seine Verlobte mit Größe in die Gesellschaft einzuführen. Lola erklärte aber, wegen ihrer Ausstattung nach Florenz zu müssen. Am Morgen ihrer Abreise, noch bevor der Strand sich [ 352 ]belebte, sah sie die Bernabei und sah, daß sie auswich. Lola machte einen Bogen und grüßte: mädchenhaft, mit Unterordnung. Sie schämte sich, zu triumphieren. In diesem Augenblick trat Pardi auf und stellte vor. Seine Geste war blühend, voll des Genusses der Lage. Lola zog die Brauen zusammen. Sie reichte der Bernabei die Hand, mit einer raschen Regung, die sagte: „Er rühmt Ihnen seine Braut und prahlt vor mir mit seiner Geliebten: muß uns diese brutale Manneseitelkeit nicht zu Verbündeten machen?“ Und sie erstaunte einfach, als die Hand der andern nicht kam und in dem zusammengedrückten Gesicht die blassen Augen vor Haß dunkler wurden.

In der letzten Minute sagte Pardi:

„Nein, Sie können nicht allein reisen, ich komme mit Ihnen.“

Mai erwiderte:

„Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich es nicht wünsche.“

Er erklärte Mais Bedenken für lächerlich; Lola selbst gab zu, sie nicht einzusehen. Aber Mai zeigte sich, zum ersten Male, stark; sie trotzte dem drohenden Auftritt.

„Sie werden Lola immer für sich allein haben. Ich werde mich nach Amerika zurückziehen.“

Pardi lief plötzlich davon. Er erschien nicht am Bahnhof.

„Was hat er?“ fragte Lola.

Mai weinte schon wieder.

„O, mir macht es nichts;“ — und Lola, zart [ 353 ]gestimmt, tröstete. „Mich freut es, daß du erreicht hast, was du wolltest.“

Mai sah sie, durch ihre Tränen, mit rätselhaftem Entsetzen an.
 

Zu der Bossi sagte Lola:

„Jetzt brauchen Sie mir keine Rastaquouèrepreise mehr zu machen: ich werde zu den Damen der Stadt gehören.“

Die Schneiderin riet sofort richtig.

„Contessa Pardi! Da wäre es aber eine Beleidigung, wenn ich meine Preise herabsetzen wollte.“

Das Glück, in Stoffen zu wühlen, sich im Geiste mit ihnen zu schmücken, sie vor dem Spiegel um sich her zu legen, belebte Mai. Sie sprach nicht mehr klagend, sie gestand, Lust nach einem sehr guten Diner zu haben. Am nächsten Morgen ließ Lola sich Paolos ungewöhnlich hohen Check auszahlen. Allein spazierte sie durch die helle, feine Stadt, die ihr zulächelte, ihr all ihre Eleganz, all ihre unbesorgte Sonne anbot. „Die Tosca! Schon jetzt, anfang September: welch Glück! Also heute Abend die Tosca.“ Ein Romantitel lockte sie an; und auf der Hotelterrasse, zwischen zwei Sitzungen bei der Bossi, las sie. Unter ihr wurden Blumen ausgerufen und warmer Duft stieg herauf. Der Fluß wiegte sich, hinter den im Dunst zerschmolzenen Brücken, golden und frei, zu glücklichen Hügeln hinaus. Glücklich war doch jener Sommer gewesen, dort zwischen den Hügeln! Straßen, einst [ 354 ]fröhlich beschritten, fielen Lola ein; eine mündete plötzlich bei einem Landhause in Fontainebleau, mit einem jungen Menschen, von dem sie geliebt worden war. Der Arme! Wie leidenschaftlich hatte sie selbst eine Woche lang die Giannoli geliebt, nach jenem Abend in Brüssel, als sie die Euridike sang! Sie hatte sie besucht … Die Blumen, die sie ihr brachte, ähnelten einer, die am Rande eines Abgrunds in den Pyrenäen stand. Ein ganz schmaler Pfad führte hinab, und vor dem letzten Schritt war Lola entsetzt umgekehrt … Sie lächelte, ohne zu wissen, wo sie war, in die Sonne hinaus. Aufschreckend: „Aber ich bin wahnsinnig, daß ich heirate! Will ich denn alles, alles aufgeben? Was habe ich heute mit meiner Zeit getan? Ich bin gewohnt, sie zu verschwenden, und künftig soll ich unter Vormundschaft stehen. Es ist so selbstverständlich, daß es schlimm werden muß. Ja: und grade, wenn etwas gar zu selbstverständlich ist, kommt ein Zeitpunkt, wo man davon absieht … Pardi ist mir bekannt; aus dem, was ich mit ihm schon erlebt habe, kann ich alles Kommende ableiten. Über nichts werde ich mich zu beklagen haben, ich werde es gewollt haben …“ Und in Hast: „noch kann ich mich retten!“

Aber sie zerriß den begonnenen Absagebrief. Denn wie sie ihm den Irrtum des Geschehenen klar zu machen suchte, fand sie vielmehr auf den unvermeidlichen Weg zurück, der hierher geführt hatte. Da Silva und die vor ihm, waren an diesem Wege die Leidensstationen. Bei dem ersten biß man noch die Zähne zusammen und kam durch. Pardi war grade dort, wo [ 355 ]man hinfiel. „Sein Unglück: auch seins; denn natürlich brauchte er eine Frau, die ihm schmeichelt und ihn betrügt. Aber ich kann ihm nicht helfen. So wenig wie mir. Wirklich, ich gehe sehend in alles hinein. Ich habe mein Blut zu büßen.“
 

Mai ließ sie zu sich bitten. Es war die flaue Vorabendstunde; man ist vom Tage verbraucht und entbehrt noch die Anregungen des Abends. „Um diese Zeit sollten wir uns in Ruhe lassen. Aber Mai begreift nicht, warum sie sich schlecht fühlt, und muß mit allem heraus.“

Mai lag auf dem Diwan und hatte wieder geweint.

„Ich habe nachgedacht,“ sagte sie wichtig, „und gefunden, daß du nicht für ihn paßt. Meine Mutterpflicht will, Lola, daß ich dir von dieser Heirat abrate.“

„Danke für deine gute Absicht, Mai, aber es ist zu spät.“

„Soll ich ihm schreiben?“ — ganz rasch; und da Lola stutzte, mit leidender Stimme:

„Ich sehe nämlich voraus, das ihr beide unglücklich werdet.“

„Das ist wohl niemals ausgeschlossen, Mai.“

„Bei euch aber ist es beinahe sicher … und —“

Mais Stimme hörte sich plötzlich gereizt an.

„Die Schuld wirst du haben mit deinen modernen Ansichten.“

„Oder er mit seinen veralteten. Aber vielleicht geht es auch gut.“ [ 356 ]

„Er ist so wie ein Mann sein muß … Aber du brauchst einen, der sich zu deinem Kameraden hergibt. Denn, nicht wahr, du möchtest seine Kameradin sein? Sage, wie wäre es denn mit jenem Deutschen: du weißt schon, welchen ich meine. Ich bin sehr betrübt, daß ich nicht früher daran gedacht habe.“

„Du kannst sicher sein,“ — und Lola lächelte, „daß ich auch das bedacht habe. Pardi ist trotz allem der, den ich brauche.“

„Du willst also deinen Entschluß nicht ändern?“ — mit flehendem Augenaufschlag und gerungenen Händen. „Ich rede zu deinem Besten. Du verstehst nicht viel. Du hast nicht viel Talent, eine Frau zu sein. Ich rede zu deinem Besten…“

Aber Mais Ton ward immer rachsüchtiger.

„Du glaubst wohl, in der Ehe erweise man sich Gefälligkeiten. Du weißt also nicht, daß sie ein genaues Geschäft ist, bei dem der Mann sein Vergnügen von uns möglichst billig zu bekommen sucht. Dein Vater hat mich um das Meinige betrogen. Ich hätte von ihm viel, viel mehr Diamanten und Pariser Hüte verlangen sollen. Reisen hätte er mich machen lassen sollen. Ich war unerfahren und er nutzte mich aus. Jetzt hasse ich ihn: daß du’s weißt, ich hasse ihn! Es reut mich, daß ich ihn damals nicht betrogen habe. Er würde verdienen, daß ich ihn noch jetzt betrüge, — mag er mir auch erscheinen.“

Und aus verzerrtem Gesicht, grotesk wie ein böses Kind, stieß Mai mit ihren ganz schwarzen Blicken nach Lola. [ 357 ]

„Schade,“ sagte Lola und zog sich zurück. „Ich konnte das wohl vermuten; aber daß du es aussprichst, macht mir’s noch schwerer, eine Frau zu sein.“

Plötzlich schluchzte Mai krampfhaft in ihre beiden Hände.

„Geh’ nicht fort! Du ahnst nicht, was ich leide!“

„Was denn, Mai?“ — aufzuckend von Mißtrauen. „Was hast du?“

Mai nahm die Hände vom Gesicht, das tief errötet war.

„Du wirst hoffentlich nie erfahren, wie sehr ich leiden muß, weil ich deine Mutter bin.“

Lola prüfte sie, ungläubig. Mais schmerzvolles Nicken fand sie theatralisch und hob leise die Schultern. Mai, die die Liebhaber mit den Badeorten wechselte!

„Der Verzicht sollte dich wirklich so viel kosten?“

„Es gibt etwas, das mich mehr kostet,“ sagte Mai, noch rätselhafter.

Und nach einer Pause, sehr bedeutsam und mit Stolz:

„Was ich getan habe, geschah alles für dich, und was du künftig bist, wirst du alles durch mich sein!“

Lola sah zu so viel Feierlichkeit keinen Grund. Sie brach ab.

„Wir müssen zur Bossi.“

„Gut,“ sagte Mai und schmollte schon wieder; „aber ich begreife nicht, was dies schöne teure Brautkleid soll. Niemand wird es sehen, außer den jungen Leuten, die euch als Zeugen dienen. Warum mit [ 358 ]der Hochzeit nicht warten, bis die Gesellschaft wieder in der Stadt ist. Wozu diese Heimlichkeit und Eile.“

„Ich weiß nicht…“

Lola sah verwirrt umher.

„Vielleicht habe ich genug gewartet?“
 

Sie ward getrieben von der Hast des schlechten Gewissens. Wie sie endlich mit Pardi allein im Schnellzug saß, fürchtete sie, von Bekannten ertappt zu werden, und zugleich forderte sie den Zufall heraus. „So,“ dachte sie, „muß einem anständigen jungen Menschen zumut sein, dem es einmal passiert, daß er mit einer Dirne auf Reisen geht.“ Sie hätte Champagner verlangen, den Mann dort küssen mögen, und wagte vor Befangenheit kaum den Kopf zu wenden. Pardi rauchte und lächelte ihr siegesgewiß zu.

Als sie sich von ihm in den Wagen heben ließ, dessen kleines Pferd nicht stehen wollte, schlugen ihr die Zähne aufeinander. Unter dem Mantel des Mannes, in seinem Arm: so jagte sie in die dunkle Campagna hinein. Manchmal flirrte fieberhaft in nächtlichen Gärten ein Haus, von Sternenlicht weiß. Manchmal fiel einen, wie ein Räuber, ein schwüler Duft an und blieb, wie von einem Hufschlag getroffen, am Wege liegen. Jetzt hingen nur noch wenige schwere Gestirne tief herab auf das verödete Land, — dessen ganze wilde und schlaffe Schwüle Lola durchdrang, wie die Lippen des Mannes sich auf ihrem Hals zerdrückten. [ 359 ]

Pardi und der Kutscher stiegen ab; ein Büffel lag auf die Straße gewälzt. Dann hallte über ihnen der Bogen eines Aquäduktes und dröhnten unter ihren Rädern die römischen Lavaquadern. Bei einem Brunnen, der seinen geschweiften Giebel, sein Muschelbecken und seine trinkenden Putten, wie ein heroischer Dandy, gegen die Einöde behauptete, rasteten sie. Pardi befahl, das nasse Pferd zu bewegen. Als hinter dem Wagen die Dunkelheit zusammenfiel, fing Lolas Herz zu klopfen an. Sie wartete. Ihre und des Mannes Hände trafen sich und erschraken. Da riß er sie an sich.

Lola atmete ungeregelt und lachte, als sie wieder einstiegen.

„Können wir nicht bis ans Meer fahren, Liebling? Jetzt möchte ich das Meer sehen.“

„Ans Meer? Wir sind gleich zu Hause.“

„Zu Hause? Wo?“

Wie durch ein dunkles Abenteuer taste man dahin, liebte einander, ohne einer des anderen Augen erkennen zu können, und hatte in aller Überreiztheit das Gefühl, man schlafe.

Was kam nun? Langsam stieg es in dicke Mauern hinein. Ein Städtchen hängte darüber seine langen, wilden alten Häuser, schickte sie, schlaftrunken und voll Wirrsal, den Berg hinan. Auf einem gewalttätig gewinkelten Platz hielt ihr Wagen; düster wuchtete der Dom herab; — und sie stiegen, der Arm des Mannes um Lola, zwischen lagernden Ziegen über die Treppengassen. Aus einem verschlossenen Hause ein [ 360 ]Lachen machte, daß sie auseinanderfuhren und, noch fester beisammen, auf der niederen Mauer die Gesichter ins Weinlaub drückten. In schattig erstickten Kissen sahen sie es sich hinabbiegen und zergehen in der heißen und schweren Tiefe, deren Atem mit verhaltenen Stößen an ihre Lippen prallte.

Und ganz oben — der Mann trug sie über die letzten Häuser hinaus — der vergitterte Palast, von Greisen bewacht, in seiner Verwilderung und seinen Wunden. Und jenseits der bröckelnden Schwelle das Echo aus weitem Dunkel, und dahinten am Fuß der Treppe ein Licht, so dünn, daß nur des Alten, der es hielt, magere Halssehne aus dem massigen Schatten sprang. Und über ihren Mosaikböden die leeren Säle, in deren Wänden einmal ein bleiches Gesicht sich entblößte, als heulte es auf; aus deren Decken einmal ein dunkles Gefunkel fiel, wie ein vergangener Dolchstoß. Und, am Ende, das Gemach, eingeengt von mächtigen, ineinander verfleischten Leibern, deren es voll schien, die durch die weiten Fenster und zur Tür hinausquollen und die Wildnis des schwarzen Gartens durchtobten … Schwindlig von Gesichten, fühlte Lola ihre Kleider gelöst, sich umgewendet, gezogen, hingerafft.

„Laß, daß ich mein Haar öffne!“

„Meine Göttin!“

„Wer sieht uns zu, hinter der Bettsäule, am Spalt des Teppichs?“

„Warum erschrickst du? Ich bin da. Fühlst du mich?“

Aber nach Stunden, jenseits der Traumgrenze, [ 361 ]funkelten wieder die gelben Augen der Faune, die mit ihren gespaltenen Hufen über die Schwelle der Gartentür stapften und das Bett umstellten.
 

Sie stand auf, bevor er wach war, wagte nicht das Zimmer zu verlassen, sich nicht zu zeigen, und saß, mit der Schulter nach dem Bett, unbehaglich auf dem zerrissenen Gobelin eines Prunksessels. Ohne darauf zu achten, hatte sie ihre Toilettesachen wieder in die Tasche gelegt und hielt die Hand darauf. Sie sann verstört. Hinter ihr gähnte es und warf sich’s herum.

„Komm!“ lallte er.

Sie sprang auf und flüchtete in den Garten. In kurzem, sah sie, verlief er auf den kahlen Berg. „Ich möchte fort,“ dachte sie. Da erinnerte sie sich jener Nacht in Deutschland, als sie, wie spielend, auf und davongegangen war und er sie eingeholt hatte. Sie ging das Haus entlang und betrat durch eine zweite Tür eine Galerie, worin der Alte von gestern den Tisch deckte. Er legte langsam hin, was er hielt, und verneigte sich; und während sein Kopf auf der Brust lag, errötete Lola. Sie nahm einen Korbstuhl, verließ ihn wieder, wechselte mehrmals den Platz. Ihr Kleid, merkte sie plötzlich, bekam einen roten Saum vom Fußboden! Sie wollte sich auf eine der seidenen Bänke setzen, sich an eine der goldenen Konsolen lehnen: und Staub flog auf. Unter dem Sofa drüben sah sie ihn geballt, wie Watte. [ 362 ]

„Das Schloß ist wohl sehr alt?“ fragte sie den Diener.

Sofort setzte er ein mit einer Aufzählung von Daten, Namen, Gegenständen, als führte er Fremde umher.

„Auch ein römisches Mosaik? Das will ich sehen.“

Sie erreichte nicht die Tür: eine Frau in schwarzem Kleid trat ein, groß und dunkelhaarig, noch schön trotz gelber, müder Haut, und starrte Lola finster an, — bevor sie, als besänne sie sich, sehr freundlich ihre Dienste anbot. Lola antwortete, aus Verwirrung, mit entgegenkommendem Lächeln. Durcheinander fragte sie die Frau, wie sich’s hier lebe, was denn ihr Mann jage, wie alt ihre Kinder seien … Da sah sie über dem Kamin, auf der Lockenperrücke des bronzenen Reiters, eine ganz in Staub gewickelte Haarnadel. In ihr zuckte es auf. „Natürlich! Sie gehört zu seinen Geliebten. Eine andere hätte das gleich gesehen.“

„Nein, ich brauche gar nichts, Sie können gehen.“

Auch der Alte ging: rückwärts, und sah dabei fragend auf Lola. Sie reinigte mit der Serviette einen der Korbsessel, bevor sie sich hineinwagte. Sie hob ein Knie auf das andere, beugte sich darüber, faltete dick die Brauen: „Da sitze ich nun; das habe ich davon.“ Wo war die leidenschaftliche Poesie der Nacht? Schmutzig, nüchtern und gemein war’s jetzt. Der Garten lag voller Abfälle, die schwerlich von Faunen herrührten.

Pardi stieß die Tür auf.

„Guten Tag, Cesare Augusto,“ sagte Lola, mit einem Lächeln aus gesenkten Augen, angewidert und entzückt in einem. [ 363 ]

„In Hut und Schleier, als ob sie mir durchgehen wollte! In ihrem großen blauen Schleier, unter dem ihre goldenen Haare schimmern wie ein versenkter Feenschatz.“

Sie blieb regungslos, bis sie seine Hände spürte: da stieß sie, entsetzt, um sich.

„Was gibt’s? … Ach so, auch vorhin bist du mir davongelaufen. Habe ich etwas nicht recht gemacht? Aber mir scheint —“

Er tätschelte, und Lola bebte.

„— daß diese Kleine mit mir ganz wohl zufrieden war.“

„Ich habe lange gewartet. Der Hunger macht mich nervös.“

„O! essen wir! Ich meinerseits bin hier auf dem Lande oft den ganzen Vormittag draußen, nur mit einer Tasse Kaffee im Magen. Stört dich’s, daß ich rauche?“

„Nein … Und dann finde ich’s hier langweilig.“

„Schon? Wohin möchtest du? Was sollen wir vor Oktober in Florenz?“

„Bleiben wir also! Ich muß das Schloß kennen lernen. Wo hast du als Knabe dein Zimmer gehabt? Denn du warst doch schon als Knabe hier?“

„Nein. Ein Großonkel, der als Kardinal in Rom lebte, hat es gekauft. Ich habe es erst mit zwanzig Jahren betreten, nachdem ich es geerbt hatte.“

„Und das bleiche Bild von gestern Abend?“

„Alles fremde Leute. Wir sind jünger; wir sind keine Feudalen. Unser einziger Kardinal war nur ein Snob. Wir sind Florentiner Bürger und durch [ 364 ]Fellhandel reich geworden. Glücklicherweise sind es bald hundert Jahre, seit wir das letzte Fell verkauft haben.“

„Aber seither seid ihr Grundbesitzer. Eine Meile im Umkreis, sagtest du gestern, gehört dir?“

„Und meinen Gläubigern!“

„Wie kommt das? Dein Vater —“

„— war ein Geizhals.“

„Also du allein. Und auch in Toskana warst du reich. Sage, was hast du mit alledem getan?“

Da er nur lachte:

„Du hast gespielt?“

„Auch.“

Sie drängte ihre Brust gegen seinen Arm. Mit Kinderstimme:

„Und sonst?“

Sie duldete seine Liebkosungen, sah dabei angestrengt zur Seite. Plötzlich schroff:

„Laß!“

Mit wiedererlangter Verführung:

„Und sonst? Wer hat dein Geld bekommen?“

Er umfaßte sie, mit Armen und Knien, ruhig und fest, küßte sie, wo es ihm beliebte, und lachte in ihre zornigen Augen, die ihren Mund und sein süßes Lächeln verleugneten.

„Wie dies Kind neugierig ist!“

„Ich bin kein Kind; ich möchte deine Freundin sein.“

„Glücklicherweise eine Freundin, die kein Glied rühren kann.“

„Ich muß wissen, wie du gelebt hast. Bin ich denn eine Fremde? Bin ich eine Untergebene?“ [ 365 ]

Sie sah gespannt hin: sein Lachen ward zusehends zu einem stummen Feixen der Verachtung, — das sie begriff. „Ich habe dich gehabt,“ sagte es. „Worauf pochst du noch? Was kannst du noch?“

Sie war dunkelrot, und ihr lockendes Lächeln zitterte, aus Verstörtheit, noch immer um die entblößten Zähne. Er küßte sie darauf und ließ sie los. Sie floh in den Kaminwinkel.

„Sie beleidigen mich! Sie verhöhnen mich!“

Sie stand vorgebeugt zum Kampf, das Gesicht verzerrt von Wut. Er verschränkte die Arme.

„Sie haben eine Vergangenheit. Sie haben mit Frauen gelebt. Ich weiß es.“

„Wenn Sie’s wissen. Aber ich versichere Ihnen, daß Sie sich irren;“ — sehr höflich. Und mit nicht nachweisbarer Ironie:

„Sie sind die erste Frau, die ich liebe.“

„Und wenn ich selbst Ihnen manches verheimlicht hätte?“

Er wehrte gelassen ab.

„O! Nicht nötig. Ich habe mich überzeugt, daß ich keinen Vorgänger gehabt habe.“

„Sie sind gemein!“

„So liebe ich dich!“ — und er kam rasch auf sie zu. Vergebens wand sie sich unter seinem Griff; er schleifte sie aus dem Winkel hervor, stieß sie aufs Sofa. Sie fiel auf die Brust und klammerte sich an die Lehnen.

„Sei artig!“ — und er machte, ohne ihr weh zu tun, einen ihrer Arme los. [ 366 ]

„Ich will Ihre Vergangenheit wissen,“ wiederholte sie, störrisch und ratlos. Er ließ sie.

„Nun, Sie sind schlechter Laune. Also kümmere ich mich jetzt um meine Geschäfte. Auf Wiedersehen.“

Als draußen seine Schritte verhallt waren, richtete Lola sich auf, stützte die Hände auf den Sitz und sah mit Ekel an sich hinunter. „Wie der Mensch mich zugerichtet hat! Warum führe ich auch eine Lage herbei, in der ich ihm Widerstand leisten muß. Häßlich war ich dabei. Die Frauen macht echter Widerstand häßlich. Nur der geheuchelte steht ihnen. Und ich kann nicht heucheln. Ist es lästig, ein halber Mann zu sein! Wenn man ihm doch nicht mehr damit imponiert. Ich war in gerade solcher Wut, wie neulich in Viareggio, als er rückwärts aus der Tür ging. Das fällt ihm jetzt nicht mehr ein, denn er hat sich genau überzeugt, daß ich eine gewöhnliche Frau bin, daß alles in Ordnung ist. Wie sagte er? Nicht nötig; ich habe mich überzeugt —. O, sehr gemein; aber wußte ich’s nicht? Den eifersüchtig machen zu wollen mit Gefühlen, aus denen nichts geworden ist! Schläft er denn mit meiner Seele?“

Lässig stand sie auf, strich an ihrem Rock hinunter, ordnete das Haar.

„Er ist stark: er braucht mich gar nicht. Ein anderer wäre mein Freund gewesen. Aber —“ und sie spähte in sich hinein, nach dem verschwimmenden Bilde eines Gesichtes, „hätte ich ihn dafür nicht verachtet? … O, wir sind erbärmlich, wir Weiber; wir kennen nur Verachten oder Verachtetwerden. Dies hab’ [ 367 ]ich nun. Für’s erste hänge ich an ihm. Ist das erst vorüber, bleibt nur noch der Haß; und dann werd’ ich ihn wohl betrügen? So sind wir Weiber doch?“

Sie verließ die Galerie, schlenderte, die Röcke mit beiden Händen aufgerafft, durch mehrere Säle. Am Ende des letzten sah sie in einen Arkadenhof. In einer sonnigen Ecke, an die zierliche Doppelsäule gelehnt und mit hängenden Rosen auf ihrer Nachtjacke, saß eine Alte und spann.

„Guten Tag, wie geht es?“ sagte Lola und blieb müßig stehen.

„Ihr seid hübsch, unser Herr hat recht gehabt,“ sagte die Alte und fuhr mit ihren wilden schwarzen Augen um Lolas Formen. Lola errötete. Sie bemerkte, daß das trockene weiße Gezottel der Alten so aussah, als hätte sie’s gesponnen.

„Das ist eine Handspindel? Wie macht man’s?“

„Laßt doch! Ihr seid ungeschickt. Zu anderem werdet Ihr geschickter sein: unser Herr wird schon wissen, wozu.“

Die Alte begann mit tiefer Stimme zu summen, wiegte sich und bewegte spinnend, wie im Reigen, die Arme. Ein wenig ängstlich, als müßte sie nun gleich den Zauber der Hexe wirken fühlen, sah Lola ihr zu. Die Alte brach ab; plötzlich sog sie ihre beiden Lippen ganz ins Innere des zahnlosen Mundes. Dann:

„Ihr seid wahrhaftig die hübscheste seit der allerersten, die er herbrachte.“

„Wann war das?“

„Als er das erstemal kam. Viele Jahre sind’s. [ 368 ]Mein Sohn hatte noch den Hof von ihm in Pacht, drunten in Spello, bis er am Fieber starb, auch er, der Arme.“

„Ja. Aber jene Erste: wie hieß sie?“

„Ich weiß nicht mehr. Er brachte seither so viele mit.“

„Immer war er mit Frauen hier?“

„Auch mit Freunden. Sie tranken und jagten. Einmal im Winter haben sie droben auf der Akropolis einen Wolf erlegt.“

„War auch damals eine Frau hier?“

„Da sieh! Ihr scheint eifersüchtig!“

Das tiefe Gelächter der Alten klapperte in allen Winkeln nach.

„Ihr liebt ihn wohl sehr, Kleine? Er ist ein Mann, wie? ein tüchtiger. Ah! Das sieht man: Ihr liebt ihn. Da würdet Ihr ihn also nicht betrügen, wie jene Erste tat: — verdammt sei ihr Name, der mir nicht einfällt. Denn Ihr müßt wissen, daß ein junger Herr mit ihm hier war, der auch mir gefallen hätte. Als aber er, der unsere, dahinterkam, daß sie jedesmal, wenn er betrunken war, zu jenem ging, da meinten wir draußen, es gebe Mord. Doch einigten sie sich und ließen alles am Mädchen aus. Nackt jagten sie es hier heraus — zu viel Wein hatten alle — und mit erhobenen Peitschen um den Hof herum, viele Male, bis die Knie ihr zitterten und ihr Geschrei rauh klang. Ich war’s, die dort aus der Kirchentür lugte und sie ihr aus Mitleid öffnete, daß sie hineinschlüpfen konnte. Da kommt! Da seht!“ [ 369 ]

Die Alte glitt von der Mauer, packte Lolas Hand und strebte, vorgebeugt, eilig schlürfend, über den Hof.

„Helft mir doch, die Tür zu öffnen! Ich habe nicht mehr genug Kraft. Ach, ach!“

Und Lola:

„O!“

Von der Schwelle des Hofes voll abgefallener Kalkbrocken sah sie unvermittelt in eine Welt spiegelnden Marmors. Die Stufen zum Hochaltar hielten den Abglanz seiner gelben Wand in ihrer schwarzen Marmorkaskade. Blau, voll goldener Augen, schwangen marmorne Vorhänge ihre Falten um die Pfeiler der Kapellen, um die Balkone.

„Dort auf den Stufen warf sie sich nieder: ja, seht, genau hier; und grub das Gesicht in dieses Silbertuch, das vom Altar hängt. Wie Tolle stürzten jene hinterdrein. Ich konnte die Tür nicht rasch genug schließen, aber ich rief mit erhobenen Armen: Tötet sie nicht! Tötet nicht die schöne Gida! … Denn ja, jetzt ist’s mir einfallen, Brigida hieß sie, wir nannten sie Gida, und er und seine Freunde sagten Gigi … Da liegt sie nun, seht doch! ganz nackt, mandel- und rosenfarben, hell und rund gekrümmt auf dem schwarzen Stein, und sie wollen über sie herfallen! Mit unserm Herrn ist der schlimmste der, um dessentwillen ihr’s so schlecht geht. Gibt es Dank unter den Menschen? Und wäre nicht einer gewesen, der sie am Arm festhielt — Er sagte: Wie ist das schön! und dann standen sie und betrachteten. Und unser Herr neigte sich ganz zärtlich — Aber was habt Ihr, daß Ihr [ 370 ]erbleicht? Fürchtet nichts, solche Dinge können nicht mehr vorkommen; er ist jetzt älter und frömmer; er betrinkt sich nicht mehr wie die Jungen; auch sagt man, daß er weniger Geld hat. Reichere Herren gibt’s in der Gegend. Beim Heraufkommen werdet Ihr die Villa des Herrn Catelli gesehen haben, die unterste, mit den Erdstufen und dem roten Hause. Er ist ein freigebiger Herr. Schon mehreren unserer Mädchen habe ich, indem ich sie zu ihm führte, eine gute Einnahme verschafft; und wenn Ihr wollt —“

„Nein.“ sagte Lola, „ich will nicht.“

„Natürlich. Ich vergaß: Ihr liebt zu sehr unsern Herrn.“

„Und ich bin seine Frau.“

Da die Alte ratlos zu ihr aufblinzelte:

„Ich bin die Contessa Pardi, und ich verzeihe Ihnen, daß sie mich nicht kannten.“

Sie wollte gehen, aber die Alte hing ihr an den Röcken; sie weinte:

„O Herrin, gute Herrin, übt Mitleid! Seht, ich arme Alte lebe in jenem Turm allein. Meine Söhne, die Eurem Gemahl dienten, sind nun alle gestorben, ich habe keine Zuflucht als diese. Meine Nudeln koche ich mir, spinne und sehe niemand. Was wußte ich? Übt Mitleid und verratet mich nicht unserm Herrn! Wohin mit mir, wenn er mich vertreibt?“

„Bleiben Sie, bitte, hier,“ sagte Lola, höflich und etwas verlegen, wie zu einer Dame, die sich wegen einer Taktlosigkeit entschuldigte. „Ihre Erzählung war sehr unterhaltend.“ [ 371 ]

In einem der Säle begegnete Lola dem alten Benedetto, ließ sich von ihm das römische Mosaik zeigen und dachte dabei: „Was ich da gehört habe, konnte ich eigentlich erfinden. Ich fing eben an, es mir so zu denken. Er war mit allen seinen Frauen hier: warum nicht auch mit mir. Wie das stimmt! Die Ehe ist heilig, wie eine Zwingburg, und darf nicht abbröckeln: Das ist Grundsatz und gilt für die andern. Wir selbst aber fühlen uns stark genug, auch die Freiheit zu ertragen, das Leben nicht als Pflicht zu nehmen, sondern als Vergnügen. Ein einzelner verdirbt wohl nichts am Grundsatz…“

„Eine Nilüberschwemmung ist es?“ fragte sie. Der Diener sah sie verdutzt an; er sprach seit fünf Minuten.

„Also gut. Wenn der Herr kommt, sagen Sie ihm —. Nein, es ist nicht nötig.“

Nicht ausgehen: lieber noch allein durch diese Höfe, diese halb verschütteten Kammern irren, zwischen Wänden mit herabhängenden Lederfetzen. Zu mühsam selbst das. „Ich bin träge. Auch die anderen, die vorigen werden’s hier gewesen sein — nach solcher Nacht. Eigentlich muß er, indes er mich küßt, auch jene, die auf denselben Kissen lagen, unter den Lippen haben. Von jeder das beste. Es war geschickt, mich hierher zu bringen. Er versteht sein Vergnügen.“

Beim Betreten des Schlafzimmers sah sie die Frau in Schwarz das Bett machen. Lola ward rot. Die Frau sagte, über das Bett gebeugt, im sachlichen Ton einer Mitwisserin: [ 372 ]

„Die gnädige Frau wird viel Vergnügen gehabt haben.“

Lola dachte: „Mein Gott, was tun?“ Die andere sagte noch:

„Die Frauen lieben ihn sehr, und der Herr verdient es wohl. Befiehlt die gnädige Frau noch etwas? Die Kleider habe ich dort hineingehängt. Wenn Sie möchten, daß ich helfe, rufen Sie aus der Tür nach Maria. Hier gibt es keine Klingeln. Was wollen Sie, man muß Geduld haben.“

Lola dachte, allein: „Haßt sie mich nicht? Ist es ihr nicht zuwider, mir von dem zu sprechen, was sie selbst genossen hat? Möchte sie mich durch ihre Schamlosigkeit erniedrigen? Oder ist sie einfach sicher, daß er zu ihr zurückkehrt?“

Ihr Blick ward starr. Sie sah die starkknochigen Arme der Frau wie matt spiegelnden gelben Marmor um den Mann gelegt und seine Lippen, von brutaler Röte, auf ihr breites, schmachtendes Gesicht zukommen. Die dumpfgeistige Begierde der schweren Augen, in diesem schwarz umsträhnten, halbwelken, blaßlippigen Gesicht machte Lola erschauern. Die beiden Leiber vor ihr bebten, und sie bebte selbst. Sie stieß die Vision fort, wandte sich seufzend ab: „Ich will nicht!“ Dann: „Aber da ich ihn nahm? … War denn er der Mensch, den ich nicht entbehren konnte? Ach, das ist müßig. Schon hat er gemacht, daß alles, wonach es mich verlangt, in ihm ist. Jetzt habe ich zu machen, daß er gar nicht mehr von mir wegsehen kann. Viele mag er geliebt haben; jetzt aber ist die Reihe an mir.“ [ 373 ]

Sie legte Hut und Schleier ab, vertauschte ihr Reisekostüm mit einer Matinee aus Schleierstoff, lockerte ihre Frisur, legte leises Rot auf, half dem Glanz der Augen nach, schminkte die Fingernägel. Sie entblößte die Hand von Ringen und prüfte die Wirkung. Dann bettete sie sich auf den Diwan und wartete.
 

Zwei Tage lang gingen sie nicht aus. Lola wünschte, in der Galerie die Mahlzeiten hergerichtet zu finden, ohne daß jemand aufwartete. Die Dienerschaft durfte sich nicht an den Fenstern nach dem Garten zeigen. Am dritten Abend beschlossen sie Luft zu schöpfen; und als nach der von Lust durchbebten Stille das Tor vor ihnen aufging, warteten davor vier oder fünf bettelnde Greise. Lolas Blick traf eine Zwergin mit Kropf und Triefaugen. Schaudernd sah sie weg, machte schnellere Schritte, und Tränen des Zorns kamen ihr. Wie durfte in das erlesene Reich der Zärtlichkeiten, worin sie lebte, dies einbrechen! Plötzlich kehrte sie um, und in dem Gefühl, das werde sie der Störung, der Mahnung ledig machen, schüttete sie der Elenden all ihr Geld in die Hände. Dann, an Pardis Arm, mit zugedrückten Lidern:

„Sag’ ihr, daß sie zurückbleibt!“

Trotzdem folgte ihnen die Verkrüppelte noch bis an die erste Treppe. Mit heulender Stimme betete sie für ihre Woltäterin. Einige Jungen überrannten sie, schlugen Purzelbäume und streckten schwarze kleine Handflächen hin, Pardi hieb mit dem Stock darauf. [ 374 ]Sie lachten. Aus allen Häusern schallten Grüße. In die Türen, aus deren rauchiger Nacht die Kupferkessel blinkten, traten die Weiber mit den Säuglingen, reckten den freien Arm nach den Herren und wünschten Glück. Die Nachbarinnen gellten aus den Fenstern einander Lobsprüche zu, auf die Schönheit der jungen Frau. „Zu viel Schmutz für so schöne Füße!“ rief ein Mädchen und räumte eilends, mit vollen Armen, einen Haufen leerer Maiskolben von den Stufen, die Lola betreten sollte. Dann blieb sie hocken, den Blick über sich, auf Lolas Gesicht, mit einer leidenschaftlichen Schwärmerei, die Lola kannte: aus dem Blick der kleinen Tini.

Auf dem Platz am Fuß der Treppengassen schrie der bunte Kram der Händler in der letzten Sonne noch einmal bäurisch auf. An der geebneten Straße den Berg hinab, schnatterten in ihrem offenen Waschhaus die Wäscherinnen. Der Himmel war von einem warmen, reichen Blau, und jede der goldenen Weinbeeren in all den Laubnestern trug seinen Abglanz auf ihrer kleinen Kugel. In ihren Augen, die sie aufeinander richteten, fanden die Frau und der Mann wieder ihn. Lola blieb unversehends stehen, öffnete die Arme und küßte den Mann auf den Mund. Gleich darauf begriff sie, sehr rot, nicht mehr, wie sie’s vermocht hatte, und sah ängstlich nach Zuschauern umher. Droben am Bergabhang lehnte unter einer Pinie ein junger Hirt, aber er behielt ganz ernste Augen. Pardi zog sie zärtlich von der Hecke fort.

„Du wirst dein Kleid zerreißen.“ [ 375 ]

„Ich weiß nicht, warum,“ sagte Lola, „aber mir ist, als wäre es sehr lächerlich, darauf zu achten. Die Dornen —“ sie faltete sinnend die Brauen — „sind so viel wichtiger als mein Kleid.“

Ihre Lust, Tage und Nächte in enge Zimmer zusammengepreßt, breitete sich auf einmal aus. Das Glück ihres Körpers ergriff alle Körper und kam zurück von allen. Das Rund der Baumkronen wiegte ihr Freuden in die Augen, vor deren Unermeßlichkeit sie nur Tränen fand. Das leiseste Lüftchen fühlte sich stark genug an, sie bis in das rote Sonnengestirn zu tragen.

Die Arme einer um des andern Schulter, durchschritten sie ein stolzes Tor, einen langen Zypressengang, der seine feierlichen Schatten über die hellen Weingärten warf; und am Ende hielten sie vor einem verwahrlosten Bauernhaus. Pardi rief in ein scheibenloses Fenster. Frau und Kinder kamen heraus, eins mußte nach dem Vater laufen. Die Frau legte, unter Glückwünschen, ein Tuch auf den Tisch. Sie brachte Trauben. Lola sagte, noch bevor sie davon gekostet hatte, sie seien gut. Dann langte der Mann an, reichte dem jungen Paar vertraulich die Hand und setzte sich mit ihnen zum Wein. Lola lächelte fortwährend; sie suchte nach Freundlichkeiten und fühlte doch, daß sie nicht gegenständlich klangen, sich auf kein gemeinsames Ding stützten. Pardi schwatzte breit und von gleich zu gleich; er lag über dem Tisch, einer seiner Arme stand darauf, und er hatte die Wange in der Hand: grade wie drüben der Bauer. Lola [ 376 ]betrachtete ihn; sie spürte das Aufstachelnde in der Mischung von Eleganz und Roheit. Sie hielt ihre Ringe gegen das Licht, raschelte auf dem Strohstuhl mit ihrer Seide. Schon auf den schmutzigen Treppen hatte sie, unbemerkt von sich selbst, den Kitzel des eleganten Vergnügens genossen, das aufs Land geht, in Spitzen Schäfer spielt und die Armut des Volkes zum Mitwirkenden macht bei seinem Spiel … Da hörte sie die Stimmen der Männer anschwellen und verstand, daß es um Geld ging. Der Bauer beteuerte, dies Jahr das Pachtgeld nicht aufzubringen, und Pardi schlug auf den Tisch.

„Exzellenz! ich sage die Wahrheit. Der Pächter, den Sie weggejagt haben, hat mir aus Rache die besten Weinstöcke abgeschnitten, heimlich, dicht am Boden. Erst als er längst fort war, habe ich’s bemerkt. Sie wissen, was er für ein Rüpel war, und daß die Carabinieri kommen mußten, ihn hinauszuschaffen…“

Die Frau sprach alle Worte des Mannes mit; jedes klappte nach, wie ein Echo. Lola sah sie an: plötzlich entdeckte sie das ganze Elend des fiebergelben Gesichtes mit den tiefen schwarzen Strichen darin; verstand auf dem dürren schwarzen Arm den welken Säugling und im Haufen der größeren Kinder die kranke, glühende Tiefe der Augen. Reue schüttelte sie. Sie haßte sich. Auf diesem Elend als Hintergrund erging sich ihr gepflegtes Glück, und ihm verdankte sie es! So mußte hier gelebt werden, damit alle ihre Sinne blühen und sich sättigen konnten! Der Gedanke an den kleinlich lasterhaften Kitzel, den sie noch eben [ 377 ]diesem selben Elend entnommen hatte, schlug sie mit Entsetzen. Sie begriff nicht, wie ein Herz dies hervorbringen konnte, in derselben Stunde, in der es dort draußen sich allen Wesen, ja der Sonne selbst, verbunden gefühlt hatte.

Die Frau antwortete Lolas entsetztem Blick.

„Ja, wir haben alle das Fieber. Es ist nicht wie im Winter, da lebt man. Aber der Sommer war hart, und wir hatten kein Geld, in die Berge zu gehen.“

„Exzellenz!“ schrie der Bauer in seiner ungebärdigen Art. „Sie sollen mit Ihren Augen die abgeschnittenen Weinstöcke sehen. Sie werden nicht sagen, daß ich es selbst getan habe.“

„Ach was,“ machte Pardi. „Ich kenne euch, ihr seid Spaßvögel.“

„Ich bitte dich,“ wagte Lola: mit feuchter Stimme und ganz leise, damit niemand höre, daß sie sich ihres Mannes schämte. Er erwiderte barsch:

„In was mengst du dich?“

Zu dem Bauern:

„Sonntag bringst du mir den Rest; sonst wehe!“

Und zu Lola:

„Komm!“

„Sprechen Sie für uns!“ jammerte die Frau ihr nach. Lola ging gesenkten Kopfes einen halben Schritt hinter Pardi; sie dachte: „Warum kann ich ihnen nicht sagen, daß ich sie liebe? Mein Bestes bleibt immer ganz stumm.“ Pardi kehrte unversehens um, rief einen Scherz, schlug dem Bauern, der lachte, auf [ 378 ]die Schulter und gab der Frau die Hand. „Es ist doch ein guter Herr,“ sagte sie. Pardi wiederholte zum Abschied noch:

„Also Sonntag. Sonst habt ihr’s mit dem Gericht zu tun.“

„Sie werden bedient werden,“ sagte die Frau. Und Pardi schob, voll mitteilsamer guter Laune seinen Arm in Lolas.

Sobald man sie nicht mehr sehen konnte, machte sie sich los.

„Gekränkt?“ fragte er, mit ironischer Zärtlichkeit. „Ich habe dich angeschrien: ich weiß, es ist infam. Aber was willst du, du warst im Begriff, mir das Geschäft zu verderben. Jetzt hast du gesehen, wie man die Leute nehmen muß. Also komm, sei lieb!“

Bei seiner Berührung fuhr sie auf:

„Laß mich!“

Er pfiff durch die Zähne. Kurze Zeit hielt er ihren Arm gepackt, der sich wand; dann ließ er ihn mit einem kleinen Ruck fahren und ging weiter. Lola atmete kürzer vor Wut. Der Weg zwischen den Hecken war lang und schwül. Er deuchte einem dunkel; und jenseits der Himmel blendete mit seinem dick und glatt aufgetragenen Gold. Sie gerieten in den Staub und das Getrappel einer Schafherde. Das kindliche Geplärr der Lämmer, der gute, friedliche Geruch all dieser langwolligen Leiber feuchtete Lolas Augen. Rasch gab sie ihren Arm hin; und sehr sanft:

„Lieber, diese Leute sind arm.“

„Teufel, auch wir brauchen Geld.“ [ 379 ]

„Die kleine Summe, die sie uns schulden, nützt uns wenig.“

„Wenn wir das bei jedem Schuldner sagen wollen —. Außerdem lügen sie.“

„Aber sie bezahlen mit ihrer Gesundheit.“

„Dafür sind sie römische Campagnabauern.“

„Ist nicht jeder zuerst Mensch? Erlaß ihnen die Pacht!“

„Nein, meine Liebe; ich habe Grundsätze … Guten Abend, Advokat!“

Der beleibte, aufgewichste Herr in Schwalbenschwanz und weißen Gamaschen wartete bei dem geschwärzten, rauhen Stadttor. Er machte Kratzfüße und sagte der jungen Gräfin mit heiserer Flüsterstimme Artigkeiten. Auf dem Platz, vor dem Café, erhoben sich der Apotheker und der Brigadiere der Gendarmen und grüßten. Pardi bestellte Vermouth, machte Lola mit allen Honoratioren bekannt und brachte die belebteste Stimmung hervor. Nachdem sie sich verabschiedet hatten:

„Aber wenn man so menschenfreundlich ist, darf man nicht so steif sein.“

„Verzeih! Ich kann oft nicht, wie ich möchte. Aber du: habe jetzt Nachsicht mit jenen armen Leuten. Mir zu Liebe.“

„Was täte ich nicht dir zu Liebe?“

„Also du erläßt ihnen die Pacht?“

„Wir werden sehen. Wenn du sehr artig bist.“

„Was soll ich tun?“

Er lachte. Über die letzte Treppe trug er sie, wie [ 380 ]das erstemal. Eine Frau, die auf ihrer Schwelle dem Kinde das Haar durchsuchte, rief fröhlich hinterdrein. Lola zerrte an seinem Arm, damit er sie niedersetze. Aber sie konnte nichts dagegen, daß die Stärke des Mannes, seine Unempfindlichkeit selbst und seine Unverführbarkeit zum Weichmut, sie begehrlich erregten. Oben strichen Fledermäuse, stießen eckig aus dem Dunkel, und mit üblem Zwitschern vergruben sie sich wieder darin. Wirr abwärts entwich die Schar der Dächer; und im kahlen Nachtblau behauptete sich, allein und ungeheuer, der Palast. Mit verwischten Rändern breitete er in die Dämmerung seine geschweiften Drachenflügel. Sein schwarzes, leeres Tor schnappte ins Ungewisse. Alles fühlte sich hungrig, atemlos und voll Reiz an. Die Hände, an denen sie einander hineinführten, waren heiß und trocken.
 

Plötzlich ging der Mond auf. Lola löste ihre Zähne aus seinen Lippen und sagte lockend:

„Du erläßt ihnen die Pacht?“

Er fuhr auf.

„Daß ich verrückt wäre!“

Ihre Münder rangen von neuem miteinander: all ihr Fleisch. Er, endlich:

„Mach mich müde, dann erlaß ich ihnen die Pacht.“

Als er am Morgen, zum Ausgehen bereit, vor ihr, die noch dalag, seine Zigarette anzündete:

„Bin ich müde? Nein? Dann werden sie also bezahlen.“ [ 381 ]

Das Zimmer ward ihnen schwüler mit jeder Nacht. Sie trugen ihre Decken in den Garten hinaus. Das feuchte Gras löschte ihr Fieber. In der Hand, die sich, nach dem Geliebten schmachtend, aufreckte, blieb eine Granatfrucht zurück. Ein unsichtbarer Zweig mischte sich in ihre Umarmung. Aus dem schwarzen Dickicht funkelten wilde, grüne Augen und strömte strenger, erbitternder Duft.

