Zwischen den Rassen/Zweiter Teil

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Zwischen den Rassen  (1907)  by Heinrich Mann
Zweiter Teil
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Zweiter Teil

 
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I

 

Mit glänzend glatten Bandeaus und einem rohseidenen Schlafrock, creme und pfauenblau, kam Frau Gabriel ins Zimmer und fragte:

„Sind die Sachen da?“

Lola las, hing dabei aus dem Fenster und hörte nicht. Ermattet seufzend lehnte Frau Gabriel sich in einen Sessel.

Lolas schlanker, kräftiger Nacken dahinten lag pflaumig blond im Licht. Um ihr Haar her war ein goldiges Geflimmer. Die ungeheure blaue und durchgoldete Weite trug Lolas Schattenriß in sich, bereit ihn dahinzuraffen, aufzuzehren. Drei Palmenblätter nickten mit ihren Spitzen über den Fensterrahmen hinweg. Die Hotelglocke ging. Nun schnaubte ein Dampfer. Von Gesprächen, Musik und Gelächter flatterten Bruchstücke durch Wind und Sonne herbei.

Frau Gabriel saß und polierte mit dem Taschentuch ihre Nägel. Lola sah sich plötzlich um und fuhr zusammen.

„Sind die Sachen da?“ fragte Mai geduldig.

„Da stehen sie doch!“ [ 96 ]

Nicht einmal den Kopf konnte Mai wenden: lieber saß sie eine halbe Stunde und wartete. Wenn jemand aber auch gar keine Nerven hatte! Lola stellte die geöffneten Schachteln dicht neben Mai hin.

„Grade habe ich sie noch bezahlen können. Aber es war fast das Letzte.“

„Schreibe doch an, Nene.“

„Das sagst du immer. O! Wäre ich erst ausgebildet und selbständig! … Weißt du, wieviel wir schon voraus haben? Die Zinsen eines halben Jahres.“

„Nene verdient aber auch; er wird mit uns teilen.“

„Er hat schon mit uns geteilt. Mir ist’s sonderbar genug, daß dort drüben ein junger Mann für mich arbeitet, den ich kaum kenne.“

„Versündige dich nicht, er ist dein Bruder.“

„Erinnerst du dich, wie ich anfangs, nachdem du herübergekommen warst, nicht wußte, wer Paolo war? Als Kind hatte ich nie gehört, daß er Paolo hieß und daß Nene nur Baby bedeutet.“

„Der gute Nene.“

„Wir lassen ihn also für uns verdienen; nur dürfen wir ihn nicht zugrunde richten. Hörst du?“

„Ihr werdet das schon zusammen ausmachen: ihr seid klüger als ich. Ach, unsere jetzigen Verlegenheiten hat Paolo mir vorausgesagt. Er wollte mich durchaus nicht reisen lassen.“

„Zum Glück scheint er energisch; sonst könnte es schlimm enden. Ich selbst vergesse mich manchmal. Zum Beispiel war’s sehr unnötig, daß wir hierher [ 97 ]kamen. Wir sind genug hinter der Branzilla hergereist. Da sie nun in der Nervenheilanstalt sitzt und für meine Stimmbildung nichts mehr tun kann, hätten wir in Paris bleiben sollen.“

„Paris war schön!“

„Unser Leben in Paris kostete schließlich weniger: wir saßen doch manchen Abend zu Hause. Hier läßt man uns nicht.“

„Du hast recht, es ist schrecklich; nun, Gott wird helfen. Kann ich jetzt die Sachen sehen?“

„Aber — sie liegen dir doch vor der Nase!“

„Muß ich sie selbst herausnehmen?“

Frau Gabriel lächelte zaghaft; die Lippe mit dem Leberfleck im Winkel kräuselte sich und zerstörte die reine Linie der graden Nase; die Augen baten; in das gelassene Madonnengesicht kamen Furcht und Unbeholfenheit eines Schulmädchens. Um ihren guten Willen zu beweisen, tauchte sie eine ihrer kleinen weichen, ungeübten Hände in die Schachtel. Gerührt hob Lola die Kostüme heraus; sah ein wenig von oben herab zu, wie Mai sie bewunderte; faßte selbst Teilnahme; — und bald waren sie im Verein ganz hingegeben an diese Stoffe, an die neuen Erfindungen dieser Töne, dieser Schnitte, die ihnen versprachen, ihre Schönheit umzutauschen und ihnen eine noch nicht gekostete Form von Leben und von Glück zu vermitteln. Zum Schluß verriet Frau Gabriel, welche Züge ihr Glück heute trug; denn sie fragte:

„Meinst du, daß der Herzog von Fingado mich liebt?“ [ 98 ]

Ihre Stimme und ihr Blick waren voll kindlicher Erwartung. Lola sagte tröstend:

„Gewiß, Mai.“

„Tatsache ist, daß er neulich auf der Garden-Party sich fast nur um mich kümmerte. Die Bricheau versicherte mir, seine Verlobung sei ins Wanken gekommen. Das wäre mir wahrhaft unangenehm.“

Aber es klang stolz. Dann, behutsam:

„Sage mir eins, mein liebes Kind: gibt dir der Herzog kein Gefühl ein? … Du brauchst es nur zu sagen.“

„Nicht das geringste … obwohl ich ihn sympathisch finde,“ setzte Lola höflich hinzu. Und Mai, zitternd:

„Ich würde seine Liebe nicht wollen, wenn du sie wolltest. Gott ist mein Zeuge, daß dein Glück mir höher steht als meins.“

„Gute Mai, mache dir keine Sorgen!“

Lola wollte sich entfernen; Mai hielt sie, tränenden Auges, am Rock fest.

„Ich würde mich dir opfern, weißt du … Also du liebst ihn nicht? Schwöre es mir!“

„Ich schwöre es;“ und Lola lächelte nachsichtig. Man mußte ein Kind sein wie Mai, um sich in den Titel dieses kümmerlichen Jünglings zu verlieben.

„Aber auf dem Heimwege,“ bemerkte Mai, „ist er mit dir gegangen. Ihr habt euch sogar abgesondert.“

„Er wollte mir aus der Ferne seine Yacht zeigen, — auf der er nicht fahren kann, weil er seekrank wird.“

„Wovon spracht ihr noch?“ [ 99 ]

„Von Karl dem Zweiten.“

„Wer ist das?“

„Ein König von Spanien — es ist lange her, es würde dich nicht interessieren. Mich interessiert’s auch nur manchmal. Aber mit Fingado weiß ich nichts anderes zu reden.“

„Wirklich nicht?“

„Tatsächlich.“

Mai nickte beruhigt. Mit einem unaufhaltsamen Lächeln des Triumphes:

„Mit mir redet er anderes!“

„Würdest du ihn heiraten, Mai?“ fragte Lola, kniete neben ihrer Mutter hin und strich ihr schmeichelnd über Hals und Arm.

„Ich sehe meine Mai schon als Herzogin, in ihrem Schloß in der Sierra; sie geht auf die Jagd nach Wölfen, Adlern und ähnlichen Wappentieren.“

Mai hatte ernsthaft nachgedacht.

„Alles wohl überlegt,“ sagte sie, „hat auch Herr Aguirre seine Vorzüge. Er ist Abgeordneter, sehr einflußreich, und Spanien wird vielleicht Republik werden.“

„Wie weit du denkst, Mai! Aguirre, dies ungesund rosige Baby, denkt nur an das Nächste: er will unser Geld, das Geld, das er uns zutraut. Zu viel Ehre!“

„Du siehst zu trübe, Lola. Und ferner ist er in gesetztem Alter, und ich bin, ach, nicht mehr ganz jung.“

„Im Gegenteil“; dabei herzte Lola ihre Mutter [ 100 ]eifriger; „du bist so jung, daß ich mich neben dir meines Alters schäme. Schon als du mich aus der Pension abholtest, war ich, glaub’ ich, weiter im Leben als du. Die zwei Jahre aber, die wir in der Welt umhergereist sind, haben meinem Alter zehn hinzugefügt. Ich fange sogar an, häßlich zu werden.“

„Das ist nicht wahr! Du bist die Frische selbst. Dein Alter bildest du dir ein, weil du zu viel denkst. Das könnte deine Stirn falten: gib acht. Du bist zerstreut bei der Toilette und gerade sie verlangt unsere ganze Geisteskraft. Dann hättest du dir nicht die Stirnhaare abgebrannt und wärest jetzt nicht so schwer zu frisieren.“

Lola griff seufzend nach den krausen Härchen.

„Ich habe schließlich doch meinen Beruf verfehlt. Oft komme ich mir vor wie ein verkleideter Mann.“

„Das wird vergehen, wenn du heiratest. Findest du es noch nicht an der Zeit? Welche schönen Gelegenheiten hast du vorübergehen lassen! Ich weiß nicht: du bist doch so klug; aber eine Schwarze hat mehr Geschick, sich einen Mann einzufangen. Halt, gefällt dir etwa Herr Aguirre? Er scheint mich zu lieben. Meinst du nicht?“

„Gewiß, Mai.“

„Tatsache ist, daß er während der Regatta nicht von meiner Seite wich. Wenn du ihm aber irgend ein Gefühl entgegenbringst…“

Mais Stimme bebte schon wieder; Mai war schon wieder zu einem Opfer bereit und ängstigte sich davor. [ 101 ]Lola wehrte ab; sie lachte befangen, tat ein paar Schritte; dann, ernhaft, mit verhaltenem Zorn:

„Du sprachst von meiner Verheiratung, und doch verlierst du sie zu oft aus dem Auge. Die Tochter einer Mutter, die sich zu gut unterhält, wird nicht leicht einen Mann finden.“

Mai sah tief erschrocken aus; Lola schloß verzeihend:

„Ich weiß, du verdienst keinen ernsten Tadel. Erinnere dich nur, bitte, wie leicht man sich unschuldig kompromittiert, und verspäte dich abends mit keinem der Herren mehr!“

„Du bist streng wie dein Vater,“ sagte Mai und erschauerte. „Weißt du wohl, daß ich ihn wieder gesehen habe? Ja, gerade in der Nacht, von der du sprichst, erschien er mir.“

Demütig bittend:

„Willst du nicht sein Bild in dein Zimmer nehmen?“

„Das geht nicht, Mai: es würde ihn noch mehr erzürnen.“

Lola ging ans Fenster und sah hinaus. Frau Gabriel murmelte vor sich hin und seufzte. Eine junge Männerstimme kam von unten:

„Fräulein Lola, ich habe alles, was Sie wünschten.“

„Gut,“ antwortete Lola.

„Sie bestehen im Ernst darauf?“

„Ohne Zweifel. Wann kommen Sie?“

„Sehr bald. In einer Stunde werden die beiden Kavaliere Ihrer Mama da sein. Empfehlen Sie mich ihr!“ [ 102 ]

„Auf Wiedersehen!“

„In einer Stunde: und ich bin nicht angezogen!“ rief Frau Gabriel und sprang auf. „Lola beeile dich! Welch Glück, daß wir frisiert sind.“

Bei der Tür kehrte sie um.

„Was denkst du über unsern Landsmann?“

„Da Silva Dolenha?“ — und Lola fühlte sich unfrei.

„Ja. Hältst du es für unmöglich, daß er eine von uns liebt? Er kommt täglich.“

Da Lola schwieg:

„Anzeichen gäbe es wohl, daß ich es bin, die er liebt.“

Lola kam plötzlich in Bewegung.

„Nein, Mai, diesmal irrst du. Sei versichert, der denkt nicht an dich!“

„Ach;“ Mai war gekränkt; „wie kannst du das beurteilen. Du bist in solchen Dingen ein Kind.“

„Mag sein. In diesem Fall aber weiß ich, wen Da Silva liebt. Wir sind Freunde, und er hat es mir gesagt.“

„Wen denn? Mein Gott!“

Mai stammelte, heftig enttäuscht. Lola, überlegen:

„Das verrät man nicht unter Freunden.“

„Freunde: was ist denn das?“

„Du wirst es sehen. Geh, Mai, zieh dich an! Du wirst es sehen.“

Dann rief sie nochmals:

„Mai! .. Glaubst du wohl, daß ich leidenschaftlich bin?“ [ 103 ]

„Du? Warum, Kind?“

„Ich meine, weil wir von solchen Dingen sprechen … Nein, ich weiß gewiß, ich bin es nicht.“

„Wie sonderbar du bist!“

Lolas bewegte Miene blieb noch auf die Tür gerichtet, die sich geschlossen hatte. Allmählich ward ihr Blick sinnend, und sie setzte sich auf einen Koffer. Mais Mädchen trat ein und holte die Sachen ihrer Herrin. Lolas eigene lagen auf Bett und Stühlen verstreut, mit Büchern und Notenblättern dazwischen. Ein Glas mit Rosen war umgefallen; Lola erhob sich unbewußt und richtete es auf. Dann sah sie sich nach einem freien Sitz um, fand keinen und kehrte auf den Koffer zurück.

„Mai hat’s gut,“ sann Lola. „Täglich andere Kleider: und merkt nicht, daß es eigentlich alles eins ist. So hat sie auch alle Tage eine neue Liebe; und wem immer sie gelten mag: daß es Liebe, richtige Liebe ist, daran zweifelt sie nie. Wenn ich wüßte, ob ich Da Silva liebe! Manchmal ist’s nur zu klar. Kurz darauf komme ich nach Haus und denke an etwas anderes. Aber das Manchmal ist schlimm genug: es ist beschämend. Ich werde dann melancholisch, wie in der Pensionszeit, als die dicke Jenny mir gewisse Aufschlüsse gegeben hatte … Ich glaube, nur äußerlich halte ich mich fester; innerlich bin ich viel lockerer als Mai. Ich glaube jetzt, sie ist die bei weitem Unschuldigere. Anfangs habe ich sie ungerecht beurteilt: es war verzeihlich. Aus der anständigen Welt Ernestes plötzlich heraus — an diese südlichen Allerweltsplätze, [ 104 ]in ein erhitzendes Durcheinander flüchtiger Begierden: jeden Tag, den ich mich nicht amüsierte, sah ich als verloren an; nur der Ehrgeiz, durch meine so plötzlich entdeckte Stimme groß zu werden, erhob mich noch; (und auch er schwindet schon, und ich will mit dem Singen heute fast nichts mehr erreichen als meine Unabhängigkeit …) Und nun die Frau neben mir, die ebensolch taumelndes Instinktwesen war wie die andern, ohne die Würde eines Geistes, das war meine Beschützerin, meine Freundin, meine ganze Familie, das war Mai, die schöne Mai, die ich in allen meinen Kindheitserinnerungen so poetisch in ihrer Hängematte liegen sah! Der einzige Mensch, an den ich geglaubt hatte! Ich weiß noch, wie empört ich war. Davon also hatte sie geträumt in ihrer Hängematte! Kaum ist Pai tot, stürzt sie sich, ihrer Freiheit froh, in die dümmste Unenthaltsamkeit! Um Pais willen war ich empört und bereit, sie zu hassen. Wie argwöhnisch solch ganz junges, unerfahrenes Mädchen das Leben einer Frau durchspürt: das Leben der Mutter! Als ich damals in Trouville meiner Sache endlich ganz sicher zu sein glaubte: welche Katastrophe! Mai hat einen Geliebten! In dem Gedanken saß ich wie in einem betäubenden Getöse, wie in einem Weltuntergang. Das Furchtbare, sagte ich mir, ist, daß auch ich das in mir habe und so werden muß! Was wußte ich damals? Heute habe ich fast einen Geliebten, könnte ihn jeden Augenblick haben, und wundere mich alle Morgen beim Erwachen, daß es noch nicht eingetreten ist.“ [ 105 ]

„Seitdem muß ich Mai wohl milder beurteilen. Sie ist ein Kind und wird über die gefährlichen Stellen immer nur spielend hinhuschen. Geht sie einen Schritt zu weit, erscheint ihr alsbald der tote Pai; und ich bestärke sie in ihren Gesichten. Warum eigentlich? Doch nicht mehr um Pais willen. Auch nicht, weil Mais Aufführung mich hindern könnte, einen Mann zu finden. Das ist mir gleich. Aber ich weiß wohl warum: ich selbst bin in Gefahr und brauche Reinheit um mich her … Bin ich in Gefahr? Sobald ich’s ausdenke, glaube ich’s nicht mehr. Ich! Ich bin doch eine ganz andere! Auf Wesen wie die arme Mai blicke ich doch, deucht mir, ein gutes Stück hinab!“

„Jedenfalls hab’ ich sie gern. Wir sind grade im richtigen Verhältnis: dem von einem Paar Schwestern, die einander eifersüchtig schmeicheln. Ob wir uns schwer entbehren würden, ist nicht sicher. Wie schwärmte Mai die erste Zeit von Nene! Jetzt erwähnt sie ihn gemächlich und fast nur, wenn von Geld die Rede ist. Jetzt bin ich daran, die Mutterliebe zu genießen. Es tut doch wohl, wenn spät abends, nachdem man sich gekämmt hat und die Decke über sich gezogen hat, eine Mutter hereinkommt und einem küßt. Sie herzt mich lange; mir wird ganz kindlich und weich zu Sinn; dann spricht sie mir mit kleiner süßer, entzückter Stimme von ihren Erfolgen, fragt mich nach meinen: und wir sind wie zwei Kleine unterm Weihnachtsbaum.“

„Nein: für Pai nehme ich nicht mehr Partei. Ich stehe, wenn ich’s bedenke, sogar entschlossen auf Mais Seite. Erstens wohl, weil ich fühle, daß auch [ 106 ]mit mir, wie ich geworden bin, Pai nicht sehr einverstanden wäre. Hauptsächlich aber, weil er ein Mann war und Mai unterdrückt hat. Und schließlich, mein Gott, haben die Lebenden recht. Wenn einer stirbt, versäumt er das weitere und darf nicht mehr dreinreden. Käme Pai wieder, er fände gar keine Anknüpfung mehr mit uns, glaube ich. Mai ließe sich nicht mehr so leicht in die Hängematte legen; und ich — ach, ich bin wohl auch nicht sein rechtes Kind: wie hätten wir sonst, kaum daß er tot war, den ganzen bürgerlichen Boden unter den Füßen verlieren können? Denn das taten wir doch…“

Lola sah sich im Zimmer um.

„So sieht’s überall aus, wo wir kampieren. Und ich sitze auf einem Koffer. Nie kommen die Koffer aus den Zimmern, und sind immer nur halb ausgepackt. Die Jahreszeit wird staubig, der Liebhaber fade: fort von hier! Wohin am Ende? Dort stehen die Ansichten von zu Hause, die Mai mitgebracht hat. Zu Hause! Wenn wir Lust bekämen, einen Ausflug dorthin zu machen, würde ich vor dem Blick auf Rio denken, daß er tatsächlich unvergleichlich schöner ist als der auf Neapel; würde von einem Hotel, wo alles wäre wie in diesem hier, auf Sehenswürdigkeiten ausgehen, die Hitze unerträglich finden und gelassenen Abschied nehmen. Etwas anderes wäre es vielleicht mit der Großen Insel; aber die Pflanzung ist verkauft … Wohin also am Ende? Danach frage ich, scheint mir, zum erstenmal. Fange ich etwa an, zu ermüden? Mais Kindernerven hab’ ich nicht grade. [ 107 ]Aber das Ende bekommt wohl nur Interesse für mich, weil ich wissen möchte, wo das enden soll, was ich jetzt erlebe.“

„Sehen wir doch nach: geht mich der Mensch wirklich so viel an? Wäre er in Venedig noch so unentbehrlich, wie er’s hier in Barcelona ist? Die Grimani hat uns für Juli eingeladen. Oder was meine ich zu Paris? Das ist noch immer das Amüsanteste … Ich glaube, es ginge.“

Eine junge Männerstimme ward hörbar. Lola erhob sich hastig.

„Nein, es geht nicht.“

Leicht vorgeneigt, mit fiebrigem Spiel der Finger an der langen Halskette, blickte sie auf die Tür. Es klopfte.

„Gehen Sie in den Salon, bitte. Ich komme gleich.“

Sie machte einige zornige Schritte.

„Warum muß ich auch grübeln! Jedesmal, wenn ich gegrübelt habe, bin ich schwach und gebe ihm dann Anlaß, sich einzubilden, was doch nicht wahr ist … O, heute abend soll er keinen Vorteil davontragen!“
 

Sie hatte sich beruhigt und ging hinüber. Mit offenem Lächeln begrüßte sie den Besucher.

„Gnädiges Fräulein — da ist alles;“ und er zeigte nach dem Paket auf dem Klavier. „Der Bote ist gleich mit mir gekommen.“

„Ist alles darin … und wird es mir passen?“

Anstatt nach dem Paket zu sehen, betrachtete sie, [ 108 ]und ihr Lächeln ward wider ihren Willen noch glücklicher, sein schönes, groß gemeißeltes, fast bartloses Gesicht, in dem die Brauen sich berührten. Auch er gebrauchte seine Worte nur als einen Vorwand, sie anzusehen.

„Ich bin überzeugt … Es sind genau die Maße, die Sie mir genannt haben.“

Sie bewegte leise, wie verwundert, ihren lächelnden Kopf. Endlich, sich losreißend:

„Es ist gut.“

Rasch ergriff sie das Paket. Er stürzte sich darauf.

„Ich trage es Ihnen hinüber.“

„Doch nicht;“ ihr Lächeln ward schlau. „Sie bleiben hier … und…“

Sie legte, unter der Tür, den Finger auf die Lippen.
 

In ihrem Zimmer zog sie die Männerkleider an, die Da Silva mitgebracht hatte. Sie verbarg die Brust in den Falten des weichen Piquéhemdes, das Haar unter der halblangen Jünglingsperücke, setzte den runden Hut auf, hängte das Stöckchen über den Arm und trat vom Spiegel zurück, um sich zu mustern. Da stand im gutsitzenden Abendanzug etwas wie ein eleganter Student, mit duftigen Gesichtsfarben und glänzenden braunen Augen, ein sanft verwegenes Lächeln auf den roten Lippen, und die jugendlich raschen Wendungen einer schiken Müdigkeit zuliebe ein wenig verhalten: ein Wesen von beunruhigendem Reiz.

„Aber wie bin ich schön!“ sagte Lola einmal übers [ 109 ]andere. „Ich bin keine Frau mehr! Jetzt erst sehe ich, wozu meine große Nase gut ist. Die hohe Stirn kommt mir jetzt auch zustatten. Ach! ich kann mir Pais Falte zwischen den Brauen machen. Ob Pai jemals so ausgesehen hat? Nicht ganz so, glaube ich. Der dort im Spiegel erinnert mich an eine Frau; aber nicht sehr lebhaft. Man wird denken: „Er muß eine hübsche Schwester haben.“ Für ein verkleidetes Mädchen hält so leicht keiner ihn.“

Sie räusperte sich, führte zwei Finger an den Hutrand und sprach mit tiefer Stimme:

„Sie gehen in den Klub? Ich habe seit gestern nacht keinen Heller mehr. Nachdem ich alles verspielt hatte, bin ich noch in die Schuld der Gelida gekommen…“

Dies gefiel ihr. Sie lief hinüber, und in der Tür des Salons begann sie sofort dasselbe:

„Sie gehen in den Klub? Ich habe seit gestern nacht…“

Da Silva hörte sie, ans Klavier gelehnt und die Stirn in Falten, bis zu Ende an. Er ließ sie näherkommen und sich wenden.

„Es ist ziemlich in Ordnung.“

Er warf noch die von Verachtung schweren Worte hin:

„Bis auf die Krawatte natürlich.“

„Also binden Sie sie mir!“

Er machte sich daran.

„Halten Sie’s so für besser gelungen?“

„Nein, von vorn kann ich’s nicht. Ich kann’s [ 110 ]nur, wenn ich die Krawatte grade so halte wie bei mir selbst. So also, wenn Sie gestatten.“

Er trat hinter sie und schob die Arme über ihre Schultern. Seine Arme berührten sie kaum, und doch war sie darin eingeschlossen und spürte einen angstvollen Kitzel. Sie mußte auf seine weißen, starken Hände hinabsehen, die gleich unter ihrem Kinn sich bewegten. Wie er den Knoten anzog, streifte seine Wange ihre Schläfe.

„Rascher!“ verlangte sie, zwischen den Zähnen.

Er ließ los, ging um sie herum und sah ihr in die Augen. Die seinen hatten wieder das Düstere, Besinnungslose, das sie kannte, und das ihr so gefährlich war. Seine Zähne waren in die Unterlippe gedrückt. Da begann er unvermutet weich:

„Ihr Anblick tut mir weh! Nicht zwanzig Stunden sind’s, daß wir in diesem selben Raum beieinander waren, allein wie jetzt, und der Mond schien herein. Wir hatten musiziert, Ihre märchenhaften Alttöne waren verhallt, ich hatte mich in großer Bewegung vom Klavier erhoben, und den Kopf in der Hand betrachtete ich Sie, die Sie, ein Knie auf den Stuhlrand gestützt, das Gesicht nach dem offenen Fenster gewendet hielten. Ich war im Schatten, Ihre Gestalt entlang floß Mondlicht; es rann Ihnen über die Lippen, die sich, Ihnen unbewußt, voneinander lösten; es füllte Ihre Augen; — und mit der beglänzten Hand, die Sie mir überließen, zog ich zu mir hin, in mein Dunkel und an mein Herz, die ganze tiefe nächtliche Süßigkeit, die durch Sie atmete, o Lola!“ [ 111 ]

Der junge Brasilianer hatte beim Sprechen den Hals hin und her gerückt, wie ein vom eigenen Gesang berauschter Vogel. Nun stand er noch und hörte die Tenorarie seiner Sinnlichkeit ausklingen. Lola machte sich von seinem Gesicht los. Sie sah an ihrem Dreß hinab — und erleichtert auflachend, warf sie sich ins Sofa.

„Nicht übel, mein Lieber. Etwas kitschig zwar, und auf ein modernes Mädchen werden Sie, fürchte ich, damit nicht wirken … Sehen Sie, die Krawatte muß ich mir nun doch selbst binden!“

In der Tür zeigten sich der Herzog von Fingado und Herr Aguirre. Beim Anblick des Eindringlings blieben sie mit zurückhaltenden Mienen stehen. Lola versuchte ihre feindselig abwartende Haltung nachzuahmen: da platzte sie aus. Die beiden starrten sie an; dann wandte ihr der massige Vierziger mit angewiderter Miene den Rücken. Der unjunge Zwanziger überwand seinen Schrecken und machte, den spitzen, gelblich gefiederten Schädel herausfordernd im Nacken, zwei Schritte gegen den Feind. Lola lachte heftiger, und Da Silva klärte die Herren auf, die in Ratlosigkeit umschlugen und dann in Bewunderung. Aber hinter ihnen rauschte es, und Frau Gabriel brach, kaum daß sie ein wenig gestutzt hatte, in Jammern aus.

„Wie siehst du aus! Wer hat mir mein Kind so verunstaltet? Sie, Herr Da Silva? Ihnen habe ich auch sonst Vorwürfe zu machen! Dazu hat man nun eine hübsche Tochter!“ [ 112 ]

Die Herren erklärten sich im Gegenteil ganz einverstanden mit Lolas Verwandlung. Fingado hatte einen Gedanken.

„Wenn der künftige Gatte des gnädigen Fräuleins Sie so sähe…“

„Was dann?“ forschte Da Silva drohend.

Hinter den leeren blauen Augen des Herzogs geschah eine müde, vergebliche Arbeit.

„Ich weiß wirklich nicht,“ schloß er, mit einem Lächeln des Verzichtes.

Indes Frau Gabriel ihren jungen Landsmann mit den Vorwürfen bekannt machte, die er verdiente, widmete der Abgeordnete sich Lola. Er türmte seine fein bekleidete Fettmasse vor sie hin und plauderte, wie er allein es konnte: nur ohne seine gewohnte Unerschütterlichkeit. Seine rosigen Wangen zuckten; die Wulstfinger betasteten unruhig die Hüften; die launigen Augen vergaßen sich bis zu einem verdächtigen Gefunkel, — das Aguirre fühlte und durch Unterwürfigkeit gut zu machen suchte. „Ganz wie ein ungesundes Baby!“ dachte Lola. Sie hörte Mai sagen:

„Ich beklage mich über Ihren Mangel an Offenheit gegen mich…“

„Das ist wahr, Herr Da Silva: warum sagen Sie Mai nicht, wen Sie lieben?“ rief sie hinüber, gekitzelt durch ihre Wirkung, durch das neue Wesen das sie vorstellte, und die Erwartungen, die man ihm sichtlich entgegenbrachte.

„Sie gehen in den Klub?“ begann sie gegen Aguirre. „Ich habe seit gestern nacht keinen Heller mehr…“ [ 113 ]

Sie brach ab, drehte sich einmal um sich selbst und sagte in einem Atemzug:

„Pumpen Sie mir was! Wer so viel gestohlen hat wie Sie!“

Der Politiker kroch noch tiefer. Lola lächelte plötzlich zaghaft.

„Gehen wir? Bitte, gehen wir!“ verlangte sie hastig. Und man ging.

„Zu Fuß, Mai! Mir zu Gefallen! Wohin? Ganz gleich: eine Irrfahrt.“

Sie atmete tief die matte Luft der Dämmerungsstunde. Zu Da Silva, der mit ihr hinter den anderen zurückblieb, sagte sie:

„Es gibt Gelegenheiten, bei denen ich mich nach — fast hätte ich gesagt: nach Hause sehne, ich meine nach dem reichlich kalten Ort, wo ich erzogen wurde, und dem feuchten Nordostwind, der den Geruch eines nordischen Meeres mitbrachte.“

Und unvermittelt:

„Wie ich die Männer verachte!“

„Sie haben doch noch soeben einen großen Erfolg bei ihnen gehabt,“ bemerkte Da Silva, mit beißender Stimme; „und ich beglückwünsche Sie. Den Aguirre überläßt man Ihnen; dem Herzog allerdings hat Mistreß Job bereits einen Teil seiner Schulden bezahlt, und Sie würden sich mit der Dame auseinanderzusetzen haben.“

„Ich verbiete Ihnen, verstehen Sie, über Frauen schlecht zu reden! Solche Geschichten erfinden die Männer, um für sich Reklame zu machen.“ [ 114 ]

„Wie Sie gleich aufgebracht sind! Ich spreche doch zu einer Frau, die weniger abhängig von ihrem Geschlecht ist als die anderen — und es heute abend zeigt.“

„Merken Sie sich: wer, um mir zu schmeicheln, eine andere Frau herabsetzt, mit dem bin ich schon fertig. Nichts kann kränkender für mich selbst sein.“

„Böse im Ernst?“

„Nein; denn ich will mir den Spaß nicht verderben … Mai! Nicht wahr, wir treffen uns zum Essen bei Durieu? Ich gehe mit Herrn Da Silva einen andern Weg.“

„Allein mit Herrn —?“

Lola erklärte, in Gesellschaft Mais erkenne man sie. Auch habe sie als Amerikanerin das anerkannte Recht, zu gehen mit wem und wohin sie wolle.

„Und dann siehst du doch, daß ich ein Freund des Herrn Da Silva bin. Ja, Mai, Herr Da Silva und ich, wir sind richtige Freunde.“

„Sind wir Freunde,“ sagte Da Silva im Weitergehen, „so müssen Sie mir eine Warnung erlauben. Gestern sind Sie wieder allein ausgegangen. Ich achte Sie zu hoch, um —“

„Ja: früher haben Sie mir wegen solcher Dinge Szenen gemacht. Sie bessern sich;“ und sie wußte: „Er achtet mich höher, seit er mich für seine Braut hält. Ist das echt männlich!“

Er schwieg unzufrieden. Sie richteten sich nach der Musik, die herscholl. Wie sie auf den Platz einbogen, über dessen Palmenhain der Kirchengiebel mächtig [ 115 ]ausgriff und der Bronzereiter dahinsprengte, war das Stück zu Ende. Viele fächelnde, die Hüften wiegende junge Frauen mit ihren Mägden und Anbetern, viele prall gekleidete, rauchende junge Männer begannen langsam zu kreisen.

„Sie kennen wohl die Frau gar nicht, die eine Dueña und eine Magd bei sich hat und die Ihnen zulächelt? Das ist die, in deren Schuld sie vorgeblich seit gestern nacht sind.“

„La Gelida? Aber die habe ich schon oft gesehen und wußte nicht … Wie gut ihr die Dämmerung steht! Ihr grau und unsicher gebogenes Profil scheint von dem Auge, das ein großes schwarzes Loch ist, ganz aufgezehrt zu werden. Ihr Lächeln — sehen Sie, ich möchte es erwidern, aber es schüchtert mich ein.“

„So?“ machte Da Silva zornig. „Ich aber rate Ihnen zu der Gelida nicht, denn ich war zugegen, als sie operiert ward. Das nimmt einem manche Lust.“

„Wirklich?“

Aus tiefem Herzen:

„Dann möchte ich Ihren Beruf haben!“

Der junge Mann hieb seinen Stock durch die Luft. Gereizt:

„O, andere entbrennen nur noch heftiger. Einer von uns sezierte seine eigene Geliebte, und als er in ihrem Magen eine unverdaute Speise fand, aß er sie.“

Lola schwieg. Entsetzen, Scham und Vergnügen stritten sich um ihr Herz, und es klopfte. Mit Frohlocken in der Stimme sagte sie dann: [ 116 ]

„Würden Sie mir das auch erzählt haben, wenn ich Röcke an hätte?“

„Wenn wir erst verheiratet sind,“ verhieß er, herablassend aus Ärger, „erfahren Sie mehr.“

Sie lachte auf.

„Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich für die freie Liebe eingenommen bin?“

Er schob gequält die Schultern hin und her.

„Ich verstehe Sie nicht. Sind Sie raffiniert, oder was sind Sie?“

„Ach was: ich bin ein junger Mann, wie Sie sehen können, dem alle Frauen zulächeln. Sehen Sie, welch Erfolg? Warum stehe ich, die doch alle hübsch nennen, sonst immer hinter Mai zurück, heute aber errege ich Aufsehen? Ich bin eigentlich ein verkleideter Mann, und jetzt habe ich mich demaskiert. Man hat kaum Zeit, jeder dieser Schönen mit den Wimpern zu winken.“

Da Silva sah rundum.

„Wer ist schön? Wenn ich Schönheit noch sehen könnte!“ — und seine Stimme fuhr auf. Nun, mit schmerzlich erbittertem Tonfall:

„Aber Sie halten mich so besessen mit Ihrem Gesicht, mit Ihrer Gestalt, daß ich für die anderen Maß und Sinn verloren habe. Sind sie schön, sind sie häßlich? Ich verstehe nichts, ich sehe nur dies eine kleine unerbittliche Geschöpf, und es erstickt in mir alles, was nicht sein eigen ist.“

Lola bückte sich ein wenig, mit einem Schauer im Nacken, als werde gleich eine Hand hineingreifen. [ 117 ]„Immer das Gesicht, immer die Gestalt: immer der Körper,“ dachte sie, auf einmal matt von Widerwillen und Traurigkeit. Er sagte stürmisch:

„Sie sind über alle Vergleiche schön!“

„Ach, wie reizend wär’s,“ meinte sie und ermunterte sich, „wenn alle so dächten! Tatsache ist, daß jeder sich zuerst um mich bemüht; dann erst besinnt er sich und geht zu Mai.“

„Gut für ihn.“

„Danke. Warum blicken Sie mit solcher Wut auf dies arme hübsche Mädchen?“

„Kommen Sie auf die andere Seite: Sie werden sehen.“

Das Mädchen, das ohne Begleitung war, trat in das weitoffene, erhellte Gewölbe eines Tabakladens. Alle Männer wandten den Kopf nach ihr; die Stutzer, die am Ladentisch lehnten, wichen keinen Schritt breit. Das Mädchen verlangte etwas; aber so oft sie den Mund öffnete, ward gepfiffen.

„Sie will Räucherkerzen, man sieht es,“ sagte Lola. „Was hat sie denn begangen, mein Gott?“

Das Mädchen errötete plötzlich tief; die Männer lachten schadenfroh; der, der den Witz gemacht hatte, blähte sich. Das Mädchen stürzte, die Augen verwirrt und naß, ins Freie. Wie sie nahe kam, stieß Da Silva einen Pfiff aus. Sie floh weiter. Lola rief:

„Das ist abscheulich! Ich will Sie nicht mehr kennen! Wenn die Ärmste niemand hat, schließe ich mich ihr an: ich!“

„Vergessen Sie, daß Sie ein Mann sind? Reden [ 118 ]Sie sie an, ists grade solche Beleidigung, wie wenn Sie pfeifen.“

Lola blieb ratlos stehen. Zwei blonde Damen mit Spazierstöcken stelzten über das Pflaster und betraten gelassen denselben Laden, — wo alles ihnen Platz machte. Lola sagte sich, daß jeder sie auf die Stufe dieser beiden stellen, ihr die gleichen Rechte einräumen werde; und doch war sie der Mißhandlung jener anderen mit einer Angst gefolgt, als sei’s eine Drohung, die auch ihr gelte.

„Es ist furchtbar,“ sagte sie, „unter euch eine Frau zu sein. Bei uns ist der Mann unser Kamerad.“

„Bei euch? Sie sind keine Nordländerin. Sie haben etwas von jenem uns so erbitternden Reiz, gewiß. Wir Männer des Südens folgen allzu gern der zweideutigen Herausforderung, die von der befreiten Frau ausgeht. Wozu kommt ihr her? Ihr verderbt unsere Frauen, daß sie sich ohne unseren Schutz auf die Straße wagen und, wenn wir sie ließen, sich im Café mitten unter uns setzen würden. Ihr verderbt auch uns, daß wir den schlaffen Kitzel der Kameradschaft mit euch fühlen möchten, wie eure heruntergekommenen Männer. Ich will’s nicht. Ich will Ihr Herr werden.“

„Manchmal reden Sie wie das Alter, das Sie wirklich haben;“ und Lola lachte gezwungen.

„Nicht nur meine Worte, auch meine Muskeln sind die eines Fünfundzwanzigjährigen. Sie werden es fühlen.“

Lola hob schweigend die Schultern. Nach einer Weile: [ 119 ]

„Jetzt gehen wir drüben in das Café: ich will mich mitten unter euch setzen.“

„Ich bin Ihr Begleiter, aber ich verlasse mich darauf, daß Sie selbst wissen, wie weit Sie gehen dürfen.“

„Sie werden mich als einen jungen Polen vorstellen, der in Paris studiert.“

„Ich werde mich Ihnen empfehlen und es Ihnen überlassen, sich zu kompromittieren.“

Aber er trat mit ein.

„Welch Glück: da sitzt die Gelida. Machen Sie mich sofort mit ihr bekannt!“

„Und der Kreis um sie her? Dabei sind Leute, die Sie kennen.“

„Sie werden keinen Skandal erleben. Mut, armer Freund!“

Sie wurden aufgenommen und setzten sich. Die Unterhaltung ward zu Ehren der schönen Kurtisane geführt, die, hinter sich ihre Dueña und ihre Magd, denen, die gut sprachen, ein wenig von ihrem Lächeln zuteilte. Lola begann darum zu werben. Man wendete die Stühle, um diesen jungen Menschen sprechen zu sehen. Wenn sie seine kleine kokette Hand weich durch die Luft streichen und bei einer seiner leichten, raschen Bewegungen seine Taille sich biegen sahen, schien den Männern ringsum sein Geist frischer, belebender. Er gab stürmische, junge Meinungen zum besten: „Die Liebe ist etwas sehr Einseitiges und eigentlich ein Mangel an Selbstzucht;“ — wobei alle die zuhörten, sich, sie wußten nicht warum, beglückt fühlten. Lola sah die Mienen, die sie bewegte, das [ 120 ]schöne Gesicht der Gelida, aus dem ihr freundliche, wohlklingende Zustimmungen kamen; und sie hatte eine Empfindung von Leichtigkeit und Freiheit wie nie im Leben. Nie hatte sie Da Silva so ruhig ansehen können. Was kümmerten sie nun seine gefalteten Brauen. Bei allem was sie sagte, fühlte sie ihn neben sich als Besiegten; der Genuß, den sie von ihren Worten hatte, kam daher, daß sie gut waren, und daß er es hätte leugnen wollen; und diese Schauer des Sicherhebens, des Fliegens und Besonntseins daher, daß er so tief unten blieb.

Das Diner war hergerichtet. Da Silva behauptete, er und sein Freund hätten eine dringende Verabredung. Warum er heute so mürrisch sei, ward er gefragt. Lola forderte ihn auf, zu gehen und sie zu entschuldigen. Sie saß bei Tisch neben der Gelida. Ein Dichter rezitierte. Da Silva versuchte ungeschickt, ihn zu kritisieren. Lola lächelte und sprach der Gelida von dem Jüngling, dem in seinen arbeitsamen Nächten manchmal die Phantome von Frauen über die aufgeschlagenen Seiten tänzelten, und der solchen beklommenen Stolz genieße, wenn er die Augen wegwende. Sie sah Da Silva seine Lippe kauen und in sich versinken. Wie alle durcheinander redeten, der Nachtwind an der Tür lauter mit dem Perlenvorhang klimperte und eine Glocke elfmal dröhnte, sprang Lola auf, ließ die Freiheit leben; und mit dem letzten Ruf war sie entschlüpft.

Sie befand sich in einem Gäßchen und sah am Ende der schmalen Häuserflucht, wie durch ein Rohr, [ 121 ]die große Gestalt des Kolumbus von Sternen umwogt. In trunkener Wallung erhob sie beide Arme. Wie aber hinter ihr der Schritt, den sie kannte, vernehmlich ward, verwirrte es sie panisch, als breche auf einmal ein künstlicher Turmbau in ihr zusammen. Ernüchtert, kalt vor Furcht, versteckte sie sich in einem Portal; aber Da Silva fand sie. Wie unvorsichtig sie sei. Ob sie glaube, daß es den Helden der Nacht auf einen Mord ankomme. Lola, die an Da Silvas Seite weiterging, wünschte sich inständig, daß aus dem nächsten Schatten ein Befreier springe und sie töte.

Denn sie hatte erkannt: Alles war umsonst. Begeistert meinte sie zu sein, und war nur berauscht gewesen. Den Geist, der sie von ihm erlösen sollte: eben der Drang nach ihm hatte ihn ihr eingegeben; und nie hatte er fester seine Hand auf ihr gehalten, als da sie ihn tief unter sich glaubte.

Dabei durchmaßen sie den Quai.

„Wohin geht’s?“ dachte Lola verstört; und: „Wenn ich den nächsten Straßenrand mit dem rechten Fuß erreiche, entkomme ich ihm heute noch. Sonst nicht. Sonst nicht.“

Aber noch vor dem Ziel, das sie meinte, rückten ihre beiden Schatten nach vorn, und beim Heraufkommen seiner breiten Schultern schloß Lola die Augen. Das Schweigen folterte sie. Wie entsetzlich nervenstark und seiner sicher er war! „Ich zähle bis zwanzig, und hat er dann noch nichts gesagt, rufe ich um Hilfe.“

Gleichwohl rauschte der Brunnen auf der Plaza del Palacio inmitten seines und ihres Schweigens. [ 122 ]Hier, unter der grellsten Helle, folgten sie beide auf einmal dem Zwang, einander anzusehen. Lola sah etwas düster Schmachtendes, tierisch Leidendes, das sie schrecklicher erschütterte als die Siegerhärte, die sie sich vorgestellt hatte. Langsam von ihm wegsehend: „Ja, das ist er. Er ist ein beschränkter Gewaltmensch, und ich liebe ihn mit Widerwillen: aber er ist der Typus, dem ich unterliegen soll. Die vorigen, in Paris und in Rom, waren vom selben. Dieselben zusammentreffenden Brauen, die harte Marmorfarbe wie hier, woraus jede Wimper, jeder Blutstropfen der Lippen drohend hervorstarrt. Wozu sich quälen? Er liebt mich, so gut er’s versteht. Mit dem, was zu ihm gehört, liebe auch ich ihn. Ich habe noch mehr, — wovon er nicht weiß: aber wer wird je davon wissen. Wozu auf dem Unmöglichen bestehen, wozu so viel kämpfen; warum nicht ein einziges Mal ganz unvernünftig glücklich sein.“

Sie nahm tiefere Züge Meerwindes; und inzwischen stiegen sie kaum beleuchtete Gassen hinan, erreichten einen Gartenplatz und tasteten sich durch das Dunkel eines bitter duftenden Gebüsches. „Wo ist denn der Weg?“ Und statt des Weges suchten sie einer des andern Hand. Lola zuckte zusammen, als sie die ihre gefangen fühlte; aber sie fühlte auch, daß er in diesem Augenblick mit Zartheit an sie denke; und während des Lächelns, das langsam über ihr Gesicht hinging, war ihr’s, als lächele das ganze Dunkel. Sie dachte unbestimmt an weit Vergangenes: an ihre Kindheit. Wie sie eine Balustrade trafen, stützten sich beide [ 123 ]darauf; ihre Unterarme lagen, ohne sich zu berühren, einander so nahe, daß jeder des andern Wärme spürte; und drunten über dem nächtlichen Gitter aus Masten und Schlöten suchten sie das Meer: lange und beklommen von Sehnsucht. „Der Mond muß bald aufgehen.“

Lola sagte:

„Daheim auf der Großen Insel war’s das Schönste, wenn das Meer leuchtete. Ach nun weiß ich wieder: mein Großvater zündete viele Papierröllchen an und schoß sie in weiten, leuchtenden und zischenden Bogen über das Meer.“

Der junge Mann lachte kindlich und sprach von seiner Meerfahrt, derselben, die einst auch Lola gemacht hatte. Ob sie sich nicht jenes Inselkönigs erinnere, den man für zwei Franken sehen konnte. Abwechselnd riefen sie zurück, was ihnen beiden begegnet war; und bei jedem Zusammentreffen ihrer Erlebnisse durchrann Lola der Schauer des Vorherbestimmten.

„Gleich wird der Mond aufgehen,“ murmelte sie, mit süßer Angst. Jenes Kinderglück auf der Großen Insel bewegte sich leise unter allen ihren Einfällen; und die heimliche Gewißheit, nie werde es wieder so gut werden, ließ sie, sie wußte nicht warum, von erlittenen Schmerzen sprechen, von ihrer Einsamkeit, von der Müdigkeit, die in ihr zunehme. Schweres Drängen nach Gemeinschaft, nach Menschennähe zitterte in ihrer Stimme und machte ihre Arme flugbereit: bereit um einen Nacken zu fliegen.

Er sah sie mehrmals unruhig von der Seite an. [ 124 ]

Plötzlich: „Woran denken wir?“ — mit einer Bewegung, die er sofort zurücknahm. Aber sie war nun wieder erinnert, daß er sie haben wolle und nichts weiter; daß sie nicht seine Gefährtin sei, nur eine Geliebte; daß irgend eine der flüchtigen Begierden, in deren Wirbeln sie dahinlebte, sie an diese Stelle geweht habe und die nächste sie weitertreiben werde; und daß alles dies nicht mehr sei als ein heißer Windstoß über die nackte Haut. Das Entsetzen des Verirrtseins packte sie, und sie wagte sich nicht zu rühren.

Er sagte:

„Ich habe über Sie nachgedacht: ich durchschaue Sie vollkommen. Nehmen Sie gegen Ihre Zustände dies: nie mehr als einen Tropfen und nur wenn sie in Gesellschaft gehen wollen.“

Seine Stimme war ihr nun verdächtig. Unter einem eisigen Mißtrauen zog sie sich innerlich zusammen. Was hatte dieser Mensch mit ihr vor? „Noch niemand hat Gutes mit mir vorgehabt!“ Er war ein Feind. „Mein Gott, in wessen Gewalt bin ich geraten!“ Sie stieß zurück, was er ihr hinhielt. Er bemerkte plötzlich ihre Veränderung, bereute ungestüm, an Schwärmerei und Regungen der Güte eine gelegene Zeit vergeudet zu haben, und tat einen harten Griff nach ihr. Sie wich aus, bückte sich und entkam in die Finsternis der Steige. Der Mond war nicht aufgegangen.

Sie stieß auf die Treppe, stürzte vorwärts, durch das Netz der leeren Gassen, immer darauf gefaßt, die Schultern unter seiner zufassenden Hand zu ducken. [ 125 ]Drunten auf dem weiten, grellen Platz schien ihr der Anblick einiger Bummler unbegreiflich, ein rettendes Wunder. Alles hatte sich doch schon aufgelöst, alles war doch schon verloren gewesen. Sie sprang, noch fliegenden Atems, in einen vorüberfahrenden Wagen. Während der Fahrt erlebte sie immer aufs neue den Augenblick, als er nach ihr griff. Sie wand sich vor Angst und Haß.

Wie sie in ihrem Zimmer das Licht aufdrehte, stand vor ihr im Spiegel der elegante, selbstsichere junge Mann, den sie, schien es, hier zurückgelassen hatte. „Was ist seither aus mir geworden! Mein Gott!“ Sie ließ sich in den Sessel fallen und weinte.

Sie wachte auf und saß noch immer in ihren Männerkleidern da. Im offnen Fenster lag grauer Halbtag; drunten knirrschten die ersten Karren. Lola fror es; sie fühlte sich müde und verlassen. „Wenn ich’s nun getan hätte?“ dachte sie, starren Blicke. „Ich hätte jetzt einen Herrn. Vielleicht wäre ich glücklich.“ Dann: „Wenn er jetzt käme? Wenn er jetzt drunten stände?“ Sie sah hinab: nein; und sie seufzte.

Beim Auskleiden fand sie in der Westentasche das Fläschchen, das sie zurückgestoßen hatte. Also war’s ihm gelungen, es ihr aufzudrängen! Sie stellte es weit weg, wanderte ein paarmal ratlos in die Runde, zog schließlich ein Morgenkleid an und ging hinüber in den Salon. Vor der Tür zu Mais Schlafzimmer kehrte sie um, machte den Weg noch einmal und holte das Fläschchen. Es ließ sich in der hohlen Hand [ 126 ]verstecken, ohne daß sie die Finger schloß. Dann trat sie bei Mai ein.

Mai schlief; Lola sah ihr zu, wie sie kindlich atmete, wie ihr schönes, faltenloses Gesicht sich glücklich ausruhte. Einmal lächelte sie, wie bei einem Siege. Was träumte ihr? Gewiß, daß man sie anbete. Lola stand und sann sich fest in Mai. „Wie seltsam, daß ich zu ihr gehöre! Ich habe doch Welten für mich, von denen die arme Mai nichts ahnt; aber dann falle ich, ob ich will oder nicht, wieder auf die ihre zurück und spüre in meinem Blut diesen schönen, dummen Männertypus, den ich verachte. Ist es nicht, als ob ich manchmal das Bewußtsein verlöre, in Mai zurückkehrte, aus der ich einst hervorgegangen bin, und sie für mich fühlen und handeln ließe? Da geht man dahin und ist nicht man selbst. Was kann alles auch in dem Namen stecken, den einem andere gegeben haben. Lola: … Lo—la … Ich höre etwas unheimlich Schmelzendes, Willenloses darin. Lola: nein, es kann auch sehr frisch und mutig klingen…“

Da erwachte Mai, und beide erschraken.

„Du bist also doch gekommen?“ stammelte Mai. „Ich habe dich nicht gehört. Du hast mir schreckliche Sorge gemacht. Ich konnte doch niemand nach dir fragen: was hätte man gedacht!“

Lola erkannte, nun Mai zu Sorgen erwacht war, plötzlich Spuren des Alterns an ihr. Sie erinnerte sich: auch dies Kinderwesen mußte kämpfen und leiden.

Zärtliche Reue hob Lolas Herz auf; sie warf [ 127 ]sich vor dem Bett auf die Knie, schob die Arme unter Mais Nacken.

„Ich habe dich lieb, Mai. Wir wollen fort von hier!“

„Fort? Warum?“ fragte Mai erschrocken.

„Weil … Siehst du: man hat mich erkannt. Was ich getan habe, war dumm. Nun ist’s besser, wir gehen. Ja, so: der Herzog und Aguirre. Denen tragen wir auf, zu erzählen, wir seien schon gestern abgereist. Sie werden diskret sein, niemand wird beweisen können, daß er mich heute nacht gesehen hat.“

„Und Da Silva?“

Lola fuhr zurück, mit plötzlich verschlossener Miene.

„Wie ist’s mit Da Silva?“ wiederholte Mai unsicher. Lola näherte sich ihr wieder.

„Er ist ein guter Freund,“ sagte sie sanft. „Gegen meine Schmerzen und Müdigkeiten hat er mir dies gegeben. Meinst du, daß ich’s versuchen soll?“

Sie nahm Mais goldenen Arzneilöffel und ließ einen Tropfen hineinfallen.

„Soll ich?“

Zögernd:

„Soll ich?“

Und dann:

„So; nun werden wir sehen.“

Wenn es nun ein Gift war, das sie wahnsinnig machte und ihm in die Arme trieb: sie hatte es genommen, es war geschehen. Ihre Züge waren besänftigt; sie neigte sich tief auf Mai, deren Gesicht dem Weinen nahe war. [ 128 ]

„Arme Mai, ich bin schlecht: ich bedachte nicht, daß du dich schwer trennst. Immer lege ich dir Opfer auf. Aber dort, wohin wir gehen, sollst du dich anbeten lassen…“

Sie streichelte und tröstete. Mai schluchzte und schlief ein. Lola schloß sich in ihr Zimmer, setzte sich vor ein Buch und verstopfte, wie als Kind, mit den Fingern die Ohren. Sie genoß, was sie las, mit immer hellerem Geist. Eine Stunde später bemerkte sie, daß Teppich und Tisch voll Sonne waren. Sie lehnte sich zurück, atmete tief auf und fühlte, wie weit nun die Nacht zurückliege. „Von hier —“ sie sah das Buch an — „bis zu ihm ist’s endlos weit. Was geht er mich an? Ganz leicht werde ich ihn entbehren.“

Als sie fertig angezogen den Salon betrat, kniete Mais Mädchen vor einem Koffer.

„Hast du auch schon angefangen?“ fragte Mai.

„Ach, packen …“ Und ein Angstschauer überraschte sie.

„Willst du denn nicht mehr reisen?“

„Ich … will … reisen;“ dabei ließ sie den Kopf sinken. Dann:

„Das heißt…“

„Ja,“ dachte sie, „ich will’s darauf ankommen lassen.“

„Das heißt, selbst zu packen habe ich heute keine Lust. Wenn Germaine Zeit hat…“

Ja: Mai gab Germaine frei; Lola war gerettet.
 
[ 129 ]

II

 

Haie begleiteten das Schiff. Lola sah zu, wie Matrosen sie an Angeln herauszogen und ihnen, kaum daß der Kopf den Schiffsrand erreicht hatte, Stöcke in den Rachen und durch den ganzen Leib trieben. Als die wehrlosen Ungeheuer das Deck mit den Schwänzen peitschten und die Matrosen sich vor Freude auf die Kniee klatschten, fühlte sie lähmende Traurigkeit. Die Passagiere versammelten sich; dies war ein Fest; — und da sah Lola im Geist ein Kind zwischen die Leute drängen und mit ihnen in Freude ausbrechen: erkannte sich selbst, wie sie einst auf ihrer ersten Meerfahrt gewesen war und belauschte sich, dies unwissende, heitere und grausame Kind, mit Verachtung, Sehnsucht und einer Spur von Grauen. Nicht wahr, jetzt wird das Messer genommen und das Tier zerstückt? Richtig: sie hatte dies also auch damals erlebt. Damals gehörte es nicht zum Außerordentlichen; die Neger daheim hatten ganz ebenso grausam gehandelt an den Tieren, die sie fingen; und Lola selbst, hatte sie nicht einst eine Schlange, von der sie erschreckt worden war, ganz langsam zerschnitten, in lauter [ 130 ]Ringe, und die Schlange lebte immer noch? Sie besah die Hand, die es getan hatte: diese selbe Hand. „Und ich denke, wenn ich der Großen Insel gedenke, nur an feurige Papierröllchen, die übers Wasser schnellten, und an den Duft der Orangenblüten! Das ist ein Irrtum. Als ich nach Europa reiste, schienen es an Bord lauter liebe Menschen, die nur darauf sannen, einander Freude zu machen. Die Wahrheit ist anders; o, was alles lese ich jetzt in den Gesichtern, die die Haie sterben sehen!“

Sie zog die Kapuze ihres Regenmantels in die Schläfen und hatte nun, über das Geländer gebeugt, nur noch ein kurzes Stück braunen Wassers vor Augen, beprickelt von Regen. „Der gute alte Herr, der auf jener Reise allen Kindern Schokolade schenkte und fast weinte, wenn man sie nicht nahm: was für ein Schuft er vielleicht war!“ Darauf bemerkte sie: „Schrecklich mißtrauisch und menschenfeindlich bin ich geworden! Wie lange lebt man auch schon!“ Ihr Mantel ward steif von Wasser; die braune, stockende Luft ließ sich schwer atmen. „So, deucht mich, ist’s jetzt immer. Als ich von Rio kam, strahlten Meer und Himmel unauslöschlich.“

Mai hatte es leichter. Mit allen war sie befreundet, erfreute sich des besten Appetits und vieler Anbeter. „Warum hältst du dich immer zurück?“ fragte sie oft. „Wie sympathisch ist Herr Soundso!“ Und Lola gab dies zu, weil die Worte, die ihre Verachtung des Herrn Soundso enthielten, ihr selbst den Hals zuschnürten. Aber war es möglich, etwas anderes [ 131 ]zu fühlen für jemand, der unter allen Damen nur einer die Hand küßte, und zwar der, die den höchsten Titel führte? Oder für einen andern Herrn Soundso, der auch sympathisch sein sollte, und der dem Kellner nur zwei Glas Kognak eingestand, wenn er drei getrunken hatte? So war die Menschheit; um so schlimmer für den, der nicht die Gabe hatte, davon abzusehen.

„Du hast dich schwer getrennt,“ meinte Mai herzlich. „Warum warst du nicht aufrichtig mit mir? Sage doch, bitte, bitte, an wen du denkst!“

„An niemand besonders, ich versichere dich.“

Und sie versank in immer trüberen Zorn. Wär’s noch ein einzelner gewesen, an dem sie litt! Aber der, den sie zurückgelassen hatte, war nichts. Nicht seinetwegen erduldete sie nun dieselbe schwere Einsamkeit, die ihre frühen Mädchenjahre verbittert hatte. Nur erinnert hatte er sie daran, wie vor ihm andere seiner Rasse und Art, daß allein ihre Sinne einen Gefährten finden konnten; daß in keinem Lande Menschen erwüchsen, die ganz ihresgleichen waren; daß sie in der Seele allein war … Sie sah ins Wasser und sehnte sich: „Wer einer Heimat entgegenführe!“

Sie hatte eine gehabt: eine Wahlheimat, die Schritt für Schritt zu erobern gewesen war: ihre Kunst. Und auch aus der war sie verstoßen; denn die Branzilla saß in der Nervenheilanstalt.

Die Branzilla war eine der allerletzten Lehrerinnen des bel canto. Ein berühmter Geiger hatte zufällig Lolas Altstimme entdeckt, den Umfang und die Stärke der Stimme bestaunt; hatte Lola eine unermeßliche [ 132 ]Zukunft verheißen und nicht geruht, bis sie zur Branzilla reiste. Wie Lola ins Zimmer trat, machte die Alte gerade ihrem Mann eine Szene: dem angebeteten Tenor von einst, der nun fett, leer und ängstlich umherschlich. Sie warf ihm seine alten Geliebten vor, das Unrecht, das er ihr bei dem und dem, vor dreißig Jahren gesungenen Duo getan habe, und daß er ihr zur Last liege. So oft Lola das Paar beisammen traf, war’s das gleiche; der Alte flüchtete, die Augen gen Himmel gerollt; — und als Lola einmal nach Beendigung der Stunde das Vorzimmer öffnete, da hing er an der Decke … Und nun ihre Bosheit sich auf den Mann nicht mehr ausleeren konnte, bespie die Alte damit alle Welt, vertrieb die letzten Schülerinnen, brachte Lola bis zu Tränenkrisen. Aber mochte Mai sich empören, Lola blieb ihrer Tyrannin treu, folgte ihr blindlings in alle die Hauptstädte, wo die Branzilla ehemals gefeiert worden war, und wo sie nun das unbekannte Dahinleben nicht ertrug; schlichtete die Streitigkeiten, die die Alte in den Hotels, den Geschäften und überall anzettelte; sorgte für sie; ließ sie ihre kopflosen Ungerechtigkeiten herunterkeifen und schloß den Auftritt mit einem festen und doch geduldigen „Adieu, Madame“, — worauf sie zur genauen Stunde wiederkehrte. Statt einem Gesetz, einem Befehl, die ihr Leben nicht kannte, unterwarf sie sich den Launen einer Hexe; und ihre Zickzackfahrten durch Europa waren nicht planlos, da sie hinter der herführten, in der, wie in einer Ruine, der Geist einer großen, fast schon entschwundenen Kunst hauste. [ 133 ]

Denn das arme, täglich verwirrtere Gehirn der Branzilla schien wunderbar genesen, wenn sie den Stoff unter den Händen hatte, aus dem sie schuf. Der Stoff war die Stimme der Schülerin. Lola war sich bewußt, sie selbst sei nichts, sei nicht mehr als ein dumpfes Werkzeug, und was aus ihr werden solle, sei im Geist der Lehrerin schon aufgebaut, wie ein Tempel aus Luft, unfaßbar für jeden, vertraut nur ihr, die ihn durch eine Gebärde, ein Wort, durch einen der kindlich mystischen Ausdrücke, die die Seher finden, für eine Sekunde vor die Schülerin hinzaubern konnte, so daß Lola sah: dort hinan! Wer vermochte das noch: durch ein Wort, ein eigenes, dem nichts Wirkliches entsprach, das richtige Spiel eines Kehlkopfes bewirken! Niemand wußte mehr von dieser Kunst. Bei den Heutigen waren Lehrerinnen unbeliebt, die zwei Jahre brauchten; und die Ausbildung währte ehemals acht. Lola hätte es, einmal in der Schule der Branzilla, nicht mehr ausgehalten, sich mit einem Ungefähr zu begnügen. Sie war fremd überall, und nur mit einer alten halb Irren hielt sie Gemeinschaft; — aber eines Tages wollte sie im Besitz einer unerhörten Kunst vor die Welt hintreten!