Schlaff verdehnte Lola die Stunden, die er draußen war, in der kühlen Galerie, ließ die Zigarette herabhangen und genoß ein langsames Lächeln der Erinnerung. Unter ihren Augen der Alkoven und der Garten: das war die Welt; sie mochte nicht hinausdenken und faßte nicht, was jenseits sie hätte heiß oder kalt machen können. War sie selbst es, die lange gekämpft, gelitten hatte, bis sie dies Glück, gleich einer Schande, sich abgewandten Gesichtes gewährt hatte? Jetzt erwies sich das Sinnenglück als das allein vollkommene, als das einzige ungetrübte, mühelose, immer erreichbare. Kein quälender Gedanke, an Schicksal und Zukunft keiner, unterbrach es. Man hatte keine andere Bestimmung und erwartete nichts, als das Beben der letzten Lust.

Mit Zuneigung gedachte sie des jungen Hirten, der ernst auf sie herabgesehen hatte, als sie, an der Straße, den Mann auf den Mund küßte. Die ernste Schamlosigkeit der Natur füllte ihr die Augen mit Tränen der Zärtlichkeit. Zum erstenmal fühlte sie sich, kraft der Lust, allen Wesen gleich und nahe. Maria, die am ersten Morgen, über ihr Bett gebeugt, [ 382 ]nach dem Vergnügen der Nacht gefragt hatte, war ihr kein Rätsel mehr. Lola redete die Frau an, wenn sie eintrat, behielt sie bei sich und plauderte. Sie brachte Maria zum Geständnis ihrer Liebe mit Pardi. Zwei Jahre war’s her, und ihr jüngstes Kind war von ihm. Ihr Mann wußte es; sie hatte zu büßen. Aber sie bereute nichts, denn viel hatte sie genossen. Schwachrote Wolken zogen auf der Höhe ihrer mürben Wangen zusammen, unter den schweren Augen, die erwachten. Die Arme auf den Knien verschränkt und die Büste darübergebeugt, kraftvoll bei ihrer Welkheit, saß sie vor Lola, die lässig lehnte in ihrer auf den Stacheln der Lust über sich selbst erhobenen Schwäche. Und sie sprachen einander von dem Manne, der sie beide erweckt und erfüllt hatte: genußsüchtige, nachschmeckende, hellseherische Worte, unter deren Tasten plötzlich der Schauer selbst wieder auflebte; die manchmal auffuhren zu einem Schrei der Eifersucht, und nun hinabsanken in ein Geflüster, das die Augen erweiterte. Maria hatte mehr erfahren, und sie flüsterte davon … Aber draußen klappte der Schritt des Mannes, und die Dienerin verschwand ohne Laut.

Sie hatte den Auftrag, die Bettler vor dem Tor täglich zu bewirten und zu beschenken. Oft überzeugte Lola selbst sich, ob es geschah. Nur die eine Sorge fand zu ihr hin. Aus einem brennenden Traum schrak sie empor, ging hinaus und legte sich den Anblick der triefäugigen Zwergin wie eine Buße auf, die den Bestand ihres Glückes verbürgte. Sie lebte im Sinnenrausch wie in einem Garten roter, abenteuerlicher Kelche, [ 383 ]deren Duft die Vernunft betäubte. Abergläubisch durch die Fülle des Glücks, gab Lola der Verführung Marias nach und ließ sich von der Zwergin wahrsagen. Die Zwergin ward ins Zimmer gelassen. Die entzückenden Visionen, von denen es voll war, durchbrach ihr Kropf, und ihre entzündeten Augen hefteten sich an alle . . War das nicht genug? Lola überließ ihr auch noch ihre Hand. Indes sie das Scheusal kichern hörte, bedrängte ein Gedanke sie. „Wenn ich’s nicht tue, bin ich verloren!“ Da schnellte sie vor und küßte die Zwergin gerade auf den überfließenden Mund.

Auch die Bitten um das Pachtgeld jener Bauern stieß sie unter dem Brennen einer Sucht aus; sie weckte den Mann dazu auf.

„Was soll ich tun, damit du es ihnen zurückgibst?“

Seine Nachsicht gegen diese Armen verlockte sie in dem Taumel, der sie dahinraffte, wie eine letzte Erfüllung, wie der Sieg im Zweikampf der Liebe, der äußerste Gipfel der Lust. „Was soll ich noch tun?“ — verheißend, mit geheimer Begierde, zu erfahren, was sie verhieß. Maria hatte davon angedeutet. Er weihte sie ein.

„Ich dachte nicht, daß Ihr dahinten zu solchen Sachen zu brauchen seid. Das war sogar der Hauptgrund, weshalb ich einige Zeit zögerte, dich zu heiraten.“

Sie hatte sich zu den letzten Würzen des Vergnügens herbeigelassen. Ob eine andere ihm so gefällig gewesen sei?

„Vielleicht Gigì?“ [ 384 ]

Sie gestand nicht, was sie wisse. Aber sie machte sich, in seinen Armen, hinter ihren geschlossenen Augen zu dem Mädchen, das nackt in der Kirche, auf den Stufen des Altars, den Mann erwartet.

„Nenne mich Gigì!“

Dann:

„Was hast du mich noch zu lehren? Nichts mehr? Gar nichts? So gib mir das Pachtgeld!“

Aber er brach lachend sein Wort. Auch ihre erbitterten Vorwürfe verlachte er.

„Gegen euch Weiber ist alles erlaubt.“

Dies Unerreichbare ließ ihr einen Durst und eine Unruhe zurück, als sei die süßeste Frucht des Gartens nicht in ihren Mund geflossen, als stehe irgendwo im Palast ein unzugängliches Zimmer voller Seltsamkeiten. Sie hatte, sobald er fort war, den Kopf in Bilder verstrickt, in zehrende, nie ganz vollendete. Auf unbestimmter Suche machte sie manchmal einige Schritte allein vors Haus. Am Ende der Schloßterrasse das Kloster lockte sie an: dies Frauenkloster mit seinem vergitterten Schalter. In der Sonne stand sie und schmachtete mit Haß zu der dunkeln, kühlen Mauer hinauf. Einmal fand sie daneben die Kirche offen. Hinten sangen im Halbkreis die Nonnen. Von fern betrachtete Lola sie mit Hohn. Wenn jetzt eine kam, wollte sie ihr im Vorüberstreifen solche Dinge ins Ohr sagen, daß sie für den Rest ihrer Tage ihren kläglichen Frieden verlieren sollte.

Vor dem Palasttor lungerten schon wieder die Bettler. Die Zwergin zerrte die anderen weg, drängte sich vor. [ 385 ]

„Laßt sie, ihr Pack, meine Herrin ist’s. Mich kennt sie, und sie liebt mich, denn ich leiste ihr nützliche Dienste.“

Lola ging kalt an ihr vorbei. Sie sah noch die Verkrüppelte von ihren Gefährten unter Spott zu Boden gestoßen, und es befriedigte sie. Ihre Gelüste verkehrten sich ins Böse. Der Schmerz der anderen barg vielleicht noch unbekannte Genüsse? Sie stritt mit der Versuchung, Marias Kinder, die in den Gängen lärmten, vom Diener schlagen zu lassen. Jene Bauernfamilie, der ihr Mann das Pachtgeld abgepreßt hatte, hungerte jetzt wohl? Lola dachte sich das verfallene Gesicht der Frau, einen Kreis fiebriger Kinderaugen um einen leeren Tisch. Als das nächstemal die Zwergin sich an sie hängte, rief sie einem Jungen zu: „Hol’ den Gendarmen dort!“ Beim Geklirr des Säbels und dem Zetern der Zwergin zauderte sie noch, abgewandt, auf der Schwelle; Scham nur hielt sie ab, den Befehl zurückzunehmen. Aber dann ging sie weiter. „Dafür ist sie eine Bettlerin!“ Pardi, fiel ihr ein, hatte gesagt: „Dafür sind sie römische Campagnabauern.“ „Jetzt bin ich selbst dort angelangt! … Und wenn schon, jeder leidet das Seine. Auch das Genießen führt, ganz in der Tiefe, zum Leiden…“

Der erste, schwüle Herbstregen fiel, als sie die Abreise beschlossen. Lola atmete schwer in der Luft, die braun durchs Land schlich. Sie hatte mit dem Manne allein, eng beisammen, unter dem Lederdach des zweirädrigen Wägelchens, hinabgewollt. „Rascher!“ Mit zugedrückten Lidern, in wonnigem Schwindel. Als [ 386 ]sie sie einmal öffnete, hockte dort unten bei einem Busch die Zwergin. Sie schloß sie wieder, lächelnd. Da, gelles Hennengeschrei, der Fall von Steinen, Pardis wütende Drohungen, und das Krachen und Schwanken des Wagens, den das Pferd, gestreckt, dahinriß. Auf einmal Stille.

„Bist du verletzt?“ fragte der Mann, unter ihr.

Lola antwortete nicht. Dies war fast der Tod gewesen. Und die Angst selbst seines Vorüberstreifens war zu Wollust geworden. Sie lebte in so tiefen Schauern, daß keiner mehr sie schreckte.

Er hob sie aus dem Graben. Er wollte der Übeltäterin nach; Lola hielt ihn zurück.

„Du hast den Wagen umgeworfen? Hast gemacht, daß ich auf dich fiel, und dein Leben für mich gewagt?“

Sie gedachte dessen, was Nutini von ihm geflüstert hatte: er habe die Chiarini, als sie von ihm in anderen Umständen gewesen sei, mit dem Wagen umgeworfen, habe sie getötet … Vielleicht war die glücklicher gewesen? Denn sicher: der Gipfel der Lust war hier gewesen. Und im Weiterfahren sah sie beklommen rückwärts.

„Schade!“
 

Auf der Fahrt vom Bahnhof, aus dem Wagen des Hauses Pardi, sah Lola mit nachdenklicher Geringschätzung die Rücken der Leute an, die durch den Regen trabten und nicht wußten. Denn die Abgründe, in denen Lola heimisch war, hatten jene nie berührt. Mit dem Manne zusammen war sie in eine eigene [ 387 ]Luft geschlossen, in eine stärkere, durch die man höher atmete und rascher verbrannte. Sie hatte keinen Blick für das Haus, in das sie einzog, für die Diener, die sie begrüßten. Wozu standen sie noch da? Schickte er sie nicht weg? Endlich: die Arme durften sich öffnen.

Aber Pardi bemerkte Blumen mit Karten, der Haushofmeister meldete das Diner, und wie sie sich setzten, kam ein Fremder.

„Mein Freund Valdomini,“ sagte Pardi.

Lola erstaunte: „Sein Freund?“ Glückwünsche und Komplimente nahm sie hin und dachte: „Also gut, das ist abgemacht. Was noch?“ Der Fremde setzte sich mit zu Tische, man mußte ihm zuhören, sich an eine Menge verschollener Personen, dahinten gebliebener Angelegenheiten erinnern lassen. Was konnte dieser auch wissen? Doch sprach er gut; Lola lachte mehrmals; unwillkürlich trat sie einige Schritte aus ihrer Welt heraus.

Wie er dann in Pardis Begleitung fort war, besann sie sich auf die Wirklichkeit, auf das einzige Wirkliche. In zwei Minuten hatte sie das Kostüm gewechselt, und die Hände verschränkt im Nacken, während die Schleierfalten um sie her schaukelten, ließ sie sich auf die Ottomane fallen. Bereit. Jetzt schloß das Tor sich hinter dem Fremden, Pardi war schon auf der Treppe, schon vor der Schwelle. Sie war bereit. Sie lächelte. Horch! … Nein, noch nicht … Immer noch nicht? Das Kammermädchen gab Antwort:

„Der Herr Graf ist mit dem Herrn Fürsten fortgegangen.“ [ 388 ]

„Ach so, ich weiß…“

Sie überlegte: „Er muß ihn eine Straße weit begleiten … Der andere sagte, seine Frau sei leidend. Er wird ihm in seinem Hause eine Viertelstunde Gesellschaft leisten.“ Eine halbe Stunde war vorbei. „Das Tor geht! Ah!“

„Sagen Sie dem Herrn, ich sei im Schlafzimmer.“

„Der Herr Graf ist noch nicht zurück“

Wieder allein: verwunderlich allein. So waren sie wohl an Valdominis Hause vorbeigegangen. Jener hatte gesagt: „Meine Frau ist krank, ich langweile mich, machen wir einen Rundgang.“ Aber eine Stunde dauerte der Rundgang? Wohin konnten sie spazieren? Lola folgte ihnen im Geiste. Vor dem Klub der Via Tornabuoni standen Herren; sie hatte sie oft dort stehen gesehen. Sie verdauten, überlegten, ob sich’s noch lohne, in ein Theater zu gehen, und wenn fremde Damen vorüberkamen, sagten sie „der Hut“ oder „die Schuhe“, um bekannt zu geben, was ihrem Geschmack nicht genüge. Gesellte sich Pardi zu diesen? Vermochte er, den Klub zu ertragen, die Reden, die Gesichter? „In seinem Kopf bin doch ich, so wie ich hier liege, die Arme nach den Schultern hingebogen, und ihn erwarte!“ „Zwei Stunden! Das ist unmöglich, ein Unglück muß geschehen sein.“ Und sie sprang auf. In der Sekunde, da sie sich bewegt und nicht hingehorcht hatte, konnte das Tor gegangen sein. Ja? Ja! Rasch sich wieder hingelegt und gelächelt! … Nein, nichts. Aber natürlich hielten sie ihn fest. Die von Viareggio waren dabei, er mußte ihnen die [ 389 ]Geschichte seiner Verlobung geben. „Er denkt nur an mich!“ Lola schloß die Augen, in ihre Lippen drückten sich seine … Sie seufzte und sah sich allein.

Auf einmal hörte sie ihn laut, mit seiner schleierlosen, sicheren Stimme, ein sehr schmutziges Wort sagen, und wußte, es galt ihr. Sie zuckte zusammen, lauschte entsetzt. Die anderen lachten. Pardi berichtete weiter von ihr. Er zergliederte, ganz sachlich, ihren Körper, rühmte ihre Gelehrigkeit. Lola fühlte ihr Gesicht brennen und versteckte es; sie warf sich umher und stöhnte; — aber Pardis unerbittliche Stimme ging weiter. Hatte er damals, als Nutini sie zur Lauscherin gemacht hatte, etwa geschwiegen?

Sie wanderte durch das Zimmer. „Mein elendes Mißtrauen! Heute liebt er mich. Überdies, sobald wir verlobt waren, fing er an, mich zu achten. Alles, was ich soeben phantasiert habe, ist bare Unmöglichkeit, da ich seine Frau bin. Man muß die Männer kennen …“ Aber sie litt, weil sie ihn zu prüfen hatte. Als ihre Gedanken sich endlich verlangsamten, merkte sie, daß es sie fror. Die Uhr zeigte drei. Lola ging zu Bett.

Sie erwachte, es war hell, und neben ihr schlief Pardi. Sie richtete sich auf und betrachtete sein unbewegtes, schönes Gesicht. Der Mund, leicht offen, stand fleischig und feuchtrot aus der kraftvollen Blässe hervor … Die Mundwinkel beleidigten sie mit ihrer satten Senkung. Aber bevor sie es sich gestanden hatte, war ihr Blick auf seinen Lidern, auf seiner breiten Stirn. Dahinter weilten nun Gesichte, die [ 390 ]nicht auch ihre waren, Erinnerungen, die ihre gemeinsamen zu verschütten drohten. Sie überlegte, in Angst, wie sie ihn ausfragen solle. „Schweigen und ihn zurückholen,“ stellte sie schließlich fest.

Er verlangte, daß sie zur Promenade führen. In den Cascine stellte er sie vor. Die Bernabei winkte aus ihrem Wagen; sie mußten den Abend bei ihr verbringen. Als Pardi ihr zu Hause den Pelz abnahm, hatte Lola noch seine Lippen auf der Schulter gespürt; und wie sie sich umwandte, war er fort. Seine Rückkehr weckte sie. Er kam mit zusammengebissenen Zähnen auf sie zu; das Düstere, Gewalttätige seiner Begierde machte ihr solche Furcht, daß sie über den Bettrand zurückwich und er sie auffangen mußte. Die folgenden Tage ging er über ihre Zärtlichkeiten leicht hin. Er schien den Kopf bei anderem zu haben, sie fragte nicht wo. Sie hatte beschlossen, das Haus so wohnlich zu machen, daß es ihn keinen Abend mehr fortverlangte. Bei ihrem Einzuge hatte sie es nicht angesehen, es war nur für die Zuflucht und den Verschluß ihrer Liebe bestimmt. Jetzt ließ sie es säubern, ordnete eigenhändig die Sitze an, die alle, wie in Schlössern oder Wartezimmern, die Wände entlang prangten, entfernte den Überfluß an schlechten Bildern, verstaubten Festons und Teppichen, samt den großen venetianischen Mohren aus bemaltem Blech und den Pfauenfedern hinter den Spiegeln. Diese plunderhafte Pracht mochte das untere Stockwerk verschönen, das aus der engen Gasse noch weniger Licht und von hinten, wo steil der Garten nach der Hügelstraße [ 391 ]anstieg, schon im Oktober keine Sonne mehr traf. Oben sollte es hell und lustig werden. Pardi spottete über das Schlafzimmer, worin kaum mehr anderes als das Bett übrig blieb. Als ob nicht Raum für seine ausgestopften Vögel, seine Säbel und seine Schuhsammlung gewesen wäre! Der Vermehrung der elektrischen Lampen sah er schweigend zu, herrschte die Arbeiter, die die Wände hell bekleideten, unvermittelt an, drehte ihnen aber gleich wieder den Rücken, — und erst als er eines Abends Lola in einem ganz fremden Zimmer fand, brach er los. Sie verschwende seine Einkünfte. Zweitausend Francs diese paar grauen Lackmöbel?

„Damit spiele ich eine Woche!“

Er biß sich auf die Lippen und setzte hinzu:

„Und verdoppele sie, verzehnfache sie!“

„Aber ich hatte kein Boudoir,“ sagte Lola. „Und mein Bruder schickt doch schon wieder zweitausend Francs.“

„Und da habe ich die unbezahlte Rechnung der Bossi.“

„Du willst, daß ich mir immer neue Toiletten anschaffe.“

„Werfe ich’s dir vor? Eine Dame muß angezogen sein: ein Boudoir braucht sie nicht. Das ist für jene Frauen dahinten in Deutschland, in ihren lächerlichen Phantasiegewändern: die können sich auf der Straße nicht sehen lassen.“

„Auch ich verbringe mein Leben nicht auf der Straße.“

„Zu Hause hast du genug in deinem Ankleidezimmer zu tun.“ [ 392 ]

„Ich brauche auch einen Raum, um zu lesen.“

„Das ist unnötig! Das ist schuld an deinem ganzen verrückten Wesen! Wie ich dies Zeug hasse!“

Er hielt ein Buch in der Hand und warf die Augen leidenschaftlich umher. Da flog es in den Kamin. Durch die Tat erleichtert, sprach er mit Wohlwollen weiter.

„Siehst du, wir sind dem Gesellschaftsleben bestimmt. Von unserer Wohnung sind nur die Räume wichtig, die die Leute zu sehen bekommen. Und die müssen nicht wie bei Bürgern sein, sondern unserm Range entsprechen. Ich werde die Decke im Saal neu vergolden lassen. Auch die Fresken lasse ich restaurieren, — wenn ich Geld habe. Diese Künstler können nie warten.“

„Die Fresken werden verlieren, sie sind von Luca Giordano.“

„Aber sie müssen wieder glänzen.“

Lola fügte sich. Ihre von Menschen freien Stunden verloren sich im Ankleideraum der Schneiderin und in ihrem eigenen. Die Mahlzeiten ohne Gäste wurden so einfach, wie er sie wünschte. Sie hatte seine Miene gedeutet und seinen Kammerdiener befragt. Wenn sie nach dem Theater, Lola in großer Toilette, im „Gambrinus“ soupierten oder Valdomini mitbrachten, kosteten die Getränke mehr, als die Einkäufe zum Diner betragen hatten. Was tat es? Es galt, mit ihm einig zu sein. Es galt festzuhalten, was entgleiten wollte, die Zeit zusammenzuraffen, damit sie nicht weiterströmte; galt, zu machen, daß auf einer [ 393 ]selben Straße, unter dem Verdeck eines Wägelchens, sie und der Mann ohne Ende dahinjagten. Denn in jene Fahrt, das letzte ganz enge Beieinander, träumte sie sich oft zurück und wünschte sich, sie wäre nie ausgestiegen. Nun kreischte die Zwergin, nun fühlte sie sich dahingerissen, ins Ungewisse fliegen und, nochmals vereinigt mit dem Geliebten, an ihm vergehen. Welch gutes Ende es gewesen wäre, das Ende in jenem Straßengraben! Dem Kommenden wagte sie manchmal kaum die Augen zu öffnen … Aber Pardis Schritt ward hörbar, und von Dankbarkeit heiß, schoß ihr das Blut zum Herzen. Ihr schien es sein Blut. Ihr schien’s, er habe sie mit seinem Blut erfüllt, sie lebensstärker, zuversichtlicher gemacht, daß jetzt auch sie sein mutiges Leben ohne Selbstüberwachung würde leben können. Auf dem großen Ball im Casino Borghese fühlte sie’s ganz deutlich, wie ihr Körper und ihr Wesen geschliffener und glänzender waren durch eine neue Anmut, von ihm ihr eingetränkt; daß sie gefallen müsse dank ihm. Die Verführungen ihres Geistes sah sie weich zusammenfließen mit denen ihres Anzuges; ihre Augen wußten zu spielen wie ihre Antworten; und umringt und in aller königlichen Lässigkeit bis zu den Fingerspitzen durchpulst von Sieg, suchte sie dahinten ihn und liebte, schien ihr’s, zum erstenmal das Frauenleben, zu dem er sie erweckt hatte.

Sie war reich. Dieser eine Mensch hatte sie so mit Liebe beschenkt, daß sie davon der Menschheit mitteilen konnte. Auf der Promenade, unter huldigenden Blicken, bemerkte sie plötzlich das Gesicht des Elends, [ 394 ]verließ ihren Wagen, winkte das Geschöpf in eine Seitengasse, fragte aus, half, verschaffte Verdienst: Alles mit Heiterkeit, in Sicherheit, ohne das zweifelhafte Gewissen des Gebenden, aus einfacher Wärme, fern von dem düsteren, menschenfeindlichen Bewußtsein der Vergeblichkeit, das sonst ihre hingestreckte Hand erkältet hatte. Durch Valdomini lernte sie einen sozialistischen Abgeordneten kennen. Zum Schluß des Gespräches sagte er ihr:

„Sie sind die erste und einzige Dame von Florenz, die nicht im Mittelalter lebt.“

Sie lachte: ein so übermütiges Vertrauen war in ihr. Der Bernabei hatte sie schon einen Beitrag zur Volksuniversität abgerungen. Die beiden kleinen Niccoli wollten sogar in die Vorlesungen. Und Claudia Grilli nahm an allem teil, was sie selbst bewegte. Claudia war eine Freundin! Sie brachte Lola Blumen mit. Welch rasche Stunden, wenn ihre eigenen liebsten Wünsche und Gedanken aus Claudias großen, bräunlich weißen Tieraugen in weicherem Glanz zurückglänzten; wenn Claudia mit ihrer gewandten Hand, die gleitend, leicht und fest war wie ihr Schritt, wie ihr Lächeln, über ihre schwarzen Bandeaus strich; wenn sie die einfach und sanft gebogenen Lippen leise von den kleinen Zähnen zog und aus den Winkeln nach Pardi aussah: was er nun noch vorbringen werde. Er verließ, so lange die Freundinnen sich unterredeten, nicht das Haus, lief, die Schultern schüttelnd, vor ihnen auf und ab, hielt plötzlich an und rief sie, mit Gesten, als wollte er sie überwältigen, auf die bewährten [ 395 ]Standpunkte zurück. Konnten sie wirklich vergessen, daß sie ohne den Mann keinen Zweck auf der Welt hatten? Er griff sich an die Schläfen, wie in einem Traum, worin eine Schar Puppen ihn anfiele. Lola redete, vor Verlangen stürmisch, auf ihn ein. Welche Vereinigung, welche Umarmung, wenn sie ihn gewänne! Claudia lächelte zu ihm auf; sie wiederholte Lolas Gründe in spitzbübischem Neapolitanisch, und ihre beweglichen kleinen Mienen überkugelten sich vor Spott. Er traf ihre Augen, blieb darin haften und brach seine Widerrede ab. Lola sprach eine Zeitlang allein. Plötzlich, ein wenig zerstreut trotz seiner Heftigkeit, fing er wieder zu streiten an.

Er würde gewonnen werden! Er war seelisch ein Kind; sie spürte, stritt sie mit ihm, Regungen von Mutterzärtlichkeit. Er verspielte Tausende, und dann machte er ihr einen Auftritt, weil sie die Wäscherin um einige Pfennige zu teuer entlohnt hatte. Seine Härte gegen die Dienstboten glich ganz dem Hochmut eines verwöhnten Kindes. Sie gab ihm das Beispiel, die Leute mit Güte anzusprechen, ihre Dienste zu erbitten und ihnen dafür zu danken.

„Wozu unsere zufällig günstigere Stellung mißbrauchen? So viel wie sie für uns, leisten wir niemals für sie; ein Danke ist nicht zu viel.“

Er behauptete die strenge Zucht.

„Das ist eine andere Gattung Menschen: sie verstehen nur die volle Ausnutzung der Gewalt; sobald wir nachlassen, sind wir verloren. Wenn wir die Herren nicht mehr zeigen, sind wir’s nicht mehr.“ [ 396 ]

Lola meinte:

„Das ist wohl allen Menschen gemeinsam: nicht mehr zu geben, als gefordert wird. Aber warum mehr fordern, als wir brauchen? Wozu überhaupt herrschen? Mich verletzt die Demütigung anderer in meiner eigenen Menschenwürde.“

Er nannte das sträflichen Unsinn. Als ihr eine Spange fehlte, mußten, trotz Lolas Widerspruch, Gepäck und Kleidung der Dienerschaft durchsucht werden. Es blieb umsonst; — und Pardi bestand nun darauf, Germaine verantwortlich zu machen. Sie allein betrete das Schlafzimmer; ob sie die Spange habe oder nicht, sie müsse fort. Lola sah, daß vor allem seine Herrschsucht ihn aufbrachte. Sie selbst, die sich ihre Untergebenen zu Freunden wünschte, sollte gestraft werden in der, die ihr am nächsten war. Germaine hatte nicht mit Mai nach Amerika gewollt, sie war Lola gefolgt. Sie drohte, den Herrn Grafen wegen Verleumdung zu verklagen. Lola zuliebe stand sie davon ab; sie willigte sogar ein, das Ende des Monats im Hause abzuwarten. Inzwischen bat und kämpfte Lola täglich für sie. Pardis Antwort war:

„Ich bin der Herr.“

Lola lebte in Angst um der Ungerechtigkeit willen, die er ihr auflud. Unvorsichtig aus Erregung, setzte sie sich eines Abends in der Pergola für den Schutz der unverheirateten Mütter ein. Ihre Loge war voll Menschen. Botta war darunter und vertrat in seiner schmatzenden Art die Ansprüche der Gesellschaft. Lola versteifte sich. Zwei Herren sahen sich an und lächelten. [ 397 ]Pardi, der eintrat, warf einen Blick über die Lage und sprang Lola bei. Er trumpfte mit den ritterlichsten Gründen. Er arbeitete sich ab in verzweifelter Donquichotterie, vor den anderen, die ruhig wie die dumpfe Mauer des Vorurteils selbst, ihm lächelnd zusahen. Seine Tigermiene und eine Anspielung auf seinen Degen wischten das Lächeln weg. Lola hatte gesiegt. Er hatte sich mit ihr durchgefochten. Sie atmete schwer und glücklich, als habe er sie wirklich auf seinen Armen durch Feinde hindurchgetragen. Er war bei ihr: o, sie hatte gewußt, sie werde ihn gewinnen! Wie wäre es möglich gewesen, daß in zwei Körpern, die kraft so vieler Umarmungen fast zu Zwillingskörpern geworden waren, nicht auch die Seelen sich verstehen lernten, sich umarmten!

Sie hatte Tränen in den Augen und nahm, indes alle nach der Bühne sahen, seine Hand. Er entzog sie ihr. Im Wagen verbot er ihr zu sprechen; es dringe Nebel ein; — und dann kam er plötzlich aufgereckt, entschlossen durch das Ankleidekabinett herbei. Auf der Schwelle des Schlafzimmers hielt er an, die Hand an der Brust. Sie erschrak über sein Gesicht. Auf ihn zu:

„Was hast du? Lieber?“

„Keine Komödie! Wir wissen, woran wir miteinander sind. Madame, ich erkläre Ihnen, daß Sie mich nicht länger kompromittieren werden!“

„Ich — dich? Ich wollte dir danken, dich so lieb haben wie noch nie. Du hast meine Partei genommen!…“ [ 398 ] „Jawohl: ich habe Ihre Partei genommen! Was weiter? Sie sind meine Frau: Sie könnten gestohlen haben, und ich würde Sie freilügen. Aber merken Sie sich, daß ich Sie darum nicht weniger verachten würde!“

„Ich habe unsere Freunde um ein wenig Menschlichkeit gebeten für gewisse Ausgestoßene. Ich verdanke dir so viel Liebe, daß ich kein Wesen ganz ungeliebt sehen kann.“

„Schwelgen Sie in Ihren unpassenden Utopien, solange wir allein sind. Aber hüten Sie sich, die Ehre meines Hauses den Leuten zum Spiel hinzuwerfen!“

„Ich begreife nicht, was die Ehre Ihres Hauses —“

„Sie stellen mein Haus auf den Kopf, moralisch noch mehr als materiell, und ich habe zu lange zugesehen. Sie suchen den beiden kleinen Niccoli den Glauben an die Hölle auszureden: gottlob umsonst. Meine Dienerschaft verliert den Respekt. Sie dulden eine Diebin im Hause…“

„Germaine ist keine Diebin!“

„Sie dulden eine Diebin! Und dank Ihnen hat einer dieser infamen Sozialisten hier Zutritt gefunden.“

„Der arme Ricchetti! Er leidet unter der Gewißheit, daß in diesem Lande seine Ideen niemals Wurzel fassen werden. Mag sein, daß er sich durch Gewalthandlungen manchmal darüber hinwegtäuscht. Doch weiß ich von ihm, daß er den Generalstreik nur zugelassen hat, weil er mußte, und hoffnungslos. Ein unglücklicher Messias — vielleicht. Und, wie man sagt, ein armer Epileptiker…“ [ 399 ]

„Ein schwächlicher Hallunke, ganz einfach,“ entschied Pardi — und schnitt Lola die prüfenden Gedanken ab. Da er sie durch sein entschlossenes Urteil eingeschüchtert sah:

„Du hast ihn für morgen eingeladen: du wirst ihm abschreiben.“

„Geht denn das?“ murmelte sie. „Überlege es dir, bitte!“

„Ich soll überlegen?“ Er schäumte wieder auf. „Du mißverstehst die Lage: ich habe nicht zu überlegen und nicht zu bitten. Ich verbiete dem Ricchetti mein Haus. Wer hat dich übrigens berechtigt, dem Cesco monatlich fünf Francs mehr zu versprechen?“

„Unsere Empfänge erschweren ihm den Dienst…“

„Du wirfst mein Geld hinaus!“

„Besinne dich! Sieh deine Hand an und denke dir, du habest fünf Francs darin. Was tust du damit? Du gibst sie irgendwem als Trinkgeld … Sei gut!“

Er schüttelte sie ab, getroffen und erbittert.

„Zu solcher Wirtschaft habe ich dich nicht hergebracht. Woher kommst du überhaupt? Gehorche, sonst magst du in Gesellschaft deines Kammermädchens zu dem Stadttor wieder hinausgehen, durch das du hereingekommen bist!“

Mit Schrecken erkannte sie in seiner Miene den Haß. Es konnte nicht sein, sie wollte nicht glauben: er irrte sich, er war krank! Eindringlich und mütterlich, mit einem Lächeln, als habe er gescherzt, und doch mit leise beschwörenden Händen: [ 400 ]

„Im Ernst, du schickst mich fort? Also dann bitte ich den hartherzigen Mann für zwei, statt einer. Laß mich bleiben, und erlaube, daß auch Germaine bleibt!“

„Erlaube, daß Germaine bleibt! Das ist der Refrain: wenn ich ihn höre, gehe ich. Adieu. Erlaube, daß Germaine bleibt! Das ist wie: Erlaß dem Bauern das Pachtgeld. Wir wissen auch, welche schönen Dinge du mir statt des Pachtgeldes gewährtest. Auch Germaines Entlassung möchtest du mir gewiß mit diesen Späßen abkaufen? Also komm, Gigi!“

Sie taumelte zurück. Er lachte auf und war fort. Lola blieb ans Bett gestützt und hörte dies Lachen im leeren Zimmer weiterlachen. „Er verachtet mich!“ Sie sah starr, aus geröteten Augen vor sich hin, hatte die Hand am Herzen und dachte: „Er verachtet mich!“ Die Knie zitterten ihr; sie ließ sich, am Fleck, wo sie stand, zu Boden gleiten. Kauernd dachte sie: „Daß ich mir’s nicht gesagt habe! Ein Mann sollte von einer Frau solche Bilder im Kopf tragen, wie er von mir, und sie noch achten? Wie darf sie, die so tief mit ihm durch Schmutz ging, irgend eine reine Sache berühren wollen! Es ist wahr: das Mitleid selbst habe ich damals mißbraucht zum Dienst der Lust. Ich bin unrein für immer. Nicht er dürfte mir’s vorwerfen: Alle, nur er nicht, mein Mitschuldiger; aber die Wahrheit ist’s, und meine Sehnsucht, ihn dem zu gewinnen, was ich als höheres Menschentum empfinde, steht doch mit beiden Füßen im mehr als Tierischen, und seine Seele zu umarmen, drängt es mich nur darum so [ 401 ]sehr, weil ich bis in Verirrungen und ohne meine letzte Scham zu hüten, seinen Körper geliebt habe!“

Immer neue Blutwellen stürzten ihr in die Wangen. Zitternd hob sie sich vom Boden, voll Bangens danach, ihre Schande zu betrachten und ganz zu ermessen, durch ihren Anblick sich zu kasteien. Sie warf sich, mit gierigem Ekel, dem Spiegel entgegen. Da waren diese Augen, die endlose Züge unzüchtiger Träume erblickt hatten: da waren sie! Da war dieser entweihte Mund! … Plötzlich hielt sie ihre beiden Hände vor sich hin, wie etwas Neuentdecktes, Furchtbares. Ihre Hände zuckten zusammen, als sie einen heißen Tropfen empfingen. Lola erkannte:

„Was habe ich getan! Ich habe mich selbst verraten an das Fleisch! Jetzt hält es mich, ich bin seine Gefangene, ich darf nicht mehr aus ihm hinausdenken. Nichts weiter mehr, solange ich leben mag, liegt vor mir, als die düstere Wut dieser hoffnungslosen Umarmungen. Ich hasse mich und werde von ihm, der sie genießt, verachtet für meine Dienste, wie eine schmutzige Magd.“

Sie setzte sich auf den Bettrand.

„Mein Gott! ich bin verloren.“
 
[ 402 ]

II

 

Sie weigerte sich, am Abend darauf die Gäste zu empfangen. Trotz Pardis Drohungen schrieb sie nicht nur Ricchetti, sondern allen ab. Pardi rächte sich durch die Herausforderung des Abgeordneten. Als er ihn leicht verwundet hatte, erklärte er Lola, sein Haus und sie seien wieder fleckenlos, jetzt könnten die Leute kommen.

„Du irrst dich,“ sagte sie, „ich werde vorläufig niemand sehen.“

Er wollte losfahren, erkannte aber ihre Miene: diese feindlich verschlossene Miene, der er seit ihrer Heirat nicht mehr begegnet war. „Verrückt,“ sagte er und ging.

Lola blieb allein mit dem Gefühl, ringsum wispere es von ihr, deute auf sie. Es war wie das Jucken eines unsichtbaren Ausschlages. Sie konnte nicht mehr ausgehen, seit ein begehrlicher Männerblick ihr begegnet war. Der hatte gewußt! Das Laster spürte das Laster heraus! Die Frauen: die reinen Frauen, denen man zutuschelte über sie! … Und ihr Mann, ihr Genosse, dem das alles vielleicht zu seiner Ehre [ 403 ]diente, der sich damit rühmte, trat bei ihr ein, wie es ihm beifiel: ohne sie zu bemerken, oder scheltend, oder mit einer flüchtigen Liebkosung, unter der sie sich kalt und stachlich überschauert fühlte. Das war das Unerträglichste: keinen Fuß breit zu haben, wo sie allein sein konnte, wo keine fremde Haut an ihre streifte und kein feindlicher Atem ging! Wie sie die Menschen haßte! Es dürstete sie nach jener Mädchenzeit und nach der scheuen Einsamkeit der Gewittertage im Bergwald, da sie sich, durch Blitze und Regenströme vor Menschen sicher, mit Versen von anderen Sternen in eine Reisighütte barg. Allein und rein, allein und rein sein! Immer wieder stieg ganz frisches Entsetzen herauf. „Wie ist es geschehen? Wie komme ich hierher? Was war ich vorher! Welche Kluft!“ Und sie dachte an Arnold. Wenn er wüßte! Wenn er ihr je begegnete! O, sich nicht zeigen, sich niemals mehr zeigen.

Im geschlossenen Wagen fuhr sie vor der Stadt die ödesten Wege. Pardi verbot es.

„Weil du verrückt bist, dürfen meine Pferde noch nicht leiden. Vernünftige Leute fahren die Wege, die dafür da sind, in den Cascine. Auch den Viale de’Colli fährt niemand: er ist zu steil und überanstrengt die Pferde.“

Sein Geiz und seine geistlose Härte, seine unbeherrschten Begierden, sein elastisches, unbefangenes Hin und Her zwischen einer engen Mannesehre und jovialer Lockerheit bedrückten sie jetzt mit ihrer Nähe wie eine unheilbare Krankheit. Und sie hatte es für ein Spiel gehalten, sie zu heilen; war glücklich gewesen, [ 404 ]daß es etwas an ihm zu heilen gab! Von demselben Cesco, dessen Monatslohn er nicht um fünf Francs hatte erhöhen wollen, hörte sie ihn fünfzig Francs leihen. Cesco schien geschmeichelt: er eilte lebhaft nach dem Gelde und bat freudig zum Diner. Lola konnte die Augen nicht von den Schüsseln heben, die der Diener ihr hinhielt. Pardi plauderte mit ihm. Dann schien ihm aus der Zigarrenkiste etwas zu fehlen, und Cesco ward des Diebstahls beschuldigt und in schnell herabgewürdigtem Zustand hinausgeschickt. Als die Notwendigkeit näher kam, wieder einen Besitz zu verkaufen, erklärte Pardi den grünen Spieltisch für das fruchtbarste Landgut. Während derselben Mahlzeit entrüstete er sich aufrichtig über den alten Niccoli, der nun auch seine zweite Frau ruiniert hatte und noch den Verlobten der mittellosen Tochter durch seine Tyrannei aus dem Hause trieb.

„Kein Gewissen! Unwürdig, eine Familie zu regieren!“

Dazwischen warf sie es sich vor, daß sie ihn allzu klar, ungetrübt durch ihr Herz, beurteile. „Er ahnt nicht, daß er ein Paar feindlicher Augen auf sich hat. Auch verdient er’s nicht: vor unserer Heirat war er derselbe, und ich wußte es. Ich wußte, er sei brutal, ein Lump und der Gerechtigkeit unfähig. Verklärt, beinahe durchgeistigt ward das alles durch eine Art Heldentum: durch eine großartige Eitelkeit und die Bereitschaft, für jedes Nichts mit ganzer Persönlichkeit einzustehen. Sein Heldentum war eins mit seinem Temperament: und das habe ich durchgemacht, er hat [ 405 ]es an mir abgenutzt, es ist mir verächtlich geworden. Mit dem, was übrig bleibt, heißt es nun leben … Nicht er hat die Schuld. Manche andere hätte er zufriedengestellt: manches der unbewußten Wesen, denen er gleicht. Die Verantwortung ist bei mir, die voraussah. Welches meiner heutigen Leiden überrascht mich denn? Nur der fleischliche Irrsinn konnte mich vergeßlich machen; aber damals entschloß ich mich sehend zu meinem Verderben … Andere dürfen klagen, daß es keinen Ausweg, keine Scheidung gibt: ich nicht; ich verdiene sie nicht. Ich darf ihn auch nicht hassen: nur er mich. Er ist, und ich wußte es, der hochmütige, dumme Rassemensch, ohne Verständnis für irgend etwas, das nicht sein kleines, überlebtes Herrenrecht ist. Ich hafte nirgends (wie konnte ich mich vermessen, hier zu haften!), habe einen Fuß in jeder Welt, in jedem Volk, habe Fühler für alles, bin allem verwandt. Daß ich ihn verstehe und er mich nicht, das macht mich rechtlos…“

Sie hielt sich zur Geduld an, nahm seinen Zorn hin und die Geschenke, mit denen er sie, gutmütig, entschädigte.

„Du bringst mir Glück,“ sagte er. „Ich habe bemerkt: wenn ich von dir komme, gewinne ich.“

Und er forderte eine Umarmung. Er war warmherziger: seine Liebe, anders als ihre, vertrug sich mit Verachtung; vertrug sich damit, daß er, den Geruch anderer Frauen noch in der Haut, sich zu ihr legte. Er schlief; sie mußte wachen und diesem fremden Geruch gramvoll nachgrübeln. Endlich: „Was will ich? Habe [ 406 ]ich nicht gewußt, er werde sich nicht zusammenhalten können für mich? Er sei ein Abenteurer, der nach allen Seiten lebe, ein unzuverlässiger Spieler, für den nichts in Spiel oder Leben endgültig sei, und ein immer von seinen Launen gequälter Mann aller Frauen?“ Als sie ihn zum erstenmal betrunken sah, sprang eine Erinnerung in ihr auf: der Leierkastenmann, der einst mit seiner feurigen Blässe den Geschichtslehrer Herrn Dietrich in ihren Backfischträumen abgelöst hatte, dem sie all ihr Taschengeld zugeworfen hatte, und der betrunken gewesen und verhaftet worden war. „Alles wiederholt sich oder erfüllt sich. Es ist bestimmt; ich muß es aushalten.“ Er war gerade so unwissend wie der Leierkastenmann; manchmal rührte er sie. Er begriff nicht, warum sie für ihn erloschen sei, kämpfte knirschend, damit sie sich wieder entzünde, konnte eigens aus seinem Toilettezimmer treten, um ihr seine Muskeln und seinen Torso vorzuführen. Von einer Reise schickte er ihr sein Bildnis, nackt, mit gespreizten Beinen und die Hände auf den Hüften. Dazwischen forderte er einen Sohn von ihr. „Wo bleibt Giovannino?“ Und im Frühling: „Wehe, wenn das Jahr vergeht, ohne daß Giovannino kommt!“ Aber jedesmal vergaß er’s wieder für lange.

Sie dachte mit Befremden und mit Widerwillen an die Möglichkeit. Ein Kind, von diesem fremden Manne? Sie konnte sich nicht vorstellen, daß durch dieses ihr gleichgültige Haus ein Kind von ihr laufen solle, ihr wahres Kind. „Es würde nicht meins sein, es würde mich nicht kennen, mich nicht lieben. [ 407 ]Die Rasse des Mannes ist so viel stärker, sie würde mich überwältigen, noch in dem Geschöpf, das ich hervorbrächte. Es wäre seins, es würde zu diesen Fremden hier gehören. Ich will es nicht: ich will nicht die Fremden bis in meinen Leib…“

Kaum ertrug sie noch diese Menschen: ihre lauten, schleierlosen Gebärden und Stimmen, all das gierige Leben in den gewölbten Augen. Durch einen Salon sandte sie einen trostlosen Blick über das heimliche Aneinanderstreifen der Hände, der Wünsche, über die spöttelnde Wollust der Lippen, die sich anlächelten, über das in allen wache Geschlecht, — und plötzlich entwich aus diesen Toiletten, diesen schlanken Fräcken ein Qualm tierischer Gerüche und erstickte sie. Und an diesem Getriebe sollte sie noch in Viareggio beteiligt gewesen sein, es durch Leidenschaft vergoldet gesehen haben? Jetzt sah sie’s ohne Glorie und nüchtern. Sie mußte sehen; ihre Beobachtungen sprangen sie an, wie böse Hunde. Dem kleinen Sandrini drückte alles die Hand, und alles wußte, daß er falsch spielte. Aber seine Frau war die Tochter des Präfekten. Lola dachte: „Wenn Pardi nicht seinen Degen hätte —“ Der Trappola zeigte eine Zigarettendose umher, und seine Schwester bewegte den Fächer vom Baron Bergmann, dem auch die Dose gehört hatte. Gastgeschenke. Für mehr als eine Familie waren Gastgeschenke der sicherste Teil ihres Einkommens; die Unehre der Frauen ergänzte das Glück im Spiel. Jeder gewährte allen Nachsicht. Kein Mensch fühlte hier die Nötigung, vor sich selbst ohne Flecken zu sein. [ 408 ]Die äußere Geltung, das Übereinkommen war alles. Sie machten, bei ihrer animalischen Tüchtigkeit, den Eindruck moralisch unendlich Ermatteter. Die Spitzbüberei war bei diesen Enkeln großer Bankiers blutarm und kleinlich. In ihrem Geist schienen die Federn verbraucht; er wiegte sich, hart und platt, wie die Chaise einer zu alten Staatskutsche, auf den verjährten Ideen aus ihrer großen Zeit. Man glaubte ihnen nicht, daß sie anderswo noch dachten, als in Gesellschaft, um „Figur zu machen“, des Pompes wegen. Auch geistig waren sie arme Dandys, die zu Hause nicht aßen. Nichts erneuerte sich hier; kein Vermögen, kein Ideenvorrat. Und im Wegsehen von allem Zeitgemäßen eignete ihnen dieselbe klägliche Einmütigkeit, wie im Vertuschen ihrer Schmutzereien. Eins nur war unverzeihlich: anders zu sein. Ricchetti, dem Abgeordneten, der aus gutem Hause war, sagte man Verbrechen nach. Mußten sie nicht in Lola die Kritik spüren? „Wenn Pardi stürbe, würde man aufbringen, daß ich ihn vergiftet habe.“

Plötzlich ward die Bernabei von ihrem Gatten erwischt: mit dem Leutnant Cavà. Die Männer schossen sich ergebnislos, Cavà ward nach Sizilien versetzt. Von der Bernabei, deren elf Liebhaber jeder herzählen konnte, zog sich von heute auf morgen alles zurück, ihre Eltern mit den übrigen, samt ihrer Schwester, die genau aussah wie sie und statt elf nur neun Liebhaber gehabt hatte. Ihr Mann setzte ihr ein Monatsgeld aus, unter der Bedingung, daß sie auf dem Lande lebe. Lola ging zu ihr: so sehr [ 409 ]empörte sie die allgemeine Heuchelei. Diese Frau war die letzte Geliebte Pardis vor seiner Heirat gewesen; sie und Lola hatten eine feindliche Anziehung füreinander gehabt: — nun schämte Lola sich, sie am Boden zu sehen. Sie konnte nicht ganz schlecht sein, wenn Cavà, der anständigste von allen, sie geliebt hatte. Cavà kam, um Abschied zu nehmen. Lola fragte ihn geradeaus:

„Sie müssen die Gräfin sehr geliebt haben.“

Er schlug die Augen nieder.