Und in jedes Gasthaus brachte sie eine eigene Luft mit, machte jedes flüchtige Quartier heimisch, in das sie ihre Gesänge, die seit Jahren geübten, schickte. Aus der Unordnung der hastig umhergeworfenen Gegenstände, der zerstreuten Stunden, der regellosen Vergnügungen und der zufälligen Menschen rettete sie sich in den Winkel, wo das Klavier stand, wie auf ihr [ 134 ]eigenes Stück Erde. Von hier würde sie alles Land erobern! Würde unabhängig, würde Fürstin sein, der die Herzen schlagen. Wie hochgemut und stark sie, indes die anderen, alle zum Untergang bestimmt, leere Worte redeten, Ränke, Liebeleien vergeudeten, mit sich selbst umgingen wie mit Wertlosigkeiten: wie hochgemut, stark und voll Verachtung sie an sich arbeitete! Ihre Heimat erweiterte! … Aber man lockte sie daraus fort; die Überflüssigen umschwärmten sie. Umsonst übte sie tagelang mit ihrem Taktzähler: der Schwarm der Festlichen übertäubte das Ticken der kleinen strengen Maschine. Eine Wallung von Leichtsinn, und Lola war mitten darin, ging unter in der Jagd der nach Freude Fiebernden. Dann trat der Mann auf: einer derer, die sie im Blut hatte, die sie nicht vermeiden konnte; — und die Kunst lag unbegreiflich dahinten … Eines Tages stand sie dann wieder am Klavier neben der Alten, deren Stimme hart und böse war; und der Tag hatte bleiches, schmerzendes Licht, wie einer nach durchtobter Nacht, der reuebeladen ist, und den man lieber verschliefe. Und oft, wenn so ihre Tage in einer luxuriösen Landstreicherei zerflossen, dachte sie mit Neid aller Angebundenen, Behüteten, in einen engen Kreis von Pflicht und Gemeinschaft Geschlossenen. An ihrer Stimme, die so kostbar war, trug Lola, wie jemand an einem Klumpen Gold in einer Wüste. Andere saßen in heimlicher Werkstatt und bearbeiteten ihn…

Und dann war die Branzilla verschwunden. Es war geschehen, wie Lola das letzte Mal sie wochenlang [ 135 ]allein gelassen hatte. Lola hatte es mit Zorn erfahren. War denn der Rest Kraft, den die Alte ihr noch zu geben hatte, schon verbraucht? Die Branzilla mochte verrückt sein, wie sie wollte: sie blieb die einzige, die Lolas Stimme beherrschte, die ihre Stimme sah. Dazu taugte sie noch, dazu sammelte sich noch ihre Vernunft. Lola sagte dies den Leuten, die sie ihr weggenommen hatten. „Laßt sie doch verrückt sein: es ist meine Sache! Ich bin sie gewohnt, wie sie ist, und werde sie behüten. Gebt sie mir zurück!“ Umsonst: die Lehrerin blieb verloren; — und Lola wußte sogleich, nun sei’s zu Ende. Die Methode der Branzilla ließ einen unselbständig bis zuletzt. Lola war ohnmächtig ohne ihre Führerin. Der Weg zur Kunst, in diese neue Heimat, war verloren.

So, aus Ratlosigkeit, Haltlosigkeit geriet sie nach Barcelona, wieder in einen Schwarm, wieder an einen Mann; — und fuhr nun, enttäuscht und zum ersten Mal ganz hilflos, planlose Fahrten.

„Wer einer Heimat entgegenführe!“
 

Vom Denken, vom Begreifen und vom Sehnen war sie heiß und erregt. Aufseufzend blickte sie um sich, ohne etwas zu erkennen. Der Schiffsarzt strich in gleichen Pausen an ihr vorbei. Endlich, wie sie sich umwandte, blieb er stehen und sie mußte in seine schwermütigen Augen sehen. Ob auch sie die Gesellschaft fliehe, fragte er. Er war häßlich, und wieder nicht häßlich genug, um zu reizen. Das war, schloß [ 136 ]Lola, sein ganzes Unglück und verschaffte seinen Augen den Anschein von Seele. Sie verlangte das Hospital zu sehen. Es sei zu traurig dort, erwiderte er, für eine junge Dame, die selbst nicht heiteren Gemütes scheine. Ob er sie unterhalten dürfe. Er begann von sich selbst zu erzählen, einfache und wahre Dinge, denen sie mit Achtung zuhören konnte. Noch mehrmals im Lauf des Abends näherte er sich, tat ihr wohl durch gütige und gelassene Rede; und so oft Lola ihn bat, ihr seine Kranken zu zeigen, weigerte er sich.

Aber das Wetter ward heller; nun stürmte es. Mai lachte mit den Fröhlichen; dann schlich sie zu Lola und flüsterte:

„Glaubst du, daß es gefährlich ist?“

Und Lola ging mit ihr, damit Mai sähe, man habe das Recht, lustig zu sein.

Die Nacht ward ausgelassen. Die Nähe Italiens, die Befriedigung, wieder in den heimischen Gewässern zu fahren, die leichte Furcht bei dem bedrohlichen Schwanken und inmitten der gemeinsamen Gefahr die Aussicht, schon morgen auseinanderzustieben, sich nie wiederzusehen: das bewirkte in allen Wohlwollen und Leichtsinn. In der Kajüte fielen die Stühle um; man taumelte einander in die Arme, um sich im Kreise zu drehen zu dem Gekratz der wackelnden Musikanten. Lola erhob ihren Kelch und trank einem zu, einem mit einer großen Habichtsnase und lustig blinzelnden Augen — einem all derer, die Mai sympathisch fand und gegen die jetzt auch Lola nichts mehr einwandte: da sah sie einen Schatten auf der Treppe. Sie ließ [ 137 ]den Arm sinken. Das freudlose Gesicht des Doktors kam auf sie zu; mit einem Vorwurf in der Stimme und einem um Entschuldigung bittenden Lächeln fragte er:

„Wollen Sie jetzt das Hospital sehen?“

Lola fuhr zusammen, wie ertappt, wie auf einem Verrat betroffen. „Er erinnert mich daran,“ bemerkte sie, „daß wir zusammen traurig waren.“ Sie senkte den Kopf und folgte ihm. Dann, empört: „Wie darf er verlangen, daß ich es bleibe! Damit er mich trösten, mir wohltun kann. O! Alles auf dieser Welt ist Eigennutz und Grausamkeit.“

Draußen peitschte sie der Wind; das endlose Dunkel heulte um sie her; es griff nach ihr, mit den gespenstisch heraufschießenden Armen seiner Gischtwellen. Ihr Führer nahm sie bei der Hand und ließ sie über Staffeln hinabsteigen, tief in das Schiff hinein. „Da sind wir;“ und in der Tür, die er aufstieß, mischte sich Karboldunst mit dem Schiffsgeruch. „Kommen Sie nicht?“ Aber Lola spähte von der Schwelle mit Furcht durch die Kabine, die einem Schacht glich, zu den Menschen hin, die in ihren Betten, eng wie Särge, umhergeschüttelt stöhnten, und zu denen, die in Lumpen am Boden hockend, erloschene Blicke zu ihr aufhoben. Jener eine Blick aber glänzte so, daß von ihm der Raum voll eines flackernden Lichtes schien. Diese beiden Augen brannten auf unbegreifliche Weise in einem Gesicht, so alt und müde, daß vielleicht nur das rote Tuch, womit es umwickelt war, seinen auseinanderstrebenden Staub zusammenhielt. [ 138 ]

„Wer ist das? Mein Gott?“

Der Arzt hörte sie nicht; er neigte sich über den Alten, lauschte in sein Gewimmer hinein; dann beschrieb er, langsam aufgerichtet, eine feierliche Gebärde.

„Sie werden Ihre Heimat wiedersehen. Ich werde machen, daß Sie es erleben.“

Rasch wandte er sich ab.

„Gehen wir.“

Draußen:

„Dieser Alte ist jung nach Amerika gegangen. Die Arbeit seines Lebens hat ihm so viel eingetragen, daß er vor seinem Tode nochmals die Überfahrt bezahlen konnte. Er will auf seiner Heimaterde sterben. Das ist sein Ziel. Dafür meint er nun gelebt zu haben.“

„Wird er’s erreichen, wird er?“

„Nein,“ entschied der Doktor, mit leiserer Stimme und Schultern, die sich beugten. „Wir werden morgen in Genua landen, im majestätischen Genua; aber er wird es nicht sehen. Ich kann es nicht machen. In diesem Augenblick lebt er nur noch durch den einen Gedanken in seinem Kopf: in seiner Heimat zu sterben.“

Vor der Treppe zu den Gesellschaftsräumen nahm er plötzlich Abschied und tauchte ins Dunkel. Lola sah mit Verwunderung, daß dort innen noch der gleiche kopflose Jubel tobe, und ging in ihre Kabine. Sie lag im Dunkeln; — und das Wimmern dahinten, sie wußte nicht, war es das der Geigen oder das jenes Sterbenden. Seine Augen verließen sie nicht, ihre Stirn war erfüllt von diesem übermenschlichen Feuer, [ 139 ]das mit Überwindung eines absterbenden Leibes ganz frei dahinbrannte, das nur ein Gedanke, ein Wille, eine Sehnsucht war: die Sehnsucht nach der Heimat.

Und sie sah ihn, wie er jung aufs Schiff stieg. Die Jacke über der Schulter, den Hut im Nacken, übermütig trotz der Rührung, küßte er ein letzesmal Eltern, Geschwister und das Mädchen, das ihm treu bleiben wollte. Hatte Lola ihn nicht drüben aussteigen gesehen, oder einen, der ihm glich? Italiener in roten Hemden, die Jacke über der Schulter, waren so viele dort umhergegangen. Sie hörte ihn seine Früchte ausschreien, sah ihn an einem Kanoe zimmern und stand am Wege, wie er sein Maultier mit Waren vorbeitrieb. Denn er handelte mit allem, hielt keine Arbeit für zu schlecht, lebte nüchtern und schrieb Briefe, worin ein wenig Geld lag: „Mut! Bald kann ich euch nachkommen lassen. Carlotta, ich seh’ uns schon in der Kirche.“ Darüber sterben die Eltern; aber er hat noch die Geschwister, und Carlotta wartet auf ihn. Er spricht nicht mehr vom Nachkommen; es geht nicht alles, wie er dachte; nur zurücklegen möchte er eine Kleinigkeit, und dann heimkommen … Wie? Wäre es möglich? Carlotta nimmt nun doch den andern? Sie ist imstande, ihn zu verraten? Wozu kann dann alles noch dienen! .. Ach, ein Kind hat sein Bruder? Wie hübsch! Er wird ihm etwas mitbringen, wird es einst ausstatten. Die Geschäfte gehen besser, sie sollen sich wundern … Und von Jahr zu Jahr: Der Bortolo schon tot? Und Don Felice? [ 140 ]

Und auch der, und auch der? Warum schreibst nun du selbst nicht mehr? .. Schweigen. Und der alte Einsame vergißt die Todesfälle, von denen ihm einst berichtet ward; wenn er von der Rückkehr träumt, stehen alle unverwandelt am Ufer, und Carlotta trägt noch die rote Schürze, die er ihr gab. Sein Geist geht zwischen Gebäuden um, die abgetragen sind, und bei Menschen, die unter Kreuzen liegen. Zuletzt tritt er dennoch die Reise an, für die er fünfzig Jahre arbeitete und lebte. Nun fährt er dahin — werden die Atemzüge ausreichen? — fährt, seherisch vor Angst und Drang, dem unmöglichen Ziel seines Lebens zu, dem, was es für ihn nicht gibt, dem Phantom einer Heimat!

… Lola schluchzte noch immer. Sie beweinte in fremden Schicksalen das Sinnbild der eigenen; und eine besänftigende Brüderlichkeit floß ihr aus jenen zu. Sie schämte sich ihrer Menschenfeindschaft; verachtete die Gabe, die sie bis dort hinabblicken lehrte, wo niemand mehr dem Erkanntwerden gewachsen ist; entsetzte sich: „Hab’ ich denn nicht immer lieben, nur lieben wollen? Einst war ich doch entschlossen, mich eher lebendig begraben zu lassen als daß Erneste oder Mai stürbe! Wie ist es möglich, daß Menschen dies je aus dem Sinn verlieren: einander helfen, einander lieben!“
 
[ 141 ]

III

 

In Verona, nach dem Übernachten und wie der Omnibus schon vor dem Gasthof stand, sagte Lola plötzlich:

„Jetzt wieder nach Venedig? Geht es wirklich nicht anders?“

„Uns zwingt doch niemand?“ fragte Mai verdutzt.

„Das ist es. Uns zwingt nie jemand. Hierhin, dorthin: für uns ist alles gleich.“

Und Lola ließ sich müde auf einen Stuhl nieder.

„Daß du auch grade in diesem Augenblick deine Nerven kriegst!“

Mai sah erschreckt hin und her zwischen Lola und dem Kellner, der zur Abfahrt mahnte.

„Es scheint, wir reisen nicht.“

„Wozu?“ seufzte Lola. „Um wieder einen Fingado zu treffen und einen Aguirre und einen —?“

Sie besann sich.

„— und alle die andern? … Weißt du noch nicht im voraus, wie deine Verehrer aussehen werden, was sie dir sagen werden? Man kennt sie auswendig, [ 142 ]und es bleiben doch Fremde. Wir sollten lieber zu Pais bayerischen Verwandten fahren. Nach deiner Ankunft in Europa sahen wir sie nur so flüchtig; aber es schienen — was weiß ich — es schienen herzliche Menschen.“

„Aber die Grimani erwartet uns.“

„Wir telegraphieren ihr ab.“

Sie telegraphierten auch nach München. Gugigls waren auf dem Lande; und zwei Tage später, auf der kleinen Station zwischen Kufstein und Rosenheim, jauchzte den Ankommenden ein ganzer Trupp festlich erregter Sommerfrischler entgegen. Frau Gugigl und die Baroneß Utting schrien in einer Tonlage mit der Lokomotive. Die eine schüttelte dabei ihre offenen Haare, die andere ihre Zöpfe. Die Baroneß trat sofort an die Damen heran, zeigte auf ihr Bauernkostüm und sagte stolz:

„I bin d’Oberdirn.“

Gugigl schwenkte noch, als Frau Gabriel schon vor ihm stand, auf die Zehen gehißt, sein grünes Hütchen. Er war rotfleckig, hatte geblähte Nüstern, und seine Kinnhaare wehten wirr. Die kleine Schwester seiner Frau ließ, als sie Lola und Mai erblickte, seinen Arm los; ihr Geschrei brach ab; und mit großen Augen, ganz entgeistert, sah sie den beiden eleganten Damen entgegen. Gwinner küßte ihnen die Hand und führte von unten sein freundlich freches Lächeln im Kreise umher, als hätte er einen Witz gemacht.

Frau Gugigl rühmte zuerst ihren Lodenkragen. [ 143 ]

„Da schaut, wie er naß ist. Regenschirme gibt’s bei uns nicht, meine Lieben, und wenn man so daherkommt wie ihr…“

„Aber was ist denn hier los?“ fragte Lola, da sie gleich hinter dem Bahnhof in ein bäurisches Gedränge und Geschrei, in Jahrmarktsgerüche und Blechmusik gerieten.

„Das ist das Gaufest.“

Und zu der gespannt horchenden Frau Gabriel:

„Ja, auf französisch, Tante, kann ich das Wort nicht sagen. Die Bauern zeigen ihr Vieh und sich selbst her, in den alten Trachten.“

„Das Vieh in den Trachten,“ ergänzte Gwinner und gab Lola durch unterwürfiges Grinsen zu verstehen, daß er bei Gott nicht über sie sich lustig mache; nur könne er nicht gegen seine Natur. Er umtastete die Spinnenfinger der einen Hand leise mit denen der andern. Den runden, schwarz und gelben Kopf trug er eigen vorsichtig zwischen den hohen Schultern, als sei sein Nacken leicht zerbrechlich. Lola wandte sich weg.

Gugigl krähte in das Gebrüll der beim Wirtshaus Tafelnden hinein:

„A Bier! Cehn—zi! A Bier kriag’ i!“

„Grüß Gott, Spezi!“ rief die Baroneß.

„Dees is nämlich mein Oberknecht,“ erklärte sie, lief hin und schwang sich, rotbackig, mit dicken, fliegenden Zöpfen in die Bank zu den Bauern, die sie feierten. „Ihre Zöpfe sind fast von der Farbe meines Haars,“ dachte Lola; und: „Wenn ich mich zu den [ 144 ]Bauern setzen sollte! Wie wäre einem zu Mut, wenn man hier heimisch wäre?“

Da begegnete sie dem bewundernden Blick der kleinen Tini.

„Wir haben uns noch gar nicht recht begrüßt. Sie sind groß geworden.“

„Wie geht es Ihnen?“ stammelte das junge Mädchen.

„So nennt’s euch doch du!“ schrie Gugigl und drängte der Kellnerin nach.

„Gut. Und — also, und dir?“ fragte Lola, lächelnd. Tini errötete; dann entschloß sie sich:

„Du hast Ähnlichkeit mit deinem Papa.“

„Ach! Hast du ihn gekannt?“

„Sehr gut; und nie hab’ ich ihn vergessen. Er hat mir meine Lieblingspuppe mitgebracht. Nach ihm hieß sie Gustl, weil er Gustav hieß, nicht? Jetzt ist sie zwar kaputt…“

Lola dachte: „Und Pai tot.“

„Spielst du noch mit Puppen?“ fragte sie mühsam.

„O nein…“

Und, als sei endlich das Eigentliche herbeigeführt:

„Lola, du bist wunderschön!“

„Du sagst das? Du wirst viel schöner werden als ich; man sieht es schon jetzt.“

Sie liebkoste das schwarz eingerahmte, sentimentale Gesichtchen. „Noch etwas zu lang und zu blaß ist es,“ dachte sie zärtlich. Da drehte sie rasch den Kopf.

„Mai! Mai! Die Tini hat Pai gekannt!“

Mais Miene, die ganz Befremdung und [ 145 ]Verlassenheit war, ward auf einmal kindlich beglückt; und Lola nickte ihr strahlend zu: „Wie schön, nicht wahr, daß wir hergekommen sind!“

Da waren nun Wesen, die Pai gekannt hatten, die mit Lola verbunden waren, vielleicht denselben Menschen lieb gehabt hatten wie sie!

„Hast du meinen Papa gern gehabt?“ fragte sie.

„Sehr,“ sagte Tini; und sie setzte nochmals an: „Und auch —“; aber dann schwieg sie, ganz rosig.

„Sage, wie du ihn gefunden hast? Als er mich nach Europa brachte, trug er meist einen grauen Anzug…“

„Ach, was für Dummheiten!“ merkte sie selbst. Mai, die dazwischenschwatzte, konnte sich nicht naiver gebärden. Wie das belebte! Wie einem warm ward! Sie sah sich um, sie hatte Lust, diese Menschen zusammenzurufen, die Pai gekannt hatten, die ihr du sagten, die ein wenig Blut mit ihr gemeinsam hatten. Gugigl trank ihr zu. Er stand dahinten, auf gespreizte Beine gestemmt, hob das endlich eroberte Glas Bier nervig an sein Gesicht, das es mit geblähten Nüstern erwartete, und führte Lola, den Blick fest und ernst in ihrem, seine Schluckkunst vor. Seine Frau hatte ihren Lodenkragen abgeworfen, hatte flatternden Haares die tannenbekränzte Estrade der Schuhplattler erstürmt, die Dirn weggestoßen und sich statt ihrer gegen den beleibten Balzer geschmiegt. Aber von ihrem Tanzdämon überzeugt, kam sie seinen Bewegungen zuvor, brachte die Äußerungen seiner gravitätischen Brunst in Verwirrung, zappelte in der Luft, wie er sie [ 146 ]emporstemmte: — und ohne vorherige Ankündigung, im Zorn noch mit gelassener Kraft, setzte er die enttäuschte Mänade über das bekränzte Geländer. Frau Gugigl mußte einige Pfiffe hören, trotzte aber der Menge und holte sich ihren Mann, um ihn herumzuschwenken.

Mehrere Paare drehten sich, zwischen den Püffen der Vorbeidrängenden. Die meisten saßen indessen unter den tropfenden Kastanien, Rücken an Rücken, die Arme auf die Tischkanten gewälzt; und so oft die Musik sich von ihrem Knarren und Meckern ausruhte, sangen sie sich gegenseitig in die Münder. In ziehenden Tönen, deren Ende sie vor Gefühl nicht fanden, stimmten die Burschen unwahrscheinlich schmutzige Verse an; und die Madln unter ihren Zopfkränzen fielen herzhaft ein, wie in der Kirche. Aus dem Winkel beim Hause wurden sie beobachtet von der eleganten Gesellschaft, deren ragender offener Reisewagen aus dem Verschlage hervorstand. Die Dame hob das Lorgnon vor ihre aufgerissenen Morphinistinnenaugen und führte ihre unbewegte, schlaffe, perlfeine Miene langsam umher. Ein dürftig gewachsener Mensch, der ihr den Rücken im Sonntagsrock halb zudrehte, fesselte sie länger als die übrigen. Niemand fand an ihm vorbei, ohne die Faust, als solle sie das biedere „Grüeß Gott, Schuasta“, verstärken, auf seinen eingedrückten Nasenrücken fallen zu lassen. Der Schuster lachte verlegen, und von Zeit zu Zeit wischte er mit dem Handrücken das Blut weg, das ihm sonst ins Bier tropfte. Sichtlich war er’s gewohnt, war dies ein durch lange [ 147 ]Jahre geweihter Brauch, dem sich zu entziehen er selbst am unpassendsten gefunden hätte.

Das Lorgnon der Dame zielte unbewegt in dieselbe Richtung. Nun aber folgte Mai ihm; und Mai begann, die Hand an der Wange, kleine entsetzte Schreie auszustoßen. Gugigl, seine Frau und die Baroneß Utting liefen herbei:

„Ja, was gibt’s? Der Schuster? Aber ihr seht doch, daß es ihm selber Spaß macht. Seid ihr zartbesaitet!“

„Mir san derbes Volk,“ erklärte die Baroneß.

Mai schrie auf: wieder war dem Schuster eine Faust auf die blutige Nase gefallen; und Mai beruhigte sich nicht mehr, hörte auf kein Zureden, verfiel, außer sich, in ihre heimische Sprache und wiederholte ihre Meinung den um sie her feixenden Bauern auf französisch. Dies alles sei abscheulich roh; sie sollten nicht trinken: nur die Neger tränken; sie sollten einander wie Menschen behandeln.

„Sei still, Mai,“ bat Lola, leise vor Scham. Ihr war, als trage sie ein Stück Verantwortlichkeit für dies Volk, das Pais Sprache hatte, und zu dem sie Mai hergeführt hatte wie zu den Ihren.

Aber Mai drang, erbittert durch die Grimassen, denen sie begegnete, auf Gugigl ein. Ob er meine, sie kenne so etwas nicht. Auch zu Hause die Neger begängen ihre Feste, tanzten — nicht häßlicher als diese hier — betränken sich, schlügen einander blutig. Aber man gittere sie ein, stelle Wachen herum, und kein anständiger Mensch sehe den schmutzigen Dingen zu. [ 148 ]Lola war sehr froh, daß Frau Gugigl und die Baroneß schon wieder in den Armen zweier Knechte dahintollten. Gugigl verstand nichts; er äffte Mais erregte Gebärden nach, klappte mit den Kiefern und parodierte, ihr vor den Füßen hüpfend, irgend einen Laut, den sie grade gesprochen hatte: ganz stolz, daß er, als studierter Beamter, nicht zwei französische Worte wußte. Mai brach ab; die Augen naß vor Zorn in ihrem beleidigten Kindergesicht, drehte sie ihm den Rücken. Gwinner kam — und er trug den Kopf noch vorsichtiger — mit dem gewaltigen Schuhplattler herbei. Vor der Ankunft machte er noch einen Bogen, führte, demütig und frech grinsend, den ernsten Koloß den Damen von allen Seiten vor, wie einen Preisochsen.

„Diese Damen,“ äußerte er, „sind aus Amerika gekommen, um Sie zu sehen.“

„Viel Ehr’, viel Ehr’,“ sagte der Mann, mit einer Stimme, der er eine erbärmlich wirkende Zurückhaltung auferlegte. Gwinner hielt lächelnd die Hand neben seinem Arm, wie um eine unsichtbare Kette. Er wies hinüber, von wo die eingepferchten Tiere brüllten.

„Warum lehren Sie nicht auch die andern Ochsen das Schuhplatteln?“

Sein begütigendes Nicken hieß: „Es ging doch nicht anders.“ Die kleinen tückischen Augen des Riesen wanderten auf dem bleichen Gesicht umher, das nach Frechheit rang; und unentschieden zwischen Drohung und Respekt, fragte er:

„Ja, wie moanen’s denn jetzt dös?“

Die kleine Tini trat energisch vor. [ 149 ]

„Er meint, wer nicht tanzen kann, ist ein dummer Mensch; und jetzt müssen wir nach Haus, es ist höchste Zeit. Benno! Thekla! Marie!“

Sie beruhigte sich nicht eher, als bis alle aus dem Biergarten heraus waren. Auf der Straße zwischen den großen Fußspuren voll braunen Regenwassers hieß es einen Eiertanz aufführen. Vor den vier Jahrmarktsbuden lungerten einige Buben, ein paar Weiber mit den Schürzen über dem Kopf. Mit starrem Gesicht führte ein verwittertes Mädchen eine Moritat vor.

„Haben Sie das verbrochen?“ sagte Gwinner zu Gugigl, und zeigte auf das Bild. Frau Gugigl sprang vor Freude in eine Pfütze.

„Aber Benno! Das ist ja eine Idee! ich mal’ eine Moritat! Künstlerische Moritaten gibt’s noch nicht.“

„Mehr als genug,“ meinte Gwinner; aber Frau Gugigl verlangte:

„Ohne Witz! Dem muß man künstlerisch nähertreten.“

Sie besprach dies im Weitergehen mit ihrem Mann und der Baroneß Thekla. Gwinner bemühte sich, für Frau Gabriel französische Wortspiele zu erfinden. Tini nahm plötzlich ihren Lodenkragen ab und legte ihn Lola um.

„Es regnet nicht mehr, dein Schirm nützt nichts: aber die Luft ist so feucht.“

Lola sträubte sich vergebens.

„Bitte bitte! Du bist das nicht gewohnt Dort, woher du kommst, ist immer blauer Himmel, nicht?“ [ 150 ]

„Was meinst du? Ich war ja die längste Zeit meines Lebens in Deutschland.“

„Ach! Du siehst ganz aus wie eine Fremde; und so elegant. Du mußt diesen Kragen entschuldigen. Bei dir ist gewiß alles aus Paris?“

„O gar nicht; und ich finde deine Bluse sehr gut gemacht. Meine Mama und ich haben zuletzt in Genua bestellt. Wenn es kommt, sollst du’s sehen. Die Schneiderin arbeitet für die halbe italienische Aristokratie sie kennt uns schon…“

Und Lola dachte hinzu: „So wird sie uns hoffentlich für die Bezahlung Zeit lassen.“

„Ein Gesellschaftskleid ist dabei, Empire, was wieder das Allerneueste ist. Schwarze Gaze mit Chantillyspitze besetzt; und im Ausschnitt ist dicke Silberspitze, unterlegt mit … Aber willst du mich nicht einhaken?“

„Unterlegt mit?“ — in seliger Erwartung.

„Mit türkisblauem, metallischem Stoff.“

„Wie wundervoll!“

„Auch unter der Chantillyspitze liegt er.“

„Ja. Aber —“

Tini hielt sich grader und sammelte sich; denn jetzt kam das, was sie Lolas Toiletten entgegenzusetzen hatte.

„Hast du schon von der Umwertung aller Werte gehört?“

„Ich muß gestehen: nein. Und wer hat dir davon erzählt? Herr Gwinner?“

„Woher —“ [ 151 ]

„Erschrick nicht! Woher ich das weiß? Du sahst grade nach ihm hin.“

Tinis Blick hatte mit solcher schwermütigen Schwärmerei an seinen hohen Schultern gehangen. „Darum,“ erkannte Lola, „ihre Angst, vorhin bei dem Riesen, als sie ihn in Gefahr sah.“

„Das muß interessant sein,“ sagte sie. Da trennte die Baroneß Thekla sich von ihren Freunden, lief — und ihr kurzer roter Rock flatterte — Lola entgegen und schwang den Arm über ein entferntes Kornfeld hin.

„Morgen in der Früh gehts da droben wieder an die Arbeit!“

„Was für eine Arbeit?“

„Ans Kornschneiden. Ich bin allweil draußen mit die Knecht’ und Mägd’. Mich nennen’s die Oberdirn … Ja, das wundert Sie. Aber meine Großmutter war ja eine Bäuerin und hat drunt im Mühltal ihren Hof gehabt. Ich bin ein richtiges Bauernblut, und in der Stadt freut’s mich nicht.“

„Renommiert die Baroneß schon wieder?“ fragte Gwinner, der sich umdrehte.

„Mir ist’s ernst,“ erklärte sie; und er, nachgiebig:

„Ich weiß, bei Ihnen kommt’s von Herzen.“

Tini lachte Beifall:

„Schon wieder!“ flüsterte sie, vor Stolz errötet, Lola zu. „Ist er geistreich! Sie hat ja eine unglückliche Liebe; darum kommt bei ihr das Bauerngetue ,von Herzen‘!“

Gwinner merkte erst jetzt, daß er einen Witz gemacht hatte, und dankte mit den Augen. [ 152 ]

Die schmale Straße aus nassem, durchfurchtem Lehm krümmte sich zwischen den flach ansteigenden Äckern hin. Die gelben und die grünen erglänzten gewitterhaft in dem späten Licht, das unter dem schwarzen Himmel hervor, schräge über sie hinschlich; und jäh an den letzten, der heller vor ihr flackerte, schien die blauschwarze Bergwand zu stoßen. Frau Gugigl jagte vorbei.

„Kinder, kriegt ihr nicht auch Magenkrämpfe? Mir kommt’s bald vor, als wären das —“

Sie wies über das gelbgrüne Land hin.

„— Pfannkuchen mit Spinat, und ich möchte mich draufsetzen wie eine Fliege.“

Die Baroneß fuhr auf.

„Ich hoff’ nur, du hast für eine Haxn und Knödln gesorgt; sonst müßt’ ich dir die Wirtschaft wieder abnehmen!“

Gugigl hatte sie erwartet.

„Die Marie ist ja ein Kulturmensch,“ versicherte er. „Sie schaut nach der Küche, nicht weil sie muß, sondern weil sie weiß, daß die Frau, je höher sie steht —“

Gwinner legte ihm zärtlich die Hand ans Haupt.

„Schlaukopf,“ sagte er.

„Gleich kommt’s!“ rief Tini und ließ Lola nach der Stelle sehen, wo hinter der Senkung ihr Haus auftauchen sollte. Inzwischen polterte mit Harmonikagedudel und betrunkenem Gesang ein Stellwagen herbei; alle mußten auf den Grabenrand treten; und die Baroneß tauschte mit den Vorbeirasenden Scherze aus. Nachher entzückte sie sich. [ 153 ]

„So lebfrische Buam!“

Mai, von ihren Rädern arg bespritzt, sah ihnen wütend nach.

Einige Schritte vorm Ziel bog aus einem Seitenweg ein junger Mann, der den Lodenkragen über der Brust zusammenhielt und den Kopf gesenkt trug. Gugigl machte Zeichen, man solle sich ruhig verhalten; und wie jener dicht herangekommen war, brach er mit seiner Frau, der Baroneß Thekla und Tini in gelles Geschrei aus. Der andere fuhr herum und hielt der Schadenfreude ein etwas schüchternes, etwas trübes Lächeln entgegen. Noch während sie ihn auslachten, fragte er, ob sie sich gut unterhalten hätten.

„Und Sie, sanfter Träumer?“ erwiderte Gwinner, und sein Grinsen war geduckt und geärgert.