„Und wenn auch nicht,“ sagte er dann. „Jetzt muß ich ihretwegen in die Verbannung, mehr kann sie nicht verlangen.“

Schmollend und mit knabenhaftem Erröten:

„Leid tut sie mir…“

„Mir auch, — und ich möchte es ihr sagen.“

„Um Gottes willen! Wie können Sie mit der Frau noch verkehren!“

… Und der war der Anständigste! Lola ging sogleich zu ihr, hinter die Ringallee, in die halbbebaute Vorstadtstraße, am Rande eines Scherbenfeldes. Alles stand weit offen; niemand zeigte sich; und mit Mühe gelangte Lola durch das wackelnde Gerümpel über den Flur. Ein armer Salon, die Wände volkstümlich bemalt, wie in einer Kneipe; und nichts darin als ein Damenschreibtisch, eingelegt, bedeckt mit Gegenständen aus Silber, und auf einem Samtkissen darunter ein Mops: der Mops des Hauses Bernabei. Lola mußte husten von dem scharfen Mauergeruch.

„Contessa!“ sagte darauf eine einladende Stimme. [ 410 ]Die arme Verwandte der Hausfrau watschelte herein, mit demselben schiefen Kopf, mit dem sie die Honneurs des Palazzo Bernabei gemacht hatte.

„Setzen Sie sich doch, Contessa … Ach Gott, kein Stuhl!“ — und bestürzt ließ sie ihre frisch gestärkte Frisierjacke los, die sich auftat. Ein wulstiges Gewoge, in ergraute Leinwand gewickelt, ward sichtbar. Sie eilte nach Sitzen. Lola trug selbst einen Strohstuhl herbei.

„Wir wissen es sehr zu schätzen,“ sagte die Alte, „daß Sie sich für unser neues home interessieren. Auch meine kleine Nichte weiß es zu schätzen. Da kommt sie.“

Die Bernabei blieb in ihrer eleganten Matinee vor der Tür stehen.

„Stefano! Diomira!“ rief sie rückwärts ins Dunkel. „Hier versperren Sachen den Weg.“

Da niemand antwortete, trat sie mit Achselzucken ein.

„Sie wissen wohl, Contessa, die Dienstboten…“

Lola stimmte rasch und verlegen bei. Es eilte ihr, über dieses, wahrscheinlich gar nicht vorhandene Gesinde hinwegzukommen. Aber die Bernabei fuhr fort und ordnete, wie sie sich auf den Strohstuhl setzte, sorgfältig ihre Falten:

„Was sagen Sie zu der Wohnung? Mein Gott, die Auswahl war in diesem Augenblick natürlich nicht groß.“

„Sehr hübsch,“ brachte Lola hervor.

„Ich hoffe, ich werde hier meinen Kreis empfangen können.“ [ 411 ]

Lola verstummte. Die Lider der Bernabei klappten, auch heute rot geschminkt, auf und zu über den kleinlich besorgten Augen.

„Wer hat Ihnen das Kleid gemacht?“ fragte sie.

Und Lola sah entsetzt von ihr zu der Verwandten. War diese Frau durch ihr Unglück verstört? Nein: sie hatte dieselben Augen; jedes blaßblonde Haar lag an seinem Platze. Diese ärmliche Korrektheit, während Empörung sie hätte zerreißen müssen! „Du mußt doch fühlen …“ wollte Lola sagen. „Heuchle nicht mit mir! Was liegt daran. Du denkst weder an mein Kleid noch an deinen Kreis.“ Sie entschloß sich:

„Ich komme, Ihnen zu sagen, wie ungerecht ich Sie behandelt finde.“

Die Bernabei sah sie zwinkernd au. Weinerlich:

„Sagen Sie das nur! Eine Unschuldige so zu verfolgen!“

„Wenn das nicht abscheulich ist!“ ergänzte die Verwandte. Lola, betroffen:

„Sie hätten sich nichts vorzuwerfen?“

„Aber gar nichts. Ich werde verleumdet.“

Die Verwandte half nach:

„Schändlich verleumdet. Das Kind ist rein wie ein Engel.“

Der künstlich in die Länge gezogene Ton der Bernabei, das falsche Gegreine der Alten widerten Lola an.

„Immerhin erzählt man manche Einzelheiten. Auch sollen Sie alles eingestanden haben.“ [ 412 ]

„Was man mir abgepreßt hat. Konnte ich mir denn noch helfen?“

„Eine wehrlose Frau!“ klagte die Verwandte.

„Ich möchte Ihnen glauben. Ob Cavà lügt? Wozu aber? Ich sage Ihnen offen: er war bei mir, um Abschied zu nehmen.“

Die Bernabei fuhr auf.

„Ah! er geht umher und schwatzt.“

Und sie brach in unschönes Weinen aus. Der Mops unter dem Schreibtisch stand auf und knurrte. Die Verwandte tröstete:

„Arme Kleine, sieh mich an, du hast noch Freunde.“

Die Bernabei hob das Gesicht aus den Händen.

„Wie gut, daß wir sein Kissen mitgenommen haben!“

Sie sah sich im leeren Zimmer um.

„Wenn nur er sein Kissen hat!“

Der Mops schien sich dasselbe zu sagen. Er drehte sich mehrmals auf seinem Samtpolster um und ließ sich darauf zurückfallen. Die Verwandte schüttelte den Kopf.

„Wir werden hart bestraft, unser Unglück will es. Und doch hätte es gut ablaufen können.“

„Ob es gekonnt hätte!“ — und die Bernabei belebte sich. „Ich bin ein Opfer der Männer, ihrer Dummheit und ihres Eigennutzes. Wegen einer Zigarre, verstehen Sie: wegen einer Zigarre verfeindet mein Mann sich mit Attilio und beschließt, uns zu überraschen! Als er dann mit der Polizei herbeirückt, [ 413 ]will der Himmel, daß meine Jungfer ihn rechtzeitig erblickt und uns warnt. Ich verlor nicht die Besinnung, ich habe mir nichts vorzuwerfen! Gleich wußte ich, was zu tun sei, und wäre man mir gefolgt, wäre alles gut gegangen. Ich befahl der Diomira, ins Kabinett zu treten. ,Der Leutnant‘, sagte ich, ,wird mit dir gehen. Du schließt ab, und verlangt man, daß du öffnest, zeigst du dich mit emporgehobenen Röcken im Türspalt. Man wird deine Zurückgezogenheit achten …‘ Es war die Rettung, und es war so einfach. Werden Sie glauben, daß dieser Cavà sich weigerte? Er fürchtete, sie möchten ihn dennoch entdecken, und lieber als an solchem Orte, wollte er in meinem Schlafzimmer gefunden werden! Die Lächerlichkeit scheute er, und doch handelte sich’s um die Ehre einer Frau!“

Die Verwandte verdrehte die Augen.

„Was für Männer heutzutage! Ihr wäret so sicher durchgekommen…“

Sie verbreitete sich über die Lage der Örtlichkeit, an die die Rettung gebunden gewesen war. Lola hielt nicht mehr aus.

„Und wenn schon. Wären Sie auch durchgekommen: Sie wären doch nicht weniger schuldig, als Sie sind! Und heute, da man Sie überrascht hat, sind Sie doch nicht verwerflicher, als gestern, da man noch tat, als wüßte man nichts.“

„Das ist ein Unterschied,“ sagte die Bernabei, mit gedrücktem Lächeln.

„Ihr Gatte wußte darum!“ rief Lola. „Ist es [ 414 ]nicht empörend, daß er Sie opferte, nur weil er sich mit Ihrem Liebhaber gezankt hatte?“

Die beiden Frauen wehrten mit kundigen Mienen ab. Aber Lola war im Zuge.

„Empört Sie’s denn nicht, daß jetzt plötzlich alle jene Frauen Sie verleugnen, die Ihre Schuld längst kannten, und deren eigene Vergehen jedem bekannt sind?“

Die beiden warfen sich einen Blick zu.

„Wen meinen Sie?“ fragte zögernd die Verwandte.

„Wen sollte ich meinen? O! mich ersticken hier Ungerechtigkeit und Heuchelei.“

Und da sie sich von den kalten Augen der Bernabei beobachtet sah, als redete sie irre:

„Sie fühlen wirklich nicht Menschenwürde genug, um sich zu empören?“

Unvermittelt fiel jene wieder in Heulen. Der Mops knurrte wieder, aber ohne sich vom Kissen zu bemühen. Die Bernabei wimmerte:

„Bedenken Sie, wie wenig fehlte, und alles wäre gut gegangen!“

„Allerdings“, sagte Lola, beschämt, weil sie hier saß. Die Bernabei ordnete ihre beringten Finger im Schoß, lehnte sich zurück und vernichtete in ihrer Miene jeden Ausdruck. „Richtig: man muß vor allem sein Gesicht schonen,“ dachte Lola. „Solange es hübsch bleibt, ist nichts verloren. Man hat keinen Erfolg gehabt und ist dafür mit Recht bestraft worden. Aber was kann man am Ende mehr wünschen, als eine [ 415 ]gute Schneiderin und ein Zimmer voll von Anbetern. Schließlich darf es auch dies Zimmer sein. War man im Grunde nicht immer schon, was man jetzt ist? Die Veränderung ist fast nur äußerlich … Da sitzt sie, zurechtgemacht, als wartete sie auf Männer. Die andere hat schon jetzt etwas von einer Kupplerin.“ Plötzlich fiel ihr ein, daß die Bernabei dorthinten Kinder zurückgelassen habe. Sie fühlte Tränen kommen und stand hastig auf.

„Sie gehen also nicht aufs Land, Contessa?“

„Es wäre nicht der Mühe wert. Mein Mann ist im Begriff, sich zu ruinieren; er würde mir die Pension nicht lange auszahlen. Lieber vermiete ich gleich Zimmer.“

Die Verwandte sagte:

„Sie, Contessa, die Sie viele Fremde kennen, bitte, empfehlen Sie uns!“
 

Schon tags darauf kamen aus ihrem Gespräch mit der Bernabei entstellte Bruchstücke zu Lola zurück. Sie hatte der Verurteilten recht gegeben. Sie hatte Namen von solchen genannt, die auch nicht besser seien, und erklärt, daß sie die Geopferte rächen wolle. Am Nachmittag, im Salon Valdomini, begegnete sie entsetzten Blicken. Sie ward umschmeichelt: auch von Männern; und nicht nur von den Liebhabern, auch von den Gatten derer, die Enthüllung zu fürchten hatten. Ganz übel vor Verachtung, schloß sie sich ein. „Ich werde mich nicht hineinfinden,“ sah sie. [ 416 ]„In der Fremde ist alles Feind, und ich bin in jedem Lande fremd.“ Sie hatte Tränenkrisen. Sie fühlte sich erstickt, riß das Fenster auf; die dumpfe, schmutzige Regenluft schlich ihr entgegen, und sie meinte, Ungerechtigkeit und Heuchelei griffen ihr an den Hals. „Und ich hatte, den gestrigen Schritt zu tun, kein Recht. Ich bin Pardis Frau, er muß aufkommen für das, was ich mir erlaube. Habe ich nicht, als ich ihn heiratete, seine Welt zu meiner gemacht? Wie will ich, ein losgelöstes Geschöpf, durch keine Gemeinschaft gerechtfertigt, diese Welt hier richten! Sei sie, wie immer, sie ruht doch in sich und ist zufrieden. Die Miene der Bernabei! Ich hätte ihr von den Gebräuchen ferner, wilder Inseln sprechen können … Ich will allein bleiben, allein.“

Pardi begriff nicht, warum sie ihn nicht sehen wolle:

„Ich bitte dich, Lieber, laß mir das Schlafzimmer allein! Mir ist nicht wohl. Siehst du nicht, wie ich häßlich geworden bin?“

Er fuhr auf.

„Schon wieder Launen?“

„Ich versichere dir: ich bin krankhaft gereizt; ich habe Übelkeiten. Ich würde dich stören.“

Und er, plötzlich sehr sanft:

„Ist es so weit? Giovannino?“

Sie griff sich ans Herz.

„Nein! Das nicht!“ stammelte sie, entsetzt und flehend.

Er sagte überzeugt: [ 417 ]

„Schämst du dich nicht? Dieser Ton ist empörend von seiten einer Mutter, oder von einer, die es sein sollte!“

Er faßte hinter sich, durchs offene Fenster, nach der Grafenkrone, die an der Hauswand schwebte. Er klopfte den runden Arm des Majolikaengels, der sie hielt. Mit Nachdruck:

„Nur über dem Haupte einer Mutter tragt ihr sie! Andernfalls —“

Im Fortgehen, über die Schulter hinweg, stieß er den Refrain aus:

„— geh nur zu dem Tor wieder hinaus, durch das du gekommen bist!“

Sie lehnte sich ans Fenster und sah starr hinunter auf den blanken, frommen Kopf der Madonna, die die Verkündigung vernahm. Eine wehmütige Eifersucht beschlich Lola … Sie schüttelte sich, sie trat vom Fenster weg. Aber ein Drang ängstete sie heimlich, nach der Frau, die die Botschaft empfing. Zu Fuß verließ sie das Haus, nur um gegenüber sich ungesehen in einen Flur zu stürzen und hinzuspähen. Da knieten sie, links und rechts des Torgiebels, in ihren spiegelnden Gewändern und beide mit zusammengestellten Handflächen, die Jungfrau und der Engel: er stürmisch hingeworfen, sie geordnet und still, als habe sie ihn erwartet. Die Lilien und die Rosen waren ihrer Mutterschaft zu Ehren schon entsprossen, die bunten Vögel sangen ihr schon, und schon hoben die Kinderengel über ihr Haupt die Krone. Bis unter die Fenster des zweiten Stockwerkes war das weite alte Haus bedeckt mit der Schaustellung der [ 418 ]Mutterschaft, mit ihrer Verklärung. Ihr, der Mutter, gehörte es. In ihr vereinigten sich alle die Frauen, die je in diesem Hause ein Kind erwartet hatten. Und noch immer erfüllten und bewachten sie es, waren sie seine Herrinnen. Nicht die Einsame, Unfruchtbare war’s, die sich sträubte, zu empfangen und allein bleiben mußte. Als sei sie daraus vertrieben, mied Lola das Haus. Im Dämmern erst schlich sie sich hinein, tastete durch die dunkeln, dumpfen Säle des ersten Stockwerkes und öffnete die Tür nach dem schmalen Balkon. Da stand sie nun zwischen den beiden, die größer waren als sie, deren Züge und Gebärden so viel kerniger waren, und die ihrer nicht achteten. Lola mußte die gesenkten Lider der Jungfrau mit dem Finger bestreichen, mußte in das kleine tiefe Ohr spähen, durch das die Botschaft ging … Ganz still war’s in der alten Straße. Die Rosen und Lilien sprossen umher, um sie drei; die Flügel des Engels zitterten noch vom Fluge. Da setzte seine Stimme ein: seine glockenhafte, unerbittliche Stimme, und verkündete. Wild erschreckt warf Lola die Tür zu.

Sie lehnte an dunkler Wand, und ihr Herz schlug laut. Die eiserne Laterne zu Füßen der Jungfrau knarrte. Ihr ward Licht gemacht, indes Lola im Dunkeln Furcht litt. Dann fiel von drüben ein weißer Schein in den Saal. Lola seufzte auf und wandte sich. Da waren sie! Da blickten sie von den Wänden, die Frauen, die in diesem Hause ein Kind erwartet hatten! Feindliche Neugier zog Lola zu ihnen. Welche ruhigen Tieraugen, immer dieselben: in gepuderten [ 419 ]Locken oder zwischen glatten Haarbändern, immer dieselben. Aus so vielen Häusern der Stadt diese Frauen in dies Haus gezogen waren, sie glichen einander im Blut. Umringt von ihren Blutsverwandten, hatten sie ihr Kind geboren und aufgezogen, hatten es in ein anderes Haus verheiratet, und der Strom unverfälschten Blutes war gelassen ein- und ausgeströmt. Von den Männern trug keiner die Schönheit Pardis. Aber ihre härteren Gesichter waren nur das strenger bewahrte Gefängnis derselben Leidenschaften; und wenn Lola ihnen lange in die Augen sah, traten in alle die Begierden, die sie kannte. Sie atmete bedrängt. Diese alle wollten sie überwältigen; sie forderten von ihr das Kind: das Kind, das sie dem Hause schuldete! … Da sah einer sie an: ein Jüngling, fast ein Knabe, mit weichen, traurigen Haaren über dem hohen weitoffenen Tuchkragen, den gepufften Ärmeln des Fracks. Auch aus dieses Knaben weißem Gesicht stand, wie bei den andern, der Mund feuchtrot hervor und fleischig; aber dies Fleisch schien zu seufzen über sich selbst. Die braunen, gewölbten Augen betrauerten es, untröstlich. Und die Stirn, die sanfte Wange neigten sich dem Schatten zu, als wollten sie sich ganz von ihm überziehen lassen. Lola sah ihn in Schatten dahin gehen, den Kopf noch halb zurückgewendet, und doch schon fremd dem Hause, über dessen Schwelle er hinwegtrat, und der Straße, ihren Fenstergittern, Fackelringen und Steinbildern, und den Brücken mit dem Geräusch der Buden, und dem Domplatz und den schön geschminkten Frauen darauf, deren Augen ihm winkten [ 420 ]und die er nicht ansah. Letztes Abendgold beglänzte schwach die Hügel; und zwischen ihnen, auf Steinen, an einem Pfad den niemand schritt, fand er eine arme Frau, eine arme, häßliche und fremde Frau, die keine Gemeinschaft hatte und ihres Weges müde war. Er legte sich zu ihr auf die Steine; er folgte ihrem Weg mit ihr; und er bekam ein schönes Kind von ihr: ein schönes, heiteres Kind von der traurigen und häßlichen Frau. Lola gab ihm, ohne darum zu wissen, einen Namen: dem Kinde und seinem Vater, — indes sie, den Kopf gesenkt, aus dem Saal, die Treppe hinauf und in ihr Zimmer ging.
 

Seit sie sich nicht mehr blicken ließ, suchten täglich Freundinnen bei ihr einzudringen. „Sie fürchten mich. Claudia ist die einzige, der an mir liegt. Nur sie will ich sehen.“

Claudia kam zögernd herein.

„Hast du etwas gegen mich?“

Und als Lola lächelnd den Kopf schüttelte, schnellte Claudia ihr, aufjubelnd, an die Brust, drängte, rieb und schmiegte sich, ein warmes, liebebedürftiges Tier. Ihr Gesicht hatte vor Traurigkeit in lauter kleinen matten Polstern herabgehangen, und auf einmal war es ganz fest und klar vor Glück.

„Wie schön, daß du mir nicht böse bist! Ich habe dich so lieb!“

„Und ich bin froh, daß ich dich habe, Claudia. Ich fühle mich oft sehr allein und traurig.“ [ 421 ]

„Und dann liest du und machst dich damit noch trauriger. Man soll nicht lesen: noch dazu dies.“

Mit tiefem Mißtrauen in jedem ihrer Kinderfinger, faßte Claudia das Buch an.

„Das ist deutsch? Du verschließt also deine Tür und liest deutsch. Das heißt, du willst mit uns allen nichts mehr zu tun haben. Du bist mit uns fertig, du findest uns falsch und äußerlich.“

Von unten, schlau und ruhig:

„Ist es nicht so?“

Lola zog die Wange der Freundin an ihre.

„Ah, du willst nicht, daß man dir in die Augen sieht! Aber ich weiß alles. Das Unglück der Bernabei hat dich empört, denn du bist eine ehrliche Deutsche. Du stehst nicht, wie sie sagt, auf ihrer Seite: hat sie doch ihren Mann betrogen, und das ist schlimm. Aber wir dürfen keinen Stein aufheben, meinst du. Wir sollen selbst erst ehrlich sein, meinst du, sollen uns von unserm Manne trennen, bevor wir einen Liebhaber nehmen. Ist es nicht so?“

„Was du alles weißt!“ — und Lola liebkoste das eifrige Gesichtchen. Unter ihrer Hand bewegte es sich, wechselte, und was Claudia so feierlich enthüllt hatte, sah nun aus wie ein Witz.

„Wie du mich verstanden hast! Und wie du es gut sagst, mit deinem rollenden und singenden neapolitanischen Munde!“

Dies hübsche, gelehrige Äffchen, von dem nachgesprochen, Lolas Gedanken weniger untröstlich klangen: wie eine etwas triste Posse nur! Dessen nächste Miene [ 422 ]sich immer über die vorige lustig machte, bis keine mehr galt! „Wer sich auch so rasch abtun könnte! Man müßte sich ein wenig geringer achten, und man hätte es so viel leichter“ … Aber Claudias Mundwinkel hingen schon wieder. Die Augen, unter schwer fallenden Lidern, starrten aus den Winkeln.

„Eine Sünderin: ja. Aber bedenke auch, wie furchtbar das Frauenleben ist! Welche Schrecken uns drohen jeden Tag! Hast du gehört, was der Beamte in Via del Mezzo mit seiner Frau getan hat? Nun siehst du! Er kommt, mit einem Fiasco unter dem Arm, die Treppe herauf.“

Claudia ahmte seinen Schritt nach. Sie ließ sich breit am Tisch nieder.

„Er will weitertrinken; die Frau rät ihm ab, sie wirft ihm sein Laster vor. Er antwortet nicht; er schweigt und trinkt. Als er fertig ist —“

Claudia wischte sich mit der Handfläche den Mund.

„— steht er auf, holt einen Strick und —“

Claudia stand, von Grausen erkältet, sehr steif, die Arme am Leib. Ihre Augen sahen den Mörder kommen.

„— schnürt ihr den Hals zu, wie einem Spatz. Dann hängt er sie auch noch an die Decke.“

Und Claudia machte sich, dumpf stöhnend, noch starrer, verdrehte die Augen und streckte die Zunge aus. Plötzlich fiel sie auf einen Stuhl. Nach vorn geworfen, heftig flüsternd:

„Und das ist ganz der Typus meines Mannes! Auch mein Mann ist ein Neurastheniker, auch er trinkt, [ 423 ]schreit mich an … und eines Tages wird er schweigen und —“

Claudia führte mit der geballten Hand rasche Kreise um ihren Hals. Dann zog sich ihr Gesicht zusammen, und laute Tränen kamen. Lola ließ sich, erschreckt, vor ihr auf die Knie.

„Aber Claudia, jene Frau hatte einen Liebhaber.“

Claudia klammerte sich an.

„Ich habe solche Angst!“

„Wovor, Liebling? Du bist nicht wie jene.“

„Doch!“ — mit großen, nassen Sünderinnenaugen. Und schwer nickend:

„Ich habe einen Geliebten. O, frage mich nicht, wen! Aber glaube nur, wenn du’s noch nicht weißt: unsere Männer sind von einer Art, daß wir einen Trost brauchen.“

„Ich weiß es schon.“

„Wie du nun aussiehst. An wen denkst du jetzt? Verrate mir dein Geheimnis, Lolina?“

Lola schrak auf und machte sich los.

„An niemand denke ich, sei versichert. Aber auch wenn ich meinen Mann nicht mehr lieben würde, ich nähme doch nie einen Geliebten. O, ich verurteile euch nicht; ihr seid anders. Nur ich habe nicht das Recht dazu.“

Claudia richtete ihre kleine elegante Gestalt auf. Tragisch:

„Wir bezahlen dafür. Möblierte Zimmer oder … so.“

Sie ließ nochmals die ganze Zunge hängen. Und leichtsinnig zärtlich: [ 424 ]

„Aber Spaß macht’s doch. Sage, Lolina, warum könntest nicht auch du —? Hast du nicht gemerkt, daß Valdomini in dich verliebt ist? Übrigens sind viele es, nur daß du sie entmutigst. Aber wie ich lachen wollte, wenn Pardi —“

Sie stellte zwei Finger über ihrer Stirn auf.

„Er, der so viele verführt hat! Alle könntest du rächen. Meinst du nicht, daß er dich betrügt?“

„Ich wußte es, bevor ich ihn nahm;“ — und Lola schlug die Augen nieder. „Ich habe ihn genommen, wie er ist.“

„Seid ihr ehrlich! Weißt du, daß das schließlich zum Lachen ist?“

Und sie krümmte sich. Gleich nachher, demütig abbittend, voll Bewunderung:

„Nicht wahr, wenn du einen liebtest, würdest du dich ganz und gar trennen von deinem Mann? Ihn nie mehr zu dir lassen?“

Gramvoll und ohne Mut sagte Lola:

„Ich wollte, ich könnte immer, immer allein bleiben.“

Claudia sprang auf.

„So sehr zuwider ist er dir?“

Sogleich löschte sie ihre Miene wieder aus, machte sich ganz sanft und farblos.

„Dann tu’s doch, arme Kleine! Wie glücklich wärest du!“

Aber Lola war aufmerksam geworden.

„Warum? Du möchtest es?“

Ein Schritt ward laut: Pardi. Angstvoll wendete Claudia sich umher. [ 425 ]

„O Gott! ich muß fort.“

„Warum? Bleibe!“

Claudia zuckte, in fliegendem Schrecken, an der Hand, die sie festhielt. Sie drückte die Zähne in die Lippe, sah nicht vom Boden auf und drehte Pardi, wohin er sich immer stellte, den Rücken. Lolas Blick ging von ihr zu ihm. Plötzlich ließ sie Claudia los.

„Adieu,“ sagte Claudia, ohne den Mund zu öffnen. Sie lief hinaus.

„Was hat sie?“ — und Pardi war erblaßt. Lola, am Fenster, kämpfte ihren Atem zur Ruhe. Mit einer langsamen Wendung:

„Ich weiß es nicht.“

Er wanderte umher und stellte Fragen, nach denen er suchte.

„Du antwortest sehr kurz. Bin an deiner schlechten Laune ich schuld?“

„Nein.“

„Du hast mir nichts vorzuwerfen?“

„Nein.“

„Um so besser. Ich sehe, daß du Ruhe brauchst.“
 

„Das war eine Freundin! Dies kleine schlaue Tier, das sich mit seinen Gazellenaugen in mich eingeschlichen hat, mein Empfinden und meine Stimme nachgeäfft hat! Sie wußte, was sie wollte: vom ersten Tage an! Wir disputierten; ich dachte, Pardi zu gewinnen; ich glaubte, zwei Körper könnten nicht, wie [ 426 ]unsere, durch Liebe verschwistert sein, ohne daß auch die Seelen sich umarmten. Sie unterstützte mich, schelmisch, schmiegsam. Im selben Atem — wie abstoßend häßlich! — nahm sie mir den Mann! Daß solch Geschöpf sich leben sehen mag!“

Lola ertrug sich selbst nicht, weil sie dies erlebt hatte. Sie irrte umher, vergrub sich in Winkel.

„Werde ich nie mißtrauisch genug werden? Werde ich nie Weib werden und weiblichen Schlichen zu begegnen lernen? Warum muß mich jeder Mensch, nach dem ich die Hand ausstrecke, in noch tiefere Einsamkeit stoßen? Mein Gott, gib mir Verachtung!“

Sie weinte. Dann sah sie:

„Das alles ist falsch. Sie hat mich betrogen, aber sie liebte mich. Habe ich nicht ihre Reue und ihr schlechtes Gewissen vor Augen gehabt? Sie war wie ein verderbtes Kind, dem plötzlich vor ihm selbst bange wird, und das lieber gut wäre. O, das wäre leicht und einfach: dumm sein und sie hassen! Aber ich fühle, wenn ich mich besinne, von ihr und ihrer Welt gerade selbst genug, daß ich ihr Recht lassen muß. Sie wird schuldig und sie büßt. Unter Gefahren genießen, sich durch einen Tag bringen und durch noch einen, täuschen, siegen, geschlagen werden: es wäre doch eine starke, schöne Welt. Man dürfte keine andere kennen. Auch ich trage sie in mir — neben der anderen, die ich auch in mir trage. Und immer, wenn die eine mich haben sollte, fühle ich das Gewicht der anderen, die mich fortzieht…“

Da sprang sie auf, stürzte sich auf die Klingel. [ 427 ]

„Ich bitte den Herrn Grafen, sofort zu mir zu kommen.“

„Der Herr Graf ist nicht zu Hause.“

Lola sah sich im Spiegel entstellt von Zorn. „Recht so! Ich werde einen Skandal machen, an den Florenz denken soll! Er ist bei ihr, ich habe ihn sicher gemacht. Sie überraschen, mich rächen, sie beide ganz klein sehen und dann fort: leicht und frei, wieder frei sein!“

… Sie merkte, daß sie sich, anstatt die Tür zu öffnen, dagegengelehnt und geträumt hatte.

„Für wen will ich frei sein? Welchen Namen habe ich schon wieder gedacht? Auch Claudia sah, daß ich einen Namen dachte … O, ich bin schlechter als sie beide, als sie alle! Heuchlerischer bin ich! Sie bilden sich keine Reinheit ein. Sie sind nicht selbstgerecht. Ich liebte Arnold, als ich, um meiner Sinne willen, Pardi heiratete. Das ist die Wahrheit, die schlimme Wahrheit!“

Sie sah leer vor sich hin … Von der Dämmerung beschlichen, schrak sie auf.

„Ich wußte, was ich tat, und daß er noch andere begehren und nehmen würde. Er und sie: es ist so selbstverständlich; wie konnte ich mißverstehen, wie durfte ich mich auflehnen. Bei mir ist kein Recht, keins; und ich schäme mich, ihnen im Wege zu sein.“
 

Kaum ward es Mai, und schon erklärte sie, nach San Gregorio zu wollen. An den Ort, wo ihre Sinne [ 428 ]geschwelgt hatten, trieb es sie jetzt, um Buße zu tun. Pardis Blick flammte auf.

„Weißt du noch, der Garten, nachts, wenn wir in den Büschen lagen, und es wetterleuchtete? Du möchtest wieder anfangen; und ich sage nicht nein. Aber…“

„Du irrst dich. Ich will allein hin.“

„Ohne mich? Was soll nun das wieder? … Ach ja, ich weiß, du bist krank. Du bist immer krank, ohne daß der Teufel begreift, woran. Von Giovannino kommt er nicht, dein Zustand: so viel ist sicher, wie? Und nun mußt du aufs Land … Aber wenn ich dir befehlen würde, bis Mitte Juni hierzubleiben? Du hast dich, nach unserem Gesetz, dort aufzuhalten, wo es deinem Mann beliebt.“

Sie ließ ihn ohne Antwort. „Ihm ist’s bequem, daß ich gehe,“ dachte sie. Er schloß:

„Nehmen wir an, daß du unser Klima nicht verträgst. Aber ich kann dir sagen, daß man es zuweilen bereut, wenn man eine Fremde geheiratet hat.“

Und Lola:

„Ich hätte daran denken sollen. Ich bitte dich um Verzeihung.“

Ein Aber ließ er dennoch bestehen. Lola erstaunte über seine geringe Eile, sie loszuwerden. Schließlich schlug er ihr einen anderen Landsitz vor. Als sie auf San Gregorio bestand, brach er in Wut aus. Dann verbrachte er den vollen Nachmittag in seinem Arbeitszimmer, schrieb und telephonierte. Tags darauf eröffnete er ihr, sie könne reisen. Er bot ihr an, sie bis Rom zu begleiten; aber sie dankte ihm. [ 429 ]

Draußen blühten Mandel und Pfirsich. Die rosigen Blütenschleier glitten auseinander auf Lolas Wege, wehten ihr nach, hochzeitlich. Droben im Städtchen leuchteten, wie sie sich zeigte, alle Gesichter auf: Lolas Glück von damals glänzte noch einmal auf sie ab. „Das Glück, von dem ich selbst nichts mehr weiß!“ Das Herz zog sich ihr zusammen, wie sie, ganz klein, dem Riesenleib des Palastes entgegenging. Auf kahler Höhe breitete er seine morschen Fledermausflügel nach ihr aus. Die Dächer alle flohen wirr den Berg hinab, als striche ein Angstwind über sie hin. Lola duckte die Schultern; kalt lag es darauf; und begab sich, zwischen der gellend betenden Zwergin und den Alten, die um Barmherzigkeit murmelten, in das Greifenportal, wie in einen Rachen.

Die Zimmer waren verdunkelt und noch kalt. Lola mußte sich anstrengen, um den Befehl zu geben, man solle die warme Luft hereinlassen. Gern hätte sie die Lider gesenkt vor den Dienern, diesen Zeugen dessen, was sie hier einst gewesen war. Des Kastellans kalte Greisenaugen forschten unerträglich. Und das gelbe, mürbe Fleisch der schwarzen Maria erinnerte sich noch immer, mit melancholischem Stolz und Gleichgültigkeit gegen alles, was kommen mochte, jener Wonnen, die sie mit Lola geteilt hatte; kraft deren sie zu Lolas Vertrauter, fast zu ihrer Schwester geworden war; von denen sie ihr, indes ihre schweren Augen erwachten, mit solchen Worten geflüstert hatte, daß plötzlich der Schauer selbst wieder auflebte.

Mit langsamen Schritten, deren jeder eine Welt [ 430 ]von Angst durchmaß, gelangte sie an der Frau vorbei, — hörte sie nicht, sogleich, im Nacken eins jener Worte? — vor die Schwelle des Schlafzimmers und hinüber. Ein kopfloser Griff: die Tür fiel zu. Darangelehnt, die Hände vors Gesicht gedrückt: „Zu viel Demütigung, zu viel!“ Mit geschlossenen Augen fand sie zwischen den Möbeln und am Bett vorbei — „O, ich kenne dies Zimmer, und es kennt mich!“ — und dennoch strauchelte sie, glitt, und meinte, wie ekle Tiere, die Bilder von damals, die sie mit ganzer Seele niederstieß, unter ihren Füßen zu spüren.

Nach allem hatte sie irgendwie den Garten erreicht, ein Versteck und Finsternis. Ermattet und gleichgültig sah sie vor sich hin. Es wetterleuchtete — wie damals. Ins Dunkel, neu gesammelt und mit Beben: „Muß ich mich noch länger quälen? Arnold?“

Jetzt enthielt die dunkle Luft diesen Namen, war erlöst und leichter zu atmen.

„Bist du genug gerächt? Siehst du, ich bin hergekommen, weil ich mich deiner Verachtung ganz ausliefern wollte; weil ich deine Verachtung nötig hatte, wie ein Bad.“

Sie schrak zusammen. „Mein Gott! wenn er käme: wohin mit mir!“

Sie griff sich ans Herz, lauschte — und fühlte das bange Lächeln wieder zergehen. Mit Seufzen:

„Wozu alles? Er hört nicht und hat längst verwunden. Man muß krank sein, um sich aus seiner eigenen Natur eine Marter zu machen. Ich habe nichts getan, was gegen meine Natur wäre.“ [ 431 ]

„Doch. Ich bin nicht Maria, die breit in ihrem Fleische lebt; der seine Freuden rein sind. Sie gehört nur ihm: die Glückliche … Ach nein, ich will nicht lästern, mich nicht selbst verleugnen.“

Sie atmete tief ein; ihr schwindelte; und sie fühlte sich aufgehoben.

„O Arnold! weißt du nicht mehr? Wir liebten uns, als wären wir schon auf einen jener späteren Sterne entrückt gewesen, wo das Höhere in uns sich einen eigenen Körper schaffen soll.“

Staunend bewegte sie den Kopf.

„Ich bin, denke ich deiner, ganz erfüllt vom Licht jener Mondnacht, durch die wir gingen.“

Sie hielt das Gesicht, die geschlossenen Lider einem milchigen Glanze hin.

Und sie besann sich wieder auf das Dunkel.
 

Nach kurzem Schlaf trat sie aus dem Hause, in einen frischen, perlfeinen Morgen. Zum flimmernden Himmel duftete der weiche Kranz der Berge; klar schossen die Türme hinein; und Glockenklänge wandelten den reinen Raum entlang und sprangen durch ihn hin. Aus der Pforte von Blumen, am Rande der Treppengasse, quoll Blau. Unter betendem Gemurmel entstiegen grelle Standarten der Tiefe und schlangen ihre Flammen in den blauen Tanz des Lichtes. Kleine weiße Mädchen mit wippenden Flügelchen trippelten durch die Blumenpforte; die Sandalen der Mönche schlürften unter ihr hin; der Baldachin des Bischofs [ 432 ]neigte sich vor ihr; und Volk in seinem Herdenstaub drängte nach und stieß seine grobfrommen Stimmen durcheinander. Am Ende der Terrasse, im Tor der Klosterkirche, warteten die Nonnen, mit lichtergestirntem Dunkel hinter ihren blassen Gestalten. Die Orgel schnob und grollte. Plötzlich ward sie von Stille geschlagen; — und das Meer ihres Tobens hinterließ nichts, als das Rinnsel eines Kindersingens.

Wie alles, was diese Luft bespülte, rein, wie die Menschen makellos waren! Diese glockentonsatte Luft, worin Seelen badeten, hatte Lola — schrecklich fiel es ihr aufs Herz — einst mit frechen Liebesschreien zerrissen! Sie drückte sich in die hohle Wand des Portals, empfing Staub auf Schultern und Haar, spähte von fern, als eine Unwürdige, nach dem Segen jener Gebärden und Worte und sah, darbenden Gesichtes, den Füßen der Fortziehenden zu, die an ihr Kleid stießen. Dann klappte das Tor; und wie Lola den Kopf hob, bannte sie die dunkle, fensterlose Mauer des Klosters. Kühl war sie und starr; vor unergründlicher, starrer Kühle wachte sie. Wen sie aufgenommen hätte! Wer hinter ihr vergangen wäre! Einst hatte Lola mit Haß zu ihr hinaufgeschmachtet; hätte sie stürmen wollen; hätte aus ihrem schamlosen Blut jenen eingeschlossenen Frauen solche Dinge ins Ohr sagen wollen, daß sie für den Rest ihrer Tage ihren kläglichen Frieden verlieren sollten. Jetzt wünschte sie sich selbst, so streng und unversucht unter jenen Gewölben zu enden, den Hauch des Geistes kühl auf dem Scheitel. Die Gedanken gebunden, in Gesänge und Gebete gemessen, [ 433 ]das Träumen selbst der Nacht durch eine gebieterische Glocke zerschreckt, Stacheln in der Haut und leeres Herz: das lockte. Das Nichts lockte. Noch leben, noch am Leben sein — und dennoch den aus der Seele verstoßen haben, dessen man sich unwürdig gemacht hatte! Den letzten Atem nach einer Richtung seufzen, wo er nicht weilte! War’s Buße genug? Dann sollte es vollbracht werden.

Der Mittag drückte. Sie hielt sich kaum aufrecht und hatte doch den Kopf voll brennenden Dranges. Das Gehirn brachte die Gedanken hervor, wie aus Wunden. Die Glieder wurden, die Terrasse hin und her, durch Sonne geschleppt und durften nicht ruhen. Manchmal wandte der Blick sich, lechzend, nach dem glitzernden Streifen am Horizont, in der Lücke zwischen zwei Bergzügen. Das Meer! Es war der Ausgang und war unerreichbar. „Ich bin gestrandet. Bin ich bestimmt, hier zu enden? Ich mag nicht in das Haus dort, und kenne doch kein anderes, in das ich gehörte. Vielleicht werde ich nie mehr menschliche Gesichter sehen? Wie sollte ich dazu kommen, sie aufzusuchen!“ Plötzlich schwindelte ihr’s, und heftige Angst durchflog sie. „Es ist aus,“ dachte sie und lehnte sich an den Pfeiler beim Haustor. Die Schwäche des Herzens dauerte noch. Lola rief nach Hilfe; aber der kraftlose Ton verging ungehört. Überwältigend weit umwogte blaue Luft ihr geängstigtes Gesicht; Quadern blendeten hart; und wie sie über sich blickte, sah ihr, vom Torgiebel herab, das entfleischte, gierige Gesicht eines Fabelvogels aus schwarzen Höhlen in die Augen. Sie ließ sich [ 434 ]gleiten und hing, die Lider geschlossen, am Hals des Greifen, der das Tor hütete. „Also hier. Hier sterben. Warum nicht? Wohin hätte dies noch führen sollen. Nur steinerne Geschöpfe umher, und ein Himmel, der von mir nichts weiß. Genug.“

Und als sie sich ergeben hatte, kehrte ihr Kraft zurück. Sie konnte aufstehen und den Torflügel fortschieben. Ungesehen kam sie in ihr Zimmer. Lange Tage ging sie nicht aus, vermied den Anblick der Hausgenossen, sann im Halbdunkel, matt und verstrickt, den Wegen nach, die hierhergeführt hatten und den Schicksalen, die irgend einmal an ihres gerührt hatten. Mai war nun drüben, hatte Europa, die „Fremden“ und auch Lola gewiß vergessen und schrieb niemals. Für Mai gab es nur körperliche Beziehungen; der Geist war nie, wo nicht auch der Körper weilte. Mai lebte im Stoff und im Augenblick; ihre Persönlichkeit zerflatterte mit den Dingen; sie war glücklich. In Lolas Leben hatte sie, nach der zweiten Trennung, gar keine Lücke gelassen; Lola dachte, da sie sich Mais erinnerte, nacheinander an ein Reiseabenteuer, an die Miene eines Mannes, an ein Kleid. Eine Masse Auftritte kehrten ihr wieder, hastige Vergnügungen, Müdigkeiten, Drang der Sinne, Zuflucht zum Gesang, das Gesicht der Branzilla, gelb und irr, mit den schwarzen Augenhöhlen des steinernen Vogels draußen überm Tor … Lola strich die Vision von den Lidern Sie sann beschwerlich weiter. Da war Paolo, ihr Bruder: ein Name nur, kein Gesicht, nichts, was sich vor die Seele hinstellte und befreundet lächelte. Sie [ 435 ]verstand seine Sprache nicht, er verdiente ihr Geld, und sie hatte ihm nichts dafür zu sagen. Von anderen Verwandten, dort drüben, anderen Wesen, mit denen sie Blut gemein hatte, waren ihr sogar die Namen unbekannt. Vielleicht nannten sie zufällig einmal den ihren? … Auch näher bei ihr lebten Menschen, denen sie sich zurechnen durfte; die Pai lieb gehabt hatten, und um seinetwillen auch Lola! Eins nach dem andern, rief sie die Gesichter herbei: die Brüder ihres Vaters, dann jene Vettern in München. Zögernd folgten sie; und verschwanden rasch, wie unlustige Besucher, die festzuhalten man sich schämt. Lola sah bitter ins Leere. Keine Gemeinschaft. Nichts übrig, von allem Erlebten nichts, worauf sich bauen ließe. Sand rings umher: heimtückisch herabrieselnder Sand; und in der Wüste ihres Lebens nichts Menschliches. Einer war darin begraben: der, an den sie nicht denken wollte.

Kein Gesicht? … Da kam ein ungerufenes, schüchtern und herzlich: ein kleines gefälteltes, bittend lächelndes Altjungferngesicht. Erneste, ach ja: die war immer da. Die, der Lola die längste Zeit ihres Lebens hatte ins Gesicht sehen müssen, war ein gutes, unbeträchtliches Geschöpf aus ganz anderer Empfindungswelt, eine Bezahlte, bei der nur äußerer Zwang Lola festgehalten hatte. Sogar jetzt noch, da Erneste tot war, trug Lola es ihr nach, daß sie so viel mit ihr allein geblieben war, sich unter den immer ängstlichen, beschränkten Blicken dieser Verkümmerten hatte entwickeln müssen. „Wie viel freier und glücklicher könnte ich [ 436 ]jetzt sein, wenn ich hätte Schauspielerin werden dürfen! O! man hat sich sehr an mir versündigt.“ Die kleine Tini war’s geworden, ihr war das Schicksal günstiger. Marie Gugigls kleine Schwester, die schon fast Diakonissin gewesen war, jetzt spielte sie irgendwo in der Welt Komödie. Neugier kam Lola an, nach Kunde aus solch einem Leben, aus dem, das auch ihres hätte sein können. „Und wir fühlten uns doch zueinander hingezogen. Wir verstanden uns doch.“ Das schrieb sie Tini; und daß sie sie um ihre Laufbahn fast beneide. Es kämen Zeiten, wo man wünschte, man wäre wieder auf sich selbst gestellt. Übrigens sei sie mit ihren Verhältnissen ganz zufrieden, setzte sie, aus Scham, hinzu. Plötzlich fiel ihr die sonderbare Dankesschuld ein, die sie an Tini band. Tinis verstellter Brief, der es Lola ermöglicht hatte, Pardi entgegenzureisen. „Mein Gott, wie vieles liegt dazwischen! Und Tini opferte mir ihre große Backfischleidenschaft! Mit schweren Seufzern des Verzichtes hat das Kind mir nachgeblickt, wie ich dem Glück in die Arme eilte. Und nach drei Tagen ist sie damit fertig gewesen, mit dem großen Ereignis, woran ich den Rest meines Daseins zehren werde. Zu denken, daß ich beneidet worden bin!“ Sie schrieb: „Und ich beneide andere nicht mehr, als sie mich beneiden. Scheint nicht jedem das wünschenswerter, was er verfehlen mußte, um zu erlangen, was ihm beschieden war?“

Der Brief ging in die Welt. Lola sann, in ihren menschenlosen Zimmern, hinter ihm her. Nun kam er an, ward Tini in die Probe getragen. Tini [ 437 ]las ihn in der Erwartung ihres Stichwortes, steckte ihn weg und hatte ihn, bevor sie hinaus mußte, schon vergessen … Nein: ihre Antwort kam, am ersten Morgen, da sie kommen konnte. Tini schrieb:

„Liebe Lola. Beneide mich lieber nicht. Damit ist nicht gesagt, daß ich nicht zufrieden bin. Aber was für mich paßt, könnte Dir doch sehr wenig erfreulich vorkommen. Man darf in meiner Lage nämlich nicht so große Ansprüche an das Glück machen, wie Du, glaube ich, tust. Dir würde es, wie ich Dich kenne, nirgends genügen. Von Leuten, die in Florenz waren, hörte ich, daß Deine Ehe nicht für besonders glücklich gilt. Ich darf Dir dies, obwohl Du versuchst, Dir nichts merken zu lassen, wohl verraten: denn, wie mir scheint, unterschätzt Du doch sehr den Preis, den es mich damals gekostet hat, Dir dies Glück zu lassen. Ich hätte nämlich selbst darum kämpfen mögen und fühlte mich ganz gut dazu imstande. Denn ich bin nicht das unbeträchtliche kleine Mädchen, von dem Du Dir damals ein bißchen Gefühl schenken ließest, und an das Du sogar noch jetzt Deinen Brief richtest. Das bin ich nicht. Ich habe schwer genug gelitten Deinetwegen. Heute kann ich Dir sogar sagen, daß ich in dem See, worin Gugigl einmal bei Mondschein so schön badete, an einem nebeligen Oktobermorgen beinahe ertrunken wäre. Wozu das alles, wenn ich nicht Dich noch viel heftiger geliebt hätte, viel hingebender als ihn? Du hast darauf nicht acht gegeben, oder nur, um ein wenig mit mir zu spielen. Wir hätten uns verstanden, meinst Du? Nein, ich Dich [ 438 ]damals auch noch nicht. Inzwischen habe ich freilich über Dich nachgedacht und mir gesagt, daß Du ein anständiger, aber liebloser Charakter bist … So, Lola, das konnte ich Dir nicht ersparen. Im übrigen wünsche ich Dir, daß Du Dich einlebst. Das dauert wohl manchmal lange. Auch ich habe Zeit gebraucht, bis ich ganz entschlossen meine Kunst allem, aber allem voranstellte. Wenn ich heute noch einen Mann liebe, nehme ich ihn doch durchaus leicht. Und sobald er meiner Kunst gefährlich wird, mache ich mich unerbittlich von ihm los. Die moderne Frau hat glücklicherweise ihr Schicksal selbst in Händen, und Klagen wären überflüssig. Möge es Dir wohlergehen. Mit Gruß.