„Das Wetter drückt mich; ich hätte nicht auch noch den Lärm der Bauern ertragen.“

Dies berührte Lola verwandt; sie gönnte auch Mai eine Genugtuung und übersetzte seine Antwort. Mai belebte sich. Wie man die Veranda betrat, sagte sie:

„Nicht wahr? Das Fest wäre ganz hübsch: aber diese Menschen…“

„Ein Fest ohne Menschen, gnädige Frau?“ fragte Gwinner. „Musik, die freiwillig aus den Instrumenten kommt, und Bier, das sich selbst trinkt? Nein —“

Und er wandte sich nicht mehr gegen Mai und ihren unbesonnenen Ausspruch.

„Menschen bleiben die Hauptsache: Das verkennt Herr Arnold Acton. Was haben wir von Einsamkeit? Ich weiß nur, was sie uns nicht gibt: [ 154 ]Menschenkenntnis, Geistesgegenwart, Sinn für das Mögliche und das Wirksame.“

„Bravo!“ machte Gugigl; „und jetzt gehn’s mit, Bier abziehen!“

Sie gingen. Frau Gugigl hatte gerufen:

„Ich richt nur rasch eure Zimmer!“ — und war mit ihrer Schwester und der Baroneß von dannen. Lola und Mai betraten die große, ganz hölzerne, stark dämmerige Stube. Arnold Acton war hinter ihnen; Lola wartete noch immer, was er zu sagen habe: mit einer seltsamen Angst davor, er möchte nichts wissen. Er sagte mit verschleierter Stimme und in Pausen zum Prüfen der Worte:

„Menschenkenntnis … Geistesgegenwart … Sinn für das Mögliche und das Wirksame … Sehr scharf. Sehr richtig. Wenn nur nicht alles das hoffnungslos zweiten Ranges wäre! Die Einsamkeit, es ist klar, unterrichtet uns nicht über die Welt, lehrt uns nicht, ihr antworten, ihren Spott bestehen … Oder doch? Käme uns ein von ihr abgewandtes, ihr nicht mehr untertanes Wissen, wenn wir allein sind: Wissen über sie und uns, in einem? . . Ich weiß nicht, ob Sie, gnädiges Fräulein, das kennen: ein kleines Zimmer, allmählich in allen Winkeln voll von Erschautem und Erlittenem, glücklichen und schlimmen Spielen; nächtliche Gänge, einen Buchenhügel oder Terrassen mit Oliven hinan, wenn in den Laubschleiern ein vom Tal heraufgeschwebter, merkwürdig stiller Glockenschlag zittert: wie hell und gespannt einen das macht! Ganz zusammengezogen auf sich; frei von den weltlichen [ 155 ]Hemmungen. Man wird sich selbst zur Leidenschaft; genehmigen Sie ein noch stärkeres Wort: ein Flügelrauschen rührt sich in einem, wie vom eigenen Schicksal…“

„Ich glaube Sie zu verstehen…“

Lola fühlte, daß er unter einem Druck rede, vielleicht nur aus Unruhe, um nicht zu schweigen; und daß er darauf gefaßt sei, wenn das Dunkel gelüftet werde, ein befremdetes Gesicht vor sich zu haben. Ehrgeizig sagte sie:

„Ich selbst habe einsame Zeiten gehabt.“

Da er die Augenblicke vergehen ließ, sprach auch sie aus Befangenheit weiter.

„Damals haßte ich die Menschen und ersann mir zum Trost eine eigene Welt…“

„Ich möchte nicht sagen, daß es Haß ist. Sie abzuschütteln, fern zu halten, ist das Bedürfnis; auch sie zu reinigen und zu übertreiben; und so über sie zu herrschen. Von ihnen stammt nichts als das Alphabet, aus uns aber, als die Verlängerung unserer Schicksalslinie, die prachtvolle Tirade, die bis zu den Sternen schießt.“

„Auch für mich gab es Freude und Glück nur auf anderen Sternen.“

Jeder von ihnen tastete im Dunkel der fremden Erlebnisse nach den Umrissen der eigenen.

„Die Welt: sie wird uns, sind wir sehr allein, zum Spiel nach eigenen Rhythmen, dient uns als Vorwand, uns selbst zu genießen. Wir sind so gut über sie im reinen, daß wir sie unter uns gebracht [ 156 ]haben und, ihrer sicher und getrost, nun anfangen können, sie zu lieben…“

„Wohl erinnere ich mich, daß ich nach solchem Gewittertag im Walde mit dem Glauben heimkehrte, das ganze All liebe mich und ich solle jedes seiner Geschöpfe lieben…“

Da ward die Tür aufgerissen, und Frau Gugigl rief:

„Was munkelt denn ihr da?“

Lola sah sich, in der plötzlichen Helle, neben einem Unbekannten an der Wand eines fremden Zimmers sitzen; ihr war, als sei sie aus weiter Ferne herversetzt; und sie sagte erstaunt:

„Wir sprachen von einsamen Spaziergängen.“

„Sicher hat er wieder von sich selbst gesprochen: das ist seine Spezialität, und anfangs verblüfft er einen damit. Nachher kennt man’s schon. Gehen Sie mehr unter Menschen, Arnold! Schauen Sie Gwinner an: der redet stundenlang, ohne sich selbst zu erwähnen.“

„Was gäbe es über ihn auch zu sagen!“

„Bravo, Sie werden boshaft! Endlich! .. Weißt du wohl, Lola, daß er abreisen wollte, als er hörte, ihr kämet? Solch Waldmensch ist er.“

Lola sah ihn an, ließ aber seinen unfreien Träumerblick, aus unwillkürlichem Respekt, gleich wieder los. Ihr schien, vorhin im Dunkel habe er zusammengesunken dagesessen, und erst jetzt sich hager aufgereckt, als gälte es, etwas zu bestehen. Sie fragte, ohne mit Frau Gugigl mitzulachen:

„Wirklich? Sie wollten abreisen?“ [ 157 ]

Er stammelte:

„Im Gegenteil … Ich hatte den Wunsch, nach München zu gehen; ich brauche wieder einmal die Stadt.“

„Und wozu?“ fragte prompt Frau Gugigl. „Wen kennen Sie dort? Wen suchen Sie auf? Sie sind ein merkwürdiger Mensch.“

Frau Gugigl drehte sich, vor Gereiztheit rot, halb weg und machte zwei Schritte. Lola war im Begriff, zu sagen:

„Es ist immer schade, wenn jemand kein merkwürdiger Mensch ist.“

Aber es kam ihr vor, als hätte es ein wenig Geringschätzung bedeutet, wenn sie ihn in Schutz genommen hätte.

„Also ich zeig’ euch eure Zimmer,“ schloß Frau Gugigl. „Wo steckt denn deine Mama?“

„Mai!“

Mai kam aus der Ecke beim Ofen. Im Dunkeln war sie sofort kindlich eingeschlafen.

„Ich habe nasse Füße,“ sagte sie gekränkt.

Über eine leiterartige Stiege gelangten sie auf einen Flur aus Brettern, die sich bogen. Das Zimmer war voll vom feuchten Duft des weiten, schwarzen Landes. Wie Lola sich aus dem Fenster lehnte, geschah in ihrer Nähe ein Poltern wie von Pferdehufen auf Holz; und da tauchte der Kopf des Tieres in den Schein ihrer Kerze. Ein alter Herr ritt eine flache hölzerne Brücke hinauf, bis vor eine Tür im ersten Stock. Er stieg ab; und das Pferd ward vom Knecht gewendet und hinabgeführt. [ 158 ]

Mai rief, durch die Spalten der Holzwand hindurch, nach Lola. Mai wußte nicht, wo sie ihre Toilettengegenstände ausbreiten sollte. Wenn die Koffer kämen, wohin dann mit den Kleidern. Dieser Schrank sei lächerlich.

„Er ist schön geschnitzt und bemalt. Er ist alt, weißt du.“

„Diese Fremden sind genügsam, daß sie sich mit alten Sachen begnügen.“

Mai gebrauchte noch immer ihren heimischen, verachtungsschweren Ausdruck für die „Fremden“ und meinte damit alle Europäer.

„Wenn man sich anzieht wie sie, die Dienstmädchen gleichen, genügt wohl solch ein Schrank.“

Und Mai schüttelte das wacklige Möbel.

Zweimal klopfte die Magd an; endlich holte Frau Gugigl selbst sie hinunter. Um den quadratischen Ecktisch und unter der Hängelampe saßen auf den Wandbänken, auf lehnenlosen Schemeln und auf Stühlchen mit einem Herzen im Rücken, schon alle beim Abendessen. Gugigl rief ihnen entgegen:

„A Gullasch ham mer.“

„Leitmotiv des Ästheten,“ erläuterte Gwinner.

Frau Gugigl erlaubte Mai und Lola noch nicht, sich zu setzen; vorher mußten sie sich, aus dem Schatten heraus, darüber klar werden, welche Farbenwerte der erhellte Kreis vertrete.

„Ist es nicht künstlerisch? die Thekla in ihrem Rot und Weiß, die Tini in ihrem Weiß und Blau, Gwinner in Creme, der Baron mit seinem angerauchten [ 159 ]Meerschaumbart: Kinder, wie auf den Bart das Licht draufgesetzt ist! Mein Mann hat doch einen großartigen Kopf. Arnold dient als Dämpfer. Und in dem Blumenstrauß in der Mitte wiederholt sich alles. Aber wartet, ich muß noch mit hinein!“

Sie lief auf ihren Platz; ihr Reformkleid mit Schulterhenkeln war kraft goldener Borten, die Brokat vorstellten, auf Renaissancepracht aus; und sie sah sich strahlend um.

„Wie findet ihr das? Künstlerisch, nicht?“

Mai fühlte, was man von ihr wolle, und heuchelte Entzücken. Aber sie sah nur abgetragene Kleider, die mit der Mode nichts zu tun hatten. Heimlich prüfte sie die Hände, ob sie gewaschen seien.

Die Gulaschschüssel dampfte auf dem Bauernleinen, neben der Vase aus Bauernsilber. Gugigl ruhte nicht, bis Mai aus dem Kruge getrunken hatte, der vor ihr stand. Darauf, etwas fremd, zu Arnold Acton:

„Sehen Sie? So wie Sie gibt’s keinen mehr.“

„Also bitte, einen Krug.“

„Gott sei Dank!“

Gugigl lief selbst. Er beaufsichtigte, indes auch er schluckte, den anderen bei der Handlung des Trinkens. Dann, aufseufzend, unvermittelt herzlich:

„Also Freunderl, gut is! Aber ’s ist schon so: mir wird bei einem Menschen erst wohl, wenn ich ein Bier mit ihm getrunken hab’!“

Darauf fragte er den Baron Utting nach seinen Hunden. Der Baron hielt eine Meute. Er wohnte zur Miete in einem Bauernhaus; aber in allen [ 160 ]Waldungen ringsum hatte er die Jagd gepachtet. Den Tag hatte er mit seinen Hunden verbracht, sie erst gefüttert, dann gemalt, und am Abend war er aufs Pferd gestiegen, um in sein Schlafzimmer zu reiten. Er war zufrieden mit seiner Leistung. Seine Tochter und Gugigl waren, in ihrer Ecke, ganz bei der Sache. Arnold Acton mischte sich von drüben ein: hastig, um den Augenblick nicht zu verpassen, wo sich etwas für diese Menschen Geeignetes sagen ließ. Er sagte, straff aufgerichtet, Jagdhunde seien ihm sympathisch, weil ihre Triebe in Freiheit spielten; aber er hasse die hündischen Gendarmen, die in Bauernhöfen und hinter den Staketen der Vorstädte umherstrichen, um, komme ein Fremder, ein Armer nahe, mit blutunterlaufenen Augen und wüster Stimme über die Bretter zu schnappen. Diese der Gesellschaft, dem Bestehenden dienstbar gemachten Raubtiere seien, in ihrem viehischen Fanatismus für die Rechte ihres Herrn, etwas wie das verkörperte Prinzip des Eigentums, etwas wie die Verdichtung alles Harten, Stupiden und Unmenschlichen im besitzenden Menschen. Nichts sei kläglicher und widerwärtiger als der Argwohn des Hundes gegen jeden, der seinem Herrn etwas abzunehmen komme.

„Zum Beispiel gegen den Steuereinnehmer,“ sagte Gwinner, gelassen und scharf.

Eine Sekunde des Stutzens — und alle lachten. Die Baroneß Thekla wühlte das Gesicht in die aufgestützte Hand; Tini sah, unter kurzen Gänseschreien, triumphierend von Gwinner zu Arnold: „Da haben [ 161 ]Sie’s!“ Und Frau Gugigl drüben ließ sich, den Kopf schüttelnd, mit geöffneten Armen vornüberfallen, zum Zeichen von Arnolds Ohnmacht vor ihrem witzigen Freunde. Gwinner lächelte demütig frech und Arnold ratlos. Lola, neben ihm, begann plötzlich leise, als soufflierte sie ihm:

„Sie stellten den Hund als Gendarm, als Vertreter der gesetzlichen Ordnung hin. Der Steuereinnehmer ist dasselbe, warum sollte er ihn anbellen. Herrn Gwinners Witz war also keiner.“

Er hob die Schultern und bewegte schüchtern die Hand: sie möge es gut sein lassen. Übrigens hatte Frau Gugigl zu fühlen angefangen, daß das Gespräch eine Abwechselung brauche. Sie griff hinter sich nach einem Buch: diese Stelle müsse unbedingt ihr Mann hören. Er kaute; und es sah aus, als kauten auch seine abstehenden Ohren an dem, was ihnen zugeführt ward. Plötzlich erklärte er, nur einen Augenblick habe er an sein Gulasch gedacht, und da habe er den Faden verloren. Frau Gugigl fand dies unkünstlerisch. Sie fand es auch unkünstlerisch, daß Arnold durch einen Bauernkopf an ein Bild erinnert ward; sie verlangte Unmittelbarkeit. Riesig künstlerisch (sie konnte nur noch „künschelrisch“ sagen) war es, daß die Baroneß in ihrer Bauerntracht mit aufgestütztem Arm aß. Hoffentlich werde es hier noch recht kalt werden: dann wollten sie mit hölzernen Löffeln Fett essen, alle aus einer Schüssel. Gwinner übersetzte dies für Mai, deren Augen erschraken. Vom Gulasch aber nahm sie nochmals und reichte Gugigl, nachdem er ein wenig [ 162 ]gebeten hatte, nochmals ihren Krug. Ihr Nachbar Gwinner gefiel ihr, es ließ sich mit ihm lachen; und immer, wenn sie etwas miteinander hatten, was Tini nicht verstand, bekam sie, zu seiner Rechten, ein angstvolles Gesicht. Sie wollte mit ihm von der Umwertung aller Werte beginnen, aber er antwortete nur scherzhaft. Arnold vermutete, in Fräulein Tini wiege der Intellekt vor, und Frau Gugigl rief ihm zu:

„Sind Sie ein schlechter Psychologe!“

Er hatte auch das Unglück, Gugigl eine Ansicht zum Malen zu empfehlen, die seine Frau unkünstlerisch fand.

„Sehen Sie! Sie haben keine Ahnung, was ein Bild ist!“

Lola stellte sich, um nicht sprechen zu müssen, als lausche sie auf des Barons Jagdgeschichte. Sie nahm es Arnold übel, daß nicht auch er schwieg. Er fragte Mai nach Leuten in Rio: er habe eine Cousine dort. „O, eine entfernte.“

Pünktlich fiel Gwinner ein:

„Natürlich entfernt: wenn sie in Rio ist.“

Wieder Gelächter; wieder Arnolds aus Ratlosigkeit beifällige Miene.

Nach einer Weile wagte er zu fragen:

„Macht Ihnen die hiesige Landschaft nicht Lust zum Spazierengehen?“

Lola antwortete:

„Ja. Sie erinnert mich an eine, in der ich als ganz junges Mädchen viel und ganz einsam umherging.“

Und Gwinner, unentwegt: [ 163 ]

„Ganz einsam. Also Abfuhr, mein Lieber: Ihre Begleitung ist nicht genehmigt.“

Lola sah Arnold zornig an. Warum ließ er sich einschüchtern von einem gemeinen Witzler, der in ihr Gespräch hineintappte, ohne seine Beziehungen zu verstehen? … Er fand nichts; und sie stand auf.

Auch Frau Gugigl hatte ihren Platz verlassen, die Mandoline von der Wand gehoben, und sang, ein Bein übergeschlagen, mit hoher Blechstimme Santa Lucia. Dann begleitete sie die Baroneß Thekla, die das Schmachten der vom Biergenuß erweichten Bauern nachahmte.

„Aaf da Wies schreit a Heischreck,
Aaf oamal is a stad,
Weil eam da dumm Bauer Michl
Hat an Kohpf abigmaht.“

Da Gwinner sich, unter Benutzung seiner dialektischen Gewandtheit und Schärfe, mit Gugigl über die Zugverbindungen nach München stritt, legte Tini den schweren Band, den sie feierlich herbeigetragen hatte, beiseite und lief hinaus. Sie weigerte sich, zu sagen, was sie im Regen getan habe, und setzte sich vor ein Blatt Papier. Sie wolle Namen sammeln, die auf l endeten, und vorher müsse g oder p kommen oder so; und sie schrieb „Gugigl“ hin. Der Baron Utting sollte ihr helfen, mehr zu finden, aber auch ihm fielen keine ein. Statt dessen hängte er in seine buschigen Brauen Brotkrumen, die trotz Kopfschütteln nicht herausfielen: was Tini sehr erheiterte, und auch Mai.

Lola führte mit der Baroneß Thekla ein Gespräch [ 164 ]über Rom, woran Arnold teilnahm. Die Baroneß hatte zuerst ein ahnungsloses Madl vorstellen wollen, das einmal „zu die Welschen“ verschlagen worden war, Fabeln daher mitgebracht hatte, alles verwechselte und die Namen falsch aussprach. Allmählich kam sie von ihrer Rolle ab und gab sich gescheit und dem Schönen offen, wie sie war. Ihr Vater, erzählte sie, hatte sie damals in seine Leidenschaft für Italien hineingezogen, wo sie Verwandte hatten; dann war ihm eine andere gekommen, die für die Kunst seines französischen Koches. Und seit diese zweite Passion ihn fast das Leben gekostet hätte, ergab er sich der jetzigen, einer höchst merkwürdigen … Getrappel entstand, in der Tür erschien ein Pferdekopf; und Baron Utting verabschiedete sich höflich von jedem, ehe er aufsaß und zum Hause hinausritt. Gleich darauf polterte es nochmals er ritt über die Brücke zu seinem Schlafzimmer.

Tini kauerte wieder fruchtlos vor ihrem Papier. Gwinner forderte sie auf, irgend etwas darauf zu schreiben, und legte ihren Charakter in ihrer Schrift bloß. Sie sei eine zärtliche, suchende Natur; sie habe eine Liebe, die Vorsicht heische: — eine glückliche, eine unglückliche, es sei noch nicht deutlich zu ersehen. Frau Gugigl musterte sie unruhig. Da Lola ablehnte, kam sie selbst daran. Sie war eine sehr grade, wahre und freie Seele. Daß der erste Bogen beim M viel höher war als die beiden anderen, bekundete berechtigtes Selbstbewußtsein. Eine geheime Leidenschaft war zu ererkennen … Frau Gugigl saß, indes Gwinner über sie gebeugt an ihr herumrätselte, ganz zusammengerollt, hatte [ 165 ]weichere Bewegungen und schien zu schnurren. Ihr Mann klagte, daß ihm nach der Mehlspeise das Bier nicht mehr schmecke; er müsse einen Käs haben. Die moderne Frau sei frei, aber sie bekümmere sich um solche Dinge aus künstlerischem Gewissen. Ob in der Handschrift seiner Frau das künstlerische Gewissen nicht besonders zur Geltung komme. Gwinner bestätigte es, zwinkernd; und Frau Gugigl holte den Käse.

Inzwischen verlangte Mai, daß Gwinner ihr wahrsage, und hielt ihm ihre kleine unschuldige und schicksallose Hand hin. Er ergoß ironische Schmeicheleien über sie, und sie kicherte vor Freude. Als es ihm einfiel, ihr sehr viel Geld zu verheißen, schrie sie auf. Dann lief sie zu Lola.

„Laß dir auch wahrsagen! … Warum denn nicht?“

Mai war mit ihrer neuen Umgebung versöhnt. Alles regte sie an: die sonderbaren Gesänge; der komische alte Herr mit den Krumen in den Brauen, der aus dem Zimmer ritt; die vielen Scherze, das viele Hinundher; das unglaubliche Essen und dieses Bier, das schließlich nicht so übel war; die phantastischen, gutgelaunten Menschen, die wohl zu ihren Ehren etwas aufführten, im Lichtkreis dieses bizarren Raumes, in dessen Schatten Heiligenbilder mit unbegreiflichen, noch nassen Klexereien wechselten, unter dessen Decke Tabaksqualm hinzog, und zu dessen engen Fenstern der Garten feucht und kühl hereinduftete. Mai lugte aus der Tür. Tini schoß an ihr vorbei, in den Regen, zum Briefkasten. Mit leeren Händen aber nicht trauriger als vorher, kehrte sie zurück. Da wagte sich auch Mai auf [ 166 ]die Veranda, hörte erstaunt das weite, regnerische Dunkel rauschen und hinter sich das bunte Gejauchze, — und lief, mit plötzlicher Lust, in die Hände zu klatschen, entzückt von Abenteuerstimmung, wieder hinein.

„Sieh nur!“ flüsterte sie Lola zu. „Sind sie schlecht angezogen, und dabei so unterhaltend!“

Lola unterhielt sich wenig. Alles erschien ihr anspruchsvoll, gemacht und ärmlich. Sie wünschte sich aus dieser geschminkten Bauernstube nach dem Café in Barcelona, zu der Gelida, Da Silva und dem natürlichen Pathos des Dichters, der Verse sprach. Gwinners Witze klangen daneben hektisch. Frau Gugigl machte ihr Scham: sie hatte die Vordringlichkeit einer kürzlich Freigelassenen, und die Männer sahen ihr zu wie einem Spielzeug, das allein durchs Zimmer laufen durfte.

Gwinner hatte auch in Tinis Hand die Zeichen gedeutet, und ersuchte Arnold um die seine. Sie lag auf dem Tischrand; Arnold selbst betrachtete sie unschlüssig, und auch Lola sah sie an. Sie strafte die mühsam angespannte Haltung seines Körpers Lügen. Sie war weich, leidend; die geschwollenen Adern machten sie molluskenhaft und charakterlos … Arnold gab sie hin. Gwinner suchte mit einem vieldeutigen Lächeln in ihren Linien umher, wendete sie, blinzelte über sie weg. Frau Gugigl zu.

„Bei Ihnen steht noch gar nichts fest. Alles unentwickelt. Sie sind noch sehr jung. So jung!“ Gerührt und höhnisch. „Wie alt sind Sie denn?“

Lola horchte auf. Wahrhaftig, er anwortete.

„Zweiunddreißig.“ [ 167 ]

„In Wirklichkeit sind Sie viel jünger:“ und mit ruhiger Geringschätzung ließ Gwinner die Hand fahren. Arnold lachte mit, mußte Tinis verachtenden Augen ausweichen, sagte ein paar matte Worte und setzte sich in den Schatten.

Gugigl entdeckte in der Zeitung, daß ein alter, berühmter Maler seine Frau verloren habe. Die Baroneß Thekla wußte, daß die Gatten schlecht miteinander gestanden hatten; und sogleich warf Gwinner sich auf das Parodieren der Traueranzeige.

„Mit dem Tode meiner Frau trifft mich kein Schlag: nur sie hat er getroffen … Oder: der Tod meiner lieben Frau ist ein Schmerz für mich, aber ein unverhoffter … Oder: Gott dem Allmächtigen hat es gefallen, durch den Tod meiner lieben Frau mich von langem Leiden zu erlösen…“

Dies ging mühelos so weiter. Gwinner wanderte, die Hände in den Taschen, durchs Zimmer, und aus seinem runden Kopf, den er mit Vorsicht zwischen den hohen Schultern trug, kamen die Witze fast gleichzeitig, wie Kücken aus den Eiern. Der ganze Hühnerhof begackerte sie. Die Baroneß Thekla hielt sich die Seiten, Frau Gugigl schluchzte auf dem Tisch, Tini klaschte in die Hände vor Glück und Stolz, und Mai, die kein Wort verstand, jubelte noch lauter.

Lola und Arnold lachten beklommen mit. Da trafen sich ihre Blicke; sie bekamen auf einmal ernste, erschöpfte Gesichter und rückten, beide im selben Augenblick, einander näher. Er wies unbestimmt in den hellen Kreis, den Gwinner, herumwandernd, mit Witzen anfüllte. [ 168 ]

„Wie finden Sie das?“ fragte er befangen. Sie erwiderte, halb lächelnd:

„Künstlerisch.“

„Ich verliere manchmal ganz den Mut, noch in Gesellschaft zu gehen.“

Sie fand, er sage ihr schon wieder mehr, als ihr zukomme, und begriff jene erste Beichte, im Dunkeln, sei schuld daran. Ihr war befangen, weil sie sich diesem Fremden verbunden fühlte; und ohne Willen kam ihr der Ton kameradschaftlichen Ärgers.

„Warum sind Sie da? So viel ich sehe, passen Sie gar nicht hierher.“

„Ich weiß; und ich hänge so sehr davon ab, wie man mir gesinnt ist: es ist krankhaft, es ist kindisch … Aber im äußeren Leben kommt so vieles zufällig. Ich behandle es nachlässig.“

Sie nickte, als erinnerte sie sich. Dann:

„Mehrmals habe ich mich doch für Sie geärgert.“

„Zum Beispiel hätte ich die Hand nicht geben sollen…“

Lola mußte sie ansehen: sie sah nicht mehr weichlich aus; ihre Adern hatten sich entleert, und sie schien fester und nerviger.

„Aber ich schäme mich in solchen Augenblicken ein wenig — und das verhindert die Geistesgegenwart —: schäme mich für mich, und auch für den, der seine dumme Herrschsucht an mir auslassen mag … Dabei glaubt dieser Herr sehr geistreich zu sein.“

„O sehr;“ und sie horchte flüchtig auf das Gelächter, das Gwinner unterhielt. [ 169 ]

„Fällt Ihnen aber gar nicht ein, daß Sie die Hand aufheben könnten?“ sagte sie, mit einer Wallung von Zorn. Er antwortete:

„Nachher manchmal, ja. Doch möchte ich’s im Grunde nicht getan haben. Die Gebärde dessen, der schlägt, kann ich nicht umhin, ein wenig grotesk zu finden. Zu viel Selbstbehauptung. Wer die Dinge überblickt, regt sich nicht so stark und legt sich selbst nicht so viel Recht bei.“

„Ach!…“

Sie setzte mehrmals an; hiermit mußte sie erst fertig werden; und inzwischen sah sie ihn dasitzen, schon wieder so zusammengesunken, wie er wohl auch im Dunkeln neben ihr gesessen hatte, die breiten, flachen Schläfen vorgeneigt und das schwache Untergesicht von ihnen beschattet, — und in dieser spannungslosen Haltung viel sicherer, viel edler, sichtlich viel mehr er selbst, als wenn er sich krampfhaft zu kriegerischen Mienen nötigte, die jeder durchschaute, deren jeder spottete … Seine Haltung war’s, die ihr Verständnis für seine Worte gab, Mitempfinden seiner Worte.

„Das ist enthaltsam — rein, wenn Sie wollen. Aber ist es nicht widermenschlich?“

„Wider den herkömmlichen Menschen, wohl.“

„Und Sie waren immer so? Sie haben wirklich als Knabe keinen Frosch gequält?“

„Natürlich habe ich. Aber die Nerven werden schwächer, und man kommt zur Güte.“

„O! Der Gütige wäre immer ein Schwacher?“ [ 170 ]

„Da nur Schwäche Geist hervorbringt und Güte von Erkenntnis abhängt…“

Lola erinnerte sich ihrer selbst.

„Ich weiß, daß, wer ohnmächtig und unglücklich ist, auch mißtrauisch wird, und boshaft.“

„Viel schlimmer noch als unsere Ohnmacht ist’s, wenn wir zufällig zur Macht gelangen. Der Schwache kommt dann in Gefahr, die Herrschaft über seine Nerven zu verlieren; die abscheulichsten Triebe des primitiven Menschen werden wieder in ihm heraufdürfen. Denken Sie an die neurasthenischen Könige von jetzt, an ihre Rückfälle in blöde Tyrannei, an ihre Sucht, wehrloses Wild niederzuknallen, an ihre Gier nach dem kriegerischen Gepränge der Starken … Kein Mensch kann verächtlicher sein, als solch ein Schwacher, der den Geist und die Menschlichkeit, für die er ausgestattet und denen er verpflichtet wäre, verleugnet und sich zu den Starken und Rohen schlägt.“

„Sie sind Fanatiker;“ — und Lola war froh, daß sie lächeln durfte.

„Meinen Sie, daß Frau Gugigl glücklich ist?“ fragte sie.

Er sah erstaunt auf.

„Wie wäre sie’s nicht? Vor allem denkt sie niemals.“

„Das wohl“

„Und dann tut sie mit ihrem Mann, was sie will.“

Lola lächelte nochmals.

„Mir scheint, vielmehr erreicht er mit ihr, was er will. Und das sehen auch andere.“ [ 171 ]

„Bin ich ein so schlechter Beobachter?“

Sie schwieg ein wenig. Dann:

„Von allen Frauen, die ich kenne, haben es die deutschen am schwersten. Frau Gugigls Übermut und Selbsttäuschung ändert nichts. Sie sind noch immer rechtlos und müssen dabei arbeiten. Verdient nicht meine Cousine für den Haushalt, — den sie besorgt? Immer noch lieber in Brasilien verheiratet sein. Auch dort ist man Untertanin; aber man liegt in der Hängematte, wird vom Mann und Herrn bedient, und nach dem Gesetz gehört die Hälfte von allem was er einnimmt, seiner Frau.“

„Wo ist das?“ fragte Frau Gugigl und setzte sich zu ihnen. Als sie’s erfahren hatte, fand sie die Brasilianerin riesig künstlerisch. Arnold, Hals über Kopf, als gälte es, nur etwas zu sagen:

„Vielleicht hört die Frau auf, Künstlerin zu sein, sobald sie eine Kunst ausübt.“

„Ich singe,“ sagte Lola lächelnd. Frau Gugigl lachte wild.

„Er ist schon eine herrliche Einrichtung!“

„Verzeihung,“ und seine nervige Haltung täuschte niemand über seine Befangenheit, „ich wollte sagen: die Frau verzichtet schwer auf das Leben; und das muß der Künstler.“

„Daher die Künstlerredouten,“ schob Gwinner ein. Frau Gugigl stieß den Arm vor.

„Sehen Sie?“

Arnold schien mit der Schulter eine Fliege zu vertreiben. [ 172 ]

„Muß in Abgeschiedenheit mit sich selbst zu Ende kommen, seine Gefühle auf Gipfel treiben und überblicken, seine Instinkte ausnützen: den Mut zu ihnen haben, grade zu den schlechtesten.“

„War net übel,“ erklärte Gugigl. „Wir sind anständige Leut’, möcht’ ich fein bitten.“

„Sie sind doch überhaupt nicht Künstler,“ bemerkte seine Frau.