Tini.“

Empört warf Lola den Brief hin. War ihre Annäherung nichts Besseres wert als dies? Dann erinnerte sie sich: „Ach ja, so waren sie dort hinten! Etwas hart vor Tapferkeit und Selbständigkeit, etwas anspruchsvoll. Noch ein wenig neu in der Freiheit und darum nicht ganz sicher im Geschmack: so waren die Frauen dort alle und natürlich auch Marie Gugigls kleine Schwester. Die hiesigen haben sich mir von solchen Seiten gezeigt, daß ich die Nachteile jenes anderen Typus beinahe schon vergessen hatte … Aber sie wäre fast gestorben?“

Lola nahm den Brief wieder auf.

„Das war also mehr als Kinderei? Sie hat mich so sehr geliebt, daß sie lieber sterben, als mir mein Glück wegnehmen wollte? Als ich abreiste, lag sie krank im Bett: ich war selbst so verstört, daß es [ 439 ]mich bloß flüchtig ergriff, daß ich darüber hinweggehen konnte. Und die Tage vorher: so fieberhaft und zerrissen war sie! Ihre Blicke, die darum rangen, mich nicht zu hassen! Wie sie sich gequält hat! Das konnte ich vergessen? Das konnte mir verschwimmen und seine Kraft verlieren?“

Lola richtete sich im Bett auf, als träte ein Unerwarteter ins Zimmer.

„Dann bin ich also blind und undankbar! Sie hat recht: ich verlange alles; ich wundere mich, daß ich nicht von Liebe umringt bin; und ich gebe nichts. Habe ich Erneste gegeben? Habe ich Pai gegeben? Mein Gott, also lieblos? Wirklich lieblos?“

Sie ließ sich sinken, drückte das Gesicht weg.

„Und ich habe doch so viel Liebe erträumt, für so viele! Als Kind war ich bereit, für Mai, für Erneste zu sterben. Ich ersehnte der Menschheit einen bessern Stern. Nur mir? Wer sagt das? Nicht auch jenem die Heimat suchenden Auswanderer, dessen Schicksal meinem glich, und allen, allen? Ich litt, noch voriges Jahr, mit jenen Bauern, denen mein Mann ihr Geld nahm. Auch Tini habe ich lieb gehabt, lieber als sie meint … Wen aber habe ich’s je fühlen lassen? Wem ist wohler geworden durch mich? Ich bin eine Unfruchtbare! Mein Gefühl war nie mehr als selbstsüchtige Spielerei. Die wirklichen Menschen berührte ich damit nicht. Konnte ich denn zu ihnen? Ich war allein und einzig und litt, meinte ich, so viel mehr als alle! Sie waren in meiner Schuld; sie hatten mich so einsam gemacht, hatten mir die Heimat genommen.“ [ 440 ]

Sie stand auf, riß den Vorhang von der Gartentür und spähte leidenschaftlich in die Ferne.

„Pai tat das! Er war der Erste, der mir die Liebe verbitterte. Ich glaube an keinen Menschen mehr, seit er mich, sein kleines Mädchen, in einem fremden Garten heimlich verließ. Er hat mir Mißtrauen und Menschenhaß fürs Leben mitgegeben. Durch seine Schuld habe ich alle Liebe, die mir je entgegenkam, verkannt und versäumt: seine eigene und Ernestes … Erneste!“

Das alte kleine Gesicht kehrte wieder, voll schüchterner Mütterlichkeit. Es machte sich künstlich streng, weil es in ein ablehnendes Kindergesicht sah.

„Immer habe ich mich zurückgehalten, habe die Arme steif gehalten, damit sie sich ihr nicht von selbst um den Hals legten. Warum? O! der Tag im Gebirge…“

Sie fühlte sich wieder, als Herangewachsene, jenen Sommer vor der Trennung, bei ihrer alten Gefährtin. Draußen im Bergwald hatte unter Stürmen Allliebe sie geschüttelt; und vor dem menschlichen Herzen dort hinterm Tisch, verstopfte sie die Ohren und las. Dennoch fielen wieder, durch Ernestes Scham getrennt, die zart werbenden Worte. Lola atmete rascher. O, zugreifen! „Ich bin nicht taub, nicht fühllos!“

Zu spät. Erneste war tot. So war Pai tot gewesen, bevor Lola ihn hatte lieben können. Die Arme trostlos erhoben, warf sie sich auf die Schwelle. Der Wind schlich ihr über den Rücken, er fingerte [ 441 ]geisterhaft schwach in den Falten ihres Hemdes, wie Hände von ehemals.

„Und auch er, auch er ist versäumt! Arnold!“

Sie schrak auf; Blut stieg ihr ins Gesicht; und als habe mit dem Klang seines verbannten Namens der Mann selbst an die Scheibe geklopft, bedeckte Lola sich.
 

Sie verlangte den Wagen, trieb zur Eile, stieg zitternd über die Treppengassen auf den Platz hinab. Nur diesen Gedanken nicht! „Ich bin seiner zu unwürdig, ich beflecke ihn, wenn ich mich nach ihm sehne. Und mir selbst nehme ich das letzte Recht, mich zu achten.“ Auf den Karren und „Fahr zu!“ Sich betäuben mit Wind und Schnelligkeit. Aber an der Straße, hinter einer Pforte und den Hut in der Hand, stand Arnold, wie er bei ihrer letzten Begegnung hinter der Pforte gestanden hatte, die sie öffnen wollte. Sie schloß die Augen. Umsonst; sein schmerzliches, unsicheres Lächeln war hinter ihr: dies Lächeln, das zurücktrat und sie aufgab … Und den Weg zwischen Zypressen von einem kühlen alten Landhause her, kam er, und sie stieg aus und ging ihm entgegen: denn dort wohnten sie beide, die sich gehörten.

Wie beißend in seiner Süßigkeit war dies Gesicht! Es hätte sein können! Unter Liebe, wie im Grunde ewigen Sommerlaubes, versteckt und geborgen; Tau und Gezwitscher in Augen und Ohren; und in der Melodie des frischen, lebendigen Morgens vereint, wie [ 442 ]ein Paar sorgloser Klänge. Lola sehnte sich nach dem schönen Morgen, durch den sie fuhr. Ihr war, als erlebte sie ihn nicht und hätte ihn doch erleben können.

„Da ich eine Heimat suchte: wie begehrenswert war die, die unsere beiden Seelen uns erbauen konnten! Ich habe eine ganz äußerliche vorgezogen, weil sie üppiger schien, und habe mich in Schande und Lüge finden müssen. Wie er mich klein gesehen hat! Kein Mensch sah mich so, und ihn muß ich lieben! Er hatte recht, daß er stolz war und mir nicht nachreiste. Wozu? Wenn eine einen Pardi vorzieht, überläßt man sie ihrem albernen Schicksal. Aber mag es albern sein, dennoch schmerzt es, Lieber! Könnte ich dir manches erklären! Wüßtest du, was ich leide, und daß ich doch für mein Schicksal nicht klein genug bin! Ach! meine Sühne ist, daß du’s nicht weißt, und daß ich schweige…“

Mit verzweifelnden Augen sah sie durchs Land nach Hilfe aus. Der Meilenstein, der sich näherte, machte ihr Lust, sich ihm entgegen zu werfen. Unter dem Druck der äußersten Not stieg es in ihr auf: „Ich will dir alles sagen, was ich bin und wodurch ich es wurde. Alles, was ich gelitten habe, warum ich dich gehen ließ, wie ich gekämpft und verloren habe, beschmutzt, krank und ganz verlassen ward. Du sollst es nicht hören, aber ich will es dir sagen. Es wird sein, als schriebe ich’s auf die Mauer zwischen unseren beiden Gärten, und du wirst sie nie übersteigen. Es wird sein, als sagte ich meine Beichte dem Meer, das uns trennt, und das sie überschreit. Sei ruhig, du [ 443 ]vernimmst keinen Hauch meines Geflüsters. Ist es nicht verzeihlich, da ich sonst stürbe?“

Zu Hause, unter Tränen, schrieb sie ihre Kinderjahre auf. Sie führte sie ihm zu, wie einen Zug kleiner dahingeschiedener Mädchen, die er noch einmal segnen und bedauern sollte. Als sie, aufatmend, in den Nachtwind trat, schien der Tag, der vorüber war, ihr voll und tröstlich.

Sie wollte weiterschreiben, ließ Wochen ohne einen Satz und glaubte doch, träumend, die dunkeln und die lichten Tage an ihm vorübergeschickt zu haben: noch die schlimmsten mit unverhülltem Haupt. Er kannte sie ganz. Sie hatte, um sich ihm ganz zu entdecken, namenlose Scham bestanden. Sie hatte durch Tränen nach seinem Verständnis gebangt. Sie hatte sich, wieder wie einst, von seiner Seele durchdringen lassen und hatte zu seinen Füßen sich in Schlaf geschluchzt. Nun sah sie mit Staunen den Garten welken. Der Sommer war zu Ende? Und sie war nie müßig, nie einsam gewesen! Immer war er gegenwärtig gewesen, zuerst als Geist, der ihr zweiflerisch und bitter über die Schulter sah; und endlich wie ein Hausgenosse, dessen Atem sie manchmal beim Lesen auf ihrer Schläfe spürte, und dem sie die durchlaufene Seite hinhielt, damit auch er sie beende. In ihre Augen trat noch, so oft ihr Inneres ihn ansah, Demut. Ihre Schuld war um nichts kleiner. Aber sie konnte fortan mit ihm in Frieden leben. Er wollte nicht, daß sie sich um ihn ängstigen, zu seiner Versöhnung sich quälen sollte. Sie durfte Ruhe genießen. Sie fühlte sich [ 444 ]weit gesunder, zuversichtlicher, besser gewappnet gegen die kommenden Alltage. Ihre Spaziergänge wurden lang; der Herbstregen, der schwül einsetzte, erschlaffte sie nicht. „Vertrage ich endlich das Klima eines Landes ganz?“ Pardi verlangte sie zurück. „Warum nicht? Auch mit jenen Menschen wird sich leben lassen. Ich muß sehr krank gewesen sein, um dem, was ich bei ihnen erfuhr, so völlig zu erliegen. Bleibe nicht, wo ich auch sein mag, ich selbst mir? Und nun bin ich gesichert, da ich den zurückhabe, den ich liebe. Unter all den Fremden werde ich mich oft nach einem Vertrauten umwenden, den sie nicht sehen, und mich mit ihm verständigen.“
 

Jeder fragte Lola:

„Contessa, was haben Sie für eine Kur gebraucht? Sie sind schöner geworden, wissen Sie. Am Ende des Winters sahen Sie nicht gut aus, jetzt aber sind Sie wieder vollkommen schön.“

Sie ging aus, so viel man wollte, gab sorglos ihre Kraft und Anmut hin. Die Triumphe im Casino Borghese kehrten wieder; sie fühlte um sich her den Wettlauf der Männer, angespannter als damals, und ihre unbedingte Sicherheit, einer werde bei ihr ans Ziel kommen. Allen schien der kritische Zeitpunkt da; in aller Augen war sie reif für den Liebhaber, auch in Pardis. Überall im Ballsaal begegnete sie seinem drohenden Blick. Sie verhielt sich gelassen weltlich, ein wenig kokett sogar, in der Empfindung, sie müsse [ 445 ]diese armen Leute dafür entschädigen, daß sie im Herzen so weit, weit von ihnen weg sei; und auch in der Scham dessen, den eine geheime, innige Religion erquickt, und der den Spöttern ringsum ihre leichten Freuden nicht verleiden möchte. Das lauteste Fest fiel, verließ sie es, ganz plötzlich hinter ihr zusammen, wie eine bunte Drahtpuppe, und Lola in ihrer Wagenecke lächelte still und schwärmerisch. Pardi sagte, als ein Laternenschein sie getroffen hatte:

„Du hast zu oft mit Valdomini getanzt.“

„So? Ich habe nicht darauf geachtet.“

„Aber andere achten darauf … übrigens verstehe ich den guten Valdomini nicht. Er ist hinter dir her in einer für sein Alter gradezu lächerlichen Art. Weißt du, daß er ein sans-ventre-Korsett trägt? Tatsächlich; sein Bauch würde sonst hängen.“

„Ich habe ihn mir noch nicht so genau angesehen.“

„Er ist mein Freund, und ich werde niemals leugnen, daß er früher große Erfolge bei Frauen gehabt hat. Trotzdem scheint es, daß er neulich bei der Baldelli abgefallen ist.“

„Wer kann das wissen,“ meinte Lola leichthin; und Pardi, gespannt bei der Sache:

„Wenn sie umhergeht und es erzählt! Schade um ihn: der Takt, rechtzeitig aufzuhören, hat ihm gefehlt. Jetzt wird keine ihn mehr wollen, da schon die Frau eines kleinen Advokaten ihn abgelehnt hat.“

„Sie ist sehr hübsch,“ sagte Lola, um etwas zu sagen; aber sie spürte, wie jede ihrer Antworten ihn heftiger reizte. [ 446 ]

Im Theater in Lolas Loge fing am Abend darauf Deneris an:

„Valdomini ist in der Klubloge. Ich weiß nicht, mir gefällt sein Frack nicht. Dabei soll er früher von allen den elegantesten gehabt haben.“

„Das war vor unserer Geburt,“ sagte Nutini.

Lola erwiderte Valdominis Gruß. Er trat, die schlanken Schultern weit zurückgeschoben, die Hände in den Hosentaschen, nachlässig an die Brüstung und überflog die Bühne. Botta bemerkte, fett und phlegmatisch:

„Der Tenor ist gemacht: Valdomini hat ihm zwei Minuten lang in den Mund gesehen.“

Alle lachten, bis gezischt ward. Im Hintergrund flüsterte einer durchdringend:

„Tatsächlich hat er die Calzolai gemacht, aber nicht die kleine Lisa, sondern Tisa, ihre Mutter. Er verwechselt das; er hält sich für einen Zeitgenossen der Lisa.“

„Sein Irrtum bleibt nicht ohne Folgen,“ erklärte Botta. „Die Baldelli —“

Und er erzählte von der Baldelli.

„Sie wird rechtzeitig gefühlt haben, daß er ein Korsett sans-ventre trägt,“ meinte Nutini. Lola lächelte ihm in die Augen. Sie dachte an die Zeit, als er bei ihr gegen Pardi arbeitete. Jetzt, angesichts einer neuen Gefahr, verbündete er sich ihm. Sie schüttelte leise den Kopf, und indes sie das Gesicht nach der Bühne wandte, kehrte sie innerlich zu ihrem Eigensten heim. Von Klatschen und Geschrei aufgeschreckt, mußte [ 447 ]sie sich besinnen; die Begehrlichkeiten, die Intriguen um sie her sahen sich wie Spuk an, geschahen kaum auf festem Boden.

Valdomini kam und unterhielt sie während der Pause. Er teilte in der Loge Händedrücke aus, die mit Hingabe erwidert wurden. Als er fort war, ahmte Botta ihm nach.

„Ich brauche wohl Sie und mich nicht anzustrengen und aufzuregen, Contessa. Sie wissen, wer ich bin und daß ich bereit bin.“

„Und,“ fuhr Nutini fort, „meinen Bart behalte ich, wenn jetzt auch alle rasiert sind. Ich behalte ihn aus Pietät für die Vielen, die ihn geliebt haben. Manche sind schon im Jenseits und lieben nur noch Gott, der ihren armen Seelen gnädig sei.“

Er bekreuzte sich, ließ in seinem ausgemergelten Gesicht den Mund stumm betend auf und nieder steigen und schielte dabei auf seine Nasenspitze. In das Gassenjungengelächter trat Pardi; seine Augen stießen, mit bösem Mißtrauen, nach jedem. Beim ersten Wort gegen Valdomini:

„Vergessen Sie nicht, daß er mein Freund ist!“
 

Er befreundete sich ihm sogar noch enger; er ließ ihn kaum mehr von seiner Seite; er begleitete ihn in die Häuser, wo er Lola treffen konnte. Und die übrige Zeit blieb er bei ihr. Er hatte wieder angefangen, ihr Blumen und Geschenke mitzubringen, ging selbst, ihr ein Band, eine Feder zu besorgen, — [ 448 ]und aus den Büchern, die er früher in die Ecke geschleudert hatte, wollte er ihr jetzt vorlesen. Er unterbrach sich, um ihr seine alten Triumphe zu erzählen. Früher hatte er davon geschwiegen. Sie war am Morgen noch nicht fertig angekleidet, und er klopfte schon, fragte, wie sie geschlafen habe, und wiederholte seine ironischen und zarten Werbungen. Endlich:

„Wir sollten wirklich wieder im selben Zimmer schlafen.“

„Wie geschmacklos, mein Herr! So alte Gatten wie wir!“

„Ich versichere dir: wenn ich am Morgen vor deine Tür gehe, ist mir zu Mut, als hätte ich bei dir erst noch alles zu erreichen; als wäre ich dir kaum bekannt.“

Und Lola, über die Schulter weg, vor Selbstsicherheit kokett:

„Dann betragen Sie sich auch so, bitte … Und was hat man Ihnen soeben für ein Billet gebracht? Ich rieche es bis hierher. Sie denken es nicht einmal zu lesen?“

Er errötete, erbrach trotzig das Siegel. Lola sah, es war Claudias. Sie ging dreist an ihm vorbei und hinaus. Sie fürchtete ihn nicht. Ihr war Geistesgegenwart gekommen, Ruhe und die Fähigkeit, die Lage zu überblicken und mit der Schwäche des Gegners zu rechnen. In frischer Luft fühlte sie sich und alle Organe frei zum Kampf. Früher, schien ihr, war sie traumbeschwert, unsicher von Begehren, von Grübeln, durch die Welt hier gegangen. Jetzt hatte sie die [ 449 ]Gewißheit, sie zu beherrschen, mit keinem Schleier ihrer Seele, die immer um einen Entfernten schwebte, mehr in sie verstrickt zu sein. „Ich gehöre nicht hinein, aber sie genießen, rasch und ohne Verpflichtung, wie eine Vorüberreisende, warum nicht?“

Und sie nahm, stürmisch und mit Dankbarkeit, diesen Winter in sich auf, der sie der erste ganz reine deuchte, dies Land, das sich ihr verjüngt hatte. Oben auf dem Piazzale war sie aus dem Wagen gestiegen. Durchblaute Wolken zogen über ihr, und unten, durch die Stadt, unter sonnigen Brücken hervor, der Fluß, in goldblauen Strängen. Der goldene Wind warf seine Arme um den großen bronzenen David, um die von Licht bebenden Hügel ringsum, — und er stürzte sich in die Stadt, in ihre wilden kleinen Gassen, auf ihre grellen Quais und ihre Plätze mit großen, von Zinnen, Giebeln, Statuen ausgezackten Schatten. Glück leuchtend, boten in schwarzen Laubmassen, auf den Hügeln, Villen sich dar … Und nun der Wind abbrach, der Himmel sich bezog und sich dämpfte, lockte jenes erloschene Haus, im Steingrau sanfter Bäume, noch dringlicher. Die Glocken klangen gehaltener, ernster; und fern, jenseits der Gartenwellen der letzten Hügel, dunkelte im grauen Horizont das starke Blau der Berge, wie Augen, die Sehnsucht verdüstert.

„Und ich habe kein Recht, mich zu sehnen. Jenes Haus, oder vielleicht das dort, gehört mir selbst; Pardi spekuliert mit dem Öl des Hügels. Er spricht zu hitzig davon, ich bin besorgt um ihn…“ [ 450 ]

Plötzlich wandte sie sich weg und winkte dem Kutscher.

Dieser Winter schmückte sich mit einer Kette zeitloser Tage; sie waren da wie eine Spiegelung märchenhafter Küsten. Eine blaue Flut von Jugend wallte einem in Augen und Mund. Mit entzücktem Staunen horchte man auf irgend etwas Köstliches, das unverhofft zurückkehrte, leise wieder anschlug. Nun mitten im Januar der Himmel ganz weich zwischen den glitzernden Eichenkronen floß, die Statuen auf den Palästen zerschmolzen im Blau, und dies Blau sich in Säulenhöfe und Hallen wie seidene Fahnen schlang: da hob eine Melodie, die geschlafen hatte, in einem die Lider auf. Lola hatte in der Luft, die sie ein wenig erstickte, vor sich die Augen Pardis. Sie waren der höchste Aufstieg dieser Melodie gewesen. Sie mußte man gefühlt haben, um dies alles zu fühlen.

Wie bei einstigen Gefährten, denen sie unverhofft nochmals begegnete, blieb sie wieder vor den Statuen stehen. Sie waren überall; die Stadt war erfüllt und beherrscht von Statuen, die sich in Hallen und auf Plätzen versammelten, wie ein Haufe schönen, sinnlichen Volkes; die von Brunnen, aus Nischen ihre lauten Gebärden ins Marktgewühl mischten; deren starken, frechen Mündern man die schleierlosen Stimmen der ganzen Menschenmenge entquellen hörte; und von deren göttlicher Nacktheit all dies Leben nackt schien.

„Die Kunstwerke! Es ist wahr, sie alle sind Fleisch, sind die Verherrlichung des Fleisches. Aber nur in der Kunst ist es Herr und ist edel. Die [ 451 ]Künstler — wir —“ dachte sie ohne ihren Willen, „erhöhen es über alle menschlichen Maße, über alle menschliche Kraft; und finden doch Kraft und Maß in uns selbst! Dann —“

Mit einen Blick auf das dunkle Gewimmel, das zusammenschrumpfte.

„— kriechen wieder Menschen, klein wie je, darunter hin, und wir selbst haben die Augenblicke unserer Größe vergessen und begreifen sie nicht mehr.“

In sich versunken die volle Straße forttreibend:

„Wie liebte ich doch Pardi! Welche schwärmerische Lust! Manchmal erlebte ich’s, daß die Sinne mich auf ausgebreiteten Flügeln in den reinsten Äther trugen. Und dann gruben sie mich in Morast. Ich habe ihre Anbetung und die Kraft zu ihrer Verherrlichung in mir. Aber ich bin auch geboren, sie zu verachten. Ein ganz anderes Blut steigt mir auf einmal ins Hirn. Ich fühle anders, sehe anders, und mir schaudert vor dem, was ich gewesen bin.“

Aufschreckend und sich zusammenziehend, wie verloren unter Feinden:

„Nicht noch einmal möchte ich solch Schaudern erleben.“
 

Am Ende des Winters dann ein rätselhaft trüber Abend, voll des Gefühles von verlornem Leben. Sie sehnte sich fort, hinauf, hinaus aus einem Schacht. „Ich kann nicht länger —“ sie wußte nicht, was. Ward nicht noch immer die Tosca gegeben? Niemand [ 452 ]ging mehr hin; gleichviel. Und als die kleine Logentür hinter ihr dumpf zuklappte und harfend, mit verbleichenden Sternen und erster Morgenröte ein Garten von Tönen, ja plötzlich ein klingendes Paradies sie aufnahm, da stand sie, bebte, verschluckte Tränen, fühlte die Brust sich spannen und das Flügelrauschen der Erlösung über ihren zugedrückten Lidern. Das Glück! Diese Töne waren das Glück. Zwei Stimmen, zwei liebende Stimmen erhoben sich über Knechtschaft, Folter, Richtstätte, als zwei liebesbleiche, feurig gewappnete Engel. Alle Schranken fielen. Mächtig glänzend öffneten sich Himmel, die ganz Liebe waren. Lola fühlte, und hatte kein Bewußsein davon, Pardi sei eingetreten. Sie lächelte, ohne ihn anzusehen, ein Lächeln, das ihm bestimmt war. O! sie fand endlich zurück an die Schwelle jener Freuden mit ihm. Nichts machte ihr mehr Schaudern, denn alles war Liebe gewesen. Noch die Verirrungen: kannten nicht auch die beiden liebesbleichen Engel jener Himmel sie? Das Fleisch konnte heilig sein. Diese Musik heiligte es. „Ich liebe dich! Ich liebe dich!“

Da, ein Rachen, der ein einziges Mal zuschnappte, schlang Stille alles hinab. Man hatte verloren, wo man war, man hatte den Atem verloren, mußte sich herauskämpfen … „Was habe ich getan? Mein Gott, er hat mich verstanden!“ Er sprach, und seine Stimme machte ihr kalt und heiß. „Allein, mit ihm allein im leeren Haus. Ganz ihm überantwortet. Wenn er jetzt zugreift, ist es der Tod. Er weiß, daß er’s darf: wie soll ich noch leben!“ [ 453 ]

Dabei wand sie sich unter den weichen Griffen seiner Stimme, die den Nachhall jener Musik beschwor, ihn aus der Stille zurückbannte.

„Ich bin so glücklich, mich einmal ganz allein mit dir zu finden. Du bist schöner als je, ich liebe dich mehr als je. Hast du gehört, wie viel Liebe in dieser Musik? Für uns, du Engel, für uns! Komm, ich will dir Dinge sagen —“

Sie sprang auf; ihr Stuhl fiel um.

„Ich habe Beängstigungen, laß mich fort, ich werde wieder krank, schon wieder. O, wohin?“

Er folgte ihr bis in ihr Zimmer; er entwand ihr den Türgriff.

„Wozu, wozu. Sei endlich ehrlich! Du liebst mich. Und ich liebe dich.“

Sie riß sich los, sie flüchtete hinter das Bett.

„Was willst du? Ich kenne dich nicht! Sind wir nicht fertig?“

„Es scheint nicht. Und du entsinnst dich wohl noch meiner.“

„Du hast andere Frauen, nicht wahr? Laß mich gehen, ich bitte dich. Ich will fort. Alles war Irrtum, ich könnte dir’s erklären. Ich verliere den Kopf. Mein Gott, ich will fort.“

Da er auf den Bettpfosten gestützt blieb, mit einem langsamen Lächeln, das seine Macht auskostete, bevor er zugriff:

„Den ganzen Winter habe ich dich von mir abgehalten, dadurch, daß ich dich habe merken lassen, ich kenne deinen Betrug. Ein Rest Scham machte, daß [ 454 ]du mich verschontest. Behalte ihn! Laß dir nichts einfallen gegen mich! Ich bin verzweifelt!“

„Du bist verliebt: ich habe es gesehen. Ich brauche nicht auf mein Recht zu pochen; du liebst mich, das genügt. Was täte es noch, wenn ich andere gehabt hätte? Du würdest verzeihen. Übrigens ist es nicht wahr; ich liebe nur dich!“

Seine Augen flammten auf, sein Lächeln war fort; er stieß sich vom Bettpfosten ab, er setzte schon an, loszubrechen gegen sie. Da stockte er: sie stand auf der Fensterbank. Von unten kam das Klirren und Splittern der zerbrochenen Scheibe. Lola schrie:

„Nicht dich liebe ich! Ich liebe einen anderen; — und rührst du mich an, spring’ ich hinab!“

Nochmals, gehaucht:

„Ich liebe einen anderen.“

Er hielt sich knirschend zurück. Er schüttelte die Fäuste.

„Das ist nicht wahr! Ich werde dich holen, ich nehme dich!“

Aber er kam nicht. Lola hatte den Kopf im Nacken. Langsam:

„Ich bin nicht deine Gefangene. Ich kann sterben.“

Sie sah auf ihn nieder, der sich ohnmächtig abarbeitete.

„Und ihm, den ich liebe, verdanke ich meine Rettung. Du hast mich gemein und elend gemacht, weißt du das nicht? Ich war deine schmutzige Magd: er aber hat mich gereinigt und zu seiner Gefährtin erhoben. Das darfst du wissen: ich bin rein!“ [ 455 ]

Er keuchte:

„Wer ist es? Ich werde ihn töten!“

„Du wirst ihn nie sehen. Auch ich sehe ihn nie.“

Er starrte sie an. Plötzlich sich abspannend, verachtungsvoll:

„Du bist wahnsinnig, das ist alles. Ich habe die Pflicht, dich da herunter zu holen.“

Und er machte einen besonnenen Schritt. Aber sie hing am Fensterkreuz, schon halb draußen. Ihr Blick war irr und wild.

„Zurück, oder ich lasse mich fallen! An dem Tage, wo du mich anrührst, sterbe ich!“

Er hob Schultern und Arme, deutete sich auf die Stirn — und ging rückwärts, leise auftretend, hinaus.
 

Die Tür hatte sich geschlossen; Lola fühlte sich auf einmal schwach werden. Entsetzt sah sie unter sich, ins leere Dunkel. Die Knie zitterten; ihr schwindelte. Sie ließ sich, die Augen geschlossen, am Fensterkreuz hinab, tastete nach dem Boden. Zurückblickend:

„Wie bin ich dort hinaufgekommen?“

Sie schleppte sich zur Tür, verriegelte sie. Und sie fand noch die Kraft, sich aufs Bett zu werfen.

„Noch einmal gerettet, noch einmal! Auf wie lange? Und ich glaubte mich geheilt! Ich kann mich also nicht auf mich verlassen? In allem lauert, unmerklich, die Verführung, in den Landschaften, in den Bildern, den Tönen: Alles ist geschaffen, mich schwach zu machen, mich zu erniedrigen; in allem ist der Mann, [ 456 ]der mich erniedrigt. Die Luft selbst, diese Luft verdirbt mich. Ich habe nicht das Recht, sie zu atmen. Hätte ich vorhin mich fallen gelassen! Er, dem ich mich schulde, würde mir dann verzeihen können. Jetzt darf ich nicht zu ihm sprechen, ihm nie wieder das Gesicht zuwenden. Er weiß nun, daß ich lüge! Meine Lust nach dem andern ist Diebstahl an ihm, an ihm! Ihm bin ich verantwortlich für meine Seele, und bald wird sie nicht Kraft genug mehr haben, ihn zu lieben. Immer neue Zusammenbrüche des Fleisches werden sie abnützen. In meinem Laster wird meine Vernunft erlöschen, und ich werde mich nicht mehr hinaussehnen können, mich nicht einmal mehr sehnen können.“

Sie fuhr auf.

„Das soll nicht geschehen. Ein Gedanke noch an den andern, und es geht da hinab!“

Sie lief zum Fenster, sie maß die Höhe der schwarzen Quadern. Ihr schwindelte schon wieder. Das Haus deuchte sie ein düsterer Riese, der sie auf loser Hand trug, bereit, die Hand umzukehren.

„Ich werde es nicht können. Ich bin feige. Zu viel Begehren macht auch feige.“

Im Umherirren, vor einem alten Schmuckkasten:

„Der? Vielleicht der!“

Und sie zog den winzigen Revolver hervor: ein galantes Geschenk von einst, ein Scherz, weil damals ein Landstreicher sie frech angeblickt hatte.

„Ich habe Begierden erregt und geteilt, wo ich vorbeikam, überall. Ich mag mich nicht mehr leben fühlen.“ [ 457 ]

Sie sank aufs Bett zurück. Lange blieb sie erschlafft. Dann, hastig an der Waffe fingernd, zu ihr flüsternd:

„Also ich schwör’ dir’s! Da liegst du und bewachst mich. Und den ersten niedrigen Gedanken sollst du mir — hörst du’s? — aus der Stirn schießen!“

Sie warf den Revolver auf den Bettisch. Die eine der Kerzen verlosch, die andere flackerte. Lola sah an der Wand ihre Geste grotesk vergrößert.

„Bin ich ehrlich? Mein Gott, darf ich mir glauben? Wann bin ich denn ich selbst: jetzt, oder vorhin in der Loge? Kann solch Entzücken lügen? Mag sein, ich werde gequält um nichts; das Glück der Sinne wäre dennoch das wahre; und jener Abwesende, mein böses Gewissen, ist nur dazu eingesetzt, mich zu quälen. Dies zu wissen! Wissen, wohin ich gehöre! Ich liebe doch Pardi. Noch an dem Kreuz liebe ich ihn, an das der andere mich schlägt! Sich gehen lassen können, nachgeben können: wie leicht wäre das Leben! … Klopft er?“

Sie lauschte … Nein: sie hatte sich’s nur gewünscht! Sie schlug die Hände vors Gesicht. Pardis Lippen erschienen ihr, rot hervorstehend aus seiner Blässe. Plötzlich redete sie Arnold an:

„Jetzt verlangst du wohl, daß ich mich töte? Ich tu’s nicht. Ich hasse dich!“

Laut:

„Ich hasse dich!“

Von dem Schall erschrak sie, begann zu zittern, und Tränen kamen. [ 458 ]

„Verzeih mir! Sieh, wie ich elend bin! Es waren die höchsten Freuden, als ich dich hatte.“

Und sie sah sich, einsam und doch mit ihm, dem Freund, in der reinen Ruhe des vorigen Sommers. Sie spürte beim Lesen seinen Atem auf der Schläfe und hielt ihm, bevor sie es wendete, das Blatt hin, damit auch er es beende. Unvermittelt trat in dieselben Räume der andere. Ihr Atem vermischte sich mit dem des andern, ihre Glieder verschränkten sich mit seinen. Sie atmete schwer; sie warf das Bild der Lust von ihrer Brust hinab, sie streckte die bittende Hand aus nach dem der Liebe.

„O! wärest du da. Rette mich! Komm!“

Es tagte, und sie schluchzte noch:

„Komm!“
 
[ 459 ]

III

 

Am Nachmittag erinnerte sie sich, daß Claudia empfange. Sie haßte Claudia nicht: fast war sie ihr ein Trost, die Gefährtin, die derselbe Mann schwach gemacht hatte und quälte. Sie fühlte sich von Claudia beneidet und mit schlechtem Gewissen geliebt. Sobald sie sie sahen, durchforschten Claudias Augen sie eifersüchtig. Dann hatte sie, in Gegenwart Fremder, diesen Ton, der um Harmlosigkeit bat; und kaum waren sie allein, ward sie fast demütig. „Arme Claudia! Als ob du vor mir dich niedrig fühlen müßtest. Vor mir!“

Wie Claudias Salon ihr geöffnet ward, schnellte dahinten vom Teetisch etwas Schwarzes, Gelbes Zappelndes auf sie zu.

„Ah! Guidacci.“

Der kleine Priester trat zwischen sie und die anderen, tanzte vor Freundlichkeit, zwang seine großen kranken Hundeaugen, an den ihren festzuhalten, — indes seine nervigen Hände nicht wußten, ob sie ihre Hand drücken oder durch die Luft fahren sollten, sein gelenkiger Mund alle die engen gelben Falten seines Gesichtchens auf und niederriß und sein Atem, mit [ 460 ]dem Geruch von Kellerluft, ihr ins Gesicht fuhr. Plötzlich:

„Wen habe ich Ihnen mitgebracht, Contessa?“

Und er machte ihr Platz. In diesem Augenblick bekam der Teetisch einen kopflosen Stoß, eine Tasse fiel über Claudia, die aufschrie, — und Lola, die sich bleich werden fühlte, sah in ein Gesicht, das bleich war und zuckte. Sie fand keinen Atem, ein inneres Stammeln geschah: „Arnold, Arnold —“; und ihr Herz, mochte sie selbst ohne Regung stehen, beschrieb die weite, zitternde Gebärde des Armen, der nach langem Darben und Nöten des Todes an einer Straßenwendung auf seinen Wohltäter stößt. Sie dachte: „Nun ist alles gut. Jetzt weiß ich, warum ich solche Nacht bestehen mußte. Ich habe ihn gerufen, er ist gekommen. O! jetzt wird sich’s leben lassen.“ Ganz hingegeben war sie der Güte des Schicksals; ihr Leben flößte ihr, wie einen neuen Atem, unverletzliches Vertrauen ein; — und wie sie wach gerufen ward, war’s die eine Minute gewesen, in der Claudia sich das Kleid getrocknet hatte. Claudia umarmte sie.

„Das ist wohl eine angenehme Überraschung, Lolina?“ — flüsternd, mit zaghafter Andeutung, daß sie verstehe. Die Augen des Priesters lächelten fiebrig; er preßte die Mundwinkel und fand den Platz nicht für Lolas Stuhl. Sie suchte, in plötzlicher Hast, ihr Tuch hervor und machte sich über Claudias Kleid her.

„Er hat eine Tasse umgeworfen? Ja, ich erinnere mich, er warf immer Tassen um…“ [ 461 ]

Alle lachten, erlöst und gutherzig. Unvermutet fing Lola, als entschädigte sie ihn für das Gelächter, auf deutsch an:

„Und wo waren Sie seitdem? Haben Sie kürzlich meine Verwandten gesehn? Ich hatte einen Brief von Tini: sie ist jetzt Schauspielerin … Meine kleine Cousine wollte Diakonissin werden und ist jetzt Schauspielerin,“ wiederholte sie den beiden anderen; und deutsch weiter: „Was für Schicksale eigentlich! Wer alles hätte voraussehen können!“

Claudia bemerkte, tief erstaunt:

„Ich verstehe kein Wort.“

„Sie auch nicht, Herr Guidacci? Aber Sie kommen doch aus Deutschland?“

Ja, Guidacci kam aus Deutschland. Ihm gefiel das Bier. Überhaupt das eigentümliche Leben der Länder dort oben. „Ah! reisen, etwas unternehmen. Er hatte London bei Nacht durchforscht.“

„Er kennt keine Furcht!“ rief Claudia. „So allein!“

„Ich habe immer meinen Freund in der Tasche;“ und er griff hin.

„Ich weiß,“ sagte Lola, „Sie sind tapfer. In Prato,“ erzählte sie Arnold, „vor zwei Jahren bei den Wahlen —“

Und, ein wenig leiser, auf deutsch:

„Sie wissen, in Prato sind viele Arbeiter. Herrn Guidaccis Besitzung liegt in der Nähe. Er hat sich einmal mit dem Revolver gegen den ganzen Haufen behauptet … Man spricht noch jetzt davon,“ setzte sie [ 462 ]hinzu und kehrte, mit einer keuschen Wendung, zur Sprache der anderen zurück. Der Blick des kleinen Priesters hatte, gespannt wie ein Hund bei der Fütterung, seinen Ruhm, Wort für Wort, von ihren Lippen geschnappt. Kaum schien sie fertig, zeigte er eine bescheidene Miene.

„Das ist nicht der Rede wert. Jeder gute Bürger kann jeden Tag in die Lage kommen. Da, noch gestern: bei San Lorenzo sehe ich einen Kutscher nach einem Kinde schlagen. Ich habe das Pferd zum Stehen gebracht, und der Mann wird bestraft werden.“

„Ein Pferd zum Stehen gebracht?“ rief Claudia. „Er hat sich darangehängt, er ist geschleift worden, hat die Zähne zusammengebissen, und mit dem Schaum des Tieres ganz bedeckt, hat er gesiegt!“

Und mit ihren kleinen weichen Händen malte sie alles in die Luft.

„Was für ein Held Sie sind, Guidacci! Werden Sie Ihre Tat nicht in Ihre Zeitung bringen?“

Nein: in der Zeitung berichtete Guidacci nur über kirchliche Dinge; und es störte ihn nicht, wenn in einem anderen Teil des Blattes die Priester angegriffen wurden, übrigens hatte er, als jener rohe Kutscher daherkam, grade die Kirche San Lorenzo im Geist mit ihrer künftigen Fassade geschmückt. Er hatte die Sache in Händen, der Plan der Fassade war bei ihm zu Hause, man konnte ihn ansehen.

„Auch werde ich Ihnen sehr schöne alte Stoffe zeigen, die ich aufgetrieben habe.“

Er bestätigte Lolas Bemerkung: ja, in Tätigkeit [ 463 ]war er immer; — und er hatte die geplagten Finger um den Sitz: nur bereit zum Aufspringen! So viele fremde Freunde, denen er Florenz zu zeigen hatte!

„Mein lieber Freund Arnold zwar kennt es besser als ich selbst. Wie froh bin ich, daß er mich nach Italien begleitet hat. Er selbst schien, als ich ihn in Berlin wiedersah, traurig. Er werde Florenz nicht mehr betreten, sagte er; wer weiß, warum. Dann stellte sich heraus, daß ich wie er Ihre Freunde waren, Contessa … Ich hoffe, wir werden einmal alle zusammen bei Digerini die Musik anhören? Lieber würde ich Ihnen ein Theater vorschlagen, aber das Kleid, das ich trage, verbietet es mir. Auswärts bin ich frei; nur hier, wo man mich kennt —. Ah! von allem am schwersten entbehre ich das Theater.“

„Und die Frauen?“ fragte Claudia begierig.

Der Priester hatte plötzlich ein tief stilles Gesicht. Aber die Finger, am Stuhl, wanden sich angstvoll.

„Den ganzen Tag ist er mit Frauen; die schönsten Fremden kennt er. Ich glaube ihm nicht, daß er das alles für nichts tut. Es wird wohl manches dahinter stecken. Ein Genie wie er, ist so tief. Nicht umsonst heißt er der galante Priester.“

Er hob nachsichtig die Hand. Dann, fest:

„Man muß verzichtet haben: und man ist fertig; alles ist gut.“

Claudia seufzte.

Lola sah ihn an.

„Sie sagen das, als ob es vom Willen abhinge.“

Der Priester antwortete mit Schultern, Händen [ 464 ]und einem geduckten stummen Lachen, daß er nichts dafür könne, wenn die anderen sich nicht beherrschten. Er begreife sie; sich nehme er aus. Er verurteile sie nicht; einer wie er, habe zu leiden.

Lola verstand ihn. Heute war sie durch eigenes Leiden geschärft genug, in ihn einzudringen. Einfachen Wesen konnte er wie ein gequältes Genie aussehen. Aber er war nur einer, der sein Blut hatte unterdrücken, seine Rasse hatte verkehren müssen. Alle diese, deren Geschlecht allzu wach war, verlangten von ihm, daß er seins abtöte. Sie brauchten ihn zu ihrer Ergänzung und Rechtfertigung. Er sollte statt ihrer fasten und rein sein. Er war’s; — und da er vom Geschlecht nicht weniger erfüllt gewesen war als sie alle, war, was er erwarb, ein sehr leeres Glück. Er floh vor dem Alleinsein, vor dem Stumm- und Müßigsein. Er reiste zwecklos, brach Abenteuer vom Zaun, betäubte sich ohne Geschmack an den Mitteln: nur um sich leben zu fühlen, sich noch leben zu fühlen, nachdem das eine, größte geopfert war.

„Was ist’s denn auch,“ sagte er, „was ich opfere. Einmal habe ich einen Hund aufgezogen: es machte mir wahre Leidenschaft; aber ich wurde darum nicht zum Hundezüchter. Alle diese Tiere gleichen sich.“

Claudia lachte betroffen.

„Sie vergleichen uns Frauen den Hunden?“

Die Augen des Priesters funkelten, weil er sich rächte. Lola sagte schlicht:

„Sie vergessen, daß die Seelen sich nicht gleichen.“ [ 465 ]

Und er, überlegen:

„Die Seele sehnt sich fort und wird erst im Himmel ihre Flügel entfalten. Hier sind alle gleich. Der Leib ist ein Tyrann, der nicht nachgibt, der keine Konstitution gewährt und keinen Pakt eingeht. Jeder Mann will von Ihnen dasselbe.“

Lolas Blick verließ ruhig den Priester, ging zu Arnold und fragte ihn. Er wollte sprechen; aber Claudia murmelte stürmisch:

„Es ist zu wahr, es ist zu wahr.“

„Und darum,“ fuhr der Priester fort, „hat die Kirche recht, daß sie keine Scheidung zuläßt. Mögen die Seelen sich scheiden; wer will sie hindern? Aber den Körpern darf nicht ihr Wille geschehen, sie müssen sich beugen. Damit das Fleisch demütig sei, darf es keine Scheidung geben.“

Claudia sagte und nickte schwer:

„Wir würden sie nicht verdienen, Reverendo.“

Erschüttert goß sie Tee ein. Wie sie Lola die Tasse gab, flüsterte sie ihr, mit erweiterten Augen, ins Gesicht:

„Er wird mich umbringen; er hat mir gesagt, daß er’s tun wird. Aber er ist mein Mann.“

Guidacci fragte:

„Wollte nicht ihr Gatte, Contessa, sich zum Abgeordneten wählen lassen, vor zwei Jahren, als man meinte, uns drohe eine Ehescheidungsvorlage? Jetzt kommt sie sicher; und er sollte sich seiner edlen Absicht erinnern.“

Bei der Erwähnung Pardis sah Lola weg und [ 466 ]errötete. Arnolds Blick machte ihr Scham; sie fühlte sich ihm bloßgestellt.

Arnold räusperte sich, er begann mit bedeckter Stimme:

„In Italien ist die Ehescheidung wohl wirklich nicht wünschenswert. Die Leidenschaft würde hier, trotz der Möglichkeit, sich zu scheiden, Verbrechen zeitigen; vielleicht mehr als vorher. Diese Frauen wären der unverhofften Freiheit möglicherweise nicht gewachsen…“

„Sie haben recht!“ sagte Claudia stürmisch. „Schlecht würde es uns ergehen.“

Der Priester nickte wissend. Lola sagte, ernst lächelnd, zu Arnold:

„Auch Sie?“

Er verwirrte sich.

„Sie, Contessa, vertreten in diesen Fragen natürlich das Land Ihrer Erziehung und den Fortschritt Ihres Geschlechtes. Bedenken Sie nur, bitte, daß dem Fortschritt sein Weg von der Rasse gewiesen wird. Ein Teil der italienischen Frauen wird vielleicht, lange vor den deutschen, das politische Wahlrecht erlangt haben; und im Hause werden noch immer alle Odalisken sein.“

Claudia verwahrte sich. Nicht alles müsse die Frau erdulden. Führe der Mann eine Geliebte unter ihr Dach ein, dürfe sie’s verlassen.

„Das ist doch viel, Lolina,“ setzte sie hinzu, „daß wir das dürfen?“

„Zu viel,“ erklärte spöttisch der Priester. Er [ 467 ]konnte nicht länger stillhalten. Er schürzte sein enges Kleid, ließ sich vor dem Kamin nieder und blies hinein.

„Gleichviel,“ meinte Arnold, „in dieser geselligen, vor allem öffentlich empfindenden Rasse bleibt die öffentliche Freiheit immer wichtiger als die private. Wir Deutschen reden uns, wenn wir an politischen Rechten ärmer sind, als irgend ein anderes Volk Europas, gern auf unsere innere Freiheit hinaus. Was tut’s uns, daß wir in der rohen Welt der Erscheinungen Herren haben, da wir ja innerlich über alles hinaus sind und jeder für sich, im Kämmerlein, ein kleiner König, wohl gar ein großer, sind. Diese hier aber sind selten im Kämmerlein. Sie steigen auf die Plätze hinab, reden durcheinander, denken nur gemeinsam und durch Ansteckung und kennen, als rechte Jünglinge, die noch mit Vernunft und Auge leben, keinen Unterschied zwischen Gefühltem und Sichtbarem.“

Claudia sah, fassungslos, auf Lola.

„Wie diese Deutschen klug sind!“

Guidacci kehrte mit tränenden Augen vom Kamin zurück und wiegte, Kennerschaft heuchelnd, den Kopf.

„Denn sie sind Jünglinge,“ wiederholte Arnold mit Liebe; „ewige Jünglinge.“

Lola lehnte sich zurück, sah irgendwohin, wo kein Blick den ihren kreuzen konnte, und lauschte seiner Stimme, die sich befreite.

„Geblüht haben sie ein für alle Male zur Zeit der Renaissance, als es galt, jung zu sein, für Freiheit, Schönheit und Liebe zu schwärmen. Darüber kamen [ 468 ]sie nie hinaus. Nie konnten sie sich moralisch spalten und vertiefen. Von unserer neuen Kultur geht nur die Technik sie an, nicht das Sittliche. Skepsis erlernt sich nicht unter dem Hochdruck des Geschlechts. Sie macht Leidenschaft hart; und macht sie hochherzig und romantisch. Voll jugendlicher Widersprüche sind sie, die uns rühren. Sie, denen auf ein Leben so wenig ankommt, haben die Todesstrafe abgeschafft.“

„Spricht dieser Herr gegen uns?“ fragte Claudia.