„Ziehen Sie sich keine Beleidigung von seiten der Künstlergenossenschaft zu,“ warnte Gwinner. „Sie ist eine Macht.“

„Hier kennen wir nur eine Macht: Ihren Witz,“ sagte Lola und stand auf. „Besonders um halb zwölf, wenn wir müde sind.“

Gwinner spreizte, wie um Gnade, die Hände aus, indes sein Gesicht von demütiger Eitelkeit glänzte. Man trennte sich. Lola sagte zu Arnold:

„Wir sind abgelenkt, aber morgen möchte ich Sie noch etwas fragen.“
 

Als Mai endlich auf einem Bügeltisch ihre Nickelflaschen und das übrige für die Toilette hatte ausbreiten können, war es nach neun, und Lola ließ sie allein. Aus der Küche kam ungewohnt scharf Frau Gugigls Stimme. Dann zeigte sie selbst sich, ohne zu laufen, wie gestern, wo sie keinen langsamen Schritt getan hatte: ganz ohne Ausgelassenheit und Leichtigkeit, mit lockeren, etwas staubigen Haaren, in die Länge gezogenem Gesicht, spitzerer Nase und in einer alten [ 173 ]Matrosenbluse, an der auch sie selbst kaum etwas Künstlerisches entdeckt hätte. Sie rief ein recht lautes „Grüß Gott!“, versuchte, indes sie Lola das Frühstück vorsetzte, hochgemut drauflos zu schwatzen, von den andern, die alle schon draußen seien, bis auf Arnold natürlich, — und zog sich, im Augenblick, wo sie den sorglosen Ton schlechterdings nicht mehr halten konnte, mit einem Gelächter über sich und ihre Pflichten, in die Küche zurück.

Kurz darauf trat Arnold durch die innere Tür. Lola konnte noch bemerken, daß er die trübe, aber gefestete Miene getragen hatte, unter der er wohl mit sich allein war. Sobald er jemand gewahrte, ward sie erschüttert. Man sah, er sei nicht mehr frei. Er streckte die Hand aus und zog sie fluchtartig wieder zurück; sprach vom Wetter, von den schlechten Bauernbetten; unterstützte, als Lola sie erwähnte, Mais Beschwerde über den Mangel an Bequemlichkeit; tat es mit unvermittelter Heftigkeit und vertrat Forderungen an das Landleben, die er sichtlich nur als Gesprächsstoff zusammensuchte. Wie Lola ihm nicht half, ging er peinvoll umher, blieb vor Bildern stehen, überflog verstohlen den Tisch.

„Ich werde meiner Cousine sagen, daß Sie frühstücken möchten.“

„Bitte, lassen Sie’s. Ich verspäte mich zu häufig. Nein bitte, das Brot und der Honig genügen mir. Ich bitte im Ernst; es würde mich in Verlegenheit setzen…“

Es schien ihr, er habe vor allem die größte [ 174 ]Abneigung gegen ein Zusammentreffen mit Frau Gugigl.

„Nicht wahr?“ sagte sie lachend, „am Morgen nimmt man es einander manchmal gradezu übel, wenn man sich begegnet.“

„Gott sei Dank: Sie kennen es! Ich habe Sie also nur noch allein zu lassen.“

„Aber nicht um meinetwillen.“

„Auch meinetwegen nicht,“ — dankbar und fast stürmisch.

„Nun, dann bleiben wir beide da … Wenn Sie rauchen wollen —“

„Nein. Übrigens — nicht nur des Morgens fühle ich mich hier ungemütlich.“

„Dann rauche ich allein. Aber Sie sind schon eine Zeitlang hier?“ — und sie belächelte seinen Ausbruch von Vertrauen.

„Ich will Ihnen sagen: es ist wohl gleich, wo man sich aufhält, wenn man doch immer dieselbe Rolle spielt…“

Er lachte ihr kurz zu, als seien sie schon im Einverständnis.

„Sie haben’s ja gestern gesehen … Wollte man sich zurückziehen, würde man die andern im Bewußtsein ihrer Gutmütigkeit und Herzlichkeit empören und hätte dann auch ihnen die Gemütlichkeit verdorben, die man selbst nicht kennt. Das verdienen sie nicht.“

„Die Sonne kommt heraus; wollen wir in den Garten gehen?“

„Gut … Gehen wir den Weg rechts?“ [ 175 ]

„Er ist im Schatten!“

„Aber links: sehen Sie, in der Eiche, auf dem Boden, den er hineingelegt hat, sitzt der alte Baron.“

„Ach! Ich sehe nur Rauch aus dem Laub steigen. Also, wenn Sie wollen, weichen wir aus — in den Schatten … Was heißt das: Sie kennen keine Gemütlichkeit. Seit wann?“

„Seit zwanzig Jahren; seit ich mich beobachte. Verstehen Sie nicht? Man sieht sich ganz klar; wie einen das Leben auch anfasse, man kennt vorher den Platz, wo es schmerzen wird; wie andere Geister, andere Herzen uns prüfen mögen, man ist unterrichtet, das eine geht, das andere nicht. Die Figuren, die uns begegnen, erinnern uns an früher gekannte vom selben Typus, und man weiß, was sie in uns anregen werden. Man weiß, was man selbst vorbringen, womit man zurückhalten, welche Mienen man ringsum bewirken wird. Man empfindet sich nur noch als abgenutzte Gliederpuppe. Man erscheint sich als ein gealterter Weinreisender, der noch immer an allen Gasthoftischen dieselbe Anekdote zum besten gibt. Er kann’s, trotz schlechtem Gewissen, nicht lassen.“

„Das ist schrecklich — wenn man es bedenkt.“

„Was zum Glück fast niemand tut. Sie kennen sich nicht, vergessen, was ihnen gestern geschah, und sind sich täglich neu. Sie kommen, so oft ihr Stichwort fällt, vergnügt mit all dem bißchen heraus, was sie sind. Sie werden nicht von der unablässigen Empfindung aufgerieben, daß jedes Wort, das sie sagen können, ihnen vorgeschrieben ist. Sie halten sich für [ 176 ]frei und veränderlich, kennen weder den Zwang noch die Verantwortlichkeit des Eigenen und nehmen es darum nicht genau, mit sich nicht und mit den andern nicht. Das viele Unbewußte in ihnen, das viele Dumpfe hüllt sie alle in den Dunst des Gemüts und der Gemütlichkeit, in dem wir Klareren es nicht aushalten. Wir stehen allein und mit grellen Umrissen.“

Lola antwortete nicht. Sie streiften an die Wände eines nassen Laubganges; der Weg roch nach faulendem Laub; — und Lola bedachte, solch einen Weg, dessen Herbstgeruch nie aufgetrocknet werde, gehe ihr Leben. Jeder Sommer enthalte den Sterbeduft des letzten; bei jeder neuen Liebe werde sie des Verlaufs der vorigen gedenken. Sie wisse die nächste voraus, kenne die Brauen, den Mund, das Blut, vor dem sie schwach sei, die Rache, die sie üben, und die Leiden, aus denen sie sich retten werde. Nun gehe sie hier umher und warte…

„Aber könnte es nicht anders kommen? Wie viel hat eigentlich gefehlt, damit es das letzte Mal anders kam?“

„Halten Sie mich für leidenschaftlich?“ fragte sie plötzlich.

Er sah sie an. Sie hatten die Laube hinter sich und standen, drei Erdstufen höher, auf einer bäurischen Altane, beide aus fliehenden Wolken von zuckendem Licht ergriffen. Eben noch hatte es sie berührt, und schon hob es in ungewisser Ferne eine Schar von Schnittern aus dem Grau des Bodens. Da und dort entsprangen bunte Hügel dem Land und versanken, [ 177 ]glänzte eine Sense auf und erlosch, rauschte über einen Wald das Licht hin und ließ ihn in stummem Schatten. Aber wie aus Sonne, Wind und Weite entrückt, sahen sie einander an. Lola empfand in Hast, daß sie noch auf keines Mannes Worte so gespannt gewesen sei. Er aber, viel zu erfüllt von sich selbst, um zu begreifen, daß eine Frau ihn frage:

„Leidenschaft? Sie ist der Wille zu uns selbst. Sie treibt uns, ein Etwas, das unsere Sache ist, aus unserem Blute kommt, gegen die Welt zu behaupten: eine Idee, ein Schicksal oder eine Kunst…“

„Ach ja,“ — mit einem spöttischen Seufzer; „ich singe. Ganz im Ernst. Oder habe doch gesungen. Jahrelang bin ich einer alten Italienerin nachgereist, die einzig noch die gute Schule hatte. Jetzt habe ich sie verloren und bin ratlos.“

„So fühlen Sie italienisch?“

„Nein. Warum? Es handelte sich um die Stimmbildung. Aber ich sang auch deutsch … Ich kann nämlich, da ich beide Rassen in mir habe, die germanische und die lateinische, mit beiden fühlen — wenigstens ungefähr … Nun ja, das Ungefähr muß genügen. Zwar — Sie sagten vorhin, Sie kennten keine rechte Gemütlichkeit? Das geht wohl auch mir so. Wo ich mich hing —“

Sie verschluckte das „hingeben“.

„Wo ich mich gehen lassen möchte, muß ich Kritik üben. Das Temperament meiner mütterlichen Rasse schätze ich, wenn ich in Deutschland bin. Bei jenen aber sehne ich mich oft nach der deutschen Tiefe.“ [ 178 ]

„Das heißt, daß Sie ein wenig allein sind?“

Er nickte, schmerzlich und befriedigt: wie jemand nickt, wenn sein Kerker sich öffnet und ein Leidensgefährte eintritt.

„O! Wenn ich erst singe, wird man mich verstehen, im Norden und im Süden.“

„Ich kann Ihnen mitteilen, daß Kunst sehr einsam macht.“

„Das hoffe ich nicht. Ich möchte eine Menge Anhänger und Verehrer haben.“

„Die nicht ahnen werden, wem sie anhängen und was sie verehren … Waren Sie einmal dabei, wie auf einer Variétébühne eine Frau in der Tracht ihres weitentfernten Landes ihre heimischen Tänze tanzte, und mit fremdartigen Ausrufen sich selbst anfeuerte? Man klatscht, weil sie schön ist und ihre Röcke aufflattern läßt: weiter versteht man nichts von ihr. Ihr Auftreten und ihre Bewegungen geschehen nach Antrieben und Regeln, die siebenhundert Meilen weit wegliegen; geschehen unerbittlich und in völliger Einsamkeit … Ganz oben, werden Sie vielleicht erfahren, ergeht es dem Künstler wieder so, wie dort ganz unten. Ja, seine Heimat liegt noch viel weiter fort von den Hörern: in seinen Gesichten, seinen Klängen, in Ländern, denen nur innere Sonnen scheinen…“

„Sehen Sie doch! Was macht denn der alte Baron? Jetzt legt er eine Leiter von seinem Baum auf den nächsten und rutscht hinüber … Er steigt höher; sind denn überall Treppen zwischen den Ästen? und schiebt die Leiter einen weiter. Himmel! Fast [ 179 ]wär’ er gefallen: er hängt am Ast wie ein Affe … Die Tini lacht ihn aus. Was will sie denn, ganz heißgelaufen? Ah, an den Briefkasten. Nichts drin: auch gut. Schon ist sie fort, und Baron Utting steckt wieder tief im Laub…“

„Ich weiß nicht, ob ich bitten darf … Man darf darum nicht leichthin bitten … Möchten Sie nicht singen?“

„Mit Freuden! Hätten Sie mich nicht aufgefordert, würde ich’s von selbst getan haben. Gehen wir? Wie jetzt der Garten voll Sonne ist!“

Sie streckte sich und tat ein paar tiefe Atemzüge aus der wilden, klingenden Luft, die über all dies Land und bis in ihre Brust stürmte, wie die Freiheit selbst. Sie würde der Freiheit froh werden, kraft ihres Gesanges; würde über allen Ärmlichkeiten schweben und singend selbst den Menschen die Lust der klingenden Weiten eingießen, wie ihr der Wind. Was vermochte alles andere? Was meinte dieser Traurige? Seine Enttäuschung war ihr ein Stachel mehr, — wie bei denen, die sich einer Menge vorführen, der Erfolg des einen erhöht wird durch des andern Unglück. Die Frau, von der er gesprochen hatte, die in klirrender Tracht über eine Bühne tollte! Jawohl, solch einen Rhythmus fühlte jetzt Lola in sich. Kunst und Leben, beides im Triumph! Kunst und Feste!

Sie kam ins Laufen, rief laufend ins Haus:

„Mai!“

Mai wagte sich nicht in den Wind hinaus; sie hatte das Wettermännchen von der Wand gehoben [ 180 ]und es kaputt gemacht, hatte immer noch einmal vom Honig geschleckt, am Fenster ein wenig geseufzt und von neuem mit der Schleppe ihres Morgenkleides den Staub aus den Ecken gefegt.

„Ja, ich werde dich begleiten; und Sie, mein Herr, werden sehen, was für eine Künstlerin sie ist!“

Sie kletterten über die Stiege; in dem niedrigen Saal fanden sie, von Büchergestellen umgeben, den alten braunen Stutzflügel; Lola lachte nur über sein Geklapper, das Mai entsetzte; und sie sang. Sie sang, als flöge sie einen Berg hinauf, so daß die Lungen frisch, die Füße munter und unbestaubt bleiben. Beim letzten Aufschrei ging sie ganz in einem Schauer unter und stand noch, von Glück verwirrt, da, indes Mai entzückt darauf losschwatzte. Alle diese Dissonanzen, und dies plötzliche Fallen: o, das sei äußerst modern und komme aus Paris. Was der Herr nun sage! Was er nun sage! Mai begriff nicht, warum er nicht jubele … Er war verlegen aus Furcht vor nichtssagenden Übertreibungen.

„Sehr gut — so viel ich verstehe. Und Ihr Alt: ich darf sagen, ich hörte nie dergleichen.“

Lola wandte sich erregt um.

„Ich wußte, daß ich heute etwas können würde! Wenn ich gut singen werde, weiß ich’s schon früh beim Erwachen, ehe ich einen Ton von mir gegeben habe.“

Und mit Ungeduld:

„Jetzt, Mai, das von Gluck!“

Arnold wechselte den Platz, um diese tiefen, starken und weichen Klänge ihren Lippen entrollen zu sehen: [ 181 ]er hätte es sonst nicht geglaubt. Das Rot dieser Lippen verschärfte sich in dem erblaßten Gesicht und beim fiebrigen Licht der Augen. Das Gesicht schien ein Lächeln der Pein zu tragen unter der Gewalt der herausquellenden, mühsam gedämmten, mit Kunst entsandten Töne. Eine Hand fingerte angstvoll auf der Brust. Diese weiße kleine Gestalt, die im Rahmen des Fensters verschwamm, sich unter dem Geflimmer einer blonden Haarwolke in das Mittagslicht auflöste, sie dünkte ihm zu schwach für die Gewalten, denen sie sich zum Gefäß gab.

Da brach Lola ab.

„Nicht den Lauf! Mein Gott, was willst du immer mit dem Lauf? Fühlst du denn gar nicht, daß solche Kleinigkeiten in dieser Musik nicht Platz haben?“

„Ich will es nicht wieder tun,“ bat Mai. „Sei gut, fang von vorn an. Es war so schön. Nicht wahr, mein Herr, es war schön?“

Arnold wagte nicht zu sprechen. Er sah die Sängerin in Verzweiflung einige Schritte tun, sich mühsam fassen … Sie trat nochmals neben das Instrument, begann nochmals; wandte sich aber, wie Hilfe suchend, hin und her; — und plötzlich warf sie die Noten durcheinander.

„Aus! Die Stimme zittert wieder. Da haben wir’s.“

„Aber Kind! Nicht die Spur!“

„Du hörst es ganz gut! Von Anfang an hat sie gezittert: ich wollte es bloß nicht merken.“

„Es ging so gut!“ jammerte Mai; und zu Arnold, zornig, weil er ihr nicht half: [ 182 ]

„Ging es etwa nicht gut?“

„So viel ich hören konnte —“

„Es war schon fast Tremolieren! Die Branzilla hatte mich doch genug gehunzt, bis die Stimme wieder fest war. Und vorn im Munde muß sie liegen. Jetzt ist sie wieder in den Hals gerutscht, wie bei allen andern.“

„Sie ist nervös, mein Herr!“ und Mai rang die Hände. „Das kommt immer ganz plötzlich; aber darum hat ihr doch der berühmte Lamare die größte Zukunft prophezeit.“

Sie schloß Lola in die Arme und flüsterte:

„Dieser steife Mensch geht dir auf die Nerven. Es ist unerträglich, einen Stock zum Zuhörer zu haben.“

Lola machte sich heftig los; sie ging zum Fenster. Arnold trat hinter sie; er schluckte hinunter und sagte:

„Ihre Stimme war so weich, daß ich’s kaum begriff.“

„Warum sagen Sie nicht, daß sie hart war?“ — und sie schüttelte die Schultern. „Nun sind es zwei Monate, daß ich keine Stunden mehr nehme: und schon ist alles dahin.“

Er erwiderte nichts. Sie starrte hinaus; sie sah den alten Baron aus dem letzten Baum der Allee eine Leiter hinabsteigen, sich von einer der Sprossen auf sein Pferd schwingen und auf das Haus zureiten.

„Was macht er nur?“ fragte sie gereizt. Arnold murmelte:

„Er hat die Sucht, niemals den Erdboden zu berühren.“

Die hölzerne Brücke zu des Alten Schlafzimmer [ 183 ]erdröhnte unter den Hufen. Lola fühlte sich unheimlich, wie ausgestoßen in eine harte Ausnahmewelt. Sie meinte, der Tag habe sich verdüstert. Tini stürzte schon wieder, rot, mit lockeren Gliedmaßen, zur Pforte herein und an den Briefkasten. Noch immer nichts: aber das tat nichts; schon war sie von dannen. „O, all die unüberlegten Hoffnungen!“ dachte Lola. „Man kennt sie selbst nicht. Leuchtet man ihnen aber ins Gesicht, sind sie tot.“ Hatte sie mit ihrem Gesang nicht Herzen werben wollen: ohne zu verstehen, was sie wollte? In Herzen Liebe entdecken und in einem Stück Erde eine Heimat: mit ihrer Stimme, wie mit einer Wünschelrute? … Nun war die Rute zerbrochen. Und wäre sie’s nicht gewesen, sie hätte doch niemals Zauber gewirkt.

„Man ist grauenhaft allein,“ sagte sie vor sich hin.

Nach einer Weile setzte er hinzu:

„Und möchte doch mit keinem derer tauschen, die beisammen sind.“

Lola stutzte; — und erstaunt bemerkte sie, daß sie nicht Tini hätte sein wollen. Sie suchte unter bekannten Menschen und fand, wie einen feierlichen Trost, daß sie um keines anderen Schicksals willen das ihre hätte abdanken wollen. Eine Erkenntnis kam ihr.

„Sie hatten recht, daß Leidenschaft und Schicksal zusammenhängen, — oder was Sie da sagten: es war richtig.“
 

Er verließ sie; sie sah ihn ins Feld hinausgehen. [ 184 ]Sie blätterte in Büchern. Mai überlegte laut, und sank dabei von einem Sessel in den andern, wie viel amüsanter es jetzt bei der Grimani gewesen wäre.

Vor dem Mittagessen fand Lola in ihrem Zimmer einen Strauß Feldblumen. Sie vermutete, sie seien von Arnold; aber er ließ sich nichts merken. „Das sieht ihm ähnlich,“ dachte sie. Dann zog er sich zurück, um zu lesen. Alle andern blieben bei Tisch, bis es Zeit war, einen Freund Gugigls von der Bahn zu holen, einen Fabrikanten, breit und gewöhnlich und für niemand von Wichtigkeit.

Tini hielt sich zu Lola. Sie zeigte ihr, den Arm um Lolas Schultern, ihre Ansichtskarten, stellte Fragen und begeisterte sich. Jedes dieser kleinen viereckigen Papierstücke trachtete Tini mit Hilfe derer, die alles schon kannte, zu einem Stück Welt umzuwandeln, die dargestellte Straße zu verlängern, die Menschen vor den Häusern in Bewegung zu setzen.

„Du mußt doch welche kennen von denen, die mit drauf sind!“

„Weißt du, daß man auf Reisen eigentlich wenige gut kennen lernt und die meisten wieder vergißt? Du hast sicher mehr Freunde als ich.“

„Nein, bloß eine Freundin.“

„Aber du siehst oft nach, ob Briefe da sind.“

„Ich?“ — und Tini ward rot. „Nun ja, du darfst es gern wissen. Ich hoffe immer —. Es gibt doch Millionen Menschen. Wer weiß, wie mancher einen mal gesehen hat und denkt noch an einen. Es kann ja irgend etwas geschehen; so viele Dinge kommen [ 185 ]vor; und zum letzten Neujahr habe ich eine Schachtel Konfekt bekommen und habe nie herausgekriegt, von wem. Ist dir das auch einmal passiert?“

„Nein.“

„Glaubst du nicht, daß man ein Glück haben kann, an das man gar nicht gedacht hat?“

Da Lola zögerte, antwortete Gwinner:

„Wer ein Los hat, sieht gewöhnlich in jeder Ziehungsliste nach.“

Überrascht sah Lola auf; aber sie stellte fest, es sei wieder nur ein Witz gewesen. Tini lachte dankbar; dann, ernst, mit Hingebung:

„Aber von dir, Lola, glaube ich sicher, daß du noch mal ein großes Glück haben wirst, und du weißt es gar nicht.“
 

Alle begleiteten den Baron Utting, als er am Abend aus dem Zimmer ritt. Arnold und Lola sahen erstaunt den Laubgang hinunter, an dessen Ende sie heute morgen im Winde gestanden hatten, auf weichem Boden, der faul duftete. Jetzt zogen sich über düstere Erzwände Rinnsale von Mondlicht und flossen auf dem Grunde zu weißen Lachen zusammen.

„Das ist ja riesig künstlerisch!“ rief Frau Gugigl. „Wißt ihr was? Wir machen einen Mondscheinspaziergang. Holt eure Mäntel, gelt? … Benno!“

Sie flüsterte ihrem Manne etwas zu, stürzte, die Augen aufgerissen von ihrem Geheimnis, hin und her:

„Kinder, es gibt eine Überraschung!“ [ 186 ]

Wie die Pforte aufs Feld hinaus aufging, standen alle still: so fremd und einschüchternd fanden sie das Land, das auf makellose Welten erhoben, in geschmolzenen Sternen gebadet schien. Von den Schattenhängen, glaubte man, waren die Geisterströme herabgerollt, um gegenüber den Hügel hell emporzuschlagen, himmelan zu sprühen, sich auf entferntere Erdfalten niederzulassen, die letzten Berge in sich aufzulösen, und unter bläulichen Schleiern voll namenloser Lockungen die Nacht der Unendlichkeit entgegenzuführen.

… Gwinner äußerte:

„Jetzt noch ein paar betrunkene Bauern.“

Man lachte erlöst und schritt aus: durch das schlafende Dorf, hinunter in die Talmulde. Der Weiher glänzte auf; Tini lief jubelnd hin, und angelangt, blieb sie stumm über ihn geneigt, bis die andern nachgekommen waren. Die Baroneß Thekla rundete die Hände vor dem Mund und stieß Juchzer hindurch. Lola wünschte sich einen Nachen, und Frau Gugigl verhieß, es komme noch viel schöner. Da bewegte drüben aus dem Busch hervor sich etwas Weißes: eine Gestalt in flimmerndem Mantel, den spitzen Bart kühn in der Luft und die Arme gekreuzt:

„Prost, Gugigl!“ rief Gwinner. Aber seine Frau nahm es ernst.

„Er macht sich doch hoch künstlerisch! … Geh mehr ans andere Ufer, daß du in den Schatten der Spiegelung kommst! … Kann man jetzt nicht Furcht kriegen?“

Gugigl warf das Tuch ans Land. Mai schrie [ 187 ]leise auf, aber dann kicherte sie, denn Gugigls Schenkel waren nach außen gekrümmt. Seine Frau bemerkte, was die Wirkung hintanhielt; sie kommandierte ihn ins tiefere Wasser. Er prustete ihr zu laut, er arbeitete sich zu sehr ab.

„Denk doch an deine Linie!“ rief sie.

„Wird er jetzt nicht sagen: die Linie ist krumm?“ flüsterte Lola; und Gwinner sagte es. Er forderte auch den beleibten Fabrikanten auf, seinem Freunde beizuspringen: ins Wasser zu gehen, damit es steige.

„Das wird es pflichtschuldigst tun! Wie die Papiere, wenn ich mich hineinlege!“ — und der Fabrikant lachte dröhnend.

Die Baroneß Thekla saß und sah nach der Kirchturmspitze überm Hügel.

„Jetzt wenn die Bauern uns sehen täten, na wär’s g’fehlt,“ sagte sie zu Lola.

„Warum?“

„Weil’s uns derschlag’n möcht’n! Ausg’schamt muß ma sein, daß ma am Mannsbild im Bad zuschaut.“

„Ohnedies gilt Baden hier als Schande,“ setzte Arnold hinzu; und Gwinner wußte von einem alten Bauern, der dem Arzt entrüstet geantwortet habe: nie sei auf seine Haut ein Tropfen Wasser gekommen.

Die Baroneß Thekla verteidigte ihre Landsleute.

„Ihr wißt wohl gar nicht, daß der Sepp beim Wurzererbauern eine ganze Masse französische Romane gelesen hat? Er kennt alles, mir wär’ er zum Mann zu gebüldet.“

Tini, Gwinner und Frau Gugigl beschlossen, sich [ 188 ]gleich morgen den Sepp anzusehen. Als Mai verständigt war, bekundete sie Neugier.

„Kommst du nicht auch, Lola?“

Lola öffnete den Mund, um zuzusagen; aber Arnold erklärte, er würde sich schämen, vor einen Menschen, der vielleicht kämpfe, vielleicht ein schweres Ausnahmeleben führe, hinzutreten wie vor eine Sehenswürdigkeit; — und Lola sagte, verwirrt:

„Gehe, bitte, ohne mich, Mai!“

Gugigl kam heraus. Seine Frau prüfte ihn hinter ihrem erhobenen Daumen.

„Er hat doch einen großartigen Akt! Riesig künstlerisch!“

Gugigl schlug Falten mit seinem Badetuch, wie eine Schleiertänzerin, und reckte die Arme aus, wie ein Mondanbeter.

Als er fertig war, ging’s weiter: an Gehöften vorbei, deren Dächer schimmerten, und Wäldern entgegen, die mitten im grellen Feld schwarz dalagen wie ein zusammengerolltes Tier, das atmete. Immer aufs neue versuchten einen blaue Pfade und machte die Leichtigkeit des Schattens, daß man durch ihn hin wie durch einen Traum ging. Tini lief zurück, wo Lola und Arnold noch verweilten, hängte sich an Lolas Arm und flüsterte ihr etwas Schwärmerisches zu. Dann sah sie, die Lippen ein wenig offen, in den großen Mond und ließ die Schritte schleppen.

Arnold sprach weiter. Wie der sich fühlen möge, für den in diesen Mondschleiern ein Geist zwischen Himmel und Erde hin und hergehe, der dies Licht als [ 189 ]göttliche Liebe hingebreitet sehe: kurz, dem diese Nacht voller Täuschungen in Wahrheit beseelt sei. Warum, fragte Lola, solle sie täuschen.

„Können wir uns von ihr nicht überreden lassen, an die Seele zu glauben? Sogleich wäre alles besser.“

Besser? Was? Wenn man endlich tot sei, nicht gründlich tot zu sein? Neue, fragwürdige Abenteuer gewärtigen zu müssen? „Der wäre mit seinem Ich verdammt zufrieden, der ihm Unsterblichkeit wünschte“ … Im Sprechen aber bemerkte er, daß er aus der Erinnerung spreche und, was er vorbringe, zu dieser Stunde nicht mehr ganz begreife. Er hörte auf, bevor er zu Ende war.

Lola dachte ihres einstigen Glaubens an die unendliche Höherentwickelung des Einzelwesens, sein Besserwerden von Stern zu Stern, — und zum erstenmal seit jenem erschütterten Lebensalter gab das Andenken an diesen Gedanken ihr mehr als mitleidige Sehnsucht: fragte sie wieder nach seiner Möglichkeit.

„Wenn wenigstens ein beseeltes All mich aufnähme! Nicht ich würde noch von mir wissen; aber vielleicht das All?“

Er hatte eine Entgegnung bereit; aber wie er den Mund öffnete, merkte er, daß sie ihn ekele: so verbraucht war sie in hundert Gesprächen, so plump blieb sie zurück hinter dem, was hier erlebt ward, von ihm und der Frau neben ihm. Er fürchtete sich, an ihren Geist zu rühren; er murmelte:

„Wir sind beschränkt; wir sehen nicht voraus, [ 190 ]was uns bei der nächsten Wegbiegung erwartet; und doch…“

Sie schwiegen. Dann sagten sie sich, es sei seltsam, diese Nacht klinge, während man plaudere, von Harmonien; und nun, da man anhalte und lausche, sammele sich alles zu dem einzigen Ton einer sehr sanften Flöte.

Aber auch die Gespräche hörten sie, die vor ihnen anschwollen. Der Fabrikant wendete sein weißes, dickes, plattnasiges Gesicht dem Monde zu; es war harmlos und sein Schnurrbart bemühte sich zu drohen; und der Fabrikant verlangte den Krieg mit England. Gugigl hatte nichts dagegen, bezweifelte aber die Kriegslust der Massen. Darauf forderte der Fabrikant die Unterdrückung der Sozialdemokratie, also vor allem die Abschaffung des allgemeinen Wahlrechtes und die Einführung des Klassenwahlsystems. Auch sei aus den Schulen das Lateinische und das Griechische zu entfernen, denn mit dem Humanismus werde man die falsche Humanität los sein und endlich zur zweifachen Justiz den Mut haben: einer für Weiße, einer für Schwarze, einer für die Herren, einer für die Umstürzler.

„Das ist aber abscheulich,“ sagte Lola.

„Warum!“ meinte Tini, aufgeweckt. „Ich finde es fein. Hast du nicht gehört, daß wir jenseits von Gut und Böse sind? Ich schwärme für Herrenmoral!“

Und sie eilte, voll Bildungstrieb, nach vorn.

„Was Liebe kann,“ bemerkte Arnold und sah Gwinners Rücken an.

„Sagen Sie: was Eitelkeit kann. Sie liebt ihn [ 191 ]kaum, sie wartet noch auf alles Mögliche; aber er schmeichelt ihrem Kopf; und es scheint, hier lassen sich alle am liebsten auf diese Weise schmeicheln … übrigens hatte der Fabrikant einen Ton, als ob auch er sich auf seine Unmenschlichkeiten etwas besonderes einbildete.“

„Er hält sie für klug. Er kennt nicht Rousseaus Rat: ,Menschen, seid menschlich! Welche Weisheit gibt’s für euch außerhalb der Menschlichkeit.‘ Ein törichter Stolz auf eine von Träumereien unberührte Härte verführt die meisten von uns; eine dem wahren Zustande unserer Körper und unserer Geister ganz unangemessene Vorliebe für die nackte Macht. Die Frage ist, ob wir nicht in unserm richtigen Element wären, wenn wir ein wenig Güte übten und erwarteten: ob wir uns nicht wohler dabei fühlen und mehr damit erreichen würden.“

„Das Trumpfen auf Illusionslosigkeit ist natürlich geschmacklos; aber Güte erwarten? Mir scheint —“

Sie dachte an ihre Erfahrungen mit Menschen, mit Männern, an die Lehren ihrer zwei letzten Jahre, und sie lächelte bitter. Arnold entgegnete:

„Heute gilt eine hoffnungslose Auffassung der menschlichen Zukunft. Dennoch ist es klar, daß mit der Abnahme der rohen Kraft auch die Grausamkeit an Gebiet verloren hat. Was hindert mich zu glauben, daß der Geist, der die Folterkammern sprengte: daß der Geist auch die Waffenmagazine sprengen wird.“

„Es wäre wohl noch wenig getan…“ [ 192 ]

„Ich weiß, ich weiß. Aber vermögen Sie einzusehen, warum man auf der Gewalt besteht und die Macht um keinen Preis abdanken möchte, nicht einmal um den Frieden der Seele? Auch ich gehöre zu den Besitzenden: aber wenn ich in eine wahre menschliche Gemeinschaft den Weg finden könnte vermöge einiger Stunden körperlicher Arbeit, die überdies ein mir nützliches Gegengewicht zu denen am Schreibtisch wären —“

Er belebte sich; seine Stimme ward erst jetzt freier und stärker.

„Ich wäre mit Freuden ein Bürger des neuen Staates! Welcher Genuß des Gewissens: nicht länger den Anteil derer mitzuessen, die vergeblich arbeiten! Und welcher Zuwachs an Würde im Menschengeschlecht, wenn es sich vor keinen schwindelhaften Größen mehr bücken wird, vor dem Zufall des Eigentums so wenig wie vor dem der Geburt! Viel verspreche ich mir von dem Sturz der Könige. Wären sie auch schon machtlos: ihr Dasein bleibt das am höchsten ragende Denkmal menschlicher Würdelosigkeit. Wie können Kulturmenschen, wie kann der Geist eine Macht ertragen, die nicht vom Geiste ist! … Da die gleiche Verteilung der Leiden und Freuden des Körpers und des Geistes, da die Nivellierung der Menschheit unser aller heimliche Forderung ist, die wir nur mit Trug zum Schweigen bringen, von der wir nur mit Scham absehen: warum schrecken wir vor dem Wege zurück, der hinführt? Es wird keinen einsam leidenden Genius mehr geben, und keine darbende Masse. Der Paria [ 193 ]der Höhe wird verschwunden sein mit denen der Tiefe. Welche Erleichterung, welche neue Unschuld!“

Lola hörte mit Spannung und dunkler Sehnsucht seine erregten Worte zu Entzücken ansteigen, und sah Schmerz herausblicken. Sie empfand, daß auf fester Erde sein Traum keine Stätte habe. „Ist er denn so selten enttäuscht worden?“ dachte sie, und sie fühlte sich alt.

„Sie sind vertrauensvoller als ich,“ sagte sie und betrachtete ihn von der Seite. Er sah ihr in die Augen.

„Vorhin waren Sie die Gläubigere … Erinnern Sie sich, daß es schon einmal genügt hat, an die irdische Vervollkommnung des Menschengeschlechtes zu glauben: und es machte einen stürmischen Schritt auf sie zu. Die glücklichen Menschen des achtzehnten Jahrhunderts glaubten. Das Jahr 1789 war ihr Lohn. Dies Jahr war da. Dies arkadische Verbrüderungsfest ist gefeiert worden. Sein Gedächtnis ist unser Trost. Seit diesem Ausbruch des Besseren im Menschen ist alles möglich…“

Er schien stolz, daß nun auch er einen Glauben bekennen durfte. Ihr war’s, als lauschte sie einer Werbung, der sie sich immer schwächer entgegenstemmte. Und ohne der Verwirklichung seines Glaubens nachzudenken, empfand sie bei seinen von innerer Kraft federnden Worten, daß es sich leichter und höher durch das Mondgespinst dieser Nacht gehe.

Da bemerkten sie, daß das Haus vor ihnen lag, und daß sie allein waren. [ 194 ]

„Die andern müssen nach dem Dorfe abgebogen sein, vielleicht um den Fabrikanten zur Bahn zu bringen.“

„Und was tun wir? Folgen wir ihnen?“

Aber sie blieben am Wege stehen, schauten in alle Richtungen, nannten einander die Ortschaften auf fernen Hügeln, horchten auf den Pfiff einer Lokomotive.

„Gehen wir ins Haus?“

Aber Lola bückte sich nach einer Blume; und nun pflückte er vom Feldrain eine Hand voll der Blumen, deren Rot und deren Blau blaß vom Mond war. Sie meinte, er werde sie ihr bringen; aber er ließ sie, als dachte er schon nicht mehr an sie, herabhängen. Stimmen kamen weither, — und plötzlich setzten sie sich in Bewegung. Hinter dem schwarzen Laubgang, wie am Ende eines Schachtes, schien das still beglänzte Haus sein eigenes, verlassenes Leben zu führen. Die Tür zur Stube stand offen, auf der Diele drinnen lagen weiße Vierecke. An den hölzernen Pfeilern der Veranda unterschied man jede der kleinen Weinbeeren.

„Wie schön!“ sagte Lola, indes sie in die Helle traten. „Man möchte in diesem Licht einen neuen Tag anfangen.“

„Werden wir im Laufe des morgigen wieder einer solchen Stunde begegnen?“

Überrascht sah sie sich nach dem Gesicht um, aus dem diese fassungslos klingende Frage kam, und fand Tränen darin. Ihr Blick verwirrte sich von Mitleid, und sie sagte rasch: [ 195 ]

„Gegen Abend mache ich meinen Spaziergang.“

„Ich bin menschlicher Gemeinschaft etwas entwöhnt…“

Wie er noch stammelte, schloß sie:

„Gehen wir also hinein?“

Bevor sie in ihr Zimmer trat, reichte sie ihm die Hand. Dann ging sie gradeswegs auf das Fenster zu, schaute nach der Landschaft dahinten aus, durch die sie erst eben mit Arnold geschritten war, und schüttelte den Kopf, als sei sie erstaunt, sie unverändert zu finden, in der gleichen bläulichen Verzauberung. Da fiel ihr die Nacht ein, in der sie über dem Hafen von Barcelona auf einer einsamen und dunkeln Terrasse gelehnt hatte, neben Da Silva. Der Mond, den sie mit einer seltsamen Inbrunst erwartet hatten, war nicht aufgegangen. Hier lag er; jeder von ihren und Arnolds Schritten hatte durch seinen Schein geführt. Sie fühlte sich umgeben und erfüllt von Bedeutungen; unruhvoll schlang sie die Finger ineinander, wendete sich ab und seufzte auf. Da war nun das kleine Zimmer, in das sie eingezogen war, wie in ein gleichgültiges und unzulängliches Quartier. Jetzt hatte jedes Möbel Wichtigkeit: sie sah den Stuhl an, den Schrank … Dann glitten ihre Blicke an den unsicheren Umrissen der Berge hin, an denen der Kirche dorthinten … Nun hatte sie alles in ihrem Kopf, durfte ihn ans Fensterkreuz lehnen und die Augen schließen. Aber unter den Lidern drängten Tränen hervor; — und wie Lola, trunken von einer unbekannten, lieben Müdigkeit, auf den Wangen ihr Rinnen [ 196 ]spürte, meinte sie eine Weile, es seien dieselben, die sie vorhin in Arnolds Gesicht erblickt hatte.
 

Als sie vom Frühstück in ihr Zimmer zurückkehrte, standen Kornblumen und Mohn auf dem Tisch.

„Es sind dieselben, die er mir gestern nicht geben mochte.“

Sie ging rasch darauf zu — und sah sie dann mit unschlüssig ablehnendem Lächeln an … Sie waren nicht mehr vom Monde blaß und absonderlich; sie hatten gewöhnliche, gesunde Tagesfarben. Lola blickte hinaus. Garten und Land trugen in der mäßigen Alltagssonne hoffnungslos nüchterne Mienen. Lola hob die Schultern.

Tini kam und warf auf die Blumen einen Blick, der Lola verwirrte. Tini erinnerte sie daran, daß sie ihr Zimmer hatte besichtigen wollen. An den Wänden war Manches zu sehen. „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen“ stak, auf Stramei gestickt, in einem Rahmen, und daneben hing, als wenig bekleidete Salome, eine Schauspielerin, für die Tini schwärmte. Sie zeigte Lola ein Album mit Lesefrüchten und bemerkte bei jeder:

„Darüber möchte ich gerade deine Meinung hören.“

„Ich fand das vorige richtiger,“ sagte Lola; und Tini, sofort:

„Dann mag ich es auch lieber.“

Nachdem sie hinausgehorcht hatte:

„Rauchst du vielleicht eine Zigarette? Aber du mußt es nicht meiner Schwester sagen.“ [ 197 ]

„Die Marie raucht doch selbst.“

„Aber von mir findet sie’s unpassend. Weißt du, im Grunde, im Grunde findet sie eigentlich alles unpassend.“

Beide lachten.

„Blase den Rauch aus dem Fenster, bitte.“

„Ja, so machten wir’s auch.“

„Im Ernst ist doch nichts dabei. Herr Gwinner sagt sogar, daß es mir steht.“

„Herr Gwinner ist wohl immer auf deiner Seite?“

„Nein, gar nicht immer. Aber das macht mir nichts…“

Ein paar Sekunden hatte Tini die haltlos kreuzenden Augen eines wilden jungen Vogels. Dann, bevor Lola sich hatte wundern können:

„Ach, Lola, ich wollte, ich hätte eine Freundin. Die, die ich habe, hat keinen Zweck mehr. Ich kann dir sagen —“

Tini mußte hinunterschlucken.

„Du bist einfach mein Ideal.“

„Ja warum denn, Tini?“

„Erstens bist du modern und doch chik: das hab’ ich noch nie zusammengesehen. Dann bist du so gescheit, daß du über alles deine Meinung hast. Du brauchst nicht zu denken, daß ich es nicht sehe, wenn du dich mit dem Arnold über uns alle lustig machst.“

„Aber Tini! Du bist ja schrecklich.“

„Das nicht; aber ich bin nicht von gestern … Den Arnold, sage ich dir offen, kann ich nicht ausstehen. Er ist mir gradezu widerwärtig — und auch unheimlich. Aber du wirst die Menschen wohl besser [ 198 ]kennen. Du hast’s gut: kannst hingehen, wohin du magst, kannst alles vergleichen und dir die Menschen aussuchen … Ich möchte dich wohl etwas fragen, aber du darfst es nicht übel nehmen.“

„Sag’s nur!“

Tini paffte und sah an Lola vorbei.

„An was erkennt man’s eigentlich, wenn man sich verliebt hat?“

„Das ist aber wirklich eine Frage!“

„Siehst du, nun nimmst du’s übel!“

„Durchaus nicht. Aber darüber … denkt man wohl überhaupt nicht nach … Ich sollte meinen: wenn man das Gefühl hat, daß man jemand nicht mehr entbehren kann.“

„Aber in Wirklichkeit kann man doch jeden entbehren!“

„Mag sein. Oder vielleicht doch nicht?“

„Ich habe keinen nötig, keiner braucht sich was einzubilden … Warum sollte man überhaupt jemanden nicht entbehren können?“

„Was weiß ich. Wenn man einen höher achtet als die andern … Wenn er einem Dinge sagt, die man selbst schon gefühlt hat … Wenn uns in seiner Nähe ruhiger wird…“

„Pah!“ machte Tini.

„Marie? Was ist?“ rief sie aus dem Fenster. Und zu Lola:

„Wir sollen vor dem Essen noch ausgehen. Ach tu mit den Gefallen, geh schon hinunter. Ich bürst’ mir nach dem Rauchen doch lieber erst die Zähne.“ [ 199 ]

Drunten fand Lola Frau Gugigl nicht mehr. Aber im Vorübergehen bemerkte sie durch einen Spalt in der Tür zur großen Stube, wie Arnold seinen Hut an den Nagel hängte und sich unschlüssig umsah. Ehe sie’s wollte, war sie zurückgekehrt und stehen geblieben. „Was er wohl für ein Gesicht macht,“ dachte sie, „wenn er sich allein glaubt … Jetzt wird er etwas tun, wobei er nicht an mich denkt, etwas, das nicht für mich bestimmt ist.“

Er saß auf der Bank, den Arm am Fenster und sah hinaus. Allmählich wendete sein Kopf sich, die breiten Schläfen vorgeneigt, ins Zimmer, sank tiefer in die Hand, die ihn hielt. Die andere hing von der Bank. Der Körper erschlaffte zusehends. Der Blick schwamm am Boden.

„So ist er,“ dachte Lola, „wenn er alle vergessen hat. Wenn er mich vergessen hat. Ganz zeigt er sich uns andern nie.“ Denn dies schien, mit Ergebung in sich selbst, nur noch eine Seele. Sie war stark hinter ihren Siegeln. Lola konnte nicht an sie hinan; — und sie fühlte sich, hier draußen, in beklemmender Einsamkeit. Ehrgeiz und Eifersucht zitterten herauf. „Was will ich?“ Und, ganz unvorhergesehen: „will ich ihn heiraten?“

Da polterte Tini über die Treppe; Frau Gugigl rief aus dem Garten; und Lola ging, sehr erstaunt.
 

Bei Tisch mußte sie ihn sich ansehen und denken: „Da ißt er nun harmlos seine Suppe. Wenn er [ 200 ]wüßte, was ich vorhin für einen Einfall gehabt habe! Er würde sich bedanken, Mann einer Virtuosin zu werden, mit ihr herumzufahren und Impresario zu spielen. Lassen wir ihn nur in Frieden, diesen Menschen der Einsamkeit!“ Und sie lächelte spöttisch vor sich hin. Frau Gugigl hatte etwas bemerkt und raunte:

„Hat er sich wieder eine Verrücktheit geleistet?“

„Wer denn? Aber nein!“

Und Lola bereute. „Ich habe ihn ausspioniert!“

Sie versprach ihm innerlich große Aufrichtigkeit und Güte. Als er eine Stunde später bei ihr anklopfte, war sie zum Ausgehen fertig.

„Sie sind sehr zuverlässig,“ sagte sie.

Er war befangen. Wie sie das Haus hinter sich hatten, fing er an:

„Sie haben mir mein gestriges Benehmen hoffentlich verziehen. Ich darf versichern, daß ich es bedauere und nicht mehr ganz begreife. Die Stimmung der Nacht war schuld, meine Nerven, und das so ungewöhnliche Zusammensein, das sie als Vorwand für eine Entladung nahmen.“

„Ich bitte Sie: wem wäre es anders ergangen. Man müßte schon Nerven haben wie der Fabrikant. Sie mögen mir’s glauben oder nicht, aber ich selbst habe noch eine Stunde lang am Fenster gestanden und den Mond angeschwärmt … Übrigens, darf ich Ihnen einen Rat geben? Sie sollten nie um Entschuldigung bitten. Sie sind zu bescheiden. Sie müssen die Leute fühlen lassen, daß Sie Ihren Wert kennen, und daß, [ 201 ]wer ihn bezweifelt, sich eine Blöße gibt. Je mehr man aus sich macht, desto mehr ist man.“

„Zweifellos … Wenn nun aber das Urteil derer, denen ich erst imponieren müßte, mich gleichgültig läßt.“

„Dann — allerdings.“

Und sie wußte nicht, ob sie bewundern oder zweifeln sollte. Er hatte wohl mehr Mut, indem er die Meinungen verachtete, als wenn er sie zu erobern getrachtet hätte. Vielleicht aber machte er aus der Not eine Tugend? Bei ihm wußte man nie, was Stärke, was Schwäche war; und wenn er schwach schien, hatte sie schon erfahren, war er manchmal grade stark…

„Sie sagten gestern, ich glaube, Sie seien menschlicher Gemeinschaft entwöhnt; und das können Sie nicht leugnen, daß Sie schüchtern sind.“

„Ich bin schüchtern, war es immer. Heute aber bin ich auf eine merkwürdige Weise schüchtern. Nehmen Sie an, eine der ersten Persönlichkeiten eines Landes reise in der Fremde, während bei ihr zu Hause alles drunter und drüber geht. Nun ist plötzlich sein Geld wertlos, der Titel, den er sich gibt, lächerlich; mit Sprache und Geistesart dieser Menschen weiß er nichts anzufangen; in sein Gebiet ist der Weg abgeschnitten; und er ist hier nichts und dort nichts. In dieser Lage, beiläufig, sehen Sie mich.“

„Der Heimweg abgeschnitten,“ hörte Lola und fühlte sich mitgetroffen. Ihr war’s, als ahnte sie alles voraus, was er sagen konnte; als hebe der Geist des [ 202 ]Ortes, den sie betraten, eine Schwermut aus ihren Seelen, die bei ihr und bei ihm mit den gleichen Erinnerungen genährt sei.

Sie waren, lässig von der Wärme, den verwischten Wiesenweg zu Ende gegangen; und nun verfing sich und erstickte der Tag in diesem violetten Moor. Wald umkränzte es, lichtete sich, zog, Stamm für Stamm, von dannen … In dem Gewebe von Zweigen, abgehalten, besänftigt, schimmerte silberiger Himmel, und fern, ganz draußen, blauten Berge. Man stand, senkte die Hände und ließ sich betäuben vom Zirpen. Lola sah sich um, wo es gut zu ruhen sei.

„Erzählen Sie weiter?“

„Sobald ich frei war, schon mit zwanzig Jahren, zog ich mich in die Einsamkeit des Reiselebens zurück. Ich hatte genug von meiner Jugend, von ihrem Elend, ihrer Scham; hatte mich genug verstecken müssen, der falschen Gemeinschaft übergenug ertragen. War ich nicht über Versen gelegen, deren Entdeckung mich zum Selbstmord gezwungen hätte? Hatte ich nicht, auf Gängen über den Stadtwall, Visionen meiner künftigen Größe erlitten, die mir solche Wahnsinnsschwindel durch den Kopf jagten, daß meine Knie schwankten? Hatte ich nicht, um mehrerer Frauen willen, starr, wie mit heißem Sand gefüllt, die Nächte und die Tage vorübergeschickt, tränenlos vor Ohnmacht, und mein Leben nur zurückgerungen, um es aufs neue der Fieberlust der Liebe aussetzen zu dürfen? … Das beste, wenn ich meiner Kindheit und ihrer alten Stadt gedenke, war zwischen grauen leeren [ 203 ]Häusern ein Garten: Neben meinem Buch standen Maiglöckchen, über ihm schaukelten Fliederdolden; und wenn ich die Stirn zurücklegte und die Lider schloß, brannte auf ihnen die Sonne. O wie tief, tief ging’s da in Sonne und Duft! Und das Gemurmel der Quelle vorm Tor: ich blieb bei ihr zurück, wenn man über Land zog, und nasses Laub hing mir in die Schläfen: wie wunderbar öffnete sich mir das Gemurmel! Wie eine Muschel, in deren perlhelle Windungen ich hineinfand!“

„Ganz dasselbe!“ sagte Lola, und ein Schauer überlief sie. In der Verbannung erwachsen und inmitten vieles Elends manchmal eine Stunde der einsamen, geheimnisvollen Süßigkeit: Das war sie selbst, und ihr graute vor solcher Beschwörung ihres Eigensten. Dort auf dem Moor, in dem dünnen Sonnenhusch tänzelten dort nicht einige kleine Mädchen — sie und wieder sie —? und verneigten sich vor ihr, gelenkt von den Fäden in der Hand des Fremden neben ihr, den sie nicht ansah? … Sie hörte:

„Ich fand nach Italien; — und da war mir’s, als hätte ich nach Haus gefunden. Welch ein Jubel! Ich erkannte mich selbst in den Bildern, die alle auf Größe und Lust aus sind, in den Landschaften der Helden, worin keine Träne lange hängen bleibt, in dem ewig jünglinghaften Volk. Hier war eine heftigere Welt wie aus meinem Herzen ans Licht getreten. Die ersten vier Wochen in Rom ging ich umher im ununterbrochenen Zustand dessen, den der erste Liebesblick trifft: in seinem ungläubigen Entzücken. Ich [ 204 ]ging planlos; die Erwartung einer Straßenbiegung machte mir Herzklopfen; ein Monument war ein Abenteuer. Durch die Campagna, unabsehbar, trugen mich grade Straßen und durchsonnter Wind; und mir war zumut wie in einer Verzauberung, worin ich angemessene Kräfte hatte. Ich ward freigebig mit mir, froh der schwersten Hitze, trank ohne Vorsicht und liebte mit Leidenschaft. Dies alles in Untergangsmut und, wie vom Frühdämmern, manchmal von dem fahlen Erstaunen betroffen, daß es dauere.“

„Es dauerte bis zu einem nervösen Zusammenbruch; — und in dem Dunkel, in das ich mich nun zurückziehen mußte, sah ich plötzlich aus meinem Kopf ein grelles Licht fallen und darin umhertaumeln, was mir je begegnet, je mit mir geschehen war: aber in viel größeren Gesten, schneidenderen, weit bedeutsameren, von unverschämterem Schmutz, wilderer Groteske oder schmelzenderer Zärtlichkeit. Nicht rasch genug konnte ich alles in Sätze bringen. Ich war plötzlich vom Talent ergriffen. Es war ein Rausch, allein vergleichbar dem, als ich Rom entdeckte.“

„Ein Visionär, dem seine Höhle in Flammen steht, dem jedes Schneckenhaus zum Feenpalast aufschießt, hinter jedem Felsblock Satan hervorschnellt und lechzende schwarze Blicke aus allen Morgennebeln brechen: Das war ich sieben Jahre lang. Ich haftete nirgends, fing nur im unbemerkten Vorbeikommen Leben auf; und jedes der Zufallsquartiere, wo ich mich vor einen Haufen Papier setzte, war umtobt von einer Welt, die ich zu bändigen hatte. Ich lebte, [ 205 ]erhielt mich nur, um zu schreiben; alle Sinne darbten; und über jedes Bild, das halbfertig auf einer Seite stand, erwartete ich, daß sich der schwarze Vorhang senke.“

Lola horchte, was ihr eigenes Leben zu ihr spreche: ihr Wanderleben mit seinen Lockungen, seinem Taumel und, mitten darin, dem entrückten, gefeiten Flecken, den das vertrackte Genie der Branzilla mit Zauber geschlagen hatte. Aber Lola war fortgerissen worden; etwas wie ein schwarzer Vorhang hatte sich gesenkt; und man wußte nicht mehr, was kam.

„Ich verstehe,“ sagte sie, — indes er schloß:

„Und eines Tages war’s aus. Mein Trieb, zu gestalten, ward lahm; das Chaos, dem ich hätte Formen entreißen sollen, hob sich dampfend, und tote Wände umstanden mich. Ich ging hinaus … Wohin? Wo ist ein Elixier, stark genug zur Belebung eines so sehr Ernüchterten? Nicht mehr in dem Italien, das ich einst feierte. Ich gehe noch hin, weil ich Erinnerungen und Gewohnheiten habe; aber mir ist, als hätte ich im geheimen immer ein wenig Verachtung bewahrt für die schwungvolle Sinnlichkeit dort unten. Sehe ich jetzt Bilder der Venetianer wieder, befremden sie mich: in einigen Monaten haben sie mehr gealtert, als während der vierhundert Jahre seit ihrer Erschaffung. In ihnen ist niemand mit sich allein; kein Leiden geschieht darin ohne Zuschauer: was gehen sie einen an, der bei Festtafeln und geschmückten Freunden kein Genügen fände? Das kunstlose Träumen meiner Kindheit verlockt mich wieder. Die Sehnsucht nach [ 206 ]innerer Gemeinschaft entfaltet sich wieder in mir. Ich suche Menschen auf, ohne Arg, nicht um sie zu belauschen, sondern weil ich mit ihnen leben möchte. Aber ich errege Verdacht. Man fühlt: hier ist ein abnormes Leben verbracht worden. Ich gebe der Neugier nach, berichte das einzige Interessante, das ich erlebt habe: mich selbst; — und nun ist der Waldmensch ausgefragt und ohne Reiz. Beginnt er noch von seiner Marotte, fährt man ihm über den Mund. Er ist durch langes Alleinsein allzu gutmütig gemacht, hat auf nichts eine rasche Antwort; und wenn alles vorüber ist, erbittert ihn seine Vernachlässigung und das Andenken seiner starken Vergangenheit. Er ist wahrhaftig die große Persönlichkeit, bei der zu Hause alles drunter und drüber ging, und die übel behandelt und voll ungültiger Ansprüche, in der Fremde fortlebt.“

Lola lächelte, weil er es tat; aber sie fühlte sich lahm und schmerzhaft, als habe er sie stundenlang schlimme, zerrissene Wege geführt. Das Gewebe der Zweige überzog jetzt einen schwach rosigen Himmel, und hier drinnen um das Moor dunkelte es dumpf. Lola erschauerte und stand auf.

Draußen war’s weit, bewegt und goldig; und Lola sah ihren Begleiter aufatmend an, als seien sie zusammen entronnen. Ein wenig Stolz, ein leises Glück sogar spürte sie, weil sie ihn herausgeholt hatte und ihm all dies helle Land anbot.

„Ist das nicht eine Farbe, die man trinken möchte?“ fragte er und zeigte nach dem Rotgelb von Ähren, worin durchsonnte Mohnfähnchen flatterten. [ 207 ]

„Obenauf wenigstens,“ sagte Lola, „ist die Welt schön.“

„Aber die blühende Scholle ist das Erzeugnis der lichtlosen Tiefe. Wo Schönheit ist, ist Tiefe.“

Sie begriff es. Sie legte den Kopf in den Nacken, sah Schwalben die von Gold flimmernde Luft durchstreichen und empfand, es sei eine Lust zu denken an solchem Tage. Er wies in die Weite, auf Schnitter, die hintereinander, Sensen und Rechen über den Schultern, in langsamen Bogen zwischen den Äckern hinzogen.

„Sie scheinen sich kaum zu bewegen, so groß ist die Erde um sie her: und doch, wo immer ein Mensch sichtbar wird, können wir schwer noch von ihm absehen. Er stört uns aus unserer Naturversunkenheit; wir merken: ihm entkommen wir nicht, und ihn vor allem brauchen wir.“

„Besonders Sie, der so große Hoffnungen auf die Menschheit setzt! Und dabei haben Sie den wichtigsten Teil Ihres Lebens dazu benutzt, sich in Ihrer Verschlossenheit von den Phantomen der Menschheit etwas vorspielen zu lassen: etwas Bösartiges, so viel ich verstehe … Sie sind eigentlich sehr naiv.“

„Das sagt auch die hiesige Gesellschaft. Sie aber sagen es anders … Sagen Sie übrigens ruhig kindisch. Ich muß Ihnen erzählen, wie sehr. Auf einem Wege, den ich täglich ging, ward ich eines Nachts angefallen und entkam durch einen Zufall. Die Aussicht auf eine zweite Begegnung mit meinen Mördern zwang mich, die Anschaffung einer Waffe [ 208 ]zu erwägen. Es ist schwer zu sagen, mit welchem Widerwillen ich an dieses Handwerkzeug heranging. Ich hatte es so ganz andern Lebenskreisen zu entnehmen! Endlich trat ich dem Waffenschmied unter die Augen. Die Augen des Mannes waren finster, und ich höre noch sein ,Ach so‘, als ich nach umständlicher Prüfung des Revolvers die Frage gewagt hatte, wie man abschieße. Nun trug ich ihn über die Straße und kann versichern, daß ich hinkte: so sehr war ich darauf gefaßt, das Unding werde in meiner Tasche losgehen. Die Schießübungen zu Hause waren aufreibend. Nie hatte ich rasch genug die Sicherung heruntergedrückt und den Hahn gespannt. Die beiden Abenteurer zückten schon unter meiner Nase ihre Messer, wenn ich noch den Kolben aus den Taschenfalten zerrte. Ehe ich dann wirklich den Gang über die verhängnisvolle Wiese antrat, saß ich im Dunkeln und nahm mit einer Phantasie, die mich zehn Tode erleiden ließ, alle Einzelheiten der Begegnung vorweg. Sehr merkwürdig war’s, welche Erleichterung ich spürte, als die Stunde zu handeln da war. Ich riß den Revolver aus der Schieblade und lief.“

Er lachte hell auf; dann:

„Jetzt lachen wir; aber Sie wissen noch nicht, welche beschämenden Neuigkeiten mich mein Revolver über unsere Seele lehrte. Ich erfuhr, daß ich ungerecht und hart sein könne; daß Mut und ritterliches Ehrgefühl vorwiegend in einem Stahlklotz stecken; und daß unschwer Gewaltmensch wird, wer das Mittel zur Gewalt in der Tasche fühlt. Nur mit Ekel an mir [ 209 ]ging ich noch umher. Es war wirklich die einzige Zeit, wo ich mich lieber nicht mehr hätte leben gesehen. Wie ich eines Nachts mich dem einen meiner zerlumpten Angreifer gegenüberfand, hielt ich ihn an, schenkte ihm den Revolver und wartete. Er dankte aber und ging weiter … Nun, ich war befreit … Laufen wir diesen Hügel hinauf?“

Sie liefen; — und von oben ließen sie sich, stärker atmend, von ihren Blicken über viele Wiesen und Felder tragen, durch tiefes Waldgrün zu blauem Wald, und jenseits des Luftblaus der ersten Alpen bis in Alpen, die am Abendrot zerflossen.

„Das Verwunderlichste war, daß ich in all meinem Überdruß kindisch blieb: mir in einem Theatersaal die Wirkung vorstellte, wenn plötzlich in meiner Tasche ein Knall geschähe, und am Teetisch die Damen darauf ansah, was sie für Gesichter machen würden, wenn ich ihnen die Tasse vom Munde wegschösse. Begreifen Sie das?“

„Sehr gut,“ sagte Lola und lachte mit. „Wozu sind wir den Hügel heraufgelaufen, den wir gleich wieder hinunter müssen? Sehen Sie? Weil Sie eigentlich ein Junge sind.“

„Nehmen Sie einmal an, daß Herr Gwinner für jeden Witz, den er macht, eine Schrotladung bekäme!“

„Oder Frau Gugigl für jedes ,künstlerisch‘!“

„Wenn man sich nicht mehr anders zu helfen weiß —“

Da waren sie drunten vor einer kleinen Eiche; der frische Wind, den ihr Lauf erregte, brach plötzlich [ 210 ]ab. Hinter der Eiche lag über den von letzter Sonne buntem Rasen ein Weg geschlängelt, blaugrün, — und auf einmal verschlang ihn Walddunkel.

„Nur noch dies eine Gehölz, dann können wir das Haus sehen;“ — und zu ihren langsamen Schritten durch die Dämmerung mußte Lola denken: „Eben noch haben wir gelaufen und gelacht. Wie kam das? Wie kommt es, daß er mir seine Geheimnisse sagt, und daß ich sie hinnehme, als müßt’ es sein? Eigentlich haben wir doch nichts miteinander zu tun. Oder wie stehen wir?“

Als das Gehölz zu Ende war, wollte sie etwas sagen, ließ es aber. „Was habe ich denn? Warum nicht gleich den nächsten Spaziergang verabreden? Er ist so zerstreut und hat immer mit sich selbst zu tun. Ein rechter Egoist eigentlich. An die wirklichen Dinge muß ich selbst denken.“ Aber kurz vor der Ankunft hörte sie ihn in Eile und Verwirrung mit der Bitte herauskommen, an deren Gewährung ihr gelegen war, — und sie biß sich auf die Lippen. „Bin ich vorschnell! Ich weiß doch, daß er bloß schüchtern ist!“
 

Es war nie ganz sicher. Am Abend inmitten aller sah’s aus, als drängte er neben sie: Frau Gugigl und Tini bestätigten es ihr durch Blicke. Dafür zog er sich manche Stunde, die er mit ihr hätte allein sein können, zurück, um zu lesen. Er kam ihr oft genug in den Weg, klopfte jeden Tag mehrmals an ihre Tür. Sie hatte auf dies Klopfen gewartet und war, zeigte [ 211 ]sich nun sein Gesicht, beschämt, weil es nicht glücklicher war. Einmal rief sie ihm im Garten nach, und wie er sich umwandte, war kein Zweifel, daß er sich bezwang, um erfreut zu scheinen. Aber als sie ihn einen Nachmittag unbeachtet gelassen hatte, da war er arg verstört, kleinlaut wie ein schlecht behandelter Junge, und kam nicht darüber zur Ruhe, daß sie etwas gegen ihn haben müsse.