„Im Gegenteil,“ sagte Lola, er gibt Euch so viel Gutes, daß ich’s nicht verantworten könnte.

Guidacci erklärte:

„Diese Deutschen sind alle Philosophen und wissen stets zu beweisen, daß sie die ersten sind. Hat mir nicht in Berlin einer klargelegt, daß von jeher nur die Völker Erfolg gehabt haben, die tüchtig tranken?“

Und Arnold:

„Sie irren, mein Lieber: nicht uns wollte ich herausstreichen. Das Wünschenswerte ist, jung zu sein, und Ihr seid es. Ich habe Euch zu danken, denn der Aufenthalt unter Euch erleichtert und erfrischt mich. Und ich bin überzeugt, Euch steht die Aufgabe bevor, unsern übermüdeten Erdteil zu erleichtern und zu erfrischen. Er wird genug bekommen von Innerlichkeit und von Tiefe. Im Begriffe, am Geist zugrunde zu gehen, wird die Menschheit des Nordens sich erneuern müssen durch die des Südens: durch ihre gesündere Animalität, die sie vor den Verführungen und Lastern des Geistes bewahrt hat. Es ist nicht wahr, daß Ihr nur eine Blüte gehabt haben sollt. Ihr werdet [ 469 ]nochmals blühen, sobald die Zeit Euch nochmals braucht. Und die Menschheit wird glücklicher sein, wenn ihr repräsentativer Typus wieder der Jüngling ist!“

Claudia gähnte. Sie entschuldigte sich.

„Es ist so heiß, daß man müde wird. Was haben Sie denn für einen Holzstoß errichtet, Reverendo? Bei dieser Frühlingsluft! Gleich zerstören Sie ihn!“

Guidacci schürzte schon wieder sein Kleid.

„Ich wollte nur zwei Scheite anzünden,“ erklärte Claudia, „zum Anblick für meine Besucher. Nun scheinen wir heute allein zu bleiben.“

Aber da meldeten jugendliche Stimmen sich, und mit Botta an der Spitze, brachen vier junge Leute herein. Claudia erwachte und begann, mit der Kuchenschüssel von einem zum andern, zu zwitschern und kleine weiche Mienen zu rollen.

„Und Sie, Cipriani, wann malen Sie mich?“

Und aufs Fenster gestützt, nahm sie eine Pose ein. Im schief gelegten Köpfchen gab zum Gefunkel der Augen, die ihres eigenen Schmachtens spotteten, der große mürbe Mund kindischen neapolitanischen Singsang von sich, den Cipriani nachahmte. Seine fleischige Nase rückte dabei hin und her. Zwei leichte, ungeduldige Vögel hüpften und girrten, eine halbe Minute lang, auf demselben Zweig.

„Cipriani ist noch bei der Lippi,“ sagte Botta; „er malt gern reiche Konditorsfrauen; das Bild wird dann süß und verschafft ihm Aufträge.“

„Ich bin nicht Landrini,“ sagte Cipriani; und er [ 470 ]machte den süßen, zitterigen Mund des alten Malers und seine gezierte Jünglingsmanier.

„Sie kennen ihn doch, Contessa? … Was er am besten malt? Sich selbst: aber in Natur … O, er war in London, hat alle Engländerinnen porträtiert und viel Geld mitgebracht.“

Botta schob ein, Landrini sei geizig. Er spare die Droschken und wische sich, bevor er ein Haus betrete, mit einem Lappen die Schuhe ab. „Neulich, bei Valdomini, kam ich mit zwei andern darüber zu, und, mein Wort, er war so gefällig, auch uns die Schuhe abzuwischen. Ich ermahnte ihn, er solle nur nicht drinnen statt seines Taschentuches den Lappen hervorziehen.“

„Und kennen Sie Musso?“

Lola erfuhr, Musso sei ein Eisenbahnbeamter mit Leidenschaft für Geselligkeit. Jeden Unbekannten fragte er nach der Adresse und gab noch am Abend seine Karte ab. Alle verschwanden, wenn er kam.

„Aber auch vor Ihnen, Herr Cipriani,“ sagte Lola, „läuft man davon. Die Prinzipessa Dora hat mir erklärt, wo Sie seien, werde sie keine Gedichte mehr lesen.“

„Und seitdem werde ich zu jeder Gesellschaft geladen.“

„Merluzzo, lesen Sie uns Ihre neueste Novelle vor!“ verlangte Claudia, hinterhältig. „Sie haben sie nicht da? Daß Sie auch nie Ihre Sachen bei sich haben!“

Cipriani raunte:

„Aber gleich wird seine Mama kommen und die Novelle zufällig bei sich haben.“ [ 471 ]

Guidacci fing von seinem Freunde an, dem Leutnant Cavà. Er schreibe trostlose Briefe aus Sizilien. Allmählich müsse er ganz verwildert sein, meinte Cipriani.

„Gewiß geht er mit einem langen Hirtenstab vor seinen Soldaten her.“

Lola spottete lustig mit. „Sie sind eigentlich sympathisch,“ dachte sie. „Sobald man sich nicht dazu zu rechnen braucht …“ Diese flüchtige kleine Menschheit umflatterte sie wie ein leichter, raschelnder Schleier. Dahinter war sie mit Arnold allein. „Seltsam,“ dachte sie, „wir sitzen unter lauter Freunden, im Lärm, sehen einander nicht an, und uns ist so heimlich zu Sinn … Aber was ich jetzt fühle, kann doch nur sein Blick sein?“ Rasch sah sie hin. Nein: er suchte unruhig und verlegen am Boden; er sann darauf, wie er fortkäme. Erschrocken schlug sie die Augen nieder. „Ich werde ihm vieles zu erklären haben!“

Guidacci nahm Abschied; Arnold schloß sich ihm hastig an. Claudia wollte Arnold nicht weglassen vor Herzlichkeit. Dann kam sie zu Lola; und als sie Lola umarmte, sagten ihr Auge, ihr ganzer Körper, wie demütig froh sie sei, daß sie Lolas Nachsicht vergelten dürfe. Sie drückte noch, ganz rasch und heimlich, Lolas Hand sich aufs Herz und auf den Mund. Wie Mund und Herz verschwiegen sein sollten!

Arnold stand vor Lola. Sie schluckte hinunter und brachte es nicht fertig, ihn zu sich zu bitten, in das Haus des andern … Unschlüssig ging sie mit Guidacci zur Tür. [ 472 ]

„Ich werde Sie besuchen, wissen Sie, und mir den Plan der Fassade ansehen, und Ihre alten Stoffe. Wann paßt es Ihnen?“

„Zu jeder Stunde, Contessa, bei Tage und bei Nacht. Sie wissen, ich schlafe nicht.“

„Ach, Sie können nicht schlafen?“ — und weil sie dadurch Arnold noch hielt: damit er nicht ohne ein Zeichen, ein Wort der Hoffnung verschwinde, ließ sie sich ausführlich Guidaccis nervöse Erscheinungen berichten. Plötzlich:

„Ich habe nachgedacht. Um halb fünf bin ich morgen bei Ihnen.“

Schnell, mit einem vollen, ganzen offenen Blick, reichte sie Arnold die Hand.

„Nun weiß er, daß ich ihn liebe!“
 
Sie erstaunte, zu Hause und allein, wie sehr sie ihn liebte. Sie hatte das nicht gewußt. Ihre Liebe war wie ein Gebet gewesen zu einem Gott, an dessen Dasein man nicht fest glaubt. Die Wirklichkeit ihrer Liebe überwältigte sie. Arnold war gekommen! Ihr Rufen in der Nacht, ihr „Komm!“ — ein Wort nur in die Luft, ein qualgeborenes Wort in dunkle Luft: und er war gekommen; das Wunder war geschehen. Viel größer war’s, als auf den ersten Blick! Welten mußten verlassen und gefunden werden, damit sie beide sich treffen konnten. Er kam aus solcher Weite, daß er wohl durch luftlosen Raum kam. „Wie ganz verloren war ich schon!“ Und dennoch: da er nun da war, [ 473 ]war’s also bestimmt? War zuletzt ganz selbstverständlich? — „und indes ich so vieles litt, in denselben Stunden, ward in ihm der Gedanke an mich immer größer, immer größer —, bis er kommen mußte? … Alles war gut? Die Qualen waren gut? Es ist zum Weinen und zum Lachen! Nein: zum Staunen … Und jetzt weiß er, daß ich ihn liebe. Und ich sitze hier in Sicherheit und Ruhe.“
 

An Guidaccis Tür war die kleine Pierina. Ihr Bruder müsse gleich kommen. Aber sie zögerte, sein Arbeitszimmer für Lola zu öffnen.

„Ein Herr ist drin.“

„Es tut nichts,“ sagte Lola; und:

„Ah! Sie!“

Sie reichten sich die Hände und blieben einander gegenüber, ohne ein Wort. Lola fühlte, daß Pierinas schwermütig spöttischer Blick schon begriffen habe. Sie wandte sich zu ihr, um nach ihren neuesten Zeichnungen zu fragen, und sah in ein rasch verschlossenes Gesicht. Die schwarzen Brauen unter dem harten schwarzen Haarkamm zogen sich zusammen, finster und einsam; der schwere Mund stand fühllos etwas offen; in der grobkörnigen Haut sah eine kleine weiße Narbe aus wie die Verletzung eines Steines. Das Mädchen neigte fragend das Ohr hin. Endlich, beglückt, sich aufschließend: ihre Zeichnungen — o ja! Und sie ging, sie zu holen.

Sie saßen zu beiden Seiten des Schreibtisches, eines geistlos geschnitzten Möbels mit vielen [ 474 ]Frauenbildnissen darauf. Die Photographien warfen sich in einer Garbe die Wand hinan; unter dem Porträt des Papstes hing eine weit ausgeschnittene und lächelte, wie er. Hellgrüne, schmalblätterige Gerten stiegen aus Töpfen lustig durch den engen Raum; und zwischen ihnen am Boden lagen leere Strohflaschen übereinander gestürzt. „Ist es nicht ein reizendes Zimmer?“ dachte Lola. „Darin sitzen nun wir beide, ganz allein. Die Sonne scheint herein. So ist es gekommen.“ Sie sah nichts mehr; die Augen standen ihr voll Tränen. Rasch verließ sie den Stuhl und kehrte sich nach dem Fenster.

„Warum so stumm?“ fragte sie, ohne ihr Lächeln ihm zuzuwenden.

„Contessa —“ mit ungefälliger Stimme.

„Lassen Sie den albernen Titel!“

Sie sah ihn an. Auch er war aufgestanden; er verneigte sich und wich ihrem Blick aus.

„Ich bin froh, Sie unter Freunden, so glücklich zu finden.“

Sie schluckte angstvoll hinunter. Dann lächelte sie stärker. Natürlich! er glaubte ihr noch nicht. Zweifelmütig und unsicher war er, wie je. „Ich werde ihn zur Vernunft bringen müssen. Diesmal ist’s meine Sache allein.“

Da kam die Kleine mit den Zeichnungen; dann Guidacci. Er entschuldigte sich inständig, zählte seine Beschäftigungen her, kehrte immer zu einer österreichischen Baronin zurück, die ihn Florenz erst kennen lehre. „Besser, als aus den Büchern.“ „Ach ja,“ — und Lola fiel es auf, daß in diesem priesterlichen [ 475 ]Arbeitszimmer kaum ein Buch lag. Guidacci schickte seine Schwester mit Aufträgen fort; er sprach mit ihr nicht lauter, sie mußte ihm auf den Mund sehen und verstehen. Dann holte er den Plan der Kirchenfassade hervor und, mitten in den Erklärungen, die alten Stoffe. Dazwischen: er war seit heute ganz gesund; er nahm Brom, und alles war gut.

„Etwas Wunderbares! Wenn ich’s früher gekannt hätte!“

Man mußte die Stoffe über seinem Bett sehen.

„Warum lassen Sie keine Decke daraus machen?“

Das ging nun wieder nicht.

„Das Kleid, das ich trage —“

Und er führte seine Gäste in den Salon. Pierina hatte das Tischchen hergerichtet.

„Wie? Der Vino Santo! Ja, ich bereite ihn selbst, er ist von Monte Turno. Sie müssen mich dort besuchen, wir fahren eines Tages zusammen hin, alle vier. Versprechen Sie’s mir? Beide?“

Da Lola das Gebäck mit erhobener Stimme lobte, lächelte er unzufrieden, und Lola verstand. Niemand hatte zu merken, daß Pierina nicht gut hörte. Es war ungesellig, taub zu sein, und darum schändete es fast … Und zwischen den weltlichen, hellblumigen Möbeln sprang die schlanke Soutane hin und her, öffnete ein Fenster, zeigte im grauen Hof den Rosenschleier, pries das Haus, seine Wärme im Winter, seine sommerliche Kühle, und trieb die Besucher durch die Räume. Aus einem sah man das schmale Gäßchen, aus dem nächsten in einen Mauerwinkel von San Lorenzo. [ 476 ]Kellerig frisch lagen ein paar stille Zimmer am Rande des Rosenhofes. Sie waren zu vermieten: der Priester rühmte sie Arnold, der ihm recht gab. Wie so wohl diese klösterliche Ruhe tue, sagte er zu Lola. Sie empfand Eifersucht. Nicht dazu sollte er hergekommen sein! Sollte nicht im Bereich von Menschen wohnen, die ihn ihr nehmen würden! Sie lenkte ihn auf die kleinen, sonnenleeren Fenster, auf die Feuchtigkeit des Steinbodens; — und sie lächelte für sich: jetzt fürchtete er Krankheit.

Guidacci hatte keine Zeit, enttäuscht zu sein; er tummelte sich zwischen den Rosen. Für Lola brach er einen Strauß, und steckte Arnold eine ins Knopfloch. Dann führte er sie in das Eßzimmer, vor seinen Heiligen, den Lorenzo des Donatello, aus der Sakristei seiner Kirche.

„Würde man glauben, daß es eine Kopie ist?“

Arnold neben Lola, standen sie vor dem Heiligen. Von seiner Truhe herab sah sein menschlich gefärbtes Gesicht, etwas höher als ihre beiden sie an. Es war schön: frei und mild, mit braunen Augen, die einen erkannten. Rosen an der Brust, waren sie vor ihn hingetreten; — und würde nun nicht die Büste ihre verlorenen Arme, ihre Hände, die fest und gut sein mußten, aus dem Leeren heben, und sie segnen? … Lola ward zu Guidacci zurückgenötigt. Seine fiebrig lächelnden Augen hielten die Andacht keine Minute länger aus. Er hatte seine altjungferlichen Herrlichkeiten zu zeigen, seine Ansichtskarten, seine Sammlung künstlicher Blumen. Und immer spürte Lola, zwischen [ 477 ]sich und Arnold, den schwermütig spottenden Blick Pierinas.
 

Als Lola aufbrach, reichte sie Arnold als letztem die Hand.

„Wie kommt es eigentlich, daß Sie mir, Ihrer ältesten Freundin, noch keinen Besuch gemacht haben? … Sie sind erst seit gestern da? Mag sein. Aber ich muß Ihnen doch mein Haus zeigen, mein Mann wird sich freuen. Übrigens — wie viel ist die Uhr? In diesem Augenblick treffen wir ihn. Wenn Sie gleich mitkämen?“

Sie stiegen in den Wagen; ihr klopfte das Herz; die Minute vorher hatte sie nicht gewußt, daß sie so viel wagen werde.

„Was haben Sie seitdem getan?“ fragte sie, kaum daß der Schlag geschlossen war, in Angst vor einem Schweigen. Er sagte mühsam:

„Ich bin gereist…“

Und plötzlich begann er zu erzählen, irgend etwas, als schlüge er ein Buch bei einer zufälligen Seite auf.

Sie kamen an.

„Mein Mann nicht zu Hause? Das wundert mich. Eine Stunde vor dem Essen ist er immer in seinem Zimmer zu finden.“

Seit jenem Auftritt aß er nicht mehr zu Hause. Lola war rot von ihrer Lüge. Wie Arnold noch immer in der Haltung eines Fremden durch die Zimmer mitging, empörte sie sich. „Er sollte doch fühlen, daß [ 478 ]ich’s hier sehr schwer gehabt habe! Denkt er nicht daran? Wozu ist er gekommen?“ Sie hatte Lust, die Tür zum Schlafzimmer aufzureißen: „Aus dem Fenster dort wäre ich, zwei Nächte sind’s her, fast hinausgesprungen: um deinetwillen!“ Er begann wieder von dem großen Bildwerk, draußen am Hause. Sie mußte ruhig antworten, mußte ihm vom dieser Jungfrau, diesem Engel sprechen, als ob sie ihr nicht furchtbar gewesen wären, als habe sie unter der Botschaft, die jene brachten und empfingen, wie unter einer Drohung und einem Hohn, nicht bitter geweint. Sie fragte schroff:

„Wollen Sie hin, sie aus der Nähe sehen?“

In der raschen Dämmerung ging sie ihm voran, hinab in den Saal, öffnete die Fenstertür und blieb wortlos stehen. Er trat hinaus, kehrte zurück, sprach Abbrechendes, schwieg ganz und wendete ihr, mit einem Ruck, die Augen zu. Sie sahen sich in die verschlossenen Gesichter. Lola dachte: „Es war Irrtum; wir haben uns zu viel vorzuwerfen. Zu spät. Das Leben ist nicht anders … Sagte ich ihm das nicht schon einmal? Damals?“

„Auch von den Porträts sind manche sehenswert. Ich werde Licht bringen lassen.“

„Aber diese Beleuchtung ist sehr interessant, sehr eindrucksvoll. Noch den Kopf dort werde ich ansehen und dann gehen.“

Wieder fiel, wie in ihrer ersten Abendstunde bei diesen Bildern, von drüben der weiße Schein auf die Wand, und wieder sahen jenes vergangenen Knaben braune [ 479 ]gewölbte Augen herüber, die sein Fleisch betrauerten. Die Stirn, die sanfte Wange neigten sich dem Schatten zu, als wollten sie sich ganz von ihm überziehen lassen. Lola war ihm einst begegnet, dort draußen, zwischen den Hügeln im letzten schwachen Glanz, auf Steinen. Er hatte sich ihr geneigt, die arm, häßlich und fremd war; hatte sich zu ihr gelegt … Sie senkte die Stirn. Ungesehen im Dunkeln errötete sie. Da stand er vor seinem Bilde, vor dem Bild seiner Seele! Noch stand er und gleich wendete er sich. Sie hatte ihn erträumt. Sie hatte von ihm die äußerste Freude erträumt: ein Kind. Das war geschehen: so sehr gehörte er ihr. Und er würde gehen, nichts wissen, wortlos sollte alles vorüber sein. Die Angst vor dem ewigen Dunkel packte sie. Sie erzwang sich Atem. Fast stimmlos:

„Ich bin nicht glücklich. Sie hatten recht, mir abzuraten.“

Er machte einen Schritt, hielt an.

„Ich fürchtete es,“ sagte er gepreßt.

„Konnte ich anders? Vielleicht, ja. Ich bekenne; ich mußte die bessere Liebe wählen. Nun bin ich unrein geworden und büße.“

Sie beugte sich tief über sich selbst. Die Tränen brachen brennend aus. Er ließ sie in den Sessel nieder und stammelte, vor ihren Knien, Bitten um Verzeihung.

„Ich bin schuldig, daß wir uns versäumten. Ich mußte stärker sein. Wie Sie gelitten haben! Ich schmecke Ihre Tränen. Alles Eitle ist hinter mir. Ich war eitel: aber nun habe ich in mir nur Ihre [ 480 ]Tränen. Was ich selbst litt, ist nichts mehr. Wie ich Ihre Tränen stillen kann, ist alles. Vertrauen Sie mir denn noch? Verachten mich nicht?“

„Verachten, Sie? Glauben Sie mir also meine Reue nicht? Wie soll ich sie Ihnen beweisen? Soll ich Ihnen die Hände küssen?“

Er entriß sie ihr und schlug sie vor sein Gesicht. Er neigte den Kopf, und sie neigte ihn; ihre Stirnen berührten sich zitternd; sie weinten.

… „Daß ich dich wiederhabe!“ sagte sie, die Hände mit Leidenschaft um seine Schläfen. „Nur wissen will ich, daß du an mich denkst. In deiner Hut sein. Sage mir, ob du mich nie vergessen hast. O! du konntest es nicht. Du warst bei mir, ich fühlte es!“

„Ja. Denn ich bin gar nicht gereist, es waren Lügen. Die weite Welt, die Sie mir vorgezogen hatten, schien mir hassenswert. Sie waren meine letzte Enttäuschung, und meine tiefste. Das einzige Geschöpf, das meine Sprache verstanden hatte, verschmähte es, mir in ihr zu antworten. Ich war allein wie nie vorher. Die Einsamkeit war auszuschlürfen, wie ein eisiger Bergsee. So wollte ich’s. Ich wollte nicht reisen, mich nicht zerstreuen. Ich hatte doch nur Wert, meinte ich, wenn ich bei mir blieb, den Schmerz und die Sehnsucht, die ich von Ihnen hatte, gesammelt ließ. Die feenhafte Pracht des einsamen Leidens, die Eisgrotten und Schneefelder, durch die Sie mich schickten, waren zu erproben, zu genießen. Sie sehen, daß ich eitel war. Mich ekelt’s, gedenke ich dieser Selbstsucht. [ 481 ]Ich war nur darauf aus, von Ihnen, vor der ich demütig gewesen war, den Nutzen großer Gefühle zu ziehen, und nun Sie zu demütigen vor meiner Seele. Ich dachte, mich an Ihnen zu rächen. Meine Kunstgebilde waren allzuoft Rache … Aber ich konnte nicht; was mich rettet, mich Ihrer Verzeihung würdig macht, ist nur dies: daß ich nicht konnte, weil ich Sie liebte. Denn ich liebe dich!“

Sie erriet diese Worte; er sprach sie mit versagender Stimme, bewegte den Kehlkopf, als sei er ausgetrocknet; und in seinen Augen stand Angst.

„Mit Ihnen zum erstenmal ward ich nicht fertig, ich habe aus Ihnen meine Sache, mein Werk nicht machen können. Sie erfüllten mich zu sehr und machten meine Hand zittern. Mein Blick ward verdunkelt von Ihrem Schatten. Sie waren in mir, faßten mein Herz an, und der Arm, der bilden sollte, sank mir. Ich konnte nur zu Ihnen sprechen, in meine Tiefe hinabsprechen, mit Ihnen kämpfen, Ihnen erliegen, Sie um Gnade bitten und endlich, gebrochen, mich Ihnen hingeben und Sie lieben. Dich nur lieben.“

„Und ich! Gerade so, gerade so habe ich dich in mir gefunden und habe zu dir gesprochen. Gefürchtet habe ich dich, einmal gehaßt. Und doch, ohne dich, der mir verzieh, mit seinem Hauch mich umgab, auf seinen Gedanken mich trug, wäre ich verdorben und untergegangen. Lieber! weißt du nicht, daß ich viele Monate allein mit dir gelebt habe? Du mußt es wissen.“ [ 482 ]

„Vielleicht war’s die Zeit, da ich dir so viele Briefe schrieb. Schrieb ich sie? Oder erträumte sie nur mit wachen Augen?“

„Wie ich deine! So empfingst du sie doch! Hast mich nie verlassen! Wie ich dir danken muß! Was wäre ich jetzt ohne dich? Nie werde ich dir alles sagen können. Ich bin deiner nicht würdig.“

Sie neigte das Gesicht in die Hände. Hastig, mit Beben richtete er sie auf.

„Ich habe mich zu beugen, ich, und allen Stolz gutzumachen. Denn ich war stolz auf meine Einsamkeit, die doch nur Schwäche war. Nicht aus Stärke stehen wir allein, ohne über ein anderes Wesen unsere Hand auszustrecken. Jetzt bin ich gebrochen und dennoch erstarkt. Sehnsucht tat es. Ich bin dein. Mache aus mir, was du willst!“

Unter seinem zitternden Geflüster zog sie sich weiter in den Sessel zurück, machte sich steif und drückte die Lider zu, als erleide sie Gewalt. Sein Kopf sank auf ihre Knie.

… Aufschreckend trennten sie sich. Er tat ein paar Schritte, blieb stehen und sah umher.

„Seltsam!“

„Ist nicht das Damals seltsamer?“ fragte Lola. „Damals, als wir uns trafen? Wie seltsam ist alles, was war! Die alten Bilder dort, bedenken Sie, waren Menschen, lebten und hatten eine Welt, die von uns nichts wußte. Und so wenig wußten wir, wußten die, die damals wir waren, von uns, von dem, was wir nun doch sind. Ist es zu glauben, wie blind, wie fremd [ 483 ]uns selbst wir waren? O! die unwissende, die grauenhaft kindische Vergangenheit.“

Aufatmend:

„Sagen Sie mir noch einmal, daß ich Sie nie verlieren werde!“

Er kam und nahm ihre Hand. Lange hielten sie ganz still.

„Jetzt müssen Sie gehen,“ sagte Lola, ohne sich zu bewegen.

Als er fort war, schloß sie die Augen. Ihre Hand fühlte noch immer seine. Sie lächelte furchtsam: „ist das möglich? war es wirklich?“ und wünschte sich, nie mehr die Lider zu heben.
 

„Haben Sie gewußt, wie es mit mir stehe?“ fragte Lola tags darauf. „Wußten Sie, daß ich Sie erwartete? O, ich wagte wohl nicht zu hoffen; — aber daß ich Sie doch erwartete?“

Er wehrte ab.

„So stark fühlte ich mich nicht. Ich nahm nicht an, daß mir über Sie noch Macht zustände. Ich glaubte mich von Ihnen verurteilt und unterwarf mich. Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich niemandem zumute, mich sehr lange zu ertragen? Schon längst ertrage ich selbst mich bloß noch, weil ich muß. Und ich verstehe nur schwer, wie andere sich nicht satt, in Jahrzehnten nicht satt bekommen, wie sie sich herumführen, sich immer wieder den Leuten anbieten, ihre seelischen Gebärden immer wieder abspielen mögen vor Menschen, [ 484 ]denen sie schon bekannt, von denen sie einmal durchschaut und erledigt sind. Was hatten Sie noch in mir zu entdecken?“

„Daß Sie mein sind,“ sagte Lola.

Er atmete auf.

„Ja. Daß ich nicht mehr mir gehöre: nicht mehr diesem nie abgelösten Tyrannen, den man endlich nicht ohne Empörung sehen kann. In Qual und Kampf hat man ihm gedient, mit dieser Kunst, die Verherrlichung ist des Ichs; — und nun, welche Erlösung wird man des Herren Herr. Er dankt ab; frei wählt man einen anderen. Man liebt.“

Von Scham verwirrt, sah sie zu Boden.

„Ich verdiene es nicht.“

„Aber Hoffnung?“ — und er lächelte erstaunt. „Hatten Sie mich nicht schwach gesehen? Und — andere so viel stärker?“

Sie sah, mit ihrem hastig bittenden Blick, daß er errötet war. „Wie ich ihn liebe für diese Scham!“

„Ich glaubte, Sie hätten nun bei anderen die Heimat gefunden, die Sie suchten. Ohne die sinnlose Dringlichkeit Guidaccis hätte ich Sie schwerlich wieder gesehen.“

Sie erschrak.

„Sie konnten glauben, ich sei hier zu Hause? Sehen Sie mich doch an: sitze ich nicht wie in der Halle eines Hotels? Sitze ich nicht auf meinem Koffer? Sie wußten doch, daß —“

Auch sie hielt jenen Namen zurück. [ 485 ]

„— diese anderen mir innerlich nichts zu geben hatten.“

Den Kopf gesenkt:

„Nichts als Schande.“

Und aufgerichtet, blaß vor Zorn über sich, vor Drang, zu offenbaren, sich preiszugeben:

„Sich bei Menschen, die nur das Betastbare, nur Körper kennen, zur Sklavin, zu einer Sache zu machen —!“

Sie sahen sich in die Augen; Arnold zuerst schlug sie nieder.

„Und in Nachteil zu kommen gegen alle,“ sagte Lola bitter, „weil alle weniger Gewissen haben. Mein Mann betrügt mich, aber kann ich’s ihm erwidern? Ich wußte voraus, was ich tat, mein Trieb zu ihm war nicht blind wie seiner zu mir. Was diese hier nicht bindet, mich bindet es. Und ich habe den Sinnen ein für alle Male das Ihre gewährt; ich verachte sie. Mir ist oftmals, als verachtete ich das Glück selbst; als wünschte ich mir auch von Ihnen nur Leiden.“

Er sagte mit wankender Stimme:

„Sie sind krank; könnte ich Sie heilen!“

Sie schwiegen. Ein Glockenton sprang munter herbei; barsch holte ein anderer ihn ein; und singend und drohend stürmten viele durcheinander. In den englischen Gruß hinein sprach Lola, leise und klar:

„Wir wissen beide, nicht wahr, daß wir uns nie gehören werden.“

Das Getümmel der Klänge lichtete sich; der letzte ging dröhnend unter. Beide bleich, saßen Lola und [ 486 ]Arnold, aus ihren Sesseln ein wenig vorgeneigt, in einer schneidenden Stille sich gegenüber.

Da, Lola zuckte leicht auf, stand im Türvorhang Pardi und sah ihnen zu. Er trat heraus, den Blick noch immer vom Spähen fest. Bei seinem Lächeln, sah Lola, hatte er die Zähne hart geschlossen; — und dann sagte er, als bedächte er’s nicht, und dennoch höhnisch:

„Ein alter Bekannter! Sie haben den Weg zu uns gefunden, mein Herr?“

„Und wie geht es meinem Freunde Gugigl? Ich bedaure noch immer, daß aus unserm Duell nichts geworden ist.“

Er lachte.

„Nächst ihm erinnere ich mich am liebsten eines schönen Mädchens im Dorf. Wie leicht man diese deutschen Weiber bekommt!“

Er klopfte Arnold aufs Knie.

„Sie müßten sehr ungeschickt sein, mein Lieber, wenn Sie jemals mit einer lange vergeblich beisammen säßen.“

Arnold stand auf; er verbeugte sich vor Lola, die starr dasaß.

„Sie gehen?“ fragte Pardi. „Ich begleite Sie. Ich erzähle Ihnen eine ganz frische Skandalgeschichte. Der Leichnam des Liebhabers ist noch warm: Sie sind grade rechtzeitig zu uns gekommen…“
 

Bei Arnolds nächstem Besuch trat Pardi laut und rasch dazwischen. [ 487 ]

„Hier sprach man von Napoleon? Ah! Napoleon, welch großer Mann!“ Und die Hand am Kragen, der ihm zu eng ward: „Wäre diese Zeit nicht so klein!“

Arnold sagte prüfend:

„Ich bewundere den Kaiser nicht. Viel eher den General Bonaparte, da er, ein strenger Befreier, durch entzückt erwachende Länder stürmte. Damals krönte ihn ein Ideal. Später, als verfetteter Schauspieler der eigenen Größe, hatte er nur mehr sich selbst. Das ist wenig, sei das Ich noch so groß. Man muß den Helden hinter sich haben und verstehen, daß er wichtig erst durch Liebe wird.“

Arnold saß sinnend. Pardi überflog ihn mißtrauisch; dann legte er sich, die Hände in den Taschen, im Stuhl hintüber und summte zur Decke. Lola fand Arnold beleidigt durch des anderen Haltung, durch seine Gedanken; sie fühlte sich schambeschwert, weil beide vor ihr beisammen waren. Sie wagte Arnold nicht anzusehen; der andere war die greifbare Mahnung ihres Unwertes. Und alles, was in Arnold entstand, war Liebe! Seine Worte hatten nicht sich und sie gemeint: und doch war jedes gefärbt von seinem Gefühl. Pardi spürte es heraus; er ahnte sich dunkel gefährdet, fand nichts, worauf er die Hand hätte fallen lassen dürfen, und rächte sich durch kindische Unart. Er fing von Leuten an, die Arnold nicht kannte, griff zu Angelegenheiten des Hauses und verlangte eine Rechnung zu sehen. Wie Arnold ging, tat Pardi erstaunt, als habe er ihn längst fort geglaubt. [ 488 ]

Mehrmals überwachte er ihr Zusammensein und zerstörte es. Lola vermutete, er habe Spione im Hause; sonst hätte er nicht so pünktlich da sein können. Sie sah ihn gähnen bei diesen Dingen, zu denen er keine Beziehungen hatte, sein Auge argwöhnisch aufschrecken, — und dann mischte er sich plump ein. Er wurde fast plump in seiner falschen Rolle. Lola rief ihn sich zurück, wie er gewesen war, als er ihr glänzend schien, fand ihn nicht wieder und bemitleidete ihn: wie man ein Tier bemitleidet, weil es nicht weiß, wahllos, ohne Widerstand gegen sich selbst ist, unter seinem Blute leidet und keine Seele hat. Aber helfen konnte sie ihm nicht, konnte ihn nicht lehren, daß er für das, was sein war, ihren Körper, nichts zu fürchten hatte. Sie wandte ihm ein kaltes Gesicht zu: er mußte dulden, denn sie war ihm treu. Und sie ließ ihn unterbrechen, das Gespräch an sich reißen, ohne daß ihr Ungeduld kam. Es war genug, daß dort, gleich vor ihren Knien, Arnold saß. Er wußte von ihr! Ohne nur mit dem Blick sich zu berühren, waren sie tief ineinander versenkt, — indes der andere sich abarbeitete, sie getrennt zu halten.

Eines Tages war er früher da als Arnold und verlangte, daß sie sich für ein Konzert fertig mache.

„Ich gehe nicht, ich erwarte Arnold.“

„Als ob das ein Grund wäre! Vielmehr ist’s einer, auszugehen. Seine Besuche fangen an, aufzufallen. Du tust, als könntest du dir das gar nicht denken.“

„Bist du nicht der Mann, eine falsche Meinung [ 489 ]zu beseitigen? So tapfer, und einer Meinung gegenüber feige? Denn du weißt, was ist, und daß ich ihn nur unter deinen Augen sehe.“

„Weiß ich’s?“

Sie trat heftig vor.

„Wage nicht, diese Sache zu verdächtigen! Er ist zu gut, als daß ich ihn —“

Sie maß den Mann. Sie hatte sagen wollen: „— als daß ich ihn dir zum Nachfolger geben möchte.“

„Du kannst das nicht verstehen,“ sagte sie kühl; „aber sei ruhig: du darfst es sein.“

„Ich werde euch zeigen, wie ich ruhig bin!“

Er keuchte; seine niedergestoßene Faust zitterte. Auf einmal spaltete und krümmte sich sein Mund, vor Wut leidend, wie das Maul einer pfauchenden Katze; den Augen entwich die Besinnung; alles zu lange Verhaltene brach aus den plötzlich zerrissenen Zügen.

„Ich werde so ruhig sein, daß ich euch beiden den Hals umdrehe!“

Er nahm vom Tisch eine Tonfigur, schloß die Faust, — und zu Boden rann Staub.

„Ah! Du hast geglaubt, das gehe mit mir? Sie hat es geglaubt! Ich bin dir nicht recht, du magst nicht mit mir schlafen: deine Sache, ich tröste mich. Aber wehe, nimmst du einen Liebhaber! Er ist einer; sage nicht, daß er’s nicht werden soll! O, ich weiß, du bist eine verlogene Fremde. Eine Frau meiner Rasse würde wohl mir, aber nicht sich selbst vorlügen, daß dieser nicht ihr Liebhaber werden soll. Wenigstens [ 490 ]wäre sie eine grade Dirne, und du bist eine krumme. Ich, ein Ehrenmann, verachte dich! Was nicht hindert, daß ich meinen guten Ruf verteidige und mit Euch beiden, treffe ich Euch das nächste Mal beisammen, ein Ende mache!“

Er war hinaus. Lola zitterte und wußte sich bleich. Er tötete sie und ihn! Sein Gesicht war furchtbar gewesen. Wie sollten sie ihm entgehen. Welche Worte konnten ihn beschwichtigen. Sie fühlte sich feige. Sterben? Jetzt, da Arnold gekommen war, sterben? Ihn nur wieder gefunden haben, um ihn und das Leben zu verlieren? „Ich kann nicht! Ich kann nicht ein Leben lassen, in dem er ist! Hin zu ihm! Fliehen!“

„Vergesse ich? Ich bin gebunden. Es wäre vergeblich, zu fliehen; ich würde nicht ertragen, feige gewesen zu sein und verraten zu haben. Und ich habe kein Recht, keins. Er, der uns töten will, hat Rechte: ich nicht. Es ist nicht genug, daß ich treu bin; ich darf ihm nicht den Verdacht auferlegen, ich sei schuldig. Nicht einmal fälschlich darf ich ihn entehren. Ich muß leben, wie die unreine Beschränktheit um mich her es will; denn ich habe mich ihr verkauft für Lüste; und ich darf Arnold nicht wiedersehen.“

Sie rang.

„Aber ich leide tödlich. Arnold wird mir nicht glauben, wird mich für falsch und wankelmütig halten und mich verachten. Ich selbst soll mich ihm verleumden? Das ist mehr, als jener von mir fordern darf. Ich nehme ihm einen Ruf, den er nicht verdient; er [ 491 ]aber nimmt mir das Leben, wenn er mir Arnold nimmt!“

Aber sie wußte, unerbittlich:

„Ich darf ihn nicht wiedersehen.“
 

Sie schrieb es ihm; — und unfähig, den Tag zu sehen, in den er nicht treten sollte, schluchzte sie in ihrem verdunkelten Zimmer. Angst, lebendig begraben zu sein, erstickte sie.

„Und ich hielt es für ein Glück, als er kam! Hierher führte das Glück! Wäre er nicht gekommen ich wäre gesunken, hätte vergessen und litte nicht mehr. Wäre er nicht gekommen!“

Claudia war da und ließ sich nicht abweisen. Sie sah hinter alle Türen; dann leise, und wichtig:

„Ich habe einen Brief.“

Lola stieg steif im Bett auf.

„Du scherzest? Tue es nicht!“

„Lolina! Kleine! Sieh her!“

Die Hand, die Lola hinstreckte, griff daneben; beim Lesen mußte sie die Zähne zusammenbeißen, damit sie nicht klapperten. Plötzlich ließ sie sich, aufseufzend, zurückfallen.

„Du lächelst wie ein kleines Mädchen,“ sagte Claudia. „Er liebt dich wohl sehr?“

„O, sehr.“

Die Augen geschlossen:

„Willst du mich für heute allein lassen, liebe Claudia? Ich bin von der Aufregung noch schwach.“ [ 492 ]

Er glaubte ihr! Er verstand, daß sie jenem andern gehorchen konnte und dennoch ihn lieben, nur ihn. Und er war bereit, sie zu lieben: von fern, ohne Hoffnung auf einen Druck, einen Blick, ohne noch in die Welt hinauszugehen, deren Bild er nicht in ihrem Auge auffangen durfte, — eingeschlossen für den Rest seines Lebens mit dem Gedanken an sie! Sie sollte, war auch sein Leib verschwunden, für immer mit seinem Worte leben. Schon hatte sein Wort ihr Licht und Atem zurückgegeben.

Seine Briefe zu holen, ging sie zu Claudia.

„Er schreibt und schreibt,“ sagte Claudia. „Was bleibt euch noch zu sprechen, wenn ihr euch seht?“

„Ich sagte dir doch, daß wir uns niemals sehen.“

„Aber seine Briefe kommen aus der Stadt!“

„Und doch sehen wir uns nie, nie. Wenn du seine Sprache verständest, könntest du’s in seinen Briefen lesen.“

Claudia ließ die Lippe fallen; sie sah aus, wie ein zurückgesetztes Kind. Plötzlich warf sie Lola die Arme um den Hals.

„Also, ich glaube es!“

Wenn sie das Vertrauen der Freundin nicht genießen sollte: sie fügte sich! Sie diente ihr dennoch! Das kam ihr zu, und Vertrauen war sie nicht wert, sie, die der Freundin den Gatten genommen hatte! Lola verstand; sie umarmte Claudia schweigend, wie ein unschuldiges Tier, das einen liebt, und dem man sich nicht erklären kann. [ 493 ]

„Es ist sehr gut,“ sagte Claudia, „daß du deine Briefe nicht bei dir aufbewahrst.“

„Da ich täglich meinen Schreibtisch durchsucht finde! Da Pardi sogar auf der Post nach Briefen fragt, die für mich lagern! Da meine Jungfer das Futter meiner Kleider auftrennt und ich mich nicht ausziehen kann ohne das Auge eines Spions am Schlüsselloch!“

„So sind sie,“ bestätigte Claudia; „so ist auch meiner. Und darum, Lola, sind deine Briefe auch bei mir nicht sicher. Mein Mann wird mich töten, ich weiß es. Sieh hier meinen Hals: das Rote, Geschwollene ist die Spur seiner Finger. Es war nur ein Verdacht, ich habe ihn noch besänftigt. Aber einmal wird er nicht wieder loslassen…“

Claudias Gesicht war von Schicksal steinern.

„Und wenn dann nicht er das Versteck mit deinen Briefen findet, finden’s die anderen, die nach solchem Unglücksfall in ein Haus kommen … Lolina, du mußt die Briefe verbrennen.“

Lola senkte klagend die Stirn.

Aber als das Opfer vollzogen war, ward ihr, inmitten des Schmerzes, fast heiter. Das letzte Sichtbare, den Fremden Greifbare war aufgelöst. In diesem täglich verbrannten Stück Papier, auf dem seine Hand gelegen hatte, ward täglich der Körper überwunden. Was blieb, war Geheimnis und Seele. Von einem Entrückten wußte Lola Worte, die seine Stimme nicht gesprochen hatte, und die kein Auge erspähen konnte. Wieder floß eine Geisterwelt lautlos durch [ 494 ]die wirkliche. Im Park der Cascine kreuzten sich die Wagen, immer dieselben, immer der Vitali, zwischen seine zwei Damen eingeklemmt, zwei im Vorüberjagen aufwehende, leichtfarbige Gebilde aus Federn und Spitzen; immer die reichgewordenen Ladenbesitzer mit ihren dicken Frauen auf ihren Karren und die jungen Leute auf den ihren, mit ihren Kokotten; immer in den stattlichsten Karrossen ein safrangelbes Gesicht, böse aus Pelz heraus. Und immer Lola, dunkel gegen den perlgrauen steilen Fonds, den leidenden Glanz des Blickes unbeteiligt vor sich hin, auf die Rücken ihrer schwarzen Livreen. Nie mischte ihr Blick sich in das Durcheinander der Fußgänger. Der eine, wußte sie, war nicht darunter. Unter alten Bäumen, in einem verlassenen Gartenhause am Ende des ödesten der bröckelnden Plätze dort überm Fluß: in einer Welt, zu der kein Steg führte, die Lola nie betreten würde und aus der sie dennoch ihren Atem herleitete, weilte er und wußte von ihr. Nun hinter seinen Bäumen die Sonne zerfloß, erblickte sie ihn auf seiner Schwelle. Sein Kopf, die breiten Schläfen vorgeneigt, sank tiefer in die Hand, die ihn hielt. Sein Körper erschlaffte: sein Blick schwamm am Boden. Aber da zitterte über der Spitze der Zypresse der erste Stern; blaue Pfade entlang tänzelten Mondfüße; — und er hob die Augen, und in weißem Mondlicht zeigten sie ihr Bild. Er sah in Lolas Gesicht und sagte: „Auch du? Leidest auch du?“ — „Ich leide; aber ich bin stolz darauf. Schreibe mir nicht mehr, du Lieber! Ich will dir nicht mehr schreiben; will nicht mehr die Hand auf [ 495 ]ein Stück Papier legen, das du küssen kannst, und deine Schriftzüge nicht mehr an Augen und Lippen führen. Es ist zu viel, es ist Sünde. War nicht reiner, unser würdiger, jener geisterhafte Sommer, als wir, die Seelen voll voneinander, uns sogar der Hoffnung auf ein Zeichen enthielten?“

Musik schreckte sie auf. Auf dem runden Platz hielten alle Wagen. Junge Leute traten an ihren Schlag.

„Contessa, man sieht Sie wenig. Wieder die Nerven? Sonderbar, daß Sie unser Klima nicht vertragen … Aber Sie wissen doch, daß Ihr Gatte dem Brocca hunderttausend Franken abgewonnen hat? Gestern nacht. Und dem alten Geizhals geschieht recht. Jetzt ist’s an ihm, die Taschen aufzuknöpfen. Vor kaum acht Tagen hat er Ihren Gatten wegen lumpiger Fünftausend auf offener Straße bedrängt. Er soll unhöfliche Ausdrücke gebraucht haben, — und Pardi sah die Damen Vitali kommen. Ein Glück, daß er Geistesgegenwart hat, Ihr Gatte. Wenn der Alte schrie: ,Das ist nicht ehrenhaft!‘ fragte Pardi: ,Sagten Sie ihm?‘ ,Spielschulden zahlt man oder man wird ausgestoßen.‘ ,Sagten Sie ihm?‘ So haben die Damen geglaubt, man spreche von einem dritten. Ah! Ihr Gatte, Contessa: der erste Herr von Florenz!“

Sie fingen an, ihr Winke zu geben. Solange sie Valdomini bevorzugt glaubten, hatten sie Pardi geschont. Jetzt, da wieder jeder sich Hoffnungen machte, gaben sie ihr zu verstehen, daß sie einen Liebhaber brauchen, ihn bald schon wegen ihrer Modistin und [ 496 ]ihres Blumenhändlers brauchen werde. Lola erfuhr von jedem Pachthof, den Pardi verkaufte. Sie ward darüber aufgeklärt, daß das Schloß San Gregorio, als sie den vorigen Sommer darin gewohnt habe, nicht mehr Eigentum ihres Mannes gewesen sei; er habe es ihr gemietet; — und sie mußte es glauben, wenn sie sich die Vorbereitungen zurückrief, die er damals nötig gehabt hatte. Sein Untergang kündigte sich ihr manchmal greifbar an. Eines Abends fehlte, als sie ihn bestellte, ihr Wagen. Er sei zerbrochen. Tags darauf erschien der junge Vitali und pries sich glücklich, ihr den Wagen zurückzubringen; Pardi habe ihn verloren und wiedergewonnen.

Ein Augenblick völligen Geldmangels. Aber wäre sein Spiel selbst immer glücklich gewesen: gleich hinter ihm stand die Sarrida und verlangte mehr. Man hatte dafür gesorgt, daß Lola auch sie sehe. Auf der Bühne der Alhambra, unter dem Licht tausend begehrlicher Augen wendete das götterähnliche Tier sein nur mit Juwelen bekleidetes Fleisch langsam hin und her, gab ihm alle Stellungen der Wollust, zeigte es Begierde dünstend, wie eine Himmlische, die zu den Männern der Erde herabsteigt, und Sattheit atmend, wie eine lagernde Kuh. Abseits saß Pardi; seine drohenden Augen beherrschten die Sarrida und den Saal. Diese Juwelen hatte er zu beschaffen, dies Fleisch zu bewachen. Lola hörte, daß er Duelle habe und Wucherern zufalle. Man sprach von seiner Prügelei mit einem Amerikaner, in der Wohnung der Sarrida. Lola war, sah sie ihn bleich von wütendem [ 497 ]Gram, versucht, an ihn hinzutreten und ihm zu sagen, sie wisse wohl, er liebe die Sarrida nicht mehr als jede andere: aber sein Ehrgeiz und seine Phantasie hielten ihn besessen, zwängen ihn, sich zu behaupten gegen Jüngere und Reichere, legten ihm wieder einmal ein sinnloses, verkommenes Heldentum auf. „Sei sicher,“ hätte sie gern gesagt, „von allen bin noch ich es, die dich am besten zu würdigen weiß.“ Von der Höhe ihres entfleischten, hoffnungslosen Leidens bemitleidete sie sein einfach sinnliches, das ein hoher Haufen Metall hätte stillen können. Sie verhandelte mit den Gläubigern, die hereindrängten, half an den lautesten Forderungen mit ihrem Gelde vorbei, suchte aus der Wildnis von Zetteln auf seinem Schreibtisch seine Lage zu verstehen.