Wie sie das alles schon kannte! Wie sie seine Nervosität mitfühlte, die matte Geste zwischen seine zusammengezogenen Brauen und dann, draußen in der Luft, sein allmähliches Durchdringen, bis er frei war und die Oberhand hatte! Voll Staunen bemerkte sie, daß sie ihn sich gar nicht wegdenken könne: auch aus ihrem früheren Leben nicht. Wie ein älterer Bruder war er, den die Schwester schon heulend und geprügelt gesehen hat: und doch bleibt er, mag sie’s kaum wissen, der erste, und seine Liebesgeschichten machen ihr Eifersucht. Lola fragte sich oft: „Hat er wirklich nie etwas gehabt? Alles hat er mir gesagt, nur davon kein Wort.“ Aber sie fand und sagte ihm:

„Ich wüßte eigentlich keine Frau, mit der ich mir Sie denken könnte.“

Er überlegte.

„Und ich keinen Mann für Sie,“ entschied er. Nach einer Weile begann er wieder:

„Was würden Sie denn besonders beanspruchen?“

„Von einem Mann? Zuverlässigkeit.“

Und sofort erschrak sie, weil ihr einfiel, daß sie ihm schon mehrmals bestätigt habe, er sei zuverlässig. [ 212 ]

„Ich bin nämlich sehr mißtrauisch,“ erklärte sie und fragte eilig:

„Und Sie? Was brauchen Sie?“

„Meinetwegen,“ dachte sie, ein wenig gekitzelt; „spielen wir mit dem Feuer!“

„Ich? Etwas Achtung natürlich vor dem, was ich bin. Aber noch so vieles andere. Das ist weitläufig und aussichtslos.“

Und während Lola schwankte, ob weiter zu fragen sei:

„In Deutschland traf ich am häufigsten die eben erst Emanzipierte. Ihr frisches Wissen und Können scheint mir noch gewaltsam; seine Äußerungen führt kein sicherer Geschmack. Fehlen ihr zu diesem nicht überhaupt und von Rasse wegen die Mittel? Die Deutschen bleiben, trotz allen heutigen Bemühungen um die Form, zur Überfütterung des Innenlebens verurteilt und auf Geringschätzung der Augenkultur angewiesen, die doch vornehm macht … Italienerinnen haben mich versucht. Alles Glück, das einem die Städte, die Landschaften, die Bilder versprechen, sieht man erfüllt in diesen weißen, schwarzhaarigen Geschöpfen mit den knabenhaften schlanken Bewegungen. Wie schön sie sind, solange sie stumm bleiben! Den, der gleich im ersten halben Jahr eine von ihnen heiratet, begreife ich. Nachher hat man in ihren weiten, undurchsichtigen Augen wohl doch die Leere ermessen und sich besonnen. Eine auf immer unmündige Existenz neben der meinen? Eine, die mein deutsches Erbe, alle jene moralischen Verfeinerungen, die ihre Rasse [ 213 ]niemals erreichen kann, mit animalischer Sicherheit verachten würde?“

„Sie verlangen eine Schöne, die auch noch Geist hat. Sie sind entsetzlich schwierig.“

„Sie haben Recht, ich stelle die unverschämtesten Forderungen. Warum übrigens sollte ich sie zügeln, da ich von vornherein mit ihrer Unerfüllbarkeit rechne? Mehrmals näherte ich mich Frauen gemischten Blutes: sie waren mit einem verflachten Innenleben begabt und mit irgendwie verunglückten Körpern; oder sie hatten sich ganz zu der einen ihrer beiden Rassen geschlagen und verleugneten die andere. Wie nun, wenn das Gute von beiden in einem Wesen zusammenkäme? Ich setze den günstigsten Fall; und bei der Frau, die ich mir vorstelle, hat erstaunlicher Weise der Körper eine ebenso alte, starke Kultur wie der Geist; sie ist der Bildung offen und elegant, hat Geschmack und Tiefe. Das scheint gegen die Natur; scheint über sie hinaus: und doch stelle ich mir’s vor…“

Nach einem Schweigen, während dessen Lola aufhorchte, schloß er gepreßt:

„Nicht seit langem.“

Und Lola dachte:

„Ist es zu glauben? Alles kommt sehr um die Ecke. Aber meinen tut er doch wohl mich?“

Sie hatte Lust, aufzulachen. So viele Gedanken, die sie zur Achtung nötigten: und das Ziel wirklich nur sie selbst? Sie empfand ein wenig Mitleid mit dem Armen, der sich nun bloßgestellt hatte. Sie sah auf ihn herab, wie er errötet, mit regungslosem Kopf vor [ 214 ]sich hinging und vor ihr Furcht hatte … Aber da errötete sie selbst; das überschwengliche Bild, das er von ihr im Kopf hatte, beschämte sie und machte ihr bange, wie ein Betrug. Sie dachte: „Ich bin gar nicht schön und gar nicht gebildet. Ich habe auch gar nicht das Äußere von der einen Rasse und das Seelische von der andern. Meine Haare setzen durchaus nicht so untadelig an, wie bei den romanischen Frauen; er sieht bloß nicht, wie ich meine kahlen Schläfen verstecke.“

Er sagte in merkwürdig ungefälligem Ton, der zitterte:

„Ich denke sie mir in keinem der europäischen Vaterländer daheim; auch ich gehöre in keins. Sie kommt von weither, aus einem Lande, das sie vergessen hat, und in das sie nicht wieder zurückkehren wird.“

„Auch das noch,“ dachte Lola.

„So ist sie mir ähnlicher. Denn auch mich haben, nicht meine Geburt, aber meine Schicksale zwischen die Rassen gestellt, und ich habe dort so viel erlitten, daß meine Gefährtin mir von keiner Not berichten könnte, um derenwillen sie nicht meine Gefährtin wäre. Ich habe sie mir verdient.“

Plötzlich war Lola erschüttert und stammelte mit feuchten Augen und ohne mehr daran zu denken, daß dies alles ihr selbst gelte:

„Ich hoffe, Sie werden noch einmal glücklich.“

Da erschrak sie und ging rascher dem Hause zu. Wie sie aber Tini herbeilaufen sah, lachte sie auf. Als ob er mit der Sprache herausgekommen wäre! Aber das nützte ihm jetzt nichts mehr. Sie wußte jetzt [ 215 ]Bescheid, war ihre Unruhe los und hatte die Sache in der Hand. Er hatte geworben.
 

Und nun ordnete sie sich im Gespräch ihm nicht mehr regelmäßig unter.

Sie widersprach ihm sogar vor den andern, stimmte Gwinner bei. Später unter vier Augen zeigte sie sich weich und nachgiebig, und der gütige Spott ihres Blickes und ihrer Stimme gab ihm zu verstehen, er wisse wohl selbst, daß alles sich verändert habe; aber was sie tue, bedeute Gunst.

Das Bedürfnis war ihr gekommen, ihn anzuzweifeln und anzugreifen. Sie führte ihre Spazierwege möglichst dicht an Bauernhöfen vorbei.

„Da sind nun die hündischen Gendarmen, die Sie so hassen. Ja, der hat noch ein robustes Gewissen.“

Er mußte sie und sich, fortwährend mit Steinen werfend, aus der Nähe des schnappenden Bellers retten.

„Jetzt könnten wir Ihren Revolver brauchen, wenn Sie nicht selbst vor ihm Furcht gehabt hätten.“

Und auf sein niedergeschlagenes Lachen, plötzlich ganz ergriffen:

„Bitte, verzeihen Sie mir!“

Einmal ging er unentschlossen an einer alten Frau vorbei, die gebettelt hatte.

„Sind Sie geizig?“

Er antwortete:

„Ich schäme mich der Überlegenheit in der Gebärde [ 216 ]des Almosengebens; schäme mich des kleinen Schauers von Selbstzufriedenheit und trügerischem Gütegefühl, der den Geber überrinnt.“

„Immer finden Sie schöne Worte. Vielleicht sind Sie doch geizig?“

„Wenn Sie mich nicht verstehen können —“

Ein unfreundliches Schweigen brach herein. Erst bei der Ankunft flüsterte Lola hastig:

„Ich habe Sie sehr gut verstanden und glaube Ihnen auch. Aber ich bin manchmal nervös.“

Er fiel ihr ins Wort, stürmisch vor Reue:

„Ich hätte geben sollen! Naiv oder mit Scham: ich hätte geben sollen!“

„Aber ich habe Sie verstanden“ wiederholte Lola.

Denn was er äußerte, fand sie, wenn ihr’s auch bestimmt noch keiner gesagt hatte, alles ganz vertraut. Es waren Selbstverständlichkeiten, an die sie bisher nicht gedacht hatte. Er selbst — immer näher fühlte sie’s, daß sie ihn schon gekannt habe: seine gewohnte Geste nach den Brauen hin, seinen Träumergang, den Fall seiner Stimme. Ein Weg, den sie durchschritten, konnte sie stutzig machen: „Wann war ich hier?“ Und einmal, wie die Sonne auf eine lange Hecke fiel, erinnerte sie sich plötzlich auf das Dringlichste einer Landschaft, die sie irgendwann einmal im Traum gesehen haben mußte: darin war alles dämmerig und nur eine Reihe von Büschen grell beschienen gewesen, und es war genau diese gewesen.

Was zwischen ihnen vorgehe, quälte sie nicht mehr. Sie lächelte, als er sagte: [ 217 ] „Wenn irgend Aussicht gewesen wäre: in Sie hätte ich mich sehr verlieben können.“

Sie wußte, er verstecke sich. Aber das alles hatte Zeit … Und inzwischen genossen sie ein pflichtenloses Gefühl der Zusammengehörigkeit inmitten Fremder. Ihre Geister rührten bei einander an alles; sie suchten in jeder Erde nach Edelsteinen und waren froh, wenn sie auf einen Kiesel stießen, an dessen Gleichen sie sich beide schon einmal verwundet hatten.
 
[ 218 ]

IV

 

Da, eines Abends, hatte Lola gleich beim Betreten des Eßzimmers die Empfindung, am Tisch sitze einer mehr; — und noch bevor sie ihn herausgefunden hatte, schnellte jemand empor, und machte eine ausdrucksvollere Verbeugung, als sie seit Wochen zu sehen bekommen hatte. Sie erschrak.

„Conte Cesare Augusto Pardi aus Florenz, mein Vetter,“ sagte die Baroneß Thekla. „Er hat uns überrascht.“

Lola faßte sich und lächelte ein wenig spöttisch. Sie dachte: „Die Art ist also inzwischen noch nicht ausgestorben?“ Dann wandte sie sich an Arnold. Aber es störte sie, daß niemand sprach als der Italiener und Mai. Glücklich zwitschernd flog Mais Stimme um den Tisch; endlich hatte sie wieder jemand, mit dem sie sich geläufig verständigen konnte. Alle sahen ihnen suchend auf die Münder: es ging viel zu rasch; und Lola mußte mitten aus ihren Worten an Arnold, die stockten, hinüberhorchen. Diese anbetende Stimme, die einen einwickelte! „Merkwürdig, daß ich das vergessen hatte!“ Ohne hinzusehen, wußte sie sein [ 219 ]schmelzendes Lächeln. Brauen in einer graden Linie, Wimpern, die schwarz herausstachen aus dem lebenglühenden Marmorgesicht, und rot und dick darin aufbrechend die Lippen: Alles hatte sie vor sich, nun sie die Stimme hörte. War’s etwa nicht so? … Und kaum daß ihr Kopf eine Viertelwendung machte, griff der Italiener zu.

„Gnädiges Fräulein, Ihre Mama und ich entdecken eine Menge gemeinsamer Bekannten…“

Lola erinnerte sich einiger, aber ohne Begeisterung; und mit Geringschätzung sah sie sich dazu das süße Spiel seiner Augen an. „Mach nur deine Mätzchen!“ Gugigl warf ironische Blicke dazwischen; plötzlich schnitt er ein Gesicht und fragte, ob die Rede von Zuckerwerk sei. Die Damen kicherten. Pardi hatte nicht verstanden. Er blieb süß; und doch ging in seinem Lächeln jäh ein Hinterhalt auf, eine Drohung. Gugigl bekam eine treuherzige Miene. Darauf verbeugte Pardi sich ein wenig, als habe er Genugtuung erhalten, — und wendete sich wieder Lola zu.

Sie sprachen weiter, indes alles schwieg, Tini den Mund offen behielt und Gwinner demütig herübergrinste. Pardi zog seine Cousine, Frau Gugigl und den Baron Utting herbei, aber alle blieben unterwegs liegen; und sein Gespräch mit Mai und Lola lief von selbst weiter. Es ärgerte Lola; ohne Umstände kehrte sie zu Arnold zurück. Er schrak von seinem Teller auf, und sie sah ihn in großer Unsicherheit. Er stotterte; sie zwang sich zur Geduld und gab ihren Worten einen Ton, als rede sie einem Kinde Mut [ 220 ]ein. Dabei fing sie einen Blick auf, den er mit dem Italiener wechselte. Von drüben, aus Pardis gewölbten Augen, die alles sahen, kam ein abschätzender, schon spöttischer, und hüben wich er wehrlos aus. Lola sprach lauter: als wollte sie die Blicke überschreien. Plötzlich dachte sie: „Es ist auch wirklich kein Staat mit ihm zu machen;“ und brach ab. Sofort setzte Pardi wieder ein.

Am Morgen darauf saßen um neun Uhr die Damen noch beim Frühstück. Pardi unterhielt sie von Afrika. Denn er hatte Adua mitgemacht, sich wie ein Löwe geschlagen, sagte er; war später, als Gefangener des Negus, der einzige gewesen, sagte er, der sich nie gebeugt, der Gewalt hartnäckig widerstanden hatte und ihr immer nur auf Zureden der mitgefangenen Offiziere gewichen war … Die Baroneß Thekla, Frau Gugigl, Tini und Mai warfen einander Blicke zu, die erstaunt glänzten: wie die von Kindern, die nach der Bescherung erwacht sind. Jedes hält die eigenen Geschenke für die schönsten, und alle sind glücklich. Pardi hatte schon jede von ihnen zu überzeugen gewußt, daß besonders ihr sein Feuer gelte. Sie waren in Verzückung vor dem Schmelz seines Wesens und dachten nicht daran, es ihm anzurechnen, daß ihm alle hiesigen Begriffe fehlten. Er bewunderte seine Cousine in ihrer Bäuerinnentracht, wie einen verkleideten Backfisch. Tini brachte er, nur mit Augen und Händen dahin, daß sie über ihren Satz, der Mann habe nichts voraus, selbst von Herzen lachte. Er nannte Frau Gugigls Malerei eine reizende Unterhaltung, und [ 221 ]anstatt wild aufzulachen, schnurrte sie. Dann führte er Mai die Leute vor, die sie beide kannten: ein paar Gesten, ein Fingerstrich über sein Gesicht, daß sich darunter verwandelte, — und nicht Mai nur, auch die andern sahen die Figur. Lola beobachtete ihn mißtrauisch. Plötzlich mußte sie mitlachen, und da gab er ihr durch ganz leichtes Neigen der Stirn und kaum merkliches Achselzucken zu verstehen, daß er ihre Überlegenheit kenne und sie um Nachsicht bitte. Sofort hörte sie auf zu lachen. „Buffone!“ dachte sie; aber sie konnte nicht verhindern, daß es ihr schmeichelte.

Im selben Augenblick erschien Arnold in der Tür. Lola zuckte innerlich zurück. Aber sie bemerkte, daß er, in Verwirrung, noch keinen Überblick erlangt habe. „Immer die Menschen, nicht?“ — und sie sah weg. Wie er dann keinen Anschluß an die Unterhaltung fand, stand sie auf, setzte sich neben ihn, redete zu ihm ganz beiseite, als sollten alle wissen, wie vertraut sie standen. Sie bat, er möge sie gleich nachher hinausbegleiten. Dann ging sie auf ihr Zimmer und dachte: „Nein! Ich kann ihn höchstens wie einen Bruder gern haben.“

Unterwegs begann er von dem Italiener.

„Wie sich manchmal auf den ersten Blick eine Gegnerschaft erklärt! Da haben Sie meinen geborenen Widersacher, den reinen Tatmenschen. Er hat noch keinen Satz gedacht, dem nicht ein Schlag gefolgt wäre.“

„Woher wissen Sie das?“ fragte Lola, die Brauen gefaltet; und doch war sie überzeugt, es sei so. Die [ 222 ]Einschüchterung, erwiderte er, die solche Naturen bei ihm bewirkten, sei ihm der sicherste Beweis. Und er belächelte sich selbst. Lola ward gereizt durch seine Offenheit, die sie billig und würdelos fand. Sie erklärte, daß sie sich’s schon denken könne. Er mußte genau gehört haben, wie höflich und ablehnend es klang; nur aus Mangel an Geistesgegenwart blieb er bei dem Gegenstand, sprach er noch weiter so, als wisse er sie auf seiner Seite. Da sei nun der Mann mit den sicheren fraglosen Instinkten, der Mann alten Stils … und der äußerste Vertreter der Rasse.

„Keine Beziehungen sind möglich zwischen seinesgleichen und unser einem: das fühlt man gleich, nicht wahr?“

Lola war voll Ungeduld, ihn aufzuhalten. Er kam wieder auf die Rassenliebe, an die Frage, welche Frau er zu lieben habe, was ihr selbst für ein Mann bestimmt sei. „Was geht ihn das an!“ Sie mußte zugestehen, daß manches frühere Gespräch ihm Rechte gebe. „Eigentlich ist nichts geschehen seitdem. Was habe ich denn? … Ach, er ist taktlos!“ So redlich sie dagegen ankämpfte, die schwerste Übellaunigkeit senkte sich auf sie. Lola ging vor sich hin, den Blick am Boden, und wünschte sich mit krankhafter Dringlichkeit, dies nicht mehr zu hören, diesen los zu sein. Wenn sie sprechen wollte, schienen die Kiefern aus Blei. Endlich brachte sie hervor:

„Sie reden über alles sehr klug.“

Da stotterte er und brach ab. Sie gelangten nach Haus, zum erstenmal ohne den nächsten [ 223 ]Spaziergang verabredet zu haben. Ein Stück hinter ihnen kehrten Mai und Pardi zurück. Lola blieb stehen; Arnold zögerte, dann verabschiedete er sich.

Mai strahlte und plapperte.

„Wir waren beim Wirtshaus und auf dem Friedhof. Zuerst haben die Bauern einen begraben. Wir waren dabei, es war sehr hübsch. Dann haben sie sich zum Trinken gesetzt und werden bis in die Nacht sitzen bleiben. Ich möchte wissen, wann diese Fremden arbeiten. Der Conte Pardi hat mit einem gewettet. Der Bauer will bis heute abend vierundzwanzig Liter trinken…"

Pardi ließ Mai in die Veranda treten, zu der Gesellschaft.

„Ihre Mama liebt das Gehen nicht; Sie aber haben, sehe ich, bestaubte Schuhe.“

„Ich gehe gern nach dem Walde hinüber.“

„Der Wald! Seine Kühle! Das ist ein Ideal. Wissen Sie, daß Sie selbst Gedanken in mir erregen, die mit Waldesfrische verwandt sind?“

„Wie Sie mich kennen!“

Einen Augenblick stutzte er und verfinsterte sich; aber der Argwohn, man könnte ihn auslachen, ward gleich wieder von selbstgewisser Süßigkeit aus seiner Miene gelöscht.

„O! Sie müssen mir erlauben, Sie zu begleiten. Ich möchte dabei sein, wie Sie die Rehe streicheln. Ich kann mir nicht denken, daß Ihre kleinen Füße die Blumen niedertreten.“

Gegen Abend gingen sie und plauderten [ 224 ]unausgesetzt, nur nicht von den Dingen, die Pardi in Aussicht gestellt hatte: Wald, Blumen und Rehen. Er trug eine Menge Klatsch vor, aus Viareggio, dem Bade, woher er kam und in das er zurückkehren wollte. Dann kamen verachtungsvolle Klagen über Frauen; zornige Ausfälle und unbedenkliche Entkleidungen; und dazwischen immer:

„Sie sind anders. O, Sie können diese Abscheulichkeiten nicht einmal verstehen!“

Dagegen verstand Lola, daß er, der durch die Verleumdung aller übrigen ihre Gesinnung zu gewinnen hoffte, auch sie jeder anderen geopfert hätte.

Sie hörte zu und sprach unter fortwährendem Vorbehalt, mit innerem Hohn, als zu einem unzuverlässigen Partner, einem Feind; — aber sie kam in Fluß, lachte erregt, bemerkte plötzlich selbst, daß ihr Plappern gerade so gedankenlos lebendig klang, wie heute mittag das von Mai. Es befremdete sie kurz, dann fand sie sich ab. „Immer alles abwägen, für alles ganz eintreten, wie mit Arnold, das ist auch nicht das Wahre, so bin ich auch nicht.“ Sie war nun so, daß Pardis Wesen sie hinriß. Seine Art, das feste Handgelenk zu schütteln, daß die Goldkette daran klirrte, im Gehen mit geschmeidigem Raubtiergriff einen Zweig herunterzureißen, vermöge des gerundeten Armes, des zur Seite geneigten Kopfes ein Gefühl sichtbar zu machen gleich einer Gestalt; seine Art, angesichts der Menschen, bei denen sein Geist grade weilte, von ausgesuchter Höflichkeit jäh in ungehemmte Feindseligkeit umzuschlagen, die äußerste [ 225 ]Spannkraft seiner Gefühle und seiner Mienen, die weiche Wildheit in ihm, das Süßliche und das Gefährliche: seine Art nahm Lola dahin, als triebe sie in blumenüberhäuftem Kahn auf einem Goldstrom, einem gedämpft reißenden, neben dem Paläste aufflammen und über dem ein starker Himmel flimmert. Keine Minute faßte sie, inmitten Gelächter und Lautenklang, Vertrauen. Der Kahn war wohl leck, die Paläste aus Pappe, und was den Fluß bunt sprenkelte, nur Schlamm: — aber inzwischen floß sie dahin.

Zu Hause fand sie Mai in übelster Laune.

„Man muß sagen, du nimmst wenig Rücksicht auf deine Mutter! Drei Wochen schon langweile ich mich, dir zu gefallen, bei diesen schlecht Angezogenen. Endlich zeigt sich ein Herr aus unserer Welt, und da führst du ihn den ganzen Tag draußen im Schmutz herum. Aber du bist ein Charakter, der anderen wenig gönnt!“

„Eine Szene, Mai? Wenn ich gewußt hätte, daß du mitgehen wolltest —.“

„Verstelle dich nur! Habe ich dir nicht stets die größten Opfer gebracht? Noch in Barcelona hättest du heiraten können, wen immer du wolltest. Ich, deine Mutter, wäre zurückgetreten…“

Mai schluchzte.

Beim Abendessen stellte sich heraus, daß nicht sie allein eifersüchtig war. Die Baroneß Thekla schlug einen derb strafenden Ton gegen ihren Vetter an. Frau Gugigl erinnerte ihn mit saurer Munterkeit daran, daß sie alle gemeinsam hätten nach der [ 226 ]Römermauer gehen sollen. Lola beteuerte, daß sie die Verabredung überhört habe.

„Ja, ja, ich kann mir’s denken!“ — und Frau Gugigl versuchte, gutmütig zu lachen.

Gwinner und Gugigl riefen einander, ohne jemand anzusehen, aber mit Ironie, „Prost“ zu.

Pardi führte einen geschmeidigen Kampf gegen die bittere Stimmung ringsum. Seine Liebenswürdigkeit breitete sich aus, wie ein parfümierter Fächer. Nur der alte Baron Utting und Arnold kamen seinen Werbungen entgegen: Arnold, fand Lola, als ob er ihm dankbar dafür wäre. Mai blieb beleidigt. Und Tini, deren Augen noch nie so groß und schwarz, deren Gesicht noch nie so bleich und gestreckt gewesen war, vereinigte Lola und den Italiener in einem langen Blick, voll eines leidenschaftlichen Zweifels.

Gwinner antwortete sie gar nicht. Wie der alte Utting aus dem Zimmer ritt, verließ auch Tini es, kam aber nach kurzem zurück und begann Pardi wegen dessen anzugreifen, was er am Morgen zur Frauenfrage geäußert hatte. Und diesmal war sie nicht zu beschwichtigen, ließ sich durch keinen Scherz ablenken und stritt erbittert. Gugigl unterstützte sie. Dann fragte er seine Frau, ob sie sich gewogen habe. Endlich scheine die Milchkur anzuschlagen. Die Baroneß Thekla lachte; Gugigl habe sich verraten. Seine Frau verteidigte ihn.

Ein leidlicher Friede kam zustande. Der Ausflug nach der Römermauer ward für morgen neu angesetzt. Nur Mai blieb widerspenstig. Umsonst [ 227 ]hielten alle ihr die Seltsamkeit der Ausgrabung vor. Sie zog, das Gesicht ganz dick vom Schmollen, ihr letztes Wort noch hin, im Innern glücklich, weil sie so viele um sich bemüht sah. Sie wisse schon, was dort ausgegraben werde.

„Auch in Brasilien haben wir viele Römersachen.“

Pardi mußte erst seine ganze Erobererkunst auf sie zusammenziehen; — und plötzlich platzte sie aus, wie ein Kind, das lange Zeit alle zum besten gehalten hat.

Wie Lola in ihrem Zimmer war, zog sie die Tür hinter sich zu, lehnte sich dagegen und sah darein, wie zum Geflacker der Kerze die Schatten tanzten. Leer und ängstlich war ihr’s; ihr Hals fühlte sich zugeschnürt an. Welch ein nichtiger, verstimmter Tag, mit zufälligen und unerquicklichen Menschen!

„Was sollen mir dieser Italiener und dieser Deutsche?“

Sie machten sich gegenseitig erstaunlich unwichtig, hoben einander auf. Man ward müde und verstand sich selbst nicht mehr. Warum mußten grade diese beiden kommen? Draußen in der Welt waren noch so viele, so überwältigend viele Gleichgültige … Sie ging ans Fenster und sah trostlos ins Dunkle, Weite.

„Nur damit es kleinliche Aufregungen und Krisen gibt.“

Dann wandte man einander den Rücken, reiste weiter, alles entschwand, und mit Überdruß sah man sich in neue, nichtsnutzige Dinge geraten.

Da gedachte sie jener Mondnacht, in der sie hier [ 228 ]gestanden hatte. Sie war mit Arnold durch das Land dort unten gewandert, das damals voll entzückenden Truges gewesen war. Umgeben und erfüllt von Bedeutungen hatte sie sich gefühlt … Sie spähte hinaus, blickte ins Zimmer zurück: wie alles unwichtig war! Frierend vor Einsamkeit, fiel sie mit geschlossenen, trockenen Augen gegen das Fensterkreuz.
 

Gleich beim Erwachen hatte sie das Gefühl des Erwartens. Sie erwartete, einer von ihnen werde sie holen, dem andern zuvorkommen, sie ihm entreißen. Vor sich selbst verborgen, wünschte sie, daß es Arnold sei. Sie war gespannt von Ehrgeiz für ihn. Er sollte nun zeigen, wie er sich behauptete, sollte ihr beweisen, daß sie den rechten Freund gewählt habe. Er sollte sich messen mit jenem.

Niemand kam. Gegen Mittag begegnete sie Pardi und wich ihm aus, obwohl er sie schon angerufen hatte. Dann war sie, bei Tisch, in Empörung gegen beide: gegen Arnold, der vor Pardi errötete, und gegen den Italiener in seiner banalen Sicherheit. Unversehens ging ihr auf, daß seine Geste aus lockerem Gelenk der des Spielers ähnelte, der mit Karten hantiert. Gleichzeitig sah sie Arnold seinen sorgenvollen, schwachen Griff zwischen die Brauen tun; — und sie hatte die Empfindung, als führten zwei Masken, zwei Maschinen ihr ein vorausgesehenes, ärmliches Scheinleben vor.

Es blieb bei der Fahrt nach der Römermauer. [ 229 ]Lola hielt es noch immer für unmöglich, daß Arnold sie gehen lasse. Jeden Augenblick mußte er den Mund öffnen und sie daran erinnern, daß es schade sei, ihren gewohnten Waldgang zu versäumen. Als man aufstand, ohne daß er gesprochen hatte, war ihr übel, wie bei einem Verrat. Sie erklärte, nicht mitgehen zu können.

„Du siehst wirklich nicht gut aus,“ sagte Frau Gugigl. „Tini, bevor wir aufbrechen, bringst du Lola einen Tee.“

In ihrem Zimmer standen wieder seine Blumen! Welch Geständnis kraftlosen Verzichtes!

Tini trat zu ihr ein; sie hob die Augen fremd, feierlich und scheu vom Teebrett.

„Ich danke dir, Tini.“

Keine Antwort. Das Silberzeug klirrte in der Stille; Tini wandte sich … Da war sie mit einem schlanken Wurf auf den Knien vor Lolas Füßen. Die Arme um Lolas Hüften, flüsterte sie mit geschlossenen Augen, wie aus einem leidenschaftlichen Traum:

„Weißt du noch, wie wir davon sprachen, daß es so viele Millionen Menschen gibt, und daß doch einmal etwas geschehen kann, und daß ich sicher glaubte, du würdest noch mal ein großes Glück haben? Siehst du, jetzt hast du’s! O, ich sehe wohl, daß du es hast!“

Und fort war sie. Lola spürte noch ihre wilde Umarmung, wie es auf der Treppe schon wieder still war.

Als sie eine Stunde später hinab in die Stube ging, wartete auf der Schwelle Pardi. Er küßte ihr die Hand und sagte: [ 230 ]

„Sie glaubten doch nicht, ich werde ohne Sie diesen Ausflug machen? Natürlich habe ich Briefe vorgeschützt, um Ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen.“

Und da er ihre abweisende Miene bemerkte:

„Wie geht es Ihnen? Kann ich Ihnen in irgend etwas nützlich sein?“

„Sind alle fort? Auch meine Mutter?“

„Ihre Mama und — alle.“

„Ich möchte mich in den Garten setzen.“

„Ihre Blässe ist deliziös. Ich schwärme für die kleinen Krankheiten der Frau…“

„Ich sehe scheußlich aus.“

„Lachen Sie nur! Ich schwöre Ihnen, daß ich weiß, was ich sage; daß ich auch weiß, was ich will.“

Das traf sie. Allerdings: dieser wußte, was er wollte. Und sie widersprach seinen Schmeicheleien nicht mehr. Was für eine Stimme er hatte: biegsam, zart, und doch aus gefährlichem Stoff, — wie ein Galanteriedegen. Zu dieser Stunde, war sie versichert, sehnte Arnold, indes er Wohlgefallen an der Römermauer heuchelte, sich mutlos nach ihr, die seiner mit ganz ruhiger Geringschätzung gedachte.

Als er ihr wieder vor Augen kam, konnte sie nur erstaunen über das Maß von Geniertheit und Mangel an Geistesgegenwart in all seinem Gehaben. Sie sah Pardi an, ob nicht auch er erstaune. Den ganzen Nachmittag hatte sie Pardis Fechterkörper sich um sie her biegen gesehen, so leicht und selbstverständlich in seiner Schlagfertigkeit, daß nun Arnolds Ungeschicklichkeiten ihr wie Kunststücke vorkamen. Sie erinnerte [ 231 ]sich, eine besondere Schönheit erfaßt zu haben in dem, der weltfremd und unterdrückt war und erst frei ward, wenn er träumte. Die Schönheit war fort; und Lola spürte Scham bei seiner Unschönheit, als sei sie daran mitschuldig.