Paolo schickte etwas; und sie betrat Pardis Arbeitszimmer, hob eine handvoll Papiere auf und mischte einige Banknoten darunter: er würde vielleicht glauben, sie hier vergessen zu haben. Da blieb ein Blatt ihr zwischen den Fingern, ein Brief — mit einer Schrift, die sie im Leben drei oder vier Mal gesehen hatte und doch in jedem Zuge kannte: Mais Schrift. Am Schluß die Adresse eines Hotels in Genua. Lola hatte von Mai seit ihrer Abreise nach Amerika keine Zeile bekommen; und was hatte sie Pardi zu schreiben gehabt? Die vierte Seite enthielt Danksagungen für ein empfangenes Glück. Für welches? Dann Lolas Namen.

„Sei gut mit ihr, so werde ich nicht bereuen, was ich für dich getan habe!“ [ 498 ]

„Und sie nennt ihn du?“

Lola wandte den Bogen; oben trug er: „Mein Geliebter!“

Alles in ihr stand still. Sie war vor sich selbst erschrocken, vor der, deren Geist die beiden Worte wiederholt hatte. Zögernd weiter: — sie warf den Brief hin und sagte laut:

„Er war ihr Geliebter.“

Sie fiel auf einen Stuhl und hielt sich die Ohren zu.

„Ich will es nicht glauben! Es ist nicht wahr; ich bin krankhaft mißtrauisch!“

Aber da lag der Brief. Mai schwur ihrem Geliebten, daß von diesem einzigen, so kurzen Glück den ganzen Rest ihres Lebens ihr Herz sich nähren sollte. Und plötzlich warf Lola die Arme in die Luft, haltlos, zwischen Abgründen, mit einem Schauder vor dem Schicksal, das stumm gewesen war und auf einmal mit verfaultem Atem ein scheußliches Wort ausstieß.

„Sie hat mich verkauft: schlimmer, sie hat mich mit in den Kauf gegeben, bei dem sie ihn bekam! Er wollte uns beide! Ich wußte das und war so blind? Immer noch gibt es Schleier wegzuziehen? Mein Gott! was wird noch kommen … Bin ich denn ganz anders als alle? Auf den Gedanken, der der erste jeder Frau wäre, verfalle ich nie … Und sie hat mir, nun sehe ich’s, den Verdacht fast aufgedrängt: gleich vor meiner Hochzeit, als sie ein letztes Mal um ihn kämpfte. Wie hat sie mich gehaßt! Als sie verlangte, ich solle ihn lassen! Natürlich: ihren Geliebten! Eine Mutter ist das, eine Mutter!“ [ 499 ]

Neuaufwallend:

„Und ich hätte ihn ihr lassen können! Ein Wort von ihr, und alles war unnötig, alles seither Erlittene! Das Glück wäre möglich gewesen. Ja, ganz frei lag es da!“

Sie drückte die Fäuste vor die Augen und schluchzte aus Zorn.

„Ich wäre entronnen. Ein kurzer, verächtlicher Schmerz, und es war hinter mir. Alles Elend umsonst, eine gräßliche Posse. Da: sie dankt ihm auch dafür, daß er sie auf ihrer Bootfahrt geliebt hat, obwohl sie so krank war. Man liebt und erbricht sich, durcheinander. Um solches Lebens willen sitze ich hier.“

Wild sprang sie auf.

„Nein! Nicht länger. Zu lange war ich schwach. Auch ich will endlich rücksichtslos glücklich sein. Dahinten ist Arnold, den ich liebe. Ich weiß das Haus und den Weg, kenne sein Herz und meins, — und was dazwischen stand, ist alles gesprengt. Ich erkenne nichts mehr an, will nichts mehr wissen. Ich gehöre wieder mir und gebe mich ihm. Ich will zu ihm!“
 

Der Weg war weit; sie schwankte vor Erschöpfung und dachte doch nicht daran, in einen der vorüberfahrenden Wagen zu steigen. Die Häuserreihen ringelten sich fahl dahin im erlöschenden Blau. Alles hastete bestürzt durcheinander, und man kam nicht weiter, wie in einem Traum. Die Welt war in Verwirrung und suchte einen Retter. „Zu ihm, der handeln wird, [ 500 ]handeln und mich retten wird!“ Sie erkannte die Straßen nicht wieder, fragte einen Menschen — sein Gesicht deuchte ihr unheilvoll — und hörte sich sprechen, wie eine andere. „Ich bin krank,“ dachte sie deutlich; „ich weiß es wohl. Aber was kommt darauf an. Vorwärts!“

Über der Mauer schwebten Baumkronen: die Kronen seiner Bäume. Das Tor erwartete sie, unverschlossen. Er saß dorthinten, vor der Schwelle seines niedrigen Hauses, die Schläfe in der Hand, zu Boden sinnend. Dies alles gab es nicht nur in ihren Gesichten? Die Sonne schmolz hinter jenen Zypressen, wie in alten, süßen Erinnerungen. In Lolas Kopf klopfte es wirr und heiß. Bemooste Gartengötter streiften sie, den Gang entlang, mit schiefen Blicken „Seht nur zu!“ — und sie schlug den Mantel zurück, als würfe sie alles von sich und böte sich ihm. Der Kies spritzte von ihren gehetzten Füßen. Arnold sah auf, bewegte eine ungläubige Hand und erstarrte. Sie lag vor ihm.

„Es ist aus. Wir sind frei. Ich bin dein. O ja, nimm mich nur in deine Arme, frage mich nur! Du sollst alles wissen, du bist der, den ich habe. Einen Menschen muß man doch haben, einen. Ich war immer allein. Ich weiß noch, wie mein Vater mich in dem fremden Garten zurückließ. Keinen verstand ich. Nie habe ich eine Sprache ganz erlernt. Die Mädchen dort beschimpften mich einst, weil ich nirgends hingehörte. Als ich groß war, hielt man mich für eine Abenteurerin. Und behandelte mich wie eine. [ 501 ]Fremde in allen Ländern, Feinde. Weißt du, daß sie hier mich kaufen wollen, mich zu ihrer Dirne machen wollen? Kein Volk, dem ich zugehöre, keine Sprache, die mich ganz ausdrückt, — und kein Mensch, an dessen Herzen ich daheim bin? Du! O, du!“

„Meine Lola. Meine liebe kleine Lola.“

„Sag mir das! Sag es mir oft. Ich habe es so lange entbehrt. Ich bin schlimm daran. Du weißt nicht: hier ist’s so still, aber draußen geht alles drunter und drüber. Du mußt mich retten.“

„Meine arme Lola, du fieberst.“

„Es ist möglich, ich verliere den Kopf. Aber bedenke, was sie mir getan haben, und daß meine Mutter seine Geliebte war. Ja: seine, meines Mannes. Ist das nicht mehr, als alles was ich zu tragen verpflichtet war. Soll ich so viel Buße zahlen? O! ich ersticke. Es soll endlich aus sein. Hörst du? ich will, daß es aus sei!“

„Gib mir deine Hände, lege den Kopf hierher, an meine Schulter. Halte still, höre zu. Ich habe dich so lieb, daß ich wollte, an deinem Leid stürben wir augenblicklich, alle beide. Wir sind arm, und ich denke schon längst an den Tod mit dir, als an das Beste. Vielleicht, daß wir nachher uns haben würden?“

„Sterben? Ja, mag sein, daß es das war, was ich wollte. Ich wußte nicht … Gib vorher deinen Mund!“

… da schrak sie aus der Umarmung.

„Nein! Nicht das. Ich kann es nicht.“

„Wenn du mich liebst? Ich weiß nicht, wie es kam, — aber liebst du mich dafür denn nicht genug?“ [ 502 ]

„Sei nicht traurig! Ich schwöre dir —“

„Du liebst mich also nicht genug. Ich wußte es.“

Ganz voneinander gelöst, standen sie da. Lola führte die Hand zwischen die Augen. „Warum kann ich es nicht? Warum bereue ich fast, daß ich ihn liebe? Was erwartete ich denn anderes von ihm! Sollte er mich fortreißen aus den Feinden und um sich schlagen? Heldentaten? — ich bin kindisch. Ein Held ist der andere, ich kenne den Helden. Dieser ist ein Mensch — und zu fein, zu sehr mir gleich, um es mit dem Leben aufzunehmen, das lügt und vergewaltigt. Bei ihm ruhen. Nur ruhen. Den Hals nicht wenden; nicht zurückdenken.“

„Kannst du mich nicht so lieben? So? Ohne das andere?“

Und sie lehnte sich an ihn, ohne die Arme zu erheben.

„Ich werde trotzdem nur dir gehören. Wir werden uns immer sehen, ich verspreche es dir. Gern will ich mein Leben wagen, für wenige Minuten mit dir! Aber das andere — siehst du, wir könnens nicht. Auch dir wäre gleich wieder eingefallen, daß wir’s nicht können. Lügen und betrügen: wir! Lieber das Schlimmste erleiden. Im Grunde, was ist geschehen. Er und meine Mutter sind wie alle. Auch das hab’ ich verschuldet und muß es tragen. Warum verlor ich mich? … Siehst du, nun senkst du die Stirn und siehst wieder alles ein. Du bist gut, du bist mein Trost. Alle Not will ich vergessen, wenn ich bei dir bin. Versprichst du, daß dir das genügen wird?“ [ 503 ]

Er hob ihre Hand an seine Lippen. Sie standen lange im Dunkeln. Mehrmals, nach verträumten Pausen, fragte Lola:

„Wirst du mich immer lieben?“

Und er hob ihre Hand an seine Lippen.

Ganz erwachend, unter einem Seufzer, sagte sie:

„Ja, es ist schön. Aber —“

Mit einer kleinen gefrorenen Stimme, an deren Decke ein leiser Spott pochte:

„— wir werden uns nie gehören!“
 
[ 504 ]

IV

 

Sehr früh war Claudia bei ihr.

„Schon in vollem Anzug und unterwegs?“ fragte Lola. Es sei solch schöner Morgen, sie habe ihr Veilchen bringen wollen; — aber Claudia schien besorgt. Endlich, ganz leise, erschloß sie sich. Im Vorbeigehen habe sie Pardis Zimmer weitoffen gesehen. Die Schiebfächer seien herausgezogen. Vieles liege am Boden, wie nach einer Abreise. Lola war erstaunt.

„Vielleicht ist er wirklich fort?“ fragte Claudia, und ihr Blick bat um Nachsicht.

„Wir stehen uns grade sehr schlecht, er und ich: drum hat er mir wohl nichts gesagt. Solltest du nicht mehr wissen als ich, Claudia?“

Claudia errötete. Allerdings hatte sie den aufräumenden Diener gefragt. Er konnte keine Auskunft geben, — das heißt, ja —. Ihr Mund zuckte. „Er ist fort. Und ich wußte es schon! Mit der Sarrida ist er fort.“

Lola dachte: „Welch Glück!“

Claudia sprach starr weiter. Er begleitete die Sarrida und hatte acht Fechter mit, acht Händelsucher [ 505 ]wie er selbst, um der Sarrida Erfolg zu erzwingen. Denn die eintönige Ausstellung ihres Fleisches langweilte vom dritten Abend ab.

Befremdet fühlte Lola eine Regung von Eifersucht: o, nicht auf Pardis Liebe, aber vielleicht auf die acht Fechter, mit denen er seine Geliebte beschützte? Hier ward gehandelt. Man schickte sich nicht in etwas, das bestimmt schien; man verzichtete nicht: man handelte.

„Woran denkst du?“ fragte Claudia.

„Daß wir dann nach Monte Turno könnten: du, Arnold, ich. Da du schon unterwegs bist: willst du mit Guidacci sprechen?“

Mittags trafen sich alle bei der Trambahn nach Prato. Der kleine Priester frohlockte; er faßte das schöne Wetter als persönlichen Erfolg auf.

„Jetzt werden Sie mein Landhäuschen sehen!“ wiederholte er.

Dem groben, schwermütigen Gesicht Pierinas standen die Veilchen. Lola steckte sie ihr an; Arnold hatte welche für Claudia. Alle lachten aufgeregt durcheinander, man wußte nicht warum: weil es in den Frühling hinausging, weil die Frauen bunte Schleier und Blumen trugen, weil man sich abenteuerlich frei fühlte, in der schmutzigen, lärmenden kleinen Dampfbahn durch das weite, sonnig durchwogte Land hin. Es war braun; die Glockentürme mit dem Umriß alter Zeiten, alten seltsamen Menschensinnes, sanken grau darin ein; rosig und weiß überspülten es Obstblüten; und der Himmel öffnete sich immer weiter, immer mächtiger, bereit, einen Hineinstarrenden zu verschlingen. [ 506 ]

Lola stand allein auf der Plattform und sah in den Himmel. Arnold trat neben sie. Nach einer Weile zeigte sie ihm die Pappeln, die zurückblieben.

„Wie sie fein und durchblaut sind! Hören Sie’s nicht, als ob sie sängen? … Auf der Großen Insel, bei meinen Großeltern waren welche. Es ist mein Lieblingsbaum.“

Guidacci kam heraus. Sie sprachen beide so herzlich zu ihm, daß er sie ganz beglückt ansah.

Es ward heiß. An den Halteplätzen holten Arnold und Guidacci Erfrischungen unter den Zeltdächern der Cafés hervor, aus den schwarzgelben Reihen der Bauern mit kühn zerdrückten Hüten. Die Kutscher burlesker Landwagen spaßten und knallten. Wild schnaubend riß einen die Lokomotive — noch warf ein Mädchen eine Rose nach — aus dem sonnigen kleinen Haufen Leben.

Und man bestaunte in Prato, wie ein Kind, die Kanzel am Dom, mit dem geheimen Wunsch, da hinaufzuklettern, zu spielen. Und man atmete, im Stellwagen, die Luft vom Gebirge, erstieg Hügel, die sich, weinlaubüberzogen, um helle Häuser schmiegten, verlor sich in Laub, Quellenfrische, Duft verjüngter Erde … Das letzte Stück Weges ging’s steil. Guidacci lief es, die Soutane gerafft, zu Fuß hinauf. Wie sie oben abstiegen, sprang aus einer Pforte ein gelbes, mageres Männchen in einer Pumphose, fuchtelnd aus seiner zu weiten Jacke. Man bewunderte den Priester; Claudia tat es nicht ohne Bedenken. Er wollte ihnen seinen Garten zeigen; nein, das Haus; nein, vor allem sollten [ 507 ]sie seinen Wein kosten: er wußte selbst nicht, was er am wenigsten erwarten konnte. Und er erklärte, daß er in zwei Jahren, vielleicht in einem, sich hierher zurückziehen, seine Rosen pflegen und seinen Wein keltern wolle. Er sagte es stolz, als vermesse er sich einer Heldentat.

„Das Alleinsein fürchte ich nicht,“ — und er tat, mit gespreizten Fingern, einen entschlossenen Streich durch die Luft. „Übrigens habe ich hier meinen alten Lehrer. Sie müssen ihn sehen.“

Er führte sie um das Dorf und durch den verwilderten Pfarrgarten in die Sakristei der Kirche. Ein großer, gebückter Greis empfing sie. Das Chorhemd, das er eben ablegen wollte, ließ er auf die Schultern zurückgleiten, lud mit einer weichen Bewegung die Damen in das altersschwarze Wandgestühl und begann sogleich, als habe er sie erwartet, mit ihrer Unterhaltung.

„Hier vernehmen Sie mehr, als in Guidaccis Hause, vom Geräusch unseres Festes.“

Ein Schuß, der Schrei eines Verkäufers drangen über den stillen Garten her.

„Es ist das jährliche Fest unseres Heiligen. Ich will Ihnen seine Geschichte erzählen.“

Er rief hinaus nach der Magd, die süßen Wein brachte. Guidacci verhieß eifersüchtig, sein eigener Vino Santo, den er ihnen vorsetzen werde, sei besser. O, der Alte höre nicht!

Der alte Priester erzählte, auf seine Knie gestützt, Sachlichkeit und Ruhe im langen, blutleeren Gesicht, [ 508 ]seine Wunderlegende. Claudias Augen, sah Lola, erweiterte leidenschaftliche Sehnsucht. Die kleine Pierina sah mit schwermütigem Spott von einem zum anderen. Guidacci, unfähig, stillzuhalten, sagte zu Lola:

„Wie frisch er ist, nicht? Und er wird achtzig. Aber er hat auch seit fünfzig Jahren dies Dorf nicht verlassen.“

Lola traf die Augen Arnolds. Im Drang, wohlzutun, glücklich zu machen, antwortete sie Guidacci:

„Sie werden denselben Frieden finden: ich glaube es.“

Und sie betrachtete die dunkeln Möbel: wie viele Hände, die nacheinander gelebt und daran hingetastet hatten, mochten diese Ecken abgerundet haben! Die Türfüllung war ausgebuchtet, wie von den hundert Rücken vergangener Priester, die sich plaudernd hineingelehnt hatten. Der Frühlingswind eilte nur wie ein fremder junger Gast durch den alten Raum, unvermischt mit seiner eigenen Luft, dem stillen Greisenatem der Wände, der schwarzen Bilder, der Stoffe, die mit verjährtem Weihrauch gesättigt, auf den Schultern des Achtzigjährigen und in den leisen Schränken ruhten.

„Wir aber dürfen hinaus,“ dachte Lola: „er und ich! Wie weit und hell es dahinten ist!“

Schon im Garten, sahen sie drinnen den Alten die kleine Pierina an der Hand halten. Er berührte ihr Ohr und seins.

„Nicht undankbar sein,“ sagte er. „Das ist ein Glück. Wir beide hören nichts Böses, und fern davon, [ 509 ]uns in uns selbst zu verschließen, wollen wir den Menschen viel Gutes sagen.“

Pierina kam mit betretener Miene heraus. Lola nahm sie zwischen sich und Arnold, und plötzlich fand sie ihr eine Menge zu sagen, fühlte sich bei einer Freundin, die Zeugin ihrer glücklichsten Augenblicke gewesen war und der sie sie dankte, wie Geschenke. Das Mädchen erhellte sich, vergaß zu beobachten, plauderte … Aber Lola bemerkte Claudias gequältes Gesicht. Sie zog sie fort.

„O, wenn ich jenem alten Priester beichten könnte!“ sagte Claudia; und Lola:

„Beichte mir!“

Claudia erhob große, schuldige Augen zu ihr.

„Dir möchte ich zu Füßen fallen, Lolina,“ sagte sie, leise und wild. „Wie! ich habe dir deinen Mann genommen: ich zuerst, — und du magst mich noch ansehen, ohne mir ins Gesicht zu schlagen? Du hörst meine Stimme und erwürgst mich nicht? Ich begreife dich nicht, aber ich will dich lieben wie ein Hund!“

„Du hast mir nichts genommen, arme Claudia. Er machte mich nicht glücklich: er zog mich in Schmutz. Daß ich ihn, der mich mit allen betrügt, einst geliebt habe, demütigt mich.“

„Demütigen! Schmutz! Weißt du, daß ich im Straßenkot, zwischen den Rädern aller Familien von Florenz, ihm nachkriechen würde? Er soll mir zurückkehren von der Sarrida; von der letzten Dirne soll er mir zurückkehren! Weniger als das, er soll mich zu ihr rufen, an ihr Bett: hier bin ich! Demütigen? [ 510 ]Ich werde um ihn in Schande kommen, ganz tief, und für ihn sterben: hast du neulich im Palazzo Pozzi die Blicke meines Mannes gesehen? — werde für ihn sterben, und das macht mich stolz. O! ich weiß alles voraus; ich habe meine Zukunft da —“

Mit ihrer kleinen behandschuhten Hand schlug sie sich auf die Spitzen vor der Brust, auf den Leib…

„— und da und da: überall wo Blut fließt! Weißt du das nicht? Dann weißt du wenig von Liebe!“

Sie schüttelte den Kopf, daß an ihrem Hut die Straußenfeder aufflog. Plötzlich lachte sie laut Guidacci entgegen, ergriff Pierina am Arm und lief mit den Geschwistern die Straße hinab. Arnold und Lola stießen zueinander und folgten, langsam und allein.

„Was ist Ihnen?“ fragte er. „Sie sehen erschreckt aus.“

„Haben Sie nicht gehört, was sie sagte? … Lassen wir’s! Das ist das eine Schicksal, — und das andere gehört dem Alten in seiner Sakristei. Mit uns aber ist’s nun so geworden, daß wir diese schöne Waldstraße dahingehen und uns haben. Du darfst meine Hand nehmen. Stelle dir vor, daß wir nie aufhören, zu wandern. Hat dich schon einmal eine Ebene so verlockt, wie die dort, worin wir Pistoja sehen? Vor dem Tor ist ein Garten: immer, wenn ich vorbeifuhr, dachte ich an dich.“

„Bei vielen Dingen dachte ich an dich, — und noch immer glaub’ ich’s nicht, daß ich nun dich selbst sehe. Werden wir uns immer lieben?“ [ 511 ]

„Wenn du zweifeln kannst, liebst du mich nicht.“

„Ich liebe dich so sehr, daß ich für immer auf dich verzichtet habe. Keine Schwäche soll mich mehr überraschen.“

„Sie war meine Schuld. Ich klage mich an! Als ich gestern zu dir lief, wollte ich mich rächen; ich nahm, was ich nun erfahren hatte, zum Vorwand, mich loszureißen. Aber der Vorwand war schlecht, und die Rache war schlecht. Sie hätte uns beide entwürdigt. Ist unsere Liebe nicht weit fort von allem?“

Sie standen und sahen, die Finger lose verschränkt, ins Tal.

„Ich glaube,“ sagte Arnold langsam, „daß deine Mutter sehr gelitten hat.“

Lola wendete ihm ein verklärtes Lächeln zu.

„O! du mußt mich wohl lieben, — da du so tief blickst.“

„Sie erscheint mir, wenn ich sie mir zurückrufe, als armes, unwissendes kleines Wesen, gelockert und nicht befreit, ein ratloses, entflogenes Vögelchen.“

„War sie nicht eigentlich achtbar, daß sie erst dann unterlag, als sie es dringlich fand, mich zu verheiraten? Er hätte mich anders nicht genommen: er wollte uns beide … Liebte sie ihn? Aber um meinetwillen gab sie sich ihm! Um seinet- und um meinetwillen hat sie einem anderen, der es schon hatte, ihr Wort zurückgenommen und ist allein fortgezogen in Langeweile und Gefangenschaft. Denn nun ist sie wieder im Käfig; mein Bruder Paolo hält ihn jetzt so gut verschlossen, wie früher Pai. Und sie sieht sich [ 512 ]ungenützt altern. Was ich für Verrat hielt, war Opfer!“

„Muß man sich dir nicht opfern? Muß nicht deine Mutter gut sein?“

„Wie viele Augenblicke mit ihr kehren mir nun wieder, wie viele ihrer Worte! Gestern kamen nur die, in denen sie mich haßte. Heute höre ich sie, wenn ihr Kampf sich zum guten wendete. Ich möchte sie um Verzeihung bitten für meine Kälte! Das Schicksal der anderen kommt mir so oft nicht nahe genug. Ich muß besser werden.“

Arnold wiederholte:

„Wir müssen besser werden.“

Sie hörten die andern zurückkommen und sahen sie nicht: geblendet von der Abendsonne, in die sie so tief ihre Blicke geschickt hatten.

Man ging ins Haus. Das kleine Zimmer, wo sie sich zwischen leeren Mauern an den gedeckten Tisch setzten, schien Lola das gastlichste, das sie je aufgenommen hatte. Claudia, Guidacci, Pierina: Jedem hörte sie mit Entzücken zu. „Im Grunde wußte ich’s immer,“ dachte sie, „daß jeder Mensch sein Interessantes und seine Schönheit hat, und daß ich einmal lernen werde, es zu finden. Jetzt kann ich’s. Alle Menschen würde ich verstehen und lieben.“ Dennoch pries sie sich glücklich, grade mit diesen zu sein. Ihr Wohlwollen strahlte ihr aus aller Augen zurück, ihr Glück machte alle fröhlich. Manchmal, rasch den Kopf gewendet, ein neckendes Wort zu Arnold; — und in jedem Ja und Nein jubelte es und sie fühlte es jubeln: [ 513 ]„Ich bin nicht mehr allein!“ Guidacci hatte neben sie Arnold gesetzt: als er seine Ansichtskarten hervorholte, machte Pierina, daß Arnolds Name zusammenkam mit Lolas; und beim Fortgehen, dem Wagen entgegen, ließ Claudia sie allein.

„Wie ich dich liebe!“ sagte Arnold und stützte sie. „Jetzt im Dunkeln zieht sich der ganze Geist zusammen auf den einen Gedanken. Man weiß erst jetzt; man begreift erst jetzt.“

„Wie ich dich liebe!“ sagte Lola. „Ich denke mich in eine Stunde des Elends und der Einsamkeit zurück und sehe von dort aus uns beide, jetzt im Dunkeln, und staune.“
 

Am Morgen kam, durch Vermittelung Claudias, ein Brief von ihm.

„Noch lange war ich auf; es regnete; ich ging unter den tropfenden Bäumen meines Gartens und war glücklich, zu atmen. Sonst, wenn ich in Regennächten allein saß, in mich selbst verbannt, ohne Ausweg aus mir, fühlte ich oft die Welt zu Schatten werden und fürchtete mich, wie vor dem Erlöschen einer Flamme, die kein Stoff mehr nährt, vor dem Einschlafen meines vereinsamten Geistes. Wie gut ist’s jetzt! Nicht mehr an einem Fleck festzusitzen, wie eine Spinne immer nur im eigenen Netz. Sich hinwegdenken zu dürfen über Räume, an einen Ort, wo man liebt und geliebt wird, also wichtiger ist und höher lebt, als hier am Aufenthalte des Körpers!“ [ 514 ]

… „Ich habe noch keiner geglaubt, die mich halten wollte. Ich traute meinem Gesicht nicht zu, es könne geliebt werden, und der Frau nicht, sie durchschaue und verstehe es. Du erst hast das dichterische Auge der höchsten Frauen, die nach dem Bilde der Seele, die sie geschaut haben, ein Gesicht erkennen und es lieben können, weil es die Form dieser Seele ist. Ihr seid wenige, — aber welcher Mann vermöchte dies? Wer kann von dem, was seinen Sinnen genehm ist, absehen, einer Seele zuliebe?“

… „Haben wir uns aber in jedem Augenblick lieb genug gehabt, gestern, in jedem? Sobald ich dich nicht mehr sehe, fallen mir versäumte Minuten aufs Herz, zerstreute, matte. Das Glück müßte fortwährend neu die Augen aufschlagen. Das Leben ist ungewiß, und es vergeht. Dich lieben!“

Lola hatte ihm vieles zu antworten.

„Ich habe selbst als junges Kind nie ganz im Ernst an einen Gott geglaubt und später die Frage nach ihm immer nur für zweiten Ranges gehalten. Ich sah, und ich erlebte in mir, die himmlische Liebe diene allzu sehr als Entschuldigung dafür, daß wir uns auf Erden nicht lieb genug haben … Auch hatte ich nie ein Vaterland. Du und ich: wir sind allein. Das legt uns vielleicht die Bestimmung auf, uns der Menschheit zu erinnern, die über den Vaterländern vergessen wird?“

„Seit gestern verzehrt es mich, die Güte zu äußern, zu der ich nun gekommen bin. Durch eine Tat, das Opfer seiner selbst alle umarmen zu können! [ 515 ]Aber ich weiß keinen Weg zu ihnen; ich schäme mich, ihnen Dankbarkeit aufzuerlegen, mich an sie zu drängen. Was soll ich tun? Meine Allliebe vereinigen auf einen. Dich lieben!“

„Du wirst es mir nicht vergelten können. So viele Wesen hast du zu lieben, die du schaffst, um die du Sorge trägst, denen du von deiner Seele gibst. Ich bin eifersüchtig. Du darfst nicht müde sein, weißt du, wenn du zu mir kommst!“

Und Arnold:

„Du irrst: ich habe geschrieben, um mich leben zu fühlen. Aber lebe ich jetzt nicht durch dich? Ich habe geschrieben, um groß zu werden: aber welche Macht hätte ich nicht von dir! Einem Dichter erschließt Liebe alle Schicksale. Früher trieb starre Herrschsucht die Welt durch meine Visionen. Jetzt ist, was sie in Bewegung setzt, Liebe. Das große Getriebe meiner Gesichte hat einen innigeren Gang. Plötzlich steht alles still: steht und neigt sich vor dir.“

Nach diesen Sätzen öffnete Lola, zum erstenmal seit zwei Jahren, das Klavier, stellte ihre alten Lieder darauf und sang. Saß die Stimme nicht mehr am Fleck? War sie schwächer geworden? Fehlte ihr der frühere Glanz? Lola hörte eins nur sicher: daß ein Klang darin war, der ihm gefallen mußte, weil er ihr von ihm kam; ein Klang, der ihr betäubend aus der Brust quoll, daß sie die Augen schloß; ein Klang, mit dem sie nicht allein bleiben konnte, den sie ihm bringen mußte.

Sie eilte hin; er war nicht zu Hause; aber sie [ 516 ]ließ es sich öffnen, setzte sich in seinen Stuhl, schlug sein Buch an der Stelle auf, wo er es verlassen hatte, stützte den Kopf, führte ihr entzücktes Lächeln über die Wände, in den Garten und dachte sich daheim. Dann fand sie das Klavier und sang. Auf einmal kam ihr Kraft. Woher? wenn nicht er hinter ihr stand. Auf diesen Tönen stieg sie über sich hinaus … Als sie sich wiederfand, hielt sie ihn in den Armen.

„Wie ist es gekommen? Mir war schwindlich; ich muß mich setzen … Aber du hast geweint?“

„Nie hast du so gesungen. Du bist eine große Künstlerin geworden.“

„Nein; aber ich liebe dich!“

„Weißt du noch deine ehrgeizigen Träume? Jetzt könntest du dich berühmt machen.“

„Nur einer soll mich hören. Wir lieben uns. Was könnte unsere Kunst anderes sein als unsere Verklärung.“

„Ich wußte, daß du kommen würdest! Wie lange, lange haben wir uns nicht gesehen!“

„Endlos lange. Warte: einen Tag erst?“

„Und warum?“ fragte er. „Warum haben wir gestern versäumt?“

„Versäumt? Findest du? Hatten wir nicht genug Glück für einen Tag? Ich war voll davon; es stieg mir jeden Augenblick blendend in Stirn und Augen. Vielleicht mußte ich allein sein? Du hättest mich getötet.“

Sie schwiegen, hielten sich umschlungen und atmeten kaum. Plötzlich: [ 517 ]

„Aber jetzt haben wir uns wieder, haben uns, und die Sonne scheint, und wir können gehen, wohin wir mögen!“

Sie staunten heimlich, daß Pardi nicht zurückkomme; daß keiner von ihnen erkranke; daß der Himmel ihnen das Glück noch lasse.

Jeder allein, fuhren sie bis vor die Stadt, trafen zusammen und erstiegen die alte Straße nach Fiesole.

„Wie leicht sich’s steigt! Wie merkwürdig hell der Kopf sich anfühlt! Ich war lange nicht so.“

„Ich habe lange nicht diese Blütenfarbe gesehen. Sah ich sie je? … Die immergrünen Eichen schieben solche hohen, schimmernden Dächer über unsern Weg; hinter dem Gitter — o, wie neu es drinnen duftet! — geht der Laubgang so groß gewölbt zu Dornröschens Schloß; Rosen, ja Rosen schlagen um die Halle: wo sah ich das alles? Vielleicht als Kind? Wenn ich in die Ferne sann?“

„Vielleicht sind wir wieder sehr jung?“

„Nun sieh hinab! Aus dem Dunst der Stadt hebt sich kaum noch die Kuppel. Wir sind darüber und allein.“

Sie richteten sich auf und faßten sich bei den Händen. Welt und Sinne sollten sie nicht hinabziehen; sie gingen hoch durch reine Luft. Stolz lächelten sie sich zu. Ein Vergnügen trug sie, über die Triebe aller erhöht zu sein, ein künstlerhafter Genuß ihrer Keuschheit.

Auf der Terrasse des Hotels Aurora mischten sie sich unter die Fremden, traten, wie jene, in den Dom [ 518 ]und besuchten die Ruinen. Unter einem Baum, vor einem Bauernhause, vergaßen sie die Stunde und brachen erst auf, als aus dem erbleichten Blau leise ein erster Stern hervorbebte. Sie fuhren hinab durch Nachtwind, mit Angst in der Kehle, weil dort im Himmel schon die weite Pinie lag, bei der Arnold aussteigen sollte.

„Bald wieder! Morgen: warum nicht morgen!“

Sie verweilten in Landwirtshäusern und Klostergärten. Sie erfanden, wenn es regnete, Verstecke in der Stadt: den Hof eines entlegenen Hauses, eine unbesuchte kleine Kirche. Und sie machten, da es schön ward, den einsamen Weg von Settignano nach Fiesole, mit dem rauhen Profil jenes Schlosses, den Tälern ohne Herden und, auf der Lohe des Sonnenunterganges, dem schwarz verkohlenden Walde. Die Kräuter, in denen sie geruht hatten, dufteten noch aus ihren Händen. Sie sagten sich, es sei schade, daß dieser Duft verfliegen solle; und sie hielten dabei einer des andern Schulter umfaßt, vor der Wendung in die Dorfgasse, in der äußersten Minute ihres Alleinseins. Lola konnte Arnolds Augen nicht loslassen.

„Daß ich mich jeden Abend von dir trennen muß! Du weißt nicht, welche Angst ich davor habe, schon stundenlang vorher, und wie ich mich des Nachts nach dir sehne! Könnten wir immer beisammen sein! Uns nie trennen! Sich trennen ist furchtbar! Du fühlst es nicht wie ich. O! du liebst mich nicht, wie ich dich. Sehnst du dich nach mir?“

Sie gingen ein Stück Weges zurück, damit er es [ 519 ]ihr beteuern konnte. Sie überlegten das Wagnis, aufs Land zu fahren, einige Tage sich ganz zu haben, sich keine Minute zu lassen.

„Keine Minute! Ich werde keine verlieren, ich werde nicht schlafen!“

Sie besprachen es täglich, nannten immer neue Winkel im Lande, die sie verbergen konnten, berieten über die Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu werden. Lolas Jungfer mußte wohl an Pardi berichten; er hatte geschrieben und Andeutungen gemacht, als ob er etwas wisse. Vielleicht drohte er aufs Geratewohl? Er verhieß auch längst sein Kommen, und kam nicht. Ende Juni fand sie ihn plötzlich, wie er im Zimmer auf- und abging. Die Dienstboten hatten sie heimkehren gesehen und geschwiegen; sie erschrak heftig. Er erklärte auffahrend, einmal Ordnung schaffen zu wollen. Eine Frau, die nachts ausgehe, sei nicht auf guten Wegen. Lola erwiderte, noch mit Herzklopfen, sie sei keine dieser Frauen hier; ihre Freiheit, sich zu bewegen, habe sie seit der Heirat nicht aufgegeben. Er hatte plötzlich die Fäuste an den Schläfen; er krümmte sich und pfauchte.

„Wenn ich wüßte! Wenn ihr nicht so schlau, so kalt und schlau wäret! Jemand fassen! Ich weiß wohl, wen. Zweifle nicht! Aber du bist eine Fremde: du versteckst die Deinen gut. Immer greift man bei ihr in Luft! Immer ist sie gewappnet!“

Er ließ sie zwei Tage nicht aus den Augen, durchwühlte alles, verhieß ihr den Tod, wenn er je Beweise finde; und mitten aus wütender Wachsamkeit [ 520 ]heraus, war er wieder verschwunden. Die Sarrida gab ihm wohl noch zu viel zu tun; seine eheliche Ehre hatte nur nebenbei und in Eile ein wenig befestigt werden können.

Lola eilte sofort zu Arnold: nun wollten sie reisen! Pardis Dazwischenkunft hatte ihr erst gezeigt, was sie versäumt haben würden. Er hatte sie empört und verwegen gemacht.

„Was kommt, ist alles gleich; aber diese Tage in Abetone wollen wir haben!“

Am Morgen folgte sie Arnold, der in Pracchia übernachtet hatte. Sie stieg aus, bevor er sie sehen konnte, und im Vorbeistreifen flüsterte sie ihm zu:

„Keine Bewegung! Ein Bekannter ist in der Bahn!“

Sie fühlte sich sicher in aller Erregung; erhöht, über alles hinaus, und dennoch dankbar und ihm hingegeben bis zu Tränen. Im kühlen Saal des Gasthauses, hinter ihrem gefärbten Eiswasser, bewegte sie leise den Kopf.

„Daß ich dich wiedersehe!“

Lachend mit feuchten Augen:

„Seit gestern abend nicht! Die ganze Stadt ohne dich!“

In den Korbsesseln der Halle fächelten sich feucht beperlte Frauen, und weißgekleidete junge Leute versahen sie, bei aller Hitze, mit Komplimenten, als entschlüpfte ihnen das Herz. Draußen auf den Bänken lungerten andere, in der weißen Sonne, dem Bahnhof gegenüber, am Fuß des grünen Appennins, den sie unbestiegen ließen. [ 521 ]

Lola und Arnold fuhren hinauf. Ihre Straße umschlang weite Täler mit Dörfern, laubversunken, beschrieb den Rand rauschender Mühltäler, ließ Täler zurück, die kahl zu Füßen eines Trümmerschlosses schmachteten. Die leichten Schritte der Esel erstiegen, zum Geschrei derer, die sie trugen, drüben den Schlangenpfad; Staub fegte auf vor grellen Wirtshäusern; und am stumpfen Grün der Waldzinnen brach sich die heiße Himmelsflut. „Dort oben werden wir glücklich sein!“ Von der Höhe rieselte manchmal, mitten durch die Mittagsluft, ein dünner, kalter Hauch. Dann schlossen sich Fichtenmauern, hoch, still. Von den Hufen klappte ein Echo nach.

„Im Hotel lassen wir nur unsere Sachen; noch sind wenige Leute hier; nun haben wir den großen Wald: wir wollen ganz bis in die Tiefe … O! die Quelle! Wir wollen uns hinlegen: deinen Kopf in meinen Schoß. Hast du mich lieb? Nun sind wir hier. Heute abend brauchen wir uns nicht zu trennen. Dieser Tag hat kein Ende.“

… „Ich mag nicht essen: wollen wir weitergehen? Ich habe solche Unruhe; mir ist immer, keine Minute sei so lang, wie sie sein müßte. Bleib stehen, sieh mir in die Augen! O! wohin sind wir gelangt? Dies ist der Appennin aus den Geschichten, dies ist das Räubergebirge. Schleicht es nicht durch die Schlucht? Farren und Fichten: ein Drunter und Drüber. So war es hier auch vor tausend Jahren. Laufen wir hinab? Lauf! O, du läufst schlecht! Hol’ mir die rote Blume, willst du? Die einzige kleine rote Blume am [ 522 ]Abhang. Nein, du kannst es nicht. Laß! Verzeih, daß ich so dumm gebeten habe!“

„Kehren wir um? Schon dämmert es … Da ist eine Bank: erzählst du mir etwas? … Du quälst dich, glaube ich, recht sehr, um etwas für mich zu finden. Ich höre nicht zu? Ja, diese Unruhe. Ist es die hohe Luft? Dort bei den Obelisken steht es geschrieben, wie hoch wir sind. Denke dir den kleinen Florentiner Tyrannen, der seinen Namen auf die Obelisken gesetzt hat, der in Perrücke und gesticktem Frack hier auf dem wilden grünen Rücken gestanden und ihn eingeweiht hat. Da lies! Die Straße führt in die Lombardei. Es dunkelt, und wir gehen nun in die Lombardei. Wie das klingt! Nach ganz alten, merkwürdigen Gefahren und Abenteuern. Und wir haben kein Geld, kein Dach, sind allein auf der Welt und müssen uns durchbetteln. Möchtest du’s? Sag’! für mich?“

„Alles möchte ich für dich tragen: ohne dich zu besitzen. Ich liebe dich zu sehr, um dich besitzen zu wollen.“

Lola lies seinen Arm los; sie senkte die Stirn. Nach einer Weile:

„… Nun ist’s Nacht. Wohin nun mit uns?“

„Lausche, Lola! Lausche auf das Wogen der Schatten im Tal, und auf das leise, mondleise Geläut der Gipfel, die fern daraus aufschweben! Wir hören’s, weil wir uns lieben. Und hebe das Gesicht zum Himmel, zu diesem Becken voll weißen Sternenfeuers, woraus Funken spritzen! Vergehen wir nicht darin, [ 523 ]wir, die vom selben Feuer sind? Fühlst du dich nicht aufgelöst? Schwinden dir nicht Sinne und Kraft?“

„Mir ist bange. Wie wird’s sein, wenn wir uns nicht mehr lieben?“

„Kannst du dir’s denken?“

„Dann müssen wir uns doch trennen? Wir wollen aufrichtig sein, hörst du?“

„Lieben wir uns denn nicht? Du weichst zurück? Besinne dich! Lola!“

„Ist das Liebe? Die geschwisterliche Zusammengehörigkeit, die wir fühlen? Warum liebst du mich? Was willst du? … Ach nein, ich quäle dich. Komm lieber hier hinab, wo das Wasser rauscht. Da hört man seine Gedanken nicht. Mitten in den Bach: die Steine sind schlüpfrig, wir können stürzen und fortgerissen werden. Sage: würdest du für mich sterben? Ja? Ganz sicher? Ach ja, du würdest dich vielleicht fallen lassen, dich vom Wasser ergreifen lassen. Aber würdest du dich erschießen? Sage auch das! Die Waffen liebst du nicht, wie? … Oder würdest du…?“

Sie schüttelte sich; neugierig und böse, überschlichen lauter Bilder seines Sterbens sie. Hilfesuchend, drängte sie sich an ihn.

„Lieber! Ach, verzeih! Ich will keinen Helden. Du brauchst nicht, wenn einmal unser Pferd scheut, den Wagen umzuwerfen, damit ich auf dich falle und gerettet bin. Ich verachte den Helden! Ich verachte den Mann, der an meinen Körper denkt und an das Kind aus meinem Körper. Wir wollen keins. Wir [ 524 ]haben beide in der Liebe nicht die Einfachheit derer, die eine Rasse fortzusetzen haben.“

„Lola, ich liebe dich.“

„Mir ist auf einmal das Wort so fremd. Worauf soll ich mich verlassen? Wäre die Welt nicht so weit und treulos. Was heißt’s, daß wir uns lieben? Sieh, jenen blauen Berg umkränzen weißliche, und steigen wir hinüber, erwartet uns das Meer. Vorgebirge entschleiern sich, eins ums andre, dem, der wandert; den Küsten folgen Küsten; die Vogelschwärme ziehen, und die Städte liegen versammelt unter Wolken, die sich auflösen, wie die Schwärme sich auflösen werden, wie die Städte sich auflösen werden … Warum liebst du mich, und nicht eine Fremde, dort hinten?“

„Lola, welch kläglich einsames Lächeln! Du tust mir sehr weh. Deine Augen zucken so voll Angst hin und her, als grüben sie sich, leise und stumm, durch meine hinab. Dringst du endlich bis zu meinem Herzen vor? Öffnet es sich dir? Nein? Du seufzest? Es ist unmöglich? … Was murmelst du?“

„Ich liebe zu sehr. Wie solltest du so lieben können? Diese Welt, in der ich keine Heimat habe, kennt solche Liebe nicht. Ich verstehe, daß Frauen meinesgleichen sich Christus verlobten. Nur ihm durften sie trauen. Ich, die nicht gläubig bin, sollte ein Bild, eine abwesende Seele lieben … Sieh, gerade unter uns, mitten im Hasten des Baches, schließen große Steine einen Spiegel ein. Wie still er ist! Das Mondlicht zaudert an seinem Rande. Unsere aneinander gelehnten Gesichter haben in ihm keine Augen mehr: [ 525 ]nur Schatten, die verfließen. So war neben dem Schiff, das mich vor langer Zeit herüberfuhr, in den Wellen ein Gesicht: ja, und manchmal schleifte bläulich ein Mantel heraus. Die Gottesmutter, sagten die Matrosen; sie begleite uns. Fast wünschte ich, du wärest nur ein Bild, das im Meer neben mir herzieht.“

Sie stiegen zur Straße zurück, wanderten schweigend weiter. Da hielt Lola an und legte ihm, schweigend, die Arme um den Hals.

„Was ist dir, meine Lola? Weinst du? Lachst du?“

„Alles war nicht wahr. Du hast es doch nicht geglaubt? Wir lieben uns: das ist immer der Schluß.“

„Der Schluß des Schicksals. Denn in der weiten, weiten Welt hat es mich planvoll auf dich zugeführt, Lola. Mein Leben war Vorbereitung auf dich; mit allem, was mein war, hingst du von je zusammen, warst mein Gedanke und mein Werk. Ich denke daran, daß einmal eine Idee in mir sich klärte gemeinsam mit dem Bild einer Wiese. Viele Blumen trug die Wiese; keine von ihnen hatte ich zuvor gesehen; aber ich wußte: diese da, nur diese ist verbunden mit dem, was jetzt mein Hirn gebiert, kommt aus verwandtem Stoff und liebt mich. Lola, deinen Mund?“

Die Straße hatte sich gesenkt, sie stiegen sie wieder hinan. Lola ließ sich von ihm stützen. Sie ließ ihn seinen Mantel auch um sie breiten. Der Mond war fort, und schon strich der Bergwind her. Sie setzten sich jenem Ausschnitt im Gebirge gegenüber, worin ein [ 526 ]Schein empordämmerte; und unter dem Mantel, der unbewegt blieb, drängten sie sich fester zusammen.

„Meine Lola.“

„Ja, ganz dein“; — inbrünstig. Aber seltsam hoch und süß, wie mit entrücktem Spott:

„Nein: doch nicht ganz.“

Nun sickerte Röte in die tiefsten Wolken. Vogelstimmen versuchten sich. Lola und Arnold streiften ihre in Glück und Gram ermüdeten Hände durch betautes Gras. An den Stämmen des Waldes züngelten die ersten roten Tagesflammen: sie traten ein, betteten sich aufs Moos und sagten einander, die Augen geschlossen, daß sie daheim seien.

Sie erwachten; und wirklich, sie sahen sich daheim im Walde: in seinen Verstecken, vor dem Ungewissen seiner langen Schattenlauben, in seiner grünen Tiefe, zu der hier und da Sonne hereinglitzerte, als flackere sie auf allen Seiten und verbrenne den Wald und die in ihm sich liebten. Hier genossen sie etwas wie Ruhe auf der Flucht, blickten bedächtig ihren seltsamen Gefühlen in die unerforschlichen Augen und hofften fast, zu vergessen und dahinzuschwinden … Sie traten hinaus: und da hatten die Berge schon sich aufgelöst ins Licht, und beugte schon die Welt sich unter einem blau brennenden Himmel.

„Ein neuer Tag!“

Sie merkten erst jetzt, daß sie eine Nacht beieinander gewesen waren: die erste. Und sie lachten, fielen sich in die Arme und küßten sich Tränen von den Wangen. [ 527 ]

„Wir haben uns nicht getrennt, noch lange nicht trennen wir uns, noch lange nicht. Wir genießen doch viel Gutes!“

Sie suchten das Gasthaus auf; und da, allein im Zimmer und indes sie ihr Haar kämmte, mußte Lola denken:

„Wie Pardi ihn jetzt verachten würde!“

Die ganze Nacht unter seinem Mantel, und er hatte sie nicht genommen. Sie hörte Pardis Auflachen und kämmte, die Zähne zusammengebissen. Der Kopf schmerzte ihr; sie schrak auf; und im Spiegel sah sie sich rot von Scham.

„Wie? Ich habe mich seiner geschämt? Arnolds? Meines Geliebten? Weil ein Mensch von niedrigerer Gattung ihn nicht verstehen würde? Versteht er denn mich? O!“

Nicht schnell genug ließ sich das gutmachen. Hinunter, — er wartete am Tisch — und noch ehe sie sich setzte, ihm die Hand geben und unter den Blicken des Saales ihm leise und stolz in die Augen sprechen:

„Mein Geliebter!“
 

Nach fünf solcher Tage, schon im Wagen, der sie forttrug:

„Ach! sieh noch einmal das Haus an, — und die Obelisken! Werden wir je wieder diese Straße gehen? Zusammen gewiß nicht. Die Straße in die Lombardei. Das ist nun aus. Was wird kommen? Mir ahnt nur Trübes.“ [ 528 ]

„Warum, Lola? Da wir uns lieben?“

Sie senkte den Kopf. Verstand er denn nicht? „Wir haben nun doch gesehen, daß unsere Liebe uns nicht wohltut, mitten im Glück nicht wohltut.“ Aber sie schwieg. Wie er sie drunten in Pracchia zur Bahn brachte, war sie unaufmerksam und reizbar. Endlich, noch aus dem Fenster:

„Lieber, komme mir nicht nach! Fahre nach Deutschland! Es ist besser, wir trennen uns.“

Aber da sie ihn fassungslos erschreckt sah, stieß sie die Tür auf und war bei ihm.

„Nein! nein! Wie könnte ich’s ertragen! Du glaubst doch nicht? Ich sagte das, weil ich hier so glücklich war. Nimm meinen Fächer! Und daß du ihn mir morgen zurückbringst! Nicht später als morgen!“

Von ganz fern winkte sie nochmals. Er erwartete es nicht mehr, stand versunken und atmete das Parfüm ihres Fächers. Lola ließ sich auf den Sitz fallen und schloß die Augen. Die schwere Luft des Tunnels ängstete sie. Ihr war’s, sie führe dem Verfall entgegen: ihrem und seinem.

Aber sie trafen sich, wie früher, in Vorstädten, bei entlegenen Landwirtshäusern; schlenderten Hand in Hand durch Schafherden, kleine Abendbäche entlang und lasen im Schatten von Klostermauern, vor gewellten Olivenfeldern, in Dichtern. Manchmal überschlug Lola eine Seite und wartete, daß Arnold nach Pardi frage. „Hat er ihn vergessen? Er nimmt unsere Freiheit hin, als sei sie verdient. Aber wem verdanken [ 529 ]wir sie? Wenn Pardi zurückkäme —. Wenn er mich zu sich riefe —.“ Und etwas Zorniges hob sich auf in ihr gegen diesen Träumer und sein über dem Buch gesammeltes Gesicht.

Der Herbsthimmel hatte sich weich und trübe um die Stadt geschlossen: da kam Pardi.

„Wie wir es nun wieder schwer haben,“ klagte Arnold. Nach ihrem unzufriedenen Schweigen sagte Lola:

„Wir wenigstens machen es ihm nicht schwer. Er darf sich trösten, wie er mag, für die Sarrida.“

Arnold merkte nichts.

„Ich bin ihm begegnet; mir klopft, ich gestehe es, immer ein wenig das Herz: als ob ich nahe an einen Raubtierkäfig hinträte. Dennoch sehe ich ihm gern zu, gestatte mir bei seinem Anblick oft auch eine leichte Sehnsucht, — wenn er sich so bewegt und spielen läßt, immer ein Ziel vor Augen, immer gespannt und bereit. Ich erkenne dann in ihm den Mars von der Treppe der Uffizien.“

„Das ist wohl interessant?“ — ganz leise; und ausbrechend:

„Aber daß er mein Leben zerstört hat, vergessen Sie! Sie sind kalt! Lassen Sie mich allein!“

„Ich bitte dich!“ Er stammelte, und er lief weiter mit durch den Nebel, wie ein Hündchen. „Wie magst du auf einmal alles verkennen? Haben wir uns nicht? Sind wir nicht eigentlich besser daran, unser sicherer, als der, der sich mit einem unverstandenen Schicksal herumschlägt? Ich liebe dich nicht weniger, weil ich ihn nicht hassen kann.“ [ 530 ]

„Doch.“

„Weil ich ihn ansehe, wie ein böses Bild.“

„Sagen Sie das ihm! Sie werden erfahren, daß er kein Bild ist. Kann sein, daß er Sie tötet. Er wäre durchaus nicht zu fein und bedenklich, Sie zu töten — und auch mich. Ach! haben Sie denn kein Blut? Ist es denn nicht möglich, Sie zum Äußersten zu treiben? Nie könnten Sie etwas tun, was Sie bei kalter Vernunft nicht billigen würden: etwas Abschließendes, etwas Gewaltsames?“

„Wenn ich es vorauswüßte, würde ich es nicht tun.“

„Sie haben Recht Sie sind immer klar und vernünftig. Wie sollten Sie etwas Dummes tun. Gewalt ist natürlich dumm.“

„Ich bin so sehr dein, daß ich auch etwas tun würde, das mich Ehre und Leben kosten würde, und das ich ohne Überzeugung, nur in deinem Namen täte. Ich verachte die Gewalt; ich glaube, daß sie uns schlecht macht und die Dinge nicht bessert. Durch das Tragen einer Waffe fühlte ich mich einst schlechter werden — und lächerlich. Denn alles Schlechte, Rückständige ist lächerlich. Der Gewaltmensch, der Krieger ist eine Karikatur…“

„Vorhin begeistertest du dich für den Mars.“

Seine Erregung, seine Widersprüche und seine trotzige Übertreibung versöhnten sie. Nun seine Stirn zornig gerunzelt war, zerging zwischen ihren Brauen die Falte. Sie atmete ruhiger, fast glücklich, weil sie ihn hatte reizen können. Nur nicht immer dieses [ 531 ]nüchterne Gleichgewicht, diese künstliche Ruhe des Schwachen!

Da haschte sie nach seinem Arm.

„Um Gottes willen, wir müssen ausweichen. Siehst du ihn nicht kommen? Drüben, hinter dem Wagen?“

Aber er stieß hervor:

„Nun geschieht, was geschehen will. Mein Weg geht hier.“

„Du bist kindisch;“ und zitternd, die Augen gradaus, folgte sie. Der Nebel zog sich noch dichter zusammen; sie kamen vorbei.

Lange nachher:

„Du wünschtest den Zusammenstoß?“

„Ja.“

„Wünschest du ihn noch?“

„Nein.“

„Das ist gut. Wir müssen vernünftig sein.“

„Du findest?“ fragte er mit einem langen, bitteren Blick. Sie senkte die Stirn. Ja: was er sagen wollte, war wahr; sie schwächte ihn, wie er sie. Sie glichen sich, konnten einander nicht helfen, und schleppten einander nach.

Und zu Hause beweinte sie sich und ihn.

„So redlich er seine Liebe meint: wie lange wird’s dauern, und alles ist nur gewesen, damit er ein Werk daraus macht. Er ist nicht, wie ich, dazu geboren, von der Liebe sein Schicksal hinzunehmen: sondern damit er innere Spiele aus ihr gestalte. Er kann nichts im Leben ganz und für immer ernst nehmen. Noch im äußersten Elend der Seele bleibt [ 532 ]er ein spielender Knabe. Vielleicht, daß eine Tat, eine große Schuld ihn reifen und ernst machen würde? … Aber weiß ich, ob ich sie ihm verzeihen würde? … Keine Hilfe. Ich bin noch immer allein.“

Was tun? Dies hatte schon wieder an eine Stelle geführt, wo es nicht vorwärts noch zurück ging. Wie oft im Leben hatte sie solche Aussichtslosigkeit erlitten! Überdruß machte einem alles zweifelhaft: jede Zukunft, die Liebe selbst. Wozu diente das eine? Warum nicht ebensogut das andere tun? Lola ward krankhaft unentschlossen, versäumte Zusammenkünfte, weil sie das Kleid nicht fand, das zum Wetter paßte, und grübelte gramvoll durch den Tag hin:

„Was ist’s: er fühlt diesen Dichter nicht, den ich doch fühle? Dies haben wir also nicht gemein. Was eigentlich haben wir gemein?“

Rastlos durchforschte sie sich: „Kann ich ihm nicht entkommen?“ — „Nein: denn ich liebe ihn; trotz allem muß ich ihn lieben.“

„Wollte er mich doch betrügen! Ich würde zu stolz sein, ihn noch zu lieben. Und auch ihm wäre besser, wir wären uns los. Denn auch er fängt an, mich zu hassen.“

Er sagte ihr jetzt:

„Du hast wenig an mir: ich weiß es. Du bist sinnlich. Wäre auch nicht deine Vergangenheit, ich spüre doch immer deine Verachtung, weil du mir nicht gehörst. Die Verachtung des Weibes für jeden, der sie nicht umwirft und nimmt. Welche Selbstverachtung!“

Seine Härte erleichterte sie; sie haschte demütig [ 533 ]nach einem Blick des Grams und des Zorns; sie antwortete zart:

„Ich quäle dich, Lieber.“

Und sie verziehen einander.

„Daß wir uns zanken müssen! Als ich dich wiederfand, glaubte ich, nun wäre auf immer Friede. Du Lieber, wir verstehen uns nicht, selbst wir nicht. Noch lieben wir uns; jetzt sollten wir uns trennen. Noch würden wir einander nur Gutes hinterlassen.“

Sie hielten einer des andern beide Handgelenke, und sie sahen sich bleich und bebend in die Gesichter.

„Ich will nicht, daß du noch länger leidest. Ich will, daß du mich lieb behältst. Wir wollen uns trennen.“

Mit Wildheit sagten sie sich, wie glücklich sie einander wissen würden, fern voneinander. Und endlich mußte jeder an des Gefährten Schulter seine Tränen verstecken.

„Ich habe keine Geistesgegenwart,“ sagte Arnold, „und mißverstehe dich oft. Nachher, allein, sehe ich eine deiner Gebärden wieder und weiß, was sie, trotz deinen Worten, sagten.“

Lola erwiderte:

„Ich bin ein schwieriger Charakter; ich werde dich sehr unglücklich machen.“

Und er:

„Gleichviel: du brauchst Liebe; und ich will lieber für einen andern leiden, als durch und für mich selbst.“

Seufzend sahen sie auf. Der Sonnenuntergang türmte sich als geröteter Rauch wild über den Hügeln. [ 534 ]Sie wandten sich und fanden drüben, in monddurchträumtem Nebel, andere, müde und gütige. Hinter den leisen Lichtern dort war wohl Friede. „Wir werden Frieden haben. Wir müssen ihn finden, denn wir werden voneinander nie loskommen.“

Das Schicksal, das sie verband, hatten sie immer neu zu begreifen, mußten einander durch schlimme Wetter schleppen, vor allen Blicken ihre Liebe bergen und dabei an ihr zweifeln und am Grunde der Glücksstunde schon die Tränen rinnen hören.

Manchmal versuchten sie es, einander auszuweichen. Lola betrat tagelang nicht die Straße. In einer Dämmerstunde vor Weihnacht fand sie ihn neben ihrer Tür.

„Verzeih’ mir, daß ich mich an dein Haus gelehnt habe. Es ist schon dunkel genug; und ich war so müde. Aber ich wäre bis morgen auf deiner Schwelle geblieben: bis du gekommen wärest. Warum kommst du nicht mehr?“

Sie vergaß alles; sie zog ihn hinter das Tor und faltete die Hände um seinen Hals. Geräusch auf der Treppe scheuchte sie von seiner Brust auf; sie entwichen.

Unter den starken, schwarzen Häuserfesten der hallenden Straße schlichen sie hin, trennten sich, bevor das Gewimmel der Alten Brücke sie über den Fluß trug, und führten jenseits einander durch ein Kreuz und Quer von Gäßchen, die Plätze zu umschreiben, den Hauptwegen auszuweichen. Sie gingen einsam und mitten auf dem engen Pflaster, das kein Trottoir [ 535 ]säumte. Im Licht armer Läden streifte manchmal einer verlangend und traurig das Gesicht des andern. Die Tür einer Kneipe flog auf, und sie hielten den Schirm zwischen sich und jene Augen … Unter dem Schwebebogen der Via della Morte:

„Sollen wir nicht ein wenig ausruhen dürfen? Wir sind durchnäßt.“ Sie wagten sich in ein dürftiges Café. Die Glastür wankte klirrend; drei Kartenspieler sahen ihnen gespannt entgegen; und sie drückten sich hinter den Pfeiler.

„Wir haben Ruhe, wir sind geborgen. Draußen ist’s schlimm für uns.“

Er trocknete ihr Gesicht und Haar, — und er erzählte ihr, daß eine andere Frau vor langen Jahrhunderten eben hier durch solche schlimme Nacht, wie sie, gegangen sei: Ginevra degli Amieri, die im Dom auf einer Bahre erwachte, in ihrem Totenhemd zu den Menschen zurückwollte, aber nicht bei Gatte und Eltern Einlaß fand, nur bei ihrem Geliebten.

„Sie hatte sich ihm immer versagt?“ wiederholte Lola. „Auch ihnen also fehlte der Mut? Aber nach ihrem Tode war er ihre Zuflucht. O! du würdest mich lieben, wenn ich tot wäre.“

Er sagte zitternd, wie sehr er sie liebe, und sie lächelte trübe an ihm vorbei.

„Wir haben das Gute gehabt, das uns bestimmt war. Denke an unsern Frühling, an den Tag in Monte Turno. Mein Gott, daß das Leben einmal so süß und rein war! Wären wir damals gestorben! Wie nun alles sich unheilvoll anfühlt! Ist jemand [ 536 ]an der Tür? Ach, mein Herz klopft bei jedem Windstoß.“

Und Arnold, tonlos:

„Es ist wohl wahr, wir haben ein gehetztes Dasein.“

Räderrollen ward lauter; sie unterschieden den Hufschlag zweier Pferde. Der Wagen hielt vor der Tür; Wirt und Kellner sprangen auf der Straße umher. Aus dem Wagen kam undeutlich eine Stimme, man solle dem Kutscher ein Glas Punsch bringen. Er bekam ihn; und draußen — die feuchte Luft strich herein — blieb es still, stockende Minuten still. Lola hatte die Hand auf dem Herzen. Die andere hielt Arnolds Arm gepackt; und Lola beugte sich, hinter dem Pfeiler hervor, langsam und bebend, bis in die Tür.

„Ich kann nicht mehr, ich muß sehen —“

Da riß sie sich zurück; er fand ihre Augen wie Geister blaß und irr; — und dann sah auch er: dort stand der Wagen des Hauses Pardi.

Lola hob sich, zagend, vom Sitz; Arnold legte ein Geldstück hin; und ohne einander loszulassen, glitten sie hinaus. Das Fenster des Wagens war verhängt. Der Kutscher schlürfte und sah gradaus. Sie hatten den Wagen umgangen, sie konnten fliehen … Das Fenster war verhängt? Lola stand und zauderte, halb gewendet. Dann sagte ihrem Genossen ihr krank herbeischleichender Blick, daß sie sich ergebe. Jener dort solle zuschlagen, endlich zuschlagen. Die Neugier des Opfers war über sie gekommen, die Lust nach dem Opfer. Er sah sie an und erbleichte.

Sie setzte den Fuß an; sie erreichten drüben das [ 537 ]Fenster: es stand offen; lautlos neigten ihre beiden Gesichter sich darauf. Und ihre beiden Gesichter empfingen die Atemstöße derer, die dort innen umkrampft lagen, sich wanden und zuckten. Lola bewegte die Wimpern nicht. Ohne Eile richtete sie sich auf; Claudias von Lust gebrochene Augen waren noch immer, ohne zu verstehen, an ihr; — und Lola und Arnold gingen ungedämpften Schrittes von dannen, hinaus in Regen, zeitlose Stille und totes Menschengewühl, durch Vorstädte mit elendem Lichtflimmern im Pflaster und endlos weiter auf einer braunen, müden Landstraße ohne Lampe, ohne Stern … Arnold tastete nach Lolas Arm und stützte ihn. Ihre Schultern sanken im Gehen zueinander. Sie empfingen mit ihren Schläfen den Regen, stießen fremd an Steine und gaben ihre willenlosen Stimmen der leeren Weite hin, die sie trank.

„Meine arme Geliebte!“

„Mein armer Geliebter!“
 
[ 538 ]

V

 

Lola fieberte, schon die zweite Nacht. Sie fühlte sich als Kind und auf der Großen Insel. Feenlicht in stiller Runde, über Meer und Garten; und hielt man ihm nur das Gesicht hin, war’s einem, man lächele. Weite Blumenkelche schwankten bedächtig, und Lola gab ihnen Namen: jedem einen längst befreundeten Menschennamen. Da tat aber ihr Herz einen Sprung, die schöne Luft ward schwer; Lola wollte laufen, laufen, und blieb stecken in der Luft; wollte schreien und hörte sich nicht. Sie atmete auf: dort saßen um ihren Suppenkessel die Schwarzen. Alles war gut, die Boa war verschwunden, Lola war ihr entronnen. Ein starker Schwarzer hob sie den Kessel hinan, sie tauchte ihren Löffel ein und sah stolz umher, wie alle ihre blonden Locken bewunderten. Und nun schlug eine Stimme an: o, jene Stimme, bei der man vor Liebe zitterte und sprang; und aus den Bäumen trat die große, ernste Gestalt. „Pai! Pai!“

Sie erwachte, die Hände hingestreckt und auf den Lippen ein Lächeln. Aber ein fremdes Gesicht bewegte sich auf ihres zu; sie schrak zurück: „Claudia!“ — und sie bedeckte die Augen und stöhnte. [ 539 ]

„Ich erschrecke dich wohl, Lolina? Ach, sieh mich an, ich flehe darum! Wirklich? Ich mache dir Grauen. O, du hast recht, ich bin grauenhaft, und ich will gehen.“

Alles war wieder da; nichts half es, die Lider zuzudrücken. Dahinter schimmerte dennoch, wie aus dem Dunkel eines Wagens, Claudias Gesicht, mit den von Lust gebrochenen Augen. Und auch er war zurückgekehrt, der unfruchtbar Geliebte. Das Schicksal war zurückgekehrt.

„Du bringst mir Nachricht von ihm?“

Claudia blieb scheu dorthinten gegen die Wand gedrängt, als wollte sie hindurch. Sie stammelte:

„Warum bist du krank geworden? O! ich bin eine Verbrecherin. Wollte doch Tullio mich umbringen, mich endlich umbringen! Ich habe dich gesehen, Lola, als eine Erscheinung: ich darf dir nicht sagen, wann. Du erscheinst mir oft: ich darf dir nicht sagen, wann.“

„Bin ich dir erschienen, Claudia? Ach, laß das! Es wird nicht wahr sein; denn ich glaube nicht, daß meine Seele von mir fortschweifen kann. Sie sitzt immer über sich selbst gebeugt. Du verstehst das nicht. Hat er dir Aufträge gegeben?“

„Nur, daß er sich sehr um dich ängstet. Er hat es nicht gesagt: ich sah es. Aber nun wirst du genesen, Lolina. Ich will ihm sagen, wie gut du aussiehst.“

„Tu’ es nicht! Sage ihm, ich werde sterben…“

Sie sann müde. „Er verdient es. Wenn ich tot bin, wird er bereuen. Dann wird er mir alles geben [ 540 ]wollen, als lebte ich. Jetzt liebt er mich nur so, wie man eine Tote liebt. Vielleicht gibt es ein Jenseits? Dort sehe ich seiner Liebe zu und freue mich meines Todes.“

„Ja,“ sagte sie, „ich wünsche mir sehr, zu sterben. Niemand weiß, wie gut das wäre.“

Claudia kauerte am Boden und haschte mit den Lippen nach Lolas Hand.

„Du bist weich und unschuldig, meine Claudia; ich habe dich gern. Aber geh’ nun, ich bitte dich, — und sei unbesorgt. Ich werde wohl nicht sterben: es wäre zu viel Glück. Nur träumen darf ich. Vorhin träumte ich, und da war’s, als sei noch nichts geschehen, von allem Schlimmen noch nichts.“

Noch wachte sie, und fühlte sich doch ganz deutlich aus dem Meer steigen: über große flache Steine und auf den Strand. Er war nun leer; und das schwarze Laubdach, unter dem sie hinging, blitzte oben weiß vom Mond. Sie wußte sich allein auf der Großen Insel: die Blumen im Mondlicht sahen aus wie Seelen, — und da erinnerte Lola sich, sie sei gestorben. Dies war das Jenseits; und doch lag es auf Erden, und wer sie sehr liebte, konnte sie einholen und es ihr sagen. Sie vermochte nicht zu sprechen, aber sie erriet, was drüben geschah: erriet seine Sehnsucht und lauschte lächelnd übers Meer hin … Nun war er da. Noch fand er sie nicht, sie aber spähte schon bis in sein Herz und sah es bereit, mit ihrem auch den Tod zu teilen. Sie dachte: Hier bin ich! Komm! — und da war er unter ihrer Palme; ihre Hände streiften sich, [ 541 ]seine Wärme rann ihr ins Herz und erweckte sie. Ein Schrei: sie schrak auf.

Er liebte sie! Das Glück dehnte in ihr seine großen Flügel. Weich ward sie gehoben, schloß wieder die Augen und ließ sich tragen. „Nun bin ich seiner gewiß, — da er mir bis hierher gefolgt ist. Nun liebt er mich mehr als sein Leben.“

Träume mußten es ihr beweisen; — und sie erhielt sich im Traum von ihm, fand es süß, seiner zu denken und ihn nicht zu sehen. Längst ging sie wieder umher und wollte doch den Brief, den Claudia für ihn verlangte, nicht schreiben. Ihr Traumgespinst wäre durch Worte zerrissen worden. Er hätte sie enttäuscht. Als sie ihn wiedersah, war’s Zufall, und sie erschrak. Er begegnete ihr sanft und reuevoll, — und in ihr wallten Tränen auf. Warum schalt er sie nicht? Er mußte wissen, daß sie gestern große Gesellschaft bei sich gehabt hatte. Sie sah alle Welt, nur ihn nicht; er aber blieb gütig.

„Mein Mann ließ mir keine Ruhe,“ sagte sie, und da sah sie ihn aufzucken. Also brauchte jetzt nur Pardis Name zu fallen, und er war getroffen und sank in eifersüchtiges Grübeln?

„Er ist ruiniert,“ sagte Lola mit Herzklopfen; „um sich zu halten, bleibt ihm nur, daß er sich wählen läßt. Und da die Kammer aufgelöst ist —. Aber du hörst nicht zu?“

Er stammelte. Nein: sein Zorn, sein Haß waren wieder ausgewichen. Die Eifersucht machte ihn nur noch verlegen. Lola sagte gereizt: [ 542 ]

„Warum schiltst du nicht? Ich bin schlecht.“

„Du warst krank. Ich habe dich zu lieb…“

Immer diese Gerechtigkeit. Hätte er den Herrn gezeigt — wie der andere! In ihrem Zimmer träumte sie davon: auch davon. Er befahl ihr, und sie arbeitete für ihn. Denn sie waren arm, waren entflohen und lebten in einer Hütte: sie seine Magd. „Wie ich dich liebe! Schlage mich!“ Sie saß, in ihrem Sinn, zu seinen Füßen; und wie sie zu ihm aufsah, schob seinem Gesicht sich, und sie wußte es kaum, Pardis unter. Als sie es merkte, vertrieb sie’s. Noch oft kehrte es wieder, statt des gerufenen. Und mehrmals erwachte sie und bebte noch davon, daß sie in Armen gelegen hatte, die der Geliebte ihr geöffnet und der Gehaßte um sie geschlossen hatte.

„Warum suche ich nach allem Leiden, das jener mir auferlegt hat, in Arnold doch wieder den anderen? Bin ich denn wirklich unheilbar? Ach, wollte mein Geliebter mich erlösen! Eine Tat! Ein Zugreifen!“ Sie wußte nicht, wie, wollte es nicht wissen. Es war seine, des Mannes, Sache. Er hätte handeln sollen trotz ihr, und wenn sie selbst ihm auch die Hände festhielt. Sie irrte durchs Zimmer. Vielleicht lag alles daran, daß er sie nicht nahm? Er verstand sie nicht, er war ein schlechter Seelenkenner. Sie sträubte sich, sie hatte Bedenken: welche Frau hatte sie nicht. „Ich bin eine gewöhnliche Frau!“ Er ließ sich täuschen, er war lächerlich vor Zartgefühl. Wäre er einen Augenblick ganz Mann gewesen! Es blieb wider die Natur, daß sie, die sich alles gegeben hatten, einander [ 543 ]die Körper versagten. Daraus kam diese Sucht, einander zu quälen, diese Feindseligkeit im Sehnen, diese Träume, die ins Irre und Verderbte schweiften. Sie legte Claudia eine zornige Beichte ab.

„Wir Frauen erfinden Gott weiß was, zu unserer Verteidigung. Du weißt selbst, daß wir’s übel nehmen, wenn man es gelten läßt. Er aber läßt alles gelten. Ich bin noch immer nicht seine Geliebte. Du hast es mir früher nie geglaubt und wirst es auch jetzt nicht glauben: wie könntest du. Aber es ist so.“

Claudia spähte in Lolas Augen, ob dies die Wahrheit sei. Sie war sprachlos. Dann schob sie den Mund vor; die anstürmenden Worte blähten ihn; und plötzlich erbrachen sie ihn. Arnold war ein elender Feigling; er sollte eine Schürze vorbekommen; Lola konnte sich von ihm ihr Schlafzimmer aufräumen lassen. „Ah! auch dies laß ihn tun, —“ und Claudia machte eine Gebärde. Vor Entrüstung ward sie unanständig. Übrigens beteuerte sie, sie habe Arnold nie getraut. Er sei kein Mann. Seine Augen mißfielen ihr. Erschreckt griff Lola ein, erklärte und suchte gutzumachen.

„Ich wußte wohl,“ gab Claudia zu, „daß ihr anders seid, als wir: du eine andere Frau, er ein Mann, nicht wie die unseren. Ich verstehe eure Sachen nicht, ihr müßt selbst zusehen.“

Aber ihre Phantasie war nun umgelenkt. Claudia bewegte langsam ihren kleinen Kopf und verdrehte, vor schmerzlicher Bewunderung, die großen bräunlichweißen Tieraugen.

„Ihr seid Engel. Wir gewöhnlichen Menschen [ 544 ]können euch nicht nachahmen, ihr aber seid Engel. Tröste dich, Lola: deine Leiden werden dir mit himmlischen Freuden vergolten werden, für meine aber bin ich verdammt. Ach! weine nicht, Lolina. Was soll dann ich tun?“

Lola wandte sich ab. Sie erkannte das Leiden anderer nicht mehr: ihr eigenes hatte alles verdunkelt. „Und wenn es ein Jenseits gäbe,“ dachte sie, „es wäre dennoch leichter, sich mit allen anderen verdammen zu lassen, als ganz einsam selig zu werden.“
 

Sie forderte von Arnold:

„Sei ein einziges Mal leichtsinnig! Bist du mir nie untreu gewesen? Hast du dich je geschlagen? Ach nein, — aber so verschwende doch irgend etwas!“

Er war gar zu sparsam: mit dem Seinen und mit sich. Sie warf ihm, wenn sie grübelte, vor, daß er ihr nie ein Geschenk gemacht habe. Pardi hatte für die Sarrida Hunderttausende fortgeworfen, — „aber auch für mich war er immer bereit: ich brauchte nur Launen zu zeigen. Ein Gericht zu viel machte ihn wütend; aber er hätte mir eine Yacht gekauft. Wem eine Frau nicht das Geld wert ist, dem ist sie schwerlich das Leben wert. Arnold ist mäßig und vernünftig; seine Tugenden sind sehr bürgerlich…“

Und hingen nicht ebenso bürgerliche Untugenden mit ihnen zusammen? „Seine Kälte und seine Art, Menschen anzusehen! Ach! er wird niemandem unrecht tun: nicht durch blindes Lob und nicht durch [ 545 ]Verleumdung. Er zerlegt und begreift. Er kennt nicht Freund noch Feind: nur das kleine selbstsüchtige Vergnügen des Durchschauens. In dem Gerechtigkeitssinn dieser Schwachen, wie viel kleinliche Bosheit! Pardi: o, dem wird’s heiß, der liebt und haßt; und wen er nicht ersticht, den hält er gradaus für einen Ehrenmann. Bei dem würde man selbst wissen, wer man ist, würde seiner selbst sicher und geborgen sein…“

Und sie dachte der Zeit, da sie’s war. „Das einzige Gute war doch das Sinnenglück: damals, wie ich jung war.“ Das schien Jahrzehnte her. Sie saß in wehmütigen Erinnerungen, wie eine Greisin. Plötzlich eine Wallung, daß die Luft zu flimmern schien, — und sie bebte vom Gefühl abenteuernder Jugend, vom Gefühl des Lebens von damals. Noch immer war’s da, ging aus und ein mit dem Mann, und war toller als je. Ein Schritt nur! Das andere vergessen können! Pardis Untergang mitmachen! Sein ganz und für immer verwirrtes Schicksal teilen, dies von jeder Verantwortung, allem Denken befreite; lieben und betrügen, sich durchschlagen, Hunger haben wie ein Tier und tafeln wie die Götter, gehetzt werden und atemlos lachen. „War ich nicht schon früher etwas wie eine Abenteurerin? Ich gehöre zu ihm. Was er mir zu bieten hat, kommt mir zu.“

Dann fing sie einen Männerblick ab, der sich auf eine Frau niederließ, und ihr ward kalt. Die unkeusche Wirkung dieser Frau, die Unkeuschheit unter ihren Kleidern, hinter ihren Augen, die Unkeuschheit, die ihr Gedanke, ihr Zweck, ihre Funktion war, machte Lola [ 546 ]erstarren vor Ekel und Grauen. Sie selbst war, in ihrem Bewußtsein und Willen, diese Frau gewesen! Sie fühlte sich nackt unter allen Menschen und verlor den Kopf.

Der Spalt, der von jeher durch ihr Leben schnitt, war weit aufgerissen, und Flammen schlugen heraus. Ihr verstörtes Innere warf, durcheinander, alle Triebe empor, brachte alle Bilder zurück. Sie hätte auf einem kalten Meer mit Arnold Schiffbruch erleiden mögen. Aber das Polster eines Wagens erschien ihr und zwei Gestalten, die sich umkrampft hielten und zuckten. Sie töten! Ach! dies erlösende Wort. Wie kam es denn, daß diese Claudia noch lebte, daß Lola ihr die Hand reichte, ihr ihren Namen gab — „Claudia“ — als dürfe sie leben? Beide töten! Gereinigt war dann alles und still.

Wie sie sich im Qualm ihres blutigen Traumes betraf, fielen ihre Züge zusammen, und sie schloß, sich zu fliehen, die Augen. Sie verachtete ihr Wüten, das Wüten der Ohnmacht, und verachtete die Stunden der Sehnsucht, rein zu sein; denn immer schlugen tierische Dämpfe hinein. Sie litt Abscheu vor jeder ihrer Regungen; alle deuchten ihr uralt, verbraucht und vorauszusehen; die Gedanken abgespielt, die Empfindungen schal und verderbt. Sich los sein! „Da ich nie wissen werde, wozu ich geboren bin: lieber nichts mehr wissen!“

Ein Ausweg: sich beschränken, Ansprüche und Gedanken abwerfen, ihre Kraft nur mehr gebrauchen, um zu erhalten, was im Zusammensturz aller Dinge, [ 547 ]ihrer Liebe und ihres bürgerlichen Daseins, noch stand. Sie machte sich an eine genaue Beaufsichtigung des Haushaltes, wollte sparen, kleinlich sparen. Was half’s, da Pardi die letzte Habe zu Geld machte und es verstreute. Ein Fremder kam ins Haus und verhandelte über den Preis der Verkündigung, draußen an der Fassade. Lola sprach lachend davon zur Tochter des Präfekten und fühlte sich gerettet, als am Abend drunten eine Wache stand. Pardi deklamierte vor den Freunden, die hereinströmten. Ob die Verkündigung sein sei, oder der Nation. Warum die Nation, anstatt nur den Verkauf zu verbieten, ihm das Kunstwerk nicht lieber gleich wegnehme. Lola mischte sich heiter ein.

„Was er für Einfälle hat, wie, meine Herren? Wenn du das Bild nicht sehen magst — auch ich habe es satt —: warum muß dieser Amerikaner es haben? Warum nicht das Museum?“

„Einfalt! Weil es nur die Hälfte dafür gibt. Und meinst du, eine Wahl sei umsonst? Zehntausend Wähler wollen bezahlt sein, jeder mit fünf Lire, und die großen kosten mehr. Aber ich mache es; wir haben gewettet: wie, Marco, Carlino? Ihr sollt sehen, ob ich noch der Alte bin.“

Er verbreitete sich, lockeren Herzens, nach allen Seiten, feuerte Sympathien an, zauberte einen ganzen Garten von Leichtsinn und guter Laune aus all diesen Gesichtern. Musik näherte sich, und eine Schar Volkes, vom Fürsten Valdomini geführt, schrie zu den Fenstern herauf, daß Pardi leben solle, und daß seine Feinde [ 548 ]sterben sollten. Und sie machten sich über die beiden Carabinieri her, die die Verkündigung bewachten. Pardi war schon unten und fiel den Angreifern in den Arm. Er sprang auf die Stufen zum Tor und redete: etwas wesenlos Begeisterndes, wovon die Augen ringsum zu blitzen begannen. Dann, die Hand nach der Hausecke gestreckt:

„Dort in meinem Keller wird euch mein Wein für fünf Soldi verkauft. Ihr wißt, daß das wenig ist. Von heute ab aber sollt ihr ihn für drei haben.“

Er war auf einmal in einem Sturm von Händedrücken, ward auf Schultern gehoben und zum Weinkeller getragen. Das Gelage dauerte lange; Lola sah, allein zurückgeblieben, daß auch die Wächter sich hinziehen ließen. Und am Morgen gafften Bürger die nackte Hauswand hinan. Die Verkündigung war fort.

Pardi stand inmitten aller Diener und lachte, daß es ihn bis auf die Knie beugte.

„Ah! Geld wollt ihr?“ rief er den aufgeregten Eindringlingen zu. „Ich habe keins: weniger als gestern. Denn meine Madonna hat man mir gestohlen.“

Er hatte keins. Längst waren die Summen, die er noch erraffte, nutzlos dahin, bevor sie eingingen. Pardi focht nur noch, um zu fechten und mit dem Bewußtsein, auch den Fußbreit Boden, worauf er sein Florett führte, werde er aufgeben müssen. Er scheute nicht mehr Ungesetzlichkeiten noch Unzartheiten: blieb ihm nur die furchterregende Gebärde, die große Maske, der alles erschütternde Abgang. Er war dabei, seinen [ 549 ]Rest bürgerlicher Ehre abzustreifen, und behauptete um so wuchtiger die des Helden. Wegen eines Hemdes, das er einem Freunde aus der Kommode genommen und sich angezogen hatte, kämpfte er ein Duell. Und am Abend vorher war er bei erhöhter Laune, versprach Lola eine Reise nach Paris und lobte sein Leben. „Wie viel Tätigkeit! Wie viel Bewegung!“ Indes er in Versammlungen auftrat, mit dem Waffenkasten vors Tor fuhr und täglich Frauen kraft seines ganzen Feuers, als brenne es nur dafür, in allen Winkeln der Stadt Frauen im Dahinstürzen mit sich riß, hatte er durch Laufen, Lungern, Kartenspiel und Drohungen den Sturz seines Hauses hinzufristen, zwölf Stunden noch, und noch zwölf.

Lola kam, wie sie ihm zusah, in zitternde Bewegung. Sie konnte nicht schlafen, dachte sie an das feurige Leben, das er Tag und Nacht unterhielt. In welchem trüben Grau schlich man mit Arnold dahin! Pardi war bewundernswert. Mit einer todverachtenden Freude sah sie ihn alles, was er war, wie ein Feuerwerk in die Luft schicken. Gleich war das letzte abgebrannt; der Rest war Pulverdampf und Nacht. Inzwischen aber genoß man einen berauschenden Jubel, einen glänzenden Leichtsinn. Und man empfand sich vergrößert und stärker beleuchtet, wie auf einer Bühne. Aus Lola lösten sich, indes sie dies miterlebte, Akzente und Gebärden, die sie in sich nicht gekannt hatte.

„Sie, Botta, unser alter Freund, unterstützen die Kandidatur meines Mannes. Ich habe es nicht anders erwartet, aber werden Sie ihn durchbringen?“ [ 550 ]

Botta schmatzte; und die Tischnachbarn wandten sich her nach Lolas lauten Worten.

„Contessa, wir haben viel für uns, vor allem seine Gläubiger. Jawohl, das Konsortium seiner Gläubiger, denen wir klargemacht haben, daß nur seine Wahl ihnen zu ihrem Gelde helfen kann. Sie sind von Eifer erfüllt.“

„Warum nicht,“ sagte Lola. „Auch niedrige Interessen müssen dienen, damit Hohes erreicht wird.“

Gegenüber begann Nutini:

„Jeder tut das Seine, damit die gute Sache siegt. Wissen Sie schon das von der Linda Vitali? Also, der Vitali hatte, vom Klub her, eine Forderung an Ihren Gatten, Contessa, und bekommt sie durch Scheck vom Juwelier Spontelli. Er geht der Sache nach und entdeckt — niemals raten Sie, was er entdeckt: daß er mit den Juwelen der Linda bezahlt ist, mit den Colliers seiner eigenen Frau.“

Links und rechts lachte es diskret. Nutini schielte auf seine Nase.

„Und der Vitali schweigt. Was opfert man, als Gatte der Linda, nicht alles, um einen Kandidaten in die Kammer zu bringen, der die Ehescheidung verhindert. Auch Sie, Contessa, werden schwerlich einen größeren Wunsch haben.“

Die anderen wiederholten:

„Jeder tut das Seine, um Pardi durchzubringen.“

Lola hob die Tafel auf; und im Aufstehen, mit großartiger Handbewegung:

„Ich mache kein Hehl daraus, daß ich Geldopfer [ 551 ]gering anschlage und das Geld verachte. Die Geschichte hat erhabene Bettler gekannt. Niemand kann dem Conte Pardi ein Opfer bringen, das er ihm nicht im voraus hundertfach bezahlt hätte: als er sich für Italien in Afrika schlug.“

Sie stand aufgerichtet und den Kopf im Nacken, im glitzernden Fluß ihrer Schleppe. Die Gestalten um sie her bückten sich unbewußt ein wenig, die Blicke wurden verehrend. Lola sah, daß es alle antreibe, ihr „Brava!“ zuzurufen. Sie biß sich auf die Lippe, und sie fürchtete, zu erröten. Gleich darauf war sie um so glücklicher: ganz Heldin, diesem allen gewachsen und verbündet mit Pardi. Er kam herbei. Von drüben hatte er bemerkt, daß sie Wirkung übte: noch eine Wirkung, die sich mitnehmen ließ. Lola sagte „Mein Freund —“, und sie gaben sich die Hand, beide stolz und bewundert.

Sie wußten kaum noch, wie sie es miteinander meinten. Was sie der Öffentlichkeit vorführten, spielten sie nun auch unter vier Augen. Erst wenn er fort war, erschrak Lola. „Habe ich denn keine eigenen Gefühle mehr? Was soll diese Komödie: zwei Schritte vom Abgrund? Ich wollte uns doch aufhalten, ihn aufhalten; — und jetzt treibe ich ihn vorwärts. Mein Gott, welche Angst! Ich muß etwas tun, ich muß ihn warnen.“

Sein Schritt war, als er heimkam, schwerer als sonst; sie hörte ihn auf den Sitz fallen. Sie legte die Hand ans Herz, das klopfte; dann trat sie ein. [ 552 ]

„Guten Abend, mein Lieber. Stehen unsere Sachen nicht gut?“

„Unsere Sachen?“

„Nicht die Stirn falten!“

Sie berührte sie mit dem Finger.

„Wir haben doch, trotz allem, dieselben Interessen. Laß mich ein wenig für dich denken. Der Trubel, in dem du lebst, erlaubt es dir nicht. Aber wie soll dies alles enden. Magst du gewählt werden oder nicht, — ein Spiel ist auch dies dir nur: nicht wahr, ich kenne dich? Und was bleibt dir vom Gewinn? Vielleicht ist alles Geld, das in den Spielsälen von Florenz umläuft, schon durch deine Hände geflossen; was aber hast du nun? Und wenn die letzte Frau dir gehört hat, was wirst du noch haben? Werde ruhiger, Freund, widerstehe deinen Wünschen!“ Und leiser, mit Zittern: „Wir sind nicht geboren, um glücklich zu sein: gewöhne auch du dich an den Gedanken.“

Er schüttelte ihre Hand von seiner Schulter; er sah sie knirschend an. Erschreckt murmelte sie noch:

„Ich sage es aus Sorge um dich, um mich selbst. Wir haben doch dieselben Interessen.“

Und er brach aus.

„Die Erkenntnis kommt dir also? Sie kommt nicht zu früh! Andern Frauen kommt sie vielleicht ein wenig früher. Ich habe gehört, daß der Untergang eines Hauses durch die Frau verhindert worden ist. Aber wahrscheinlich sah sie etwas anders aus als du. Die Cupola hat ihrem Mann das Trinken und die Weiber abgewöhnt: alles beides. Sie hat ihn sich [ 553 ]zurückgeholt, sie hat ihn mit ihren Umschlingungen erweicht, sie hat sich, für ihn, so lasterhaft gemacht, daß sie ihm zwei Laster ersetzte. Vernunft brauchte sie ihm nicht zu predigen: ihre Vernunft war in ihrer Liebe. Aber die hast du nicht. Das ist es: du hast keine Liebe!“

Sie wendete ihm die Flächen ihrer gesenkten Hände zu und hielt seinen von Verachtung schweren Blick aus.

„Ah! jetzt findet sie Tränen: jetzt, da es auch ihr an den Hals geht. Und doch schien dir an diesem Hause nie viel gelegen. Ich sah dich in diesen Zimmern immer sitzen, wie eine Gefangene; wie eine Reisende, die in einem Hafenhotel warten muß, weil der Dampfer beschädigt ist. Als ob du auf deinem Koffer saßest. Wir alle waren dir unheimlich — und du uns. Nie hast du aufgehört, in einer fremden Sprache zu denken; und was du dachtest, war uns fremd: fremd und nicht befreundet. Du warst unsere Feindin: ja, ich hatte eine Feindin im Haus. Was Wunder, wenn ich nicht darin blieb?“

Lolas Brust ging rascher, ihr Blick ward hart; sie stieß hervor:

„Du warst mit allen verbündet gegen mich. Ich war allein — und wäre es überall. Was ich gelitten habe, gibt mir am Ende mehr Recht, darauf stolz zu sein.“

„Ach ja — und selbstgerecht. Du warst immer die Überlegene, weil du die Kalte warst. Ich bin so unbesonnen gewesen, hier eine Fremde einzuführen, die uns in aller Ruhe ausspionieren durfte.“ [ 554 ]

„Wir waren beide unbesonnen. Aber ich habe nicht spioniert; ich habe vor manchem, was ihr mich sehen ließt, die Augen geschlossen.“

„Mit jenem andern Fremden, deinem Freunde, mußt du sehr geistreich über uns philosophiert haben. Du hast einen Freund, einen Liebhaber gehabt. Du hast ihn vielleicht noch. Ich sehe ihn nicht, aber was beweist das bei euch. Sieht man euch und eure Taten? Ihr treibt gewiß aus der Ferne mit eurem Gedanken mehr Unzucht, als wir, wenn wir zusammen im Bett liegen. Ich mußte es zulassen. In deinen Kopf hineingreifen zu können, dafür hätte ich manchmal mein Leben gegeben. Man greift nicht in einen Kopf wie den deinen, man kommt dir nicht bei. Da: wenn ich so um dich kreise, gibt es immer einen Strich, über den ich nicht hinweg kann: nicht hinein zu dir und dich totschlagen. Ach! hätte ich dich damals aus dem Fenster fallen lassen! Du wagtest mir ins Gesicht zu sagen, daß du den andern liebtest; du drohtest mir, wenn ich dich anrührte, und du hingst halb hinaus: wie kam’s, daß ich dich nicht ganz hinabwarf? Ich begreife es nicht.“

„Ja: warum nicht. Du hättest es tun sollen!“

Sie nickten beide wild. Sie standen einander entgegengeworfen und hielten sich keuchend ihre Wunden vor. Pardi schrie auf, als seien alle seine Verbände fortgerissen.

„Denke ich an dein geheimes Leben mit dem andern, dann entschuldige ich jeden Verrat, den je eine Frau beging: sehne mich nach jedem. Es gibt Frauen, die [ 555 ]im Verrat groß waren. Die Cupola hat, um ihren Mann zu retten, auch das getan; sie hat sich verkauft. Ah! dir hätte deine hohe Selbstachtung das verboten: ich weiß. Wie solltest du dienen? Bist du eine Frau wie die unseren? Ich aber schwöre dir: du hättest, wie die unseren, zehn Liebhaber haben können und mein Weib sein; ich hätte dich gejagt und erlegt; dann aber hätte ich geweint auf deinem Sarg vor Liebe. Und jetzt werde ich darauf speien.“

„Töte mich!“

Sie warf die Hände empor.

„So töte mich doch!“

„Damit ich Mörder bin und durch dich vollends verderbe? Hoffe das nicht! Wir werden zusammen weiterleben. Mein Haus scheint mir nicht mehr meins. Kein Kind ist darin. Du hast mein Geschlecht getötet; wo ist Giovannino? Nun am Haus die Verkündigung fehlt, kommt er nie mehr hinein. Ich fühle mich daraus vertrieben, ich bin wie in Reisehast. Du, eine Heimatlose, hast mich heimatlos gemacht! Und jetzt möchtest du mich allein lassen? Das Schiff räumen, da es sinkt? Hoffe das nicht! Wir sind untrennbar. Weißt du nicht, warum ich gewählt werden will? Aus Haß auf dich! Damit ich das Gesetz der Scheidung verhindern kann! Damit unsere Hölle ewig ist!“

Lola stand, Kopf und Schultern gebeugt. Er wütete.

„Vielleicht wirst du mit mir in einem Ministerpalast wohnen, wirst zusehen, wie ich mir die Banken dienstbar mache, Gold in Barren verdiene, gefürchtet und gefeiert, von den Frauen begehrt werde, und wirst [ 556 ]von meiner Übermacht erdrückt, dahinleben. Vielleicht auch werde ich mich, ausgepfiffen und als Bettler, in meine letzte schmutzige Kate werfen, nach scharfem Käse stinken, ein Schwein züchten, das ich am nächsten Markt verhandele, und mit der Magd schlafen. Du wirst niedriger sein als sie! Denn du bist dabei: zweifle nicht. Das Gesetz zwingt dich zu mir, wohin ich auch gehe; und ich denke es auszunützen. Nur darauf noch werde ich aus sein, dich, meine Verderberin, zu erniedrigen und mit Schande zu beladen…“

Stimme und Atem blieben ihm aus; er stand, verzerrt, und würgte. Lola flüsterte:

„Tu’s! Ich nehme es hin.“

Er fuchtelte haltlos; er krümmte sich.

„Die Heuchlerin! Die schmutzige Heuchlerin! Wie soll man sie fassen? Könnte ich dich nackt durch die Straßen jagen! Eine solche Schande erfinden, daß du endlich einen Seufzer tätest, der nicht lügt: und wäre es dein letzter!“

Die Faust an der Stirn, taumelte er hinaus. Lola ließ sich mit dem Arm, der die Augen bedeckte, gegen die Wand fallen. Sie dachte, von Schrecken dumpf: „Es ist, wie er sagt: ich bin schuld. Ich wollte nur mein eigenes Elend fühlen, aber auch seins fällt mir zur Last, — und unter ihrer Wucht werde ich nicht mehr aufstehen. Liegen bleiben und abbüßen! Er sah fahl und alt aus: zum erstenmal; und ich habe das gemacht, ich selbst. O räche dich! Daß du mich leben läßt, ist zu wenig!“ [ 557 ]

Am Morgen erfuhr sie, daß eine Geliebte ihres Mannes im Hause sei. Die Kammerfrau wußte von Cesco, daß der Herr Graf sie nachts in seinem Zimmer gehabt habe. Jetzt war sie fort; — aber am Nachmittag flog Clotilde, von Neuigkeiten außer Atem, ins Boudoir. Ob die Frau Gräfin nichts höre: das Haus sei in Aufruhr, die Treppe verstellt mit Möbeln. Man schaffe Möbel ins untere Stockwerk; der Herr Graf und jene Frau seien drunten; es scheine, sie solle dort wohnen … Die Kammerfrau war hinaus und wieder zurück. Cesco hole Stühle aus dem Speisezimmer. Ob das nicht eine Schande sei, der Frau Gräfin ihre Sachen wegzunehmen und sie einer solchen Person zu geben.

„Die Möbel gehören dem Herrn,“ sagte Lola.

„Aber wenn die gnädige Frau hinunterginge und jene davonjagte: es wäre nur Ihr Recht; der Herr Graf könnte es nicht hindern. Das Gesetz ist für die Frau Gräfin: der Koch weiß es bestimmt.“

Lola dachte daran, daß einst Claudia sie belehrt hatte, die Konkubine im Hause sei ein Trennungsgrund. Vielleicht war’s der einzige. Er brachte sogar die Dienstboten auf ihre Seite, sie, die Pardis Spione gewesen waren. Sie sagte:

„Laß! Der Herr bleibt der Herr.“

Clotilde behielt den Mund offen.

„Die Frau Gräfin ist eine Heilige,“ schloß sie dann. Lola fuhr auf.

„Daß du das nie wieder sagst! Mir geschieht recht. An dem, was der Herr jetzt tut, bin ich schuld. Sage das den andern: ich will, daß sie es wissen.“ [ 558 ]

Die Kammerfrau antwortete nicht; rückwärts und ohne ihre starren, ängstlichen Augen von denen der Herrin zu trennen, ging sie durch die Tür. Am Abend, wie sie Lola das Haar löste, hatte sie die Lippen fest aufeinander, eine streng behutsame Miene und die Art, als bediene sie eine Kranke. Im Spiegel warf sie nach Lola manchmal den traurig überlegenen Blick der Wärterin. Lola hielt die Augen gesenkt und zog unter den Kammstrichen des Mädchens den Kopf in die Schultern. Endlich, leise bittend:

„Sprich doch!“

Clotilde zauderte; dann begann sie im Ton eines schonenden Vorwurfs. Der Herr Graf hatte eine seltsame Frau ins Haus gebracht, eine, die seiner augenscheinlich nicht würdig war. Es sollte eine Französin sein, nun ja. Aber Carlotta hatte ihre Kleider gesehen: und wenn sie seidenes Futter hatten, war doch keins heil und keins recht sauber. Und die Wäsche! Es gab Dinge, die man der Frau Gräfin nicht sagen konnte … Den Morgen darauf fing Clotilde von selbst an. Inzwischen hatte Leopoldo, der Kutscher, die Frau zu Gesicht bekommen, und alles war erklärt. Sie war eine von jenen, die des Abends auf den Straßen umhergehen. Leopoldo kannte sie; erst vor vierzehn Tagen war er selbst bei ihr gewesen. Cesco, der ihm übelwollte, hatte dies sofort dem Herrn Grafen berichtet, während er ihn rasierte; aber der Herr Graf — es war unbegreiflich — hatte nur gelacht.

„Es ist eine rechte Schande, in ein Haus wie dieses, eine solche Frau einzuquartieren. Wer will ihr [ 559 ]das Bett machen? Noch ist es nicht gemacht, und es ist in einem schönen Zustand. Der Herr Graf sollte bedenken, daß auch Dienstboten anständige Leute sind, — wenn er schon nicht an die Frau Gräfin denkt. Wir haben in der Küche beraten, ob wir alle sofort kündigen wollten. Cesco wollte es: aber mehr, weil er den Kutscher haßt. Wir anderen haben ihn beredet, dazubleiben, aus Liebe zur Frau Gräfin.“

„Wer gehen will, soll gehen,“ sagte Lola.

Und am Abend ließ sie die Fenster offen, um besser den Lärm des Festes zu hören, das Pardi drunten seinen Freunden gab. Sie waren gekommen; sie hatten sich eine Treppe erspart und waren zu der Dirne gekommen, anstatt zu der Hausherrin. Lola unterschied Stimmen. Sie lehnte sich hinaus, horchte, und ihr rauschendes Blut formte aus dem Gelächter der Männer schmutzige Worte, die ihr galten. Schon einmal, in dem Sommer vor ihrer Verlobung, war sie von oben Zeuge gewesen, wie jene sie mit Worten auszogen. Pardi hatte ihnen damals nicht ins Gesicht geschlagen, und jetzt überbot er sie: er war’s, der die Dirne zu diesem gellenden Lachen brachte. Er gab seine Frau einer Dirne preis. Zwischen dieser Schändung und jener lag Lolas Ehe. „Und es ist gut so. Nur weiter! Ganz mit ihm zugrunde gehen und im Elend seine Magd sein! Ich wäre Arnolds Magd gewesen, wenn er gewollt hätte. Aber er läßt mich allein. Dieser hält die Hand auf mir, ihm entrinne ich nicht. So sei es! Ich kenne nun mein Schicksal; und so schlimm es immer werden mag, ich lobe es, darum daß ich’s kenne.“ [ 560 ]

Sie hatte die Furcht, die Dirne möchte sich von ihr verachtet glauben. Jene hätte erfahren sollen, daß Lola ihre Anwesenheit guthieß, sich ihr unterwarf und nicht Dame noch Märtyrerin sein wollte. Immer, wenn Clotilde um sie war, drängten sich Lola Worte auf die Lippen, die das Mädchen der andern hätte bestellen sollen; und immer riß Lola, im Schrecken, das Geständnis zurück. Zehnmal am Tage trieb es sie, auszugehen, nur um drunten die offene Tür zu streifen und hineinzuspähen. Schon zitterte auf ihrem Gesicht das Lächeln, mit dem sie vor der Dirne den Kopf geneigt hätte … Da sprang eine Tür auf; Lola drängte sich in den Winkel beim Schrank; und eine Frau mit gelben Haaren lief im Halbdunkel vorbei, drehte sich plötzlich um und fing Nutini auf, der sie küßte. Lola dachte zornig: „Er hätte mich ihm wegnehmen wollen, und jetzt nimmt er ihm diese!“ Sie schlich, wie die beiden fort waren, zurück, voll Reue, daß sie gesehen hatte, was Pardi vor ihr demütigte.

Ein einziges Opfer brachte sie zaudernd: das Bild drunten im Saal, das Bild jenes Knaben in alter Tracht, mit dem weichen, traurigen Goldgeriesel des Haars; aus dessen weißem Gesicht der Mund feuchtrot hervorstand und fleischig. Aber dies Fleisch, das vom Blute Pardis war, schien zu seufzen über sich selbst. Die braunen, gewölbten Augen betrauerten es, untröstlich. Und die Stirn, die sanfte Wange neigten sich dem Schatten zu, als wollten sie sich ganz von ihm überziehen lassen. Die Augen Pardis in ihn [ 561 ]selbst zurückschauend, in eine Seele, die nicht seine, sondern Arnolds war; seine Stirn durch Arnolds Güte und Sehnsucht gereinigt: Das war jener Tote, der Lola ihre mildesten Träume geschenkt hatte. „In ihm konnte ich beide lieben. Nur bei ihm war ich gestillt. Es ist sehr schwer, zu denken, auf welche Dinge jetzt seine Augen blicken, die zuletzt mich sahen. Pardi weiß nicht, wie gut er sich rächt. Er zerreißt in meinem Herzen den letzten Wohllaut.“

Oft fuhr sie auf und wollte das Bild fordern. Andere Stunden weinte sie darum. Und jedesmal neu hatte sie sich der darzubringen, die ihr als Henkerin bestimmt war. Sie stellte sich die Dirne kalt und frech vor, voll der Sucht, die Frau, deren Mann sie besaß, mit Füßen zu treten, ihre Erinnerungen zu schänden. Auf der einsamen Folter ihrer Gedanken fühlte Lola dort unter sich einen schmutzentstiegenen Dämon, der erst aus den Trümmern dieses Hauses, gell auflachend, entflattern würde. Und eines Tages traf dies Lachen sie so nahe, daß sie sich verloren glaubte. Sie wollte ihren Wagen besteigen; hinter ihr im Hause rief es, herbeilaufend: „Schön! Der Wagen für mich;“ — und plötzlich standen sie voreinander. Lola hatte im Schrecken nur grelle Flecken vor Augen: die gelben Haare, das kreidige Gesicht. Da hörte sie stammeln:

„Ich habe mich wohl geirrt, der Wagen ist wohl nicht für mich?“

Lola brachte hervor:

„Ich bitte, bedienen Sie sich!“ [ 562 ]

Aber die andere tat einen tastenden Schritt rückwärts.

„Ich möchte doch nicht die gnädige Frau —“

Lolas Blick klärte sich; sie entdeckte große blaue Augen, die vor ihr erschrocken waren.

„Ich werde zu Fuß gehen,“ — und das Mädchen verneigte sich scheu.

„Nein!“ sagte Lola. „Fahren Sie mit mir!“

Jene zögerte, senkte die Stirn und gehorchte. Der Kutscher sah sich empört nach ihr um. Lola fiel es ein, daß die beiden sich kannten. Sobald sie das Mädchen neben sich hatte, sagte sie dringend:

„Glauben Sie nicht, ich wolle Sie demütigen!…“

Sie fürchtete, zu schluchzen, und schwieg. Leopoldo peitschte aus Zorn; sie jagten über die Brücke. Männer starrten zu ihnen herein; die Dirne sah willenlos hin; und dann zuckte sie zurück und tat, mit geducktem Blick, bei Lola Abbitte. Lola roch das unelegante Parfüm, bemerkte unter dem Spitzensaum einen rauhen Schuh und fühlte sich nüchtern und übel werden. Diese Arme hätte nichts verstanden von allem, was vorging; empfand nichts und wollte nichts. Lola hatte den dürftigen Dingen Geist und Phantasie geliehen, hatte Schicksalsgötter gegen sich am Werk geglaubt. „Das Schwerste ist immer wieder, durch das Unglück nicht hochmütig zu werden. Kein Schicksal, auch meins nicht, darf uns glauben machen, wir seien einzig und erlitten Ungeheures. Sich bücken unters Gewöhnliche!“ Sie grüßte die alte Marchesa Triborghi, und der Gruß blieb unerwidert. „Was tue ich auch? Ich weiß nicht [ 563 ]mehr, in welcher Welt ich lebe. Nur mir, scheint es, geschehen solche Vergeßlichkeiten.“ Sie fragte das Mädchen, wo es abzusteigen wünsche. Es hatte, in der Fassungslosigkeit, all sein Italienisch vergessen.
 

Den selben Abend mußte sie im Palazzo Valdomini sein und Anspielungen hören.

„Sie haben Ihr unteres Stockwerk vermietet, meine Liebe?“

„Es werden Verwandte sein?“

„Denn Sie verbringen dort, scheint es, Ihre Abende. Ich fuhr vorbei; und dort war’s hell; bei Ihnen droben sah man kein Licht.“

„Ach! die Belfatti will Sie mit einer noch unbekannten Cousine im Wagen gesehen haben…“

Die Männer lächelten und sahen weg. Claudia entfernte sich.

„Du weichst mir aus, Claudia?“

„Wozu brauchst du noch mich? Hast du nicht eine neue Freundin? Ich muß dir sagen, Lola, daß du entsetzlich taktlos bist. Es scheint, ihr Fremden seid es nun einmal. Aber ein Kind kann wissen, daß uns die Maitressen unserer Männer nichts angehen.“

Noch beim Sprechen fiel ihr ein, was sie selbst sei; und sie ward rot. Immer zorniger, stieß sie hervor:

„Aber du bist schlecht und willst ihm schaden. Vielleicht hast du jetzt erreicht, daß er nicht gewählt wird.“ [ 564 ]

Lola murmelte, erblaßt:

„Ich hatte nur den Kopf verloren.“

Aber Claudia ließ sie stehen. Lola sah sich nach Hilfe um; sie ertrug diese Vereinsamung nicht. Unvermittelt zeigte sie sich gegen die Männer liebenswürdig, ließ sich umringen, erweckte Hoffnungen. Dabei dachte sie krampfhaft: „Ich bin feige: er darf nicht wissen, was geschehen ist.“

Das letzte fühlte sie dahingehen: ihre Selbstachtung. Nichts blieb, als ein Tumult von Stimmungen und Gedanken, ganz unnütz, ganz machtlos im Wirrwarr der Ereignisse, der Gesichter, der offenen Türen. Der Wahltag war da; das Haus gehörte jedem, der eine Stimme hatte. Sie standen, kauend und mit schaukelnden Weingläsern, bis in Lolas Zimmer hinein. Pardi drückte alle Hände. Seine Augen, seine Gesten beherrschten die Menschenflut, schienen sie zu beherrschen bis ans Ende der Stadt. Lola sah ihn bleich — aber jung und gefährlich, wie einst. Sie zeigte sich zuvorkommend, schmeichelte denen, die er bevorzugt hatte, erriet demütig seinen Willen. Gegen Mittag lichteten sich die Haufen. Mit dem letzten entfernte Pardi selbst sich.

Lola stand einen Augenblick und atmete schwer. Plötzlich schmeckte sie den Dunst und den Qualm, die von der Menge übriggeblieben waren; sah den Schmutz und das Drunterunddrüber. Sie fürchtete, zur Besinnung zu kommen. Nur nicht denken, nicht voraussehen! Heute war ein guter Tag, ein leichter Tag: man trieb so fort in Gedränge und Lärm; man trug [ 565 ]nicht mehr an sich, fühlte sich nicht mehr. Zurück in die Menge! Hinaus: gleichviel, wohin!

An den Mauern klebten riesige Zettel, weiße, rote und gelbe; dahinten auf dem Platz vor der Brücke drängte es sich, unter Fahnen, bei einer Schenke; und wie vor Lola die Gasse sich öffnete, deuchten Brücke und Ufer ihr munterer, weiter und heller als sonst: als sei der erste Frühlingstag aufgegangen.

Die bei der Schenke fuchtelten vor roten Plakaten und schrien jedem, der kam, den Namen des Sozialisten Ricchetti ins Gesicht. Zwei Arbeiter sahen Lola entgegen, und wie sie vorbeiging, seufzte der eine:

„Ah! die Frauen.“

Sie war erkannt; Rufe stiegen aus dem Haufen:

„Nieder mit Pardi!“

„Aber es lebe die Contessa!“ schrie der Arbeiter.

Die Brücke entlang dufteten Veilchenkörbe in der Sonne. Drüben am Fluß hin, zwischen den Wagen und den Plakaten, über den Köpfen derer, die, Zeitungsblätter in den Händen, aufeinander einredeten, schwankten die Veilchen. Mädchen mit Veilchen am Hals störten im Vorbeigehen mit ihrem Duft aus Frau und Blume ganze Rotten Politisierender auseinander, und der Eifer der Gesichter zerteilte sich zum Lächeln.

Die lange offene Säulenhalle der Uffizien toste von Volk. Es spritzte seine Wellen die Säulen hinan: auf den Sockeln, den Schranken wiegten sich stürmisch junge Leute, streckten die Arme über die heraufgewendeten Gesichter aus und redeten. Andere Studenten, Kokarden an den Hüten und die Taschen voll Zeitungen, [ 566 ]legten Hand an die Wähler, hängten sich in den Arm ländlicher Bürger, die noch abwarteten, setzten mit dem Feuer ihrer Mienen endlich auch die der Männer in Bewegung, — und die weißen Hände lagen in den braunen. Plötzlich flogen alle auf, um zu klatschen. Von da vorn stürmte Händeklatschen beflügelt herbei. Hinten klatschte man im Galopp und strebte hervor: was es sei, das man beklatschte. Der Alte Palast der Republik schob seinen Turm ins Blaue hinaus, als reckte sich der Hals eines großen alten Wächters voll drohender Ruhe; und auf seinem greisen Profil erblaßte die Sonne. Gegenüber, unter dem Bogen der Bilderhalle, sah Judith, klein und furchtbar, auf den Kopf dessen, an dem sie ihr Volk gerächt hatte. Und zwischen dem Wächter und der Heldin leuchteten auf einmal drei rote Mützen auf. „Garibaldiner!“ Die Menge schlug ihnen entgegen eine einzige Woge. Man führte die drei Alten ihr zu, ihren tausend Armen zu, ihren tausend zum Jubeln offenen Gesichtern. An allen Festtagen begegnete man ihnen: heute aber wollte jeder das rote Wollhemd dieser armen Leute berühren, als gäbe es Kraft; und ihre altersbleichen, altersernsten Mienen waren umsprüht von Liebesblicken. Eine Frau küßte den einen. Das Volk klatschte. Es klatschte, als die drei vor ihm ihre Köpfe entblößten. Man sah sich an, man sah einander weinen.

Lola spürte Tränen; — und da traf sie die Augen eines berußten Menschen und fand sie voll Stolz. Welche Feier! Ein Volk rief sich, irgendwie dazu [ 567 ]eingeladen, die Größe seiner Väter zurück, besann sich, beim Anblick der Größe von Niederen, auf sich selbst. Bis in die ältesten Tage erkannte es an den Wahrzeichen sich selbst, und seine eigene Unendlichkeit erschütterte es. Lola atmete tiefer in dieser bewegten Luft: bewegt von der ungeheuren Güte der Demokratie, ihrer Kraft, Würde zu wecken, Menschlichkeit zu reifen, Frieden zu verbreiten. Sie fühlte es wie eine Hand, die sie befreien wollte: auch sie. Allem Volk sollte sie gleich werden, sollte erlöst sein. Ringsum sahen alle sie frei und derb an, ohne Vorbehalt, ohne jede höfliche Fremdheit. Sie war keine Fremde; sie war eine Frau wie die anderen; wie die Mädchen mit den Veilchen unter der Wange, konnte jeder sie begehren.

Da erinnerte sie sich, wie einst, vor Jahren, Arnold in seiner Einsamkeit und auszehrenden Geistigkeit ihr von Menschennähe, vom warmen und tätigen Bündnis mit Menschen vorgeschwärmt hatte; — und ihr innerer Flug brach ab, und sie fühlte sich zu Boden geschlagen. Was er erlebt hatte, erlebte auch sie. Nur ihm glich sie, und sie konnten einander nicht helfen, und sie schleppten einander nach. Stand er nicht dort im Hintergrunde der Halle? Eine Sekunde hatte sich der Wald von Köpfen vor seinem Gesicht geöffnet. Dort schwärmte er nun wohl, wie sie geschwärmt hatte. Aber er ließ sie des anderen willenlose Sache sein und mit dem anderen untergehen. Sie sah bitter fort. Er konnte nichts für sie tun; denn er sah zu tief — gleich ihr selbst. Sie kannten einander: [ 568 ]so sehr, daß sie sich fast schon verloren hatten. „Habe ich diese ganze letzte Zeit je an ihn gedacht? Wir lebten zusammen immer nur wie auf einem anderen Stern, und ich stecke jetzt so angstvoll tief im Irdischen. Habe ich neulich seinen Brief gelesen? Vielleicht; aber ich weiß nicht mehr, was er schrieb. Es war keine Zeit dafür…“

Der volle Platz machte ihr Widerwillen; sie schob sich bis in die Gasse nach dem Neuen Markt. Ein Wagen hielt festgerannt im Gedränge.

„Lola!“

Claudia stieg aus.

„Ich gehe mit dir. Bist du mir noch böse, Lolina? Ich war so unglücklich, als ich dich wegen der Französin schalt. Es war Eifersucht. Vergiß es! Nimm diese Veilchen und vergiß es! Willst du?“

Sie drängte sich kindlich an Lolas Arm.

„Du verzeihst mir? Auch das noch? Ach, du bist unbegreiflich gut, Lolina. Ich zweifle nicht, daß uns drüben die Madonna erwartet; denn von dir bis zu zu ihr ist’s nicht mehr weit.“

„Wohin gehst du, Claudia?“

„Ich weiß nicht.“

Ihre Tränen blinkten noch, und schon lachte sie.

„Es ist gleich. Welch schöner, schöner Tag! Nun ist’s Frühling: darum steigen alle auf die Straße hinab. Sieh, die Nase dort! Sieh, jene Frau: sie hat einen Liebhaber, man sieht es ihr an … Aber hier sind schrecklich viel Leute: was haben sie?“

„Sie wählen!“ [ 569 ]

„Ach ja! Ich dachte nicht daran. Er läßt sich wählen: gerade heute. Und doch, und doch —“

Sie jauchzte leise; — und plötzlich nachdenklich und spöttisch:

„Da sieh, wie sie diese Papiere anstarren, die Männer! Es scheint, daß sie das interessiert, was daraufsteht. Sind diese beiden aufgeregt! Ach nein, man darf sie nicht beachten: gleich fangen sie an, sich mit uns zu beschäftigen.“

Und sie sah unbeteiligt gradaus. Auf dem Domplatz trieben Gruppen umher. Die beiden Frauen steuerten hindurch. Manchmal folgte ihnen ein Blick. Wohin gingen sie? An was dachten sie, — da alles Feuer, das die Welt der Männer hervorwarf, ihnen nicht wärmer machte, an der ruhigen Blässe ihrer Gesichter nichts änderte?

„Dort hinein müssen wir,“ sagte Claudia, und sie nickte hinüber nach der engsten der Straßen. Plötzlich zuckte sie zurück.

„Was hast du?“ — aber Lola hatte schon den fiebrig Lauernden bemerkt, dort an der Hausecke. Er war bleich; die eine Hälfte seines Gesichts verzerrte sich jede Sekunde. Er fingerte am Kragen, am Bart, tat zwei Schritte vorwärts und zwei zurück. Eine Hand hielt er in der Tasche; und sein Blick brannte unauslöschlich auf Claudia.

„Dein Mann,“ murmelte Lola.

„Ja, er,“ — und Claudia sah ihn unverwandt an. „Er ist schlimm heute, er hat, glaube ich, einen Brief bekommen.“ [ 570 ]

„Laß uns in ein Café treten, Claudia?“

Claudia atmete auf.

„Siehst du? Er ist weg, zurück in die Gasse, verschwunden in der Menge. Ich wußte es.“

Sie lachte erregt.

„Er wird nichts tun. Warum heute? Da er noch nie etwas getan hat…“

Sie mußte stehen bleiben, um ihre Lustigkeit zu dämpfen.

„Ah! der kleine Konditor. Er macht die süßesten Kuchen von allen. Ich möchte wieder von seinen Kuchen essen.“

Und drinnen:

„Du bist so ernst, Lolina. Bist du besorgt um mich? Dann liebst du mich also wirklich? Ja, du liebst mich.“

Claudia seufzte schwer auf. Sie kaute; dann, mit Flüstern, tief feierlich:

„Dich hätte ich gehaßt, wärst du eine der unseren gewesen. Ich weiß es gewiß, ich hätte dich getötet. Nun aber sind wir Freundinnen gewesen. Denn du bist so edel, daß man dich nicht fürchtet. Ach! und dennoch liebt er nur dich. Er hat mir’s gesagt: nicht länger als acht Tage ist’s her, und ich war in Wut gegen ihn wegen der Französin. Er hob nur die Schultern; und dann sagte er, dich allein liebe er. Mich aber verachtet er so sehr, daß er mir das sagt.“

„Aber du bist durch ihn glücklich gewesen, und ich unglücklich.“

„Er sagte auch, nur du könntest ihn retten.“ [ 571 ]

„Mit ihm zugrunde gehen kann ich: sonst nichts.“

Draußen strich Claudia sich mit dem Finger über die Stirn.

„Was reden wir da? Was gestehe ich dir alles? O, ich schäme mich! Aber mir ist es, als sei es das letzte, das ich zu dir spreche. Warum? Ich bin abergläubisch; und mir scheint irgend etwas Großes bevorzustehen. Ich werde ihn verlieren! Er hat mir gesagt, wenn er nicht gewählt werde, wolle er sich mit dir auf dem Lande vergraben. Lolina, sei gut mit ihm! Du, die du so gut bist! … Gott! da ist wieder jener.“

„Laß uns umkehren!“

„Nein, nein! Er würde uns nachlaufen.“

Sie mußte die Augen, die sich vergrößerten, auf ihm haben, mußte ihm entgegengehen. Er stand jetzt vor dem Café Bottegone, war noch bleicher, noch fratzenhafter, öffnete und schloß unaufhörlich über der Brust die Knöpfe und schien zu keuchen, als sei er gelaufen.

„Ich habe Angst, ich habe furchtbare Angst,“ jammerte Claudia. „Warum hält er die Hand in der Tasche? … Und nun wir näher kommen, sieht er weg. Er müßte uns doch begrüßen…“

„Kein Wagen hier: es ist Wahltag. Fürchte dich nicht, arme Claudia! Ich bin bei dir. Er wendet sich zur Ecke; er ist nicht mehr zu sehen. Machen wir, daß wir fortkommen!“

Sie hasteten die breite Straße hinauf: fast liefen sie. Junge Leute zogen daher und wechselten, angeregt [ 572 ]lächelnd, ihre Meinung über diese beiden eleganten und hübschen Frauen, die inmitten des Männergetriebes auf ihren klappenden hohen Absätzen irgend einem süßen Ziel zustrebten.

„Die Kleine ist die Schönste,“ sagte einer, und lächelte dringlicher in Claudias Augen. Sie streiften ihn, mit ihren schweren, feuchten Pupillen im bräunlichen Weiß, — und glitten weiter. „Du kannst mir nicht helfen.“ Er wendete sich noch, um die von ihr durchschrittene Luft einzuatmen, die nach Veilchen roch.

„Soll ich sie ansprechen?“ fragte Lola, ratlos, und blieb stehen.

Da erhob sich Geschrei und Singen; aus der Seitengasse vor ihnen brachen Laufende; geballt wälzte sich’s hinterher; und die Pferde der Gendarmen stiegen und sanken über der Menge, wie Schiffe im Sturm. Er brauste gegen die beiden Frauen heran; sie sahen in schwarz geöffnete Münder, in Gesichter, die von nichts wußten, als von dem Schrei, den sie ausstießen. Sie schrien:

„Es lebe Ricchetti!“

Und Claudia, in ein Tor gedrückt, mit ihrer kleinen gellen Vogelstimme:

„Nein! Es lebe Pardi!“

Vorüber. Betäubt kehrten die Frauen auf die Straße zurück: sie lag breit und leer, mit dem Dreimaster eines Carabiniere mitten auf dem Pflaster.

„Ich höre einen Wagen,“ sagte Lola. „Komm rasch!“

Aber Claudia entgegnete starr: [ 573 ]

„Es ist unnötig. Dort steht er.“

Und Lola stammelte:

„Wie ist er dort hingekommen? Ich begreife nicht…“

„Es soll sein,“ sagte Claudia. „Heute früh sind sechs Haarnadeln von meinem Tisch gefallen, und alle lagen kreuzweise. Also hier.“

„Halte doch an, Claudia! Wer weiß, was er vorhat.“

„Ich weiß es. Sein Gesicht hat nie so gezuckt; es ist schrecklich, wie das Zucken ihm die Zähne entblößt, auf der einen Seite nur…“

„Du sprichst, als schliefst du. Empöre dich doch! Was wir immer getan haben, wir sind Menschen. Darf man uns jagen, wie ein Tier? O! ich hasse sie alle, ich will nicht dabei sein. Du kommst mit mir, Claudia: oder ich lasse dich allein.“

„Adieu, Lola. Und sage ihm — du weißt wem —, ich wäre so gern, so gern noch —. O! der dort zieht die Hand aus der Tasche.“

„Er sieht aus wie ein Verrückter. Warum sind wir ihm so nahe gekommen? Hilfe! Kutscher! Hilfe!“

Da krachte schon der Schuß, und Claudia taumelte gegen das Haus.

„Ich bin getroffen. Noch lebe ich. Aber er ist nicht zufrieden; er kommt, er will’s fertig machen. Seine Zähne!“

Aufschreiend:

„Nein! ich will nicht sterben. Rette mich, Lola! Ich muß zu ihm: du weißt, zu wem. Er hat mich [ 574 ]bestellt, er wartet schon. Wenn ich zurückkomme, will ich sterben: nicht jetzt … Gib mir doch Zeit!“

Sie krümmte sich, und sie spreizte die Hand gegen den, der mit ausgestrecktem Arm und schwankend herbeikam. Lola stürzte vor, sie packte die Waffe. Er drückte wild zu; Lola sah ihre Hand voll Blut und sah Claudia sinken. Claudia wand sich empor und lief, ohne einen Laut, davon. Sie lief mitten auf der Straße, mit ungleichmäßigen Schritten und mit Händen, die durch die Luft tasteten: als liefe sie über Wurzeln und Steine, in einem halbdunkeln Wald. Drei Schüsse noch folgten ihr. Aus den Seitengassen links und rechts rannten gleichzeitig vier Sicherheitswächter, versperrten die Straße und griffen Claudia auf. Sie wies hinter sich; darauf ließen alle sie los, daß sie hinfiel, und warfen sich auf den Mann. Er lehnte an der Mauer; neben seinem Fuß lag der Revolver; und er hatte die Augen geschlossen.

Lola kniete, über Claudia gebeugt.

„Sage etwas, Claudia, nur ein Wort: ich bitte dich, ich bitte dich!“

Claudias kleine weiß bekleidete Hand regte sich leise in dem Kot, um den sie gegriffen hatte.

„Ach! du weinst. Nicht wahr, du weinst noch?“ — und Lola haschte mit den Lippen nach der Träne an Claudias Lid. Aber die Träne war kühl, und Claudias Augen erstarrten schon.

„Contessa! Was ist geschehen? Atmet sie noch? … Lassen Sie doch mich, Contessa!“

Lola erkannte Guidaccis kellerigen Atem und [ 575 ]richtete sich auf. Der kleine Priester war aufs äußerste belebt. Seine Hundeaugen fieberten von dem Hochgefühl, an einem Ereignis teilzunehmen.

„Eine furchtbare Sache! Ich trete aus San Lorenzo und höre schießen. Ich laufe; nur durch jene Straße brauche ich zu laufen, und da bin ich. Laßt mich machen!“ — er wehrte den Polizisten mit seinem erregten gelben Händchen, — „ich kenne die Dame.“

Und er raffte die Soutane, kniete hin und legte das Ohr an Claudias Herz. Alle bückten sich; die Herbeigelaufenen ringsum hielten den Atem an.

„Tot,“ entschied der Priester, mit einer abschneidenden Geste. Lola bedeckte mit der Linken die Augen. Die Rechte stieß sie unsicher ins Leere.

„Ich will fort. Den Wagen!“

Man hatte darin den Mörder fortgeschafft. Guidacci schickte nach einem andern. Inzwischen nahten Eilschritte; und wie Lola die Hand von den Augen nahm, schrak sie zusammen vor den Vermummten der Misericordia. Sie hoben die Tote geräuschlos auf ihren federnden Karren, und schon machten die beiden hohen gelben Räder die erste Drehung. Lola wollte sich nachstürzen, aber Guidacci hielt sie nervig zurück.

„Nur einmal unter das Verdeck sehen! Waren denn ihre Augen geschlossen? Sicher?“

Sie hatte vor sich immer Claudias erstarrtes Auge und an seinem Rande die letzte Träne, die es hatte weinen dürfen.
 
[ 576 ]

Ein Wagen war da. Guidacci setzte sich zu ihr. Er zappelte noch und sah und hörte nur sich.

„Wäre ich bei Ihnen gewesen: ah! Contessa, Ihre unglückliche Freundin lebte noch. Mein Freund hier,“ — und er griff in die Tasche — „hätte sie beschützt. Und zu denken, daß es hätte sein können. Denn ich ging ernstlich mit der Absicht um, heute die Kirche schon um halb ein Uhr zu verlassen! Fragen Sie Bussoletti, unsern dicken Erzpriester!“

„Lassen Sie sehen!“ sagte Lola, und nahm den Revolver in die Hand. Sie spielte mit der Sicherung, sah nach den Patronen.

„Den also muß man gebrauchen, — damit nicht der andere ihn gebraucht.“

Erst kurz vor der Ankunft gab sie, aufschreckend, die Waffe zurück.

„Bleiben Sie hier! Danke: ich brauche keine Hilfe. Das Blut an meiner Hand? Es ist nicht der Rede wert. Aber ich möchte ruhen.“

Sie verband sich selbst; nur niemand sehen! — und fand nun, ausgestreckt, hinter ihren Lidern alles wieder, und ihre Adern pochten unaufhörlich die Worte: „Den also muß man gebrauchen, damit nicht der andere ihn gebraucht.“

Sie warf sich auf dem Polster umher.

„Claudia hat ihm gehört, wie seine Sache; und weil sie sich widersetzte, hat er sie zerbrochen. Er durfte es; er geht dafür mit ihr unter. Und so werde auch ich mit dem untergehen, dessen Sache ich bin … Ich will nicht! Wer hat auf mich ein Recht? Alles [ 577 ]ist Lüge. Ich bin als mein eigen geboren, und kein Mensch konnte je auf mich ein Recht erwerben. Ich bin in seiner Schuld? Ich habe gewußt, was mir mit ihm bevorstand? Ich habe ihn unglücklich gemacht? Ach! das alles zählt nicht, wenn es um mich selbst geht. Ich will nicht so gerecht sein! Mag er zusehen! Er hat mir schlimme Jahre gemacht, wir sind quitt. Ich will nicht in die Tiefe denken, wo seine Schuld aufhört und alles Schicksal wird, das man stumm weiterschleppt. Ich will leben! Ich habe Claudias Tod gesehen: er war schimpflich. Ich will leben!“

Ihr war schwindlich von dem ungeheuren Flügelrauschen in ihr. Plötzlich fuhr sie empor; und aufgestützt, die Lippen geöffnet, mit einem irren Lächeln lauschte sie.

Nein. Schwer seufzend sank sie zurück. Es war Pardi.

Er trat ein; sein Schritt war lastend; und er ging, ohne sie anzusehen, zum Fenster. Mit dem Rücken nach dem Zimmer:

„Es steht schlecht: ich fühle, daß ich heute kein Glück habe. Bereite dich auf das Landleben vor.“

Er wanderte umher und murmelte zwischen den Zähnen. Anhaltend, mit einem scharfen Blick:

„War Claudia nicht hier?“

Lola schwieg. Er kam unruhig näher. Sie richtete sich auf; sie sagte ihm in die Augen, langsam und stark:

„Claudia ist tot. Um deinetwillen ist sie umgekommen, und auf dem Wege zu dir.“

Er schwankte, er griff sich ins Haar.

„Es ist nicht wahr!“ [ 578 ]

Da ihre Wimpern sich nicht bewegten, schlug er die Augen nieder. Er sah plötzlich kleiner aus, und alt, zerzaust, übernächtig: fahl von zahllosen Nächten.

Und er wanderte weiter: den Kopf auf der Brust, mit stammelnden Bewegungen der Lippen und, von Zeit zu Zeit, einem unfreiwilligen Stöhnen. Lola wendete das Gesicht, wohin immer er ging. Sie fühlte ihren Mund gekrampft vom Haß. Sie haßte ihn! Er hatte Claudia dorthinten in irgend ein Rendezvouszimmer bestellt. Claudia war durch die Stadt gegangen, in der an jeder Ecke der Tod lauerte: durch eine Hecke von Mördern. Er hatte sie kommen lassen: denn die Umarmung einer Frau konnte ihm Glück bringen zur Wahl. Ganz Florenz schrie seinen Namen, kämpfte um ihn: und er pfiff darauf und umarmte, abseits vom Lärm, eine Frau. Das war reizvoll; es war eine starke, verachtende Geste. Für sie war Claudia gestorben. Und ihr Tod traf ihn peinlich, denn er brachte vielleicht Unglück. „O! ich hasse ihn, ich hasse ihn! Da schleicht er hin, weiß sich verloren und wird nie mehr aufkommen. Ich freue mich. Ich will es nie bereuen, mich jetzt gefreut zu haben. Zu allem wäre ich in diesem Augenblick stark genug: zu allem.“ Sie suchte seufzend. „Eine Waffe! In diesem Augenblick eine Waffe!“

Aber der Augenblick verstrich! Das leblose Schweigen des Hauses machte ihr Fieber. Pardi richtete sich auf. Er sprach rauh.

„Also retten, was zu retten ist. Auf die Quästur. [ 579 ]Den Zeitungen muß gedroht werden, falls sie in den Bericht meinen Namen mischen.“

Er nahm seinen Hut.

„Wie lange ist’s her? Ist ihr Mann verhaftet?“

Nach einer Stille:

„Wirst du antworten, Hündin?“

Lola lag da, und die Wange in der Hand, sah sie ihn an, mit Augen, die, leise hin und her rückend, im Haß grübelten. Sein Blick irrte ab; er zerdrückte den Hut, er machte kehrt … Ein stürmender Schritt kam über die Treppe und durch den Vorsaal; die Tür flog auf; Lola verhielt ihren Schrei: da stand Arnold. Er atmete rasch; sein Blick traf sicher, erst Pardi, dann sie; und mit wachem, festem Schritt trat er vor ihr Lager.

„Sie sind verwundet?“

Er bemerkte ihre Hand und zuckte auf. Halb gewendet:

„Sie haben sie töten wollen: ich verlange Ihr Leben.“

Pardi setzte die Fäuste an die Brust.

„Sie sind verrückt; aber da Sie sich endlich zeigen, da Sie endlich aus dem Nebel tauchen, sollen Sie haben, was Sie sich wünschen.“

Er lachte auf. Arnold machte zwei schlanke, kühne Schritte. Lola sah ihn jung und gespannt, wie einen Knaben, der zum erstenmal aus dem Jugendgehege und vor den ersten Feind hintritt; der die Spiele hinter sich gelassen hat und vor Ernst bebt. Er sagte hell:

„Sie haben die Waffe zu wählen; aber wählen Sie nicht die Pistole, sind Sie ein Feigling. Und [ 580 ]bestehen Sie nicht mit mir darauf, daß einer von uns am Platze bleibt, sind Sie ein Feigling.“

„Sie hoffen, mich dazu zu machen?“ sagte Pardi, die Zähne entblößend.

Arnold verbeugte sich vor Lola und ging.

„Erwarten Sie mich!“ sagte sie laut, und sie stand auf. Ihr Hut, ihr Jakett lagen noch da; sie machte sich fertig. Arnold öffnete ihr die Tür.

„Träume ich?“ sagte Pardi. Lola kam zurück. Dicht vor ihm:

„Claudia hat dir Sieg gewünscht: es war ihr letzter Ausruf. Aber sie ist nicht die Tote, die dir Glück bringt.“

Und sie wandte sich langsam.
 

„Soll ich dem Kutscher winken?“ fragte Arnold.

„Nein.“

„Wozu auch: da wir nicht fliehen, sondern frei dahingehen.“

Lola sah vor sich nieder.

„Nicht er hat mich verwundet. Claudias Mann tat es, als er sie tötete.“

Da er schwieg:

„Ändert das deinen Sinn?“

„Nein.“

Sie hob die Stirn; beglückt sah sie ihn an.

„O nein!“ wiederholte er. „Hat er’s nicht getan? So hätte er’s doch tun können. Ich habe dein Blut gesehen. Man sprach mir von deiner Verwundung; [ 581 ]Guidacci sprach — ich weiß nicht was. Kaum hörte ich, dein Blut sei geflossen, da betäubte meins mich mit seiner Wallung. Ich fühlte, daß der, der dich anrühren könne, nicht länger leben dürfe. Du bist mein. Ich habe genug um dich gelitten.“

„Wir haben genug umeinander gelitten;“ und sie nahm seinen Arm.

„Laß uns langsam gehen: jetzt, da wir immer, immer denselben Weg gehen werden.“

Diese armen Straßen links vom Fluß waren voll Volks, das wimmelnd, zur Harmonika, Guitarre und dem Fettgeruch aus den Pfannen der Gassenköche, das Fest der Wahl beging. Ihr Kandidat war so gut wie gewählt; in den engen Schaufenstern stand sein Bild; sie stellten Kerzen davor; die Schenkwirte hängten Lampions hinaus. Die Glocken läuteten das Ave, als feierten sie den Sieg der Armen.

„Wie?“ sagte Arnold. „Längst ist mein ganzes Leben auf dich zusammengezogen. Alles hab’ ich an dich gewendet, alles Denken, alles Leiden, dessen ich fähig bin. Das soll irgend einer mir wegtragen, es aus dem Leben schaffen dürfen? Wozu habe ich gelebt, wenn du verschwunden bist? Alles konnten Geschick und Menschen uns auferlegen, jeden Verzicht, das ganze gehetzte Dasein, das wir gehabt haben: aber wir müssen leben. Zusammen leben oder zusammen sterben.“

„Zusammen leben,“ sagte Lola, mit rascher Zuversicht.

„Durch mein Herz fließt längst nur noch dein [ 582 ]Blut. Mit deinen Stimmungen, die mich unbewußt mitergreifen, deiner Unruhe, die auch mich verzehrt, und deiner süßen Liebe, an der ich trage, fließt mir stündlich dein Blut zum Herzen. Wer dich trifft, trifft mich: und ich will leben. Heute hab’ ich erfahren, daß ich’s will.“

„Auch ich. Wärst du nicht gekommen, ich hätte ihn getötet! … Aber du bist gekommen. Zum zweitenmal hast du mich aus der Ferne gehört, als ich dich beschwor. Und diesmal brachtest du die Tat mit!“

Sie sann: „Die Tat, an die ich nicht glaubte, die ich von mir wies, und nach der mich im Grunde immer verlangt hat. Die verachtete Tat, die alles löst.“

Da sagte er:

„Mir ist es nun, als hätte ich mich längst nach dieser Tat gesehnt.“

… Sie langten an. Der leere Platz mit seinen kleinen alten Häusern, um den riesigen, bröckelnden Kirchengiebel geschart, stand fahlblau in Dämmerung. Sie gingen die geschweifte Mauer zu Ende; schon neigten sich über Lola die stillen Bäume ihres Geliebten. Arnold schob die Pforte zurück: — da entstürzte der Gasse drüben eine schreiende Fratze.

„Gewählt ist Pardi!“

Der Schreier wütete an den schläfrigen Häuschen hin, zwang ihnen, mit Läuten und Stampfen, seine Zeitungsblätter auf, zog aus den letzten Winkeln alles was lebte, an sich, um sich her, und teilte seine Kunde aus.

„Gewählt ist Pardi!“ [ 583 ]

Sie schlossen hinter sich die Pforte. Zwischen den Steinbildern in ihren schwarzen Laubnischen gingen sie auf das Haus zu. Es lag am Ende dieses Schattenganges rosig in Abendluft und umstanden von seiner Wache steiler blauer Schwertlilien. Lola brach das Schweigen.

„Er wird das Parlament nicht betreten. O! ich habe den Mut, es zu wollen und auszusprechen. Er soll sterben, damit wir leben können. Wir wollen nicht länger schlecht, als seine Knechte leben. Denn das waren wir. Denken und Zweifeln hatten uns rechtlos gemacht. Durch Verstehen waren wir unfähig geworden, eine Hand zu erheben, sei es nur, um uns vor Schmutz zu behüten. Wir glaubten uns edel kraft unserer Reinheit: und wurden doch von ihr durch Verwirrung in Niedrigkeit geführt. Allzu gerecht, wird man Sklave. Ein Volk von Würde und Menschlichkeit ist ungerecht gegen seine Herren und befreit sich.“

Der Blick jenes berußten Menschen erschien ihr, der in der Säulenhalle der Uffizien, stolz auf sein Volk, ihr in die Augen gesehen hatte. In ihr zitterte sein Stolz. Sie sah ein Aufleuchten von tausend Gesichtern, die Geste der Denkmäler, die klatschenden Hände, den Ruhm eines Volkes. Und plötzlich ein anderes Auge: bräunlich weiß, schon starr, und an seinem Rande die tote Träne.

„Was erschreckt dich, Lola? Du bist bleich. Dir wird schwach?“

„Claudia ist tot. Ich hatte sie lieb: warum mußte sie schimpflich sterben?“ [ 584 ]

„Lehne dich an mich! Nimm einen tiefen Atemzug aus dieser Luft; der Abend hat so viel Ruhe und Kraft. Sieh, wie stark um uns her die Schwertlilien stehen!“

„Du bist stark! Ich breche nachträglich zusammen. Ja, stütze mich! Ich weiß nicht, was mich mehr ängstigt von allem Erlebten: der Freiheitsstolz so vieler, oder der Tod einer armen kleinen Sklavin.“

„Laß dich über die Stufen heben, meine Lola. Wir sind frei und ruhig. Bleibe in Ruhe auf dieser Terrasse, die uns lieb ist, stütze deinen schönen Kopf an das Haus, das uns kennt, und warte, bis ich zurück bin.“

„Du gehst?“

Da er schwieg:

„Nun weiß ich’s wieder.“

Tränen entstürzten ihr.

„Das Schwerste steht noch bevor, und ich versage schon.“

Er sah zu Boden.

„Wenn ich ausbleibe —“

Da sprang sie auf.

„Du kannst zweifeln? Nein! Du weißt: in derselben Stunde stürbe auch ich.“

Sie sanken, die Augen geschlossen, gegen einander.

Lola schob ihn sanft zurück.

„Laß, ich habe meine Kraft wieder. Du wirst siegen!“

„Deine Augen entzünden so meinen Geist und mein Blut, daß ich alles glaube, allem vertraue.“ [ 585 ]

„Du wirst siegen, weil er gerichtet ist. Er hat es gefühlt: hätte er mich sonst gehen lassen?“

„Welch Leben, Lola! Wir sind gemeinsam wiedergeboren.“

Sie reckte sich, breitete die Arme aus. Den Kopf im Nacken:

„Nimm mich! Ich bin frei … Nein: warte! Du bist zu stürmisch: ganz Held. Ich bewundere dich; auch das habe ich von dir gewollt. Aber ich will auch das andere nicht verlieren, das du warst.“

Er kniete hin. Sie lehnte auf seinem Kopf ihre Hände aneinander und beugte sich sanft, bis ihr Mund seine Stirn traf. Mit kleiner, süßer Traumstimme redete sie.

„So bleibe noch! Ich sehe über dich hinweg in das Dunkel, das heranschwillt. Die Steige waren blau und sind nun schwarz. Das Leuchten der Gartengötter ist vergangen, zugleich mit den Vogelstimmen. Das Leben ist tief, fühlst du’s? Ich höre Schattenfüße auf dem Rasen. Ein letzter Strahl biegt sich um deinen Kopf. Du gehst nun und kämpfst um mich. So brauche ich dich; denn ich bin nur eine Frau. Dann kehrt mein Held heim zu mir, legt seine Stirn in meine Hände und ist sanft und mein Gefährte. So brauche ich dich; denn ich bin nur eine Frau … Wirst du Geduld mit mir haben, Lieber?“

Er flüsterte:

„Die Prüfung liegt hinter uns. Jeder von uns weiß, was er sagt, wenn er sagt: Ich liebe dich.“

„Ich liebe dich,“ sagte Lola.