Die folgenden Tage beobachtete sie Arnold neu, legte alles neu aus. Hatte er nicht, so oft er auf jemand losgehen, sich Blicken, Urteilen preisgeben mußte, Bewegungen, als hielte er sich mühsam vom Davonlaufen zurück? Er war feige. Er war unmännlich in seinem Zurücktreten vor Pardi, in seinem Erröten, seinem Eifer, wenn der Italiener sich einmal mit ihm abgab. Er war ein ängstlicher Egoist, immer in Sorge, sich mit jemand messen, seinen traurigen Frieden aufgeben zu müssen. Das machte ihn kleinlich und ungenerös: jenen Vorfall mit der Bettlerin, der er nichts gab, hätte Lola nur von seinen schönen Worten unbestochen beurteilen sollen. Jetzt bemerkte sie, wie er sich kleine Geldbeträge erstatten ließ, die er für die Gugigls ausgelegt hatte. Sie bekam einen Schreck, so oft sie derartiges wahrnahm. Alle, meinte sie, müßten darauf aufmerksam werden und sie höhnisch ansehen: sie, die solange mit ihm verbündet gewesen war. Fortan vermied sie es, sich neben ihm zu zeigen; sein Anblick erbitterte sie, weil er sie getäuscht hatte; und mehrmals war sie drauf und dran, sich seine Blumen zu verbitten.

Beständig war ihr’s, als habe sie das alles schon einmal erlebt, und zwar einfacher und deutlicher; als gliche dieser Arnold einem andern, und werde durch jenen erst ganz aufgeklärt werden. Wie sie ihn eines [ 232 ]Tages mit einem faltigen Socken dasitzen sah, fiel’s ihr ein: Herr Dietrich, ihr Geschichtslehrer! Herr Dietrich, der schüchtern und ironisch gewesen war, und mit ihnen wie mit erwachsenen Damen gesprochen hatte. Der Mutter und Geschwister unterhielt, und dessen Leben liebreich dahinfließen mußte, voll sanfter, gütiger, edler Gedanken. Dann aber war ihm ein gelber Strumpf über den schwarzen Schuh gerutscht; er hatte mit der dicken Jenny kokettiert; und hatte Lola das Haar wieder weggenommen, das sie ihm aus dem Ärmel gezupft hatte. „So etwas tut man nicht!“ und „gib’s her!“ hatte er gesagt … Die Lust überkam sie, Arnold in das entlarvte Gesicht zu lachen. Ob er nicht der dicken Köchin im geheimen begehrliche Blicke nachwarf? Der Strumpf rutschte ihm nun auch. Und er vertrat keinen guten Geschmack, dieser Strumpf. Arnolds Anzug war manchmal schlechthin der des Herrn Dietrich. Andere Male war er zu sehr das Gegenteil. Er übertrieb und verweichlichte dann die Mode, in der Art italienischer Stutzer. Pardi war maßvoll dagegen; auch brachte er es nicht fertig, einen Lodenkragen dazu anzuziehen. Arnold kleidete sich ungleich, wie jemand, der nicht weiß, was er aus sich machen soll, in welcher Gestalt er sich zeigen und für wen er selbst sich halten soll. Lola erinnerte sich all der Widersprüche in seinen Gesprächen; — und sie bemerkte, daß sie, mochte er ihr auch alles in sich enthüllt haben, doch kein fertiges Bild von ihm habe. Wenn er ihr das Nächste eröffnet hatte, war ihr das vorige schon nicht mehr gegenwärtig, nicht mehr recht begreiflich: — wie es [ 233 ]mit unseren eigenen Erlebnissen geht. Sie dachte: „In ihm fließt alles durcheinander, wie sonst nur in mir selbst. Von den anderen Menschen hat man doch immer einen kurzen, klaren Abriß.“

Sie versuchte ihn abzutun: „Er ist widerlich kompliziert. Er kennt keine unmittelbare Regung. Niemals könnte er lieben.“

Bei Pardi wußte man wenigstens, was vorging: die einfachsten Triebe wirkten, das Leben war frischer, ursprünglicher. Man gab sich nicht von seinen Stimmungen Rechenschaft, und nicht von denen der Landschaft, durch die man ging: man bewunderte darauf los, man hörte mit grundlosem Lachen Komplimente an, die aufs Geratewohl gemacht wurden. Man trat in die Bauernhäuser, war mitteilsam, furchtlos und menschenfreundlich. Man grübelte nicht über Almosen. „Wie sehr sehnte ich mich in meiner schlimmsten Verlassenheit, unlängst auf dem Meer, nach dem Gefühl menschlicher Gemeinschaft, nach einfacher Liebe zu Menschen!“ Hier war das Wohlwollen, das aus Stärke hervorging; waren entschlossene männliche Meinungen, die aus der Frau keine große Frage und nicht viel Federlesen mit ihr machten. Manchmal ließ man sich das gern gefallen, auch wenn man widersprach. Man brauchte sich selbst nicht gar wichtig zu nehmen und hatte es leichter. Warum nicht in diesem warmen Lebensstrom dahintreiben?

Und doch störte es sie in Pardis Gesellschaft, daß sie einen Selteneren, Wertvolleren in der Nähe wußte. Sie wehrte sich. „Ich bin doch jung.“ Und [ 234 ]sie empörte sich gegen Arnold, als hätte er sie an ihrer Jugend, an den Rechten ihrer zwanzig Jahre kürzen wollen.
 

Wenn sie jetzt sang, ward unterm Fenster schallend mitgepfiffen; dann erschien im hellen Rahmen Pardis Kopf; Pardi arbeitete sich herauf, schwang sich lautlos ins Zimmer, störte mit keiner Regung mehr die Sängerin, die, in Tönen befangen, das alles nur wie fernes Schattenspiel geahnt hatte; — und nun sie endete, brach er in stürmisch überzeugten Beifall aus. Seine Begeisterung hatte Herzensklang; naiv gab er sich der Lust hin, die ihr Gesang ihm erregte; und keinen Augenblick war er im Zweifel, daß aller Welt gefallen werde, was ihm gefiel.

„Sie werden Glück haben, ich fühle das!“

Aus der Fülle seines Glaubens an sich selbst gab er Lola ab. Ihre Zukunft zeigte sich auf einmal besonnt. „Was will ich denn? Alles geht doch herrlich! Wie konnte ich mir neulich einbilden lassen, die Stimme sei in den Hals gerutscht und tremoliere?“ Denn sie hatte das Gefühl, daß diese Ängste ihr nur von Arnold eingegeben seien. Auch Mai hatte es.

„Siehst du jetzt, daß du eine große Sängerin bist? Als jener Deutsche wie ein Stock dabeistand, mußte er dich natürlich entmutigen!“

Pardi schlug die Noten um; er flüsterte ihr, über sie gebeugt, in den Nacken; und Mai bekam, in seinen Atem gehüllt, starr lächelnde Augen. Auch in ihrem [ 235 ]Zimmer sah Lola sie abwesend lächeln. Mai hatte etwas Erweichtes und Verwirrtes, seufzte oft und warf die Augen, wie zum Sprechen, auf Lola. Doch schwieg sie, unter Nöten.

„Ist das Fältchen am Auge jetzt wirklich fort?“ fragte sie nach stundenlangen Bemühungen vor dem Spiegel. „Kann niemand sehen, daß es einmal da war?“

„Überhaupt bist du wieder in einer Zeit, Mai, wo du alle Tage jünger wirst.“

Ein neuer Anbeter: und Mai verjüngte sich. Wieder kam sie im Hemd, zum Gutenachtkuß, an Lolas Bett, Vertraulichkeiten auszutauschen, als ältere Schwester.

„Ich glaube, Pardi liebt mich. Hast du nicht auch den Eindruck? Gestern den ganzen Abend hat er sich mit mir unterhalten: die Anderen barsten; und heute, wie er mich in der Hängematte schaukelte, hat er mir Dinge gesagt…“

„Er sagt allen Dinge, Mai.“

„Mich aber liebt er: das ist ein Unterschied.“

„Wie so einer liebt! Du bist kindlich, Mai! Kannst du dir nicht denken, daß er im Dorf schon ein Verhältnis hat?“

„Wer sagt das?“

„Nein, erschrick nicht; ich weiß nichts. Das aber mußt wohl auch du sehen, daß er den anderen drei Frauen hier nicht weniger den Hof macht als dir.“

Mai stutzte und lächelte frohlockend:

„Ach so! Du bist eifersüchtig auf mich?“

Aber da sie Lola erröten sah, warf sie ihr die Arme um den Leib, und ihre Stimme feuchtete sich. [ 236 ]

„Du liebst ihn! Ich will nicht deinem Glück im Wege sein! Ich opfere mich!“

Lola machte sich zornig los.

„Darum handelt sich’s nicht, Mai. Hast du nicht bemerkt, daß er den ganzen Nachmittag mit seiner Cousine fort war? Sie sind bei der Heuernte gewesen; sie haben im Heu gesessen und, was weiß ich: Bier getrunken.“

„Das ist schrecklich!“ — und Mai stampfte auf. „Er wird erfahren, daß man mich nicht zum Besten hält!“

„Sei kein Kind, Mai! Die Baronesse Thekla ist vernünftig genug, und sie weiß, daß er der Marie halbnackt Modell steht und mit der kleinen Tini —“

„Halbnackt!“

Mais Aufschrei erbarmte Lola. Sie trocknete ihr die Tränen, herzte und tröstete sie.

„Den Eindruck habe ich zwar doch, daß du, Mai, ihm am meisten gefällst von uns allen. Ihr versteht euch am besten, weißt du.“

„Nicht wahr?“ — und Mai ließ sich zu Bett bringen.

„Möchtest du denn Kontessa Pardi werden, Mai? Die Frau von Cesare Augusto Pardi? Welch stolzer Name!“

„Wer weiß … Vielleicht. Aber nur, wenn du es nicht möchtest.“

„Ausgeschlossen, Mai. Ich könnte ihn niemals lieben.“

Warum lieben? Lola überlegte es oft: was gab [ 237 ]es Persönliches an Pardi zu lieben? „Mit diesem Typus bin ich doch wohl glücklich fertig. Alle waren so, Da Silva und die früheren. Und da ich jene losgeworden bin und auch Da Silva entbehren kann —.“ In manchen Augenblicken und besonders einmal, als Pardi gelaufen kam: gierig wie ein Tier, ganz auf das Ziel zusammengezogen war er dahergelaufen: da hatte sie geglaubt, Da Silva zu sehen. Sie führte absichtlich dieselben Gespräche mit Pardi wie mit Da Silva, und wußte seine Antworten voraus. Daß er von „Emanzipation“ schon gehört hatte, wunderte sie … Nur stand hier der Typus auf der Höhe des Lebens, war gereist und vollendet: aber nicht gesättigt. Immer noch waren seine Äußerungen auf eine Art, die Lola merkwürdig stark zum Kampf reizte, aus Abenteurerhaftem und Philisterei gemischt.

Gleichviel: Lola hätte es nicht rühmlich gefunden, in den sich zu verlieben, dem links und rechts die Frauen zufallen mußten, der über alle die gleiche, beschämend sinnliche Macht erlangte. Sie spürte eifersüchtiges Unbehagen, wenn sie eine der anderen bei Pardi glänzendere Augen und schmachtendes Wesen bekommen sah; — und gleichzeitig schämte sie sich.

Der Italiener erhielt fortwährend alle in Bewegung. Während die eine noch mit verträumten Wangen umherging, triumphierte schon eine andere; und die dritte, die zurückkehrte, ward mit Unruhe gemustert. Mai schmollte halbe Tage, lachte dann wieder alle aus, und am Abend hatte sie eine Tränenkrise. Die Baronesse Thekla fluchte auf bayrisch und kam [ 238 ]wenig mehr nach Haus. Frau Gugigl nötigte Tini, mit ihr, nach ihren Einfällen und von der Mode unabhängig, Hüte aufzuputzen. Sie trug den Zopf als Fladen an die linke Schläfe gedrückt und entlieh von den Bäuerinnen die dicken Goldlitzen aus dem großmütterlichen Hochzeitsstaat, um sich Pardi in künstlerischen Gewändern vorzuführen. Über Mais und Lolas Abhängigkeit von Paris gönnte sie sich jetzt spitze Bemerkungen. Saßen alle in der Stube, enthüllte sich hier und da, kurz und halblaut, eine Feindseligkeit. Mai wollte die Läden fast geschlossen, die Baroneß Thekla alles weit offen, und beide erbitterten sich gegen Tini, weil ihr jedes Licht recht war. Frau Gugigl verlangte ungewohnte Rücksichten von Lola, die nicht verheiratet sei. Männerschritte wurden hörbar: und sogleich lief ein künstlich angeregtes Lachen um. Dann waren’s nur Gugigl und Gwinner, und sie wurden mit Geringschätzung empfangen.

Sie rächten sich, nun er nicht dabei war, an dem, der sie verdrängte und kleinlaut machte.

„Wo is denn der Katzlmacher?“ fragte zuerst Gugigl, und bat mit gutmütigem Grinsen der Baroneß Thekla die Kränkung ihres Vetters ab. Sie hatte nichts dagegen, der anderen wegen, die es in ihren Gefühlen verletzte. Und jede lachte mit: weil sie den übrigen einen Stich gönnte, und auch, um sich gegen Pardi zu waffnen. Wie Gugigl doch komisch war! „Der galante Ratzifatzi“, verkündete er und krümmte sich wie eine betrunkene Schlange und das Gesicht von Süßigkeit ganz verrenkt, um die Damen her. Ja, so [ 239 ]war Pardi eigentlich! Gwinner legte, den runden Kopf vorsichtig zwischen den hohen Schultern, Eier um sie her, die Witze waren. Er sagte:

„Alles gleicht sich aus. Wenn ich solchen übermenschlichen Schick sehe, denke ich immer an Löcher im Hemd.“

Er wiederholte dies häufig, gab Rätsel auf, deren Lösung „ein Loch im Hemd Pardis“ war, beteuerte jede seiner Behauptungen „bei den Löchern im Hemd des Pardi“. In Pardis Gegenwart umschrieb er: „Bei den Löchern, Sie wissen schon in wessen Hemd.“ Die Damen kicherten verlegen; Pardi, der umsonst aufhorchte, lachte mit, ein Lachen, das sie rührte, und bei dem sie ihm, wie um Verzeihung, zunickten. Er stutzte, ward plötzlich ernst. Das nächste Mal, als er die rätselhaften Laute fallen und die Mienen wieder so verdächtig mitleidig sah, schlug sein bezauberndes Lächeln unvermittelt in eine breite, katzenhafte Drohung um. Die Damen erschraken, Gwinner machte eine kleine demütige Verbeugung. Aber Gugigl, der soeben seinen Maßkrug geleert hatte, richtete sich kühn auf, strich mit der Hand über den feuchten Bart und blickte gefaßt und kundig umher, als sei er er bereit, Hand anzulegen, wo es fehlte: ein Faß Bier anzuzapfen oder einem Huhn den Kopf umzudrehen.

„Was is denn?“ fragte er, inmitten der Stille, mit hoher Trompetenstimme. „Hier hat doch überhaupt gar niemand Löcher im Hemd.“

Pardi faßte jetzt ihn ins Auge. Gugigl schmetterte prahlerisch: [ 240 ]

„Und Katzlmacher gibt’s hier auch keinen!“

„Sie meinen?“ fragte Pardi. „Was, bitte?“

Seine Cousine schlug auf den Tisch. Ihre nackten, gebräunten Arme lagen darauf; sie beugte sich weit darüber und sah aus, als erstickte sie: so voll zornigen Vergnügens war sie. Das war eine Hetz! Am End’ ward noch gerauft!

„Dummer Bua, dich meint er!“ schrie sie ihrem Vetter ins Gesicht.

Er verbeugte sich leicht vor ihr. Plötzlich trug er das liebenswürdigste Lächeln, wandte sich an Mai, an Arnold … Gugigl, den er nicht mehr beachtete, nahm große Schlucke. In allzu geräuschvoller Heiterkeit endete das Mittagessen. Wie man aufgestanden war, wurden Gugigl und Pardi vermißt. Tini stürzte herein, die Augen erweitert von banger und wilder Feierlichkeit.

„Sie sind draußen. Sie wollen sich schlagen!“

„Wer? Bist du verrückt?“

„Pardi verlangt es!“

„Himmel!“ machte Frau Gugigl, mit einer kleinen, irren Stimme, die Schultern hinausgezogen und die geschlossene Hand am Mundwinkel. Die Baroneß Thekla warf barsch hin:

„Blöde Mannsbilder, blöde!“

Mai, die nichts begriff, lachte über sie. Aber Lola gewahrte Gwinner, der aus einem unbeteiligten Winkel herschielte. In einer Wallung von Haß, die sie selbst überraschte, und in dem jähen Drang, zu handeln, sich zu äußern, ging sie auf ihn los.

„Da haben Sie’s! Sind Sie zufrieden? Das [ 241 ]kommt von Ihren unanständigen Witzeleien! So unanständig wie billig! Jemand braucht nur elegant angezogen zu sein —“

Sie erschrak und brach ab. Gwinner hatte sie demütig, blaß feixend angehört; und von den anderen, die Lolas Ausbruch sicher verstanden hatten, legte niemand ihm Gewicht bei, so verstört waren alle. Lola selbst atmete rascher. Ihr fiel ein, daß Frau Gugigl und die Baroneß Thekla zu ihrem Mann und ihrem Vetter hinausmüßten; — und dann trat sie selbst in die Haustür und beobachtete, wie die beiden Frauen, an die Arme der Männer gehängt, auf sie einsprachen.

Da polterte es auf der Brücke zum Schlafzimmer des Barons Utting; der Pferdekopf erschien an der Hausecke; und neben dem Tier ging Arnold. Der Alte ritt hinüber, vor die Öffnung des Baumganges, beugte sich vom Pferd, legte die Hände auf die Schultern der beiden Gegner. Sein großer heller Bart stieg in der Sonne auf und nieder. Die Gesichter blinzelten, mit scharfen Schlagschatten, zu ihm hinauf. Frau Gugigl flatterte, unter den kleinen, bunten Flügelschlägen ihrer weiten Hängeärmel, um die eifrige Gruppe.

Nun schien es dem Alten gelungen, er wandte das Pferd. Lola kehrte ins Zimmer zurück. Gleich nach ihr kam Gugigl, hob die Arme, schnitt Fratzen und krähte darauf los:

„Mir war’s g’nua! Eine Courasch wenn der Katzlmacher hat!“

Der Anblick seines Maßkruges gab ihm Festigkeit. [ 242 ]Er ergriff ihn, stemmte sich auf gespreizte Beine und hob ihn nervig an die Lippen. Die beiden Frauen brachten Pardi herein; er mußte mit Gugigl trinken. Er tat es unter knirschendem Lächeln, richtete an die Damen einige galante Sätze und verschwand wieder. Man war besorgt und unzufrieden.

„Ah! der stört die Gemütlichkeit!“ rief seine Cousine. „Da sicht mer’s, was dees da drunt für Bazi sein!“

„Gehn’s, machen’s doch an Witz!“ — und Gugigl sah aus geröteten Augen erbittert auf Gwinner.

„Wissen Sie, warum er sich mit Ihnen schießen möchte?“ begann Gwinner pünktlich. „Damit auch Ihr Hemd Löcher kriegt!“

Nur Frau Gugigl lachte. Tini fragte tiefernst, mit etwas Starrem im Ton:

„Und Sie, Herr Gwinner? Würden Sie sich schlagen?“

„Ach ja, das ist interessant!“ — und Frau Gugigl hüpfte empor. „Wie stehen wir eigentlich zu der Frage im allgemeinen?“

Gwinner erklärte, er würde solche Sache in zwei Minuten erledigt haben. Für ihn als modernen Menschen sei der Zweikampf ein einfacher Unfug und tief unter seiner Würde; — und er erklärte es in so herausfordernder Sprechweise, als hätte er jedes Wort sogleich mit der Waffe vertreten. Frau Gugigl stimmte begeistert zu. Tini stand ohne Regung; sie sagte langsam, und jede Silbe ward von einer rätselhaften Schwere erschüttert: [ 243 ]

„Das hatte ich von Ihnen nicht anders erwartet.“

Lola wandte sich nach Arnold um.

„Wie denken Sie?“

„Über den Zweikampf? … Ich habe vorhin eingegriffen, um einen zu verhindern … Was mich betrifft: — aus eigenem Drang würde ich mich vielleicht schlagen, nie um der Welt willen. Es muß jemand da sein, der nicht mehr leben darf: dann ja … Aber wer hat so starke Affekte? Vielleicht … Ich weiß nicht, komme ich für das Duell in Betracht? Alles kann eintreten: auch daß ich einen Orden erhalte oder ins Zuchthaus komme. Nur kann ich mir’s nicht vorstellen…“

„Ist er nicht zu komisch?“ fragte Frau Gugigl. Ihr Mann bemerkte:

„Ah! Freunderl! Sie san g’scheit.“

Und Lola schwieg, enttäuscht. Sie hatte sich gewünscht, auch ihn verachten zu dürfen. Nein: er behielt das Recht, ihr Blumen, als Mahnungen, ins Zimmer stellen…
 

Plötzlich stieß Mai einen Schrei aus. Sie hatte begriffen, was vorgegangen war! Nachträglich kam alles in ihr in Wallung. Lola brachte sie hinauf. Wie Lola dann am Fenster stand, sah sie, unvorbereitet, Pardi aus den Büschen treten. Er stand grade unter ihr, ganz nahe: sie unterschied die gesträubten schwarzen Härchen auf der energischen Blässe seines Gesichts und erschauerte, als werde sie von seinen [ 244 ]Wimpern gekitzelt. Flüsternd und eindringlich, mit einer Art herrischen Flehens, verlangte er, daß sie hinunterkomme. Sie sah sich um: Mai hatte nichts gehört; und sie ging, leicht betäubt.

Pardi erwartete sie am selben Fleck. Sie vermieden die Vorderseite des Hauses und erreichten durch eine vorsichtig geöffnete Seitenpforte den lautlosen Wiesenboden.

„Ich danke Ihnen!“ sagte Pardi, leise und stürmisch. „Wie sehr habe ich es in diesem Augenblick nötig, zu jemand zu sprechen, der mich versteht! Ist es zu glauben, daß man hier die Dienstboten mit ,Sie‘ anredet und sogar den Kopf vor ihnen entblößt?“

Lola sah ihn rasch an, — und dann konnte sie ihr Gelächter nicht mehr dämmen. Er war zornig erstaunt.

„Auch Sie? Lachen Sie doch nicht! Sie kennen diese Leute noch nicht. Alles Sozialisten und Schlechterzogene! Man braucht nur ihre Kleidung anzusehen. Die Schuhe und die Nase dieses Gugigl: beide krümmen sich nach oben. Verkommen sind alle, überzeugungslos und feige. Sind das noch Männer, die ihren Frauen diese Sitten gestatten und diesen Ton? Wer stopft hier die Socken? Mulier subiecta viro. Leugnen Sie es nicht! Ich weiß, welche Ideen Ihnen jener Hölzerne, Furchtsame, einzuimpfen trachtet. Aber sehen Sie nur seine Hände an, die immer weich werden und anschwellen…“

Lolas Lachen brach ab.

„Sie sind zu klug: Sie lassen sich nicht [ 245 ]unglücklich machen. Glauben Sie mir: die Frauen hier sind sämtlich unglücklich. Man hat ihnen die Zügel abgenommen, und allein wissen Sie nicht wohin und wie sich wehren … Sie aber, was tun Sie hier? Sie sind doch stärker als alle diese.“

Er ließ ihr den Vortritt auf das Brett über einer sumpfigen Stelle. Aber am Ende des Brettes trat sie in Wasser und wandte sich um. Auch er blieb stehen.

„Sie sind doch stärker!“ wiederholte er und warf sich dabei selbst in die Brust; und durch seinen leichten, engen Leinenärmel hindurch sah sie, daß er die Muskeln anspannte. Feindselig, auf ihrer Hut, führte sie ihren Blick hinauf, bis in seine Augen; — und in den sprachlosen Sekunden, die sie einander musterten, war es ihr auf einmal heftig erleuchtet, nicht mit den Hiesigen und nicht mit Arnold habe sie Zusammenhang … Sie erschrak über den Leichtsinn, mit dem sie zu dieser Begegnung ausgegangen war, und darüber, daß sie noch soeben gelacht hatte.

„Also kehren wir um!“

„Haben Sie Furcht?“

„Wovor denn? Die Wiese ist ungangbar. Vor Ihnen doch nicht? Sie sind ja noch einer von den Rittern.“

„Ein Jäger, sagen Sie! Der Mann ist Jäger.“

Da sie schwieg:

„Ihre Mama spricht davon, nach Italien zu gehen. Sie werden mir hoffentlich bald nachkommen. Denn Sie begreifen, daß ich nach dem Vorgefallenen [ 246 ]nur noch der Form wegen zwei Tage mit der Abreise warte. Wir müssen uns aber wiedersehen!“

„Es wird mich freuen, wenn es sich so macht.“

„Nein! Wir selbst müssen es machen! Ich gehe nach Viareggio; aber ein Telegramm, und ich fahre Ihnen entgegen, wie weit Sie wollen!“

„Ich begreife gar nicht…“

„Sie begreifen vollkommen, daß Sie zu uns gehören. Warum? Warum? Erstens haben Sie eine gute Schneiderin.“

„Das allerdings.“

„Und dann viel Leidenschaft.“

„Das ist nicht wahr!“

„Das Temperament, womit Sie’s leugnen! So viel bringt man hierzulande höchstens auf, wenn man getrunken hat.“

Er neigte den Kopf auf die Schulter.

„Sie sind anbetungswürdig.“

„Sagten Sie nicht, daß Sie Jäger seien? Wirtlich, manchmal sind Sie wie ein Jäger, der sein Wild gerührt bewundert, bevor er es totschießt.“
 

Sie waren bei der Pforte. Lola dachte daran, wie sie ihn los werde, bevor man sie sähe: da verabschiedete er sich; er gehe noch nach dem Walde.

Hinter einem Busch rief Tinis Stimme, und sie klang erstickt:

„Komm her, Lola, ich muß mit dir reden!“ [ 247 ]

„Was ist denn, Tini? Wie hast du dich komisch hingesetzt?“

Tini saß neben einer Bank, fast unter ihr; griff mit ihren langen Armen um das Sitzbrett herum und hielt den Mund in die Arme gepreßt.

„Lola, wie ist nun alles schrecklich!“ jammerte sie und hob nur die Augen auf. „Warum mußten sie in Streit kommen! Jetzt hab’ ich gesehen, daß Gwinner ein Feigling ist.“

Lola ließ sich rasch neben Tini auf die Knie, zog Tini in ihre Arme, hielt ihr den Mund mit ihren Lippen zu.

„Er ist kein Feigling, arme Tini! Wie kannst du nur glauben! Er will keine Gewalttat begehen, weil er sie ungerecht und unschön findet.“

„Du willst mich trösten.“ Aufschluchzend: „Du bist gut. Aber das ist doch klar, daß Pardi ein stärkerer Mann ist. Und dann kann mir die moderne Weltanschauung auch nichts nützen, wenn einer sich nicht schlägt. Denke dir, man wird beleidigt, und er schlägt sich nicht für mich. Schrecklich! Schrecklich!“

Der Schmerz schüttelte Tinis Kopf, und das Weinen verzerrte ihr Gesicht zu einer Kindergrimasse.

„Du hast ihn wohl sehr lieb gehabt, Tini?“

Tini schrak auf, — und plötzlich fiel sie in Zorn.

„Nicht die Spur! Nur mit Reden hat er mir imponiert, gerade wie — na, ich kann’s wohl sagen: gerade wie der Arnold dir!“

Lola ließ Tini los; schnell, ehe sie die Kränkung, die sie fühlte, bedacht hatte: [ 248 ]

„Der taugt doch wohl mehr, Tini.“

„Wieso?“

Beide senkten die Hände bis zur Erde, und, Tini sitzend, Lola auf den Knien, sahen sie einander ganz nahe in die Augen.

„Hat er vor Pardi nicht Reißaus genommen? Meinst du, ich merke nicht, was du durchmachst? … Und ich mit Gwinner! Du weißt noch gar nicht: ich wollte Diakonissin werden, so fromm war ich. Immer hab’ ich mich geschämt, es dir zu sagen. Er aber hat mir Nietzsche zu lesen gegeben und mir soviel Sprüche gemacht, bis ich glücklich ein modernes Weib war. Da hab’ ich nicht mehr gewußt, bin ich in ihn verliebt? Ich fragte dich doch, an was man’s kennt! Und wollte, daß er mich entführen sollte. Er sagte natürlich, es sei nicht modern. Das sagt er immer; damit redet er sich aus allem heraus: gerade wie dein Arnold. So sind sie jetzt. Ich aber bin anders!“

Und Lola sah wieder in die haltlos kreuzenden Augen eines wilden jungen Vogels. Sie wich ein wenig zurück.

„Da kam der Pardi,“ sagte Tini und nickte heftig. „Das ist einer, der täte es. Aber meinst du, daß ich ihn mag? Er macht mir einen so gemeinen Eindruck, Lola! Ich kann dich nicht genug vor ihm warnen!“

„Du bist noch sehr jung, Tini.“

„Aber schon furchtbar verdorben!“

Mit einem großen Ruck:

„Ich muß knien, ich!“

„Du, verdorben?“ — und Lola streckte wieder die [ 249 ]Arme aus. „Durch was denn? Nichts ist geschehen, arme Tini. Mit dir nicht und mit mir nicht…“

Ganz neues, durchdringendes Mitleid fiel Lola an, mit Tini, mit sich: als seien sie beide verschmäht worden; und sie fühlte sich demselben haltlosen Kinderweinen nahe, das vorhin Tini erschüttert hatte. Gern hätte sie Tini wieder an ihrer Brust gehabt; aber Tini machte sich steif, und sie war stärker.

„Was soll denn geschehen?“ fragte sie mit ganz leerem Jungfrauengesicht. „Wir haben doch unsere Gedanken, nicht? Und die sind nun anders und kommen nicht mehr so wieder wie einst … Ich wollte, ich könnte noch Diakonissin werden!“

Und bekennerhaft zurückgeworfen, mit leidenschaftlichem Atem:

„Es ist nicht wahr, daß ich Pardi nicht möchte. Ich hab’ dich gehaßt, und deine Mama auch, und die anderen auch: weil ihr mir ihn wegnehmt!“

„Ich nehme ihn dir nicht weg, Tini.“

„Doch! Gerade du! Paß auf, du wirst im folgen, wenn er fortgeht!“

Wie Lola sie mit Grauen ansah, warf Tini sich über sie.

„Und ich —“ krampfhaft, erstickt: „— werde dir dazu helfen. Du sollst sehen! Denn dich will ich nicht hassen, Lola. Du bist die einzige, die ich wirklich liebe, Lola: du bist mein Ideal … Mit den Männern ist es nichts…“

Durch Tränen befreit, begann sie ein Liebkosen.

„Warum liebst du mich nicht?“ [ 250 ]

„Ich habe dich so lieb wie meine liebste Schwester.“

„Wirklich? Ich dich aber viel mehr! Schwester: was heißt das? … Und warum hast du mir nie ein Wort des Dankes für meine Blumen gesagt?“

„Deine Blumen?“

„Die ich dir fast jeden Tag hingestellt habe.“

„Du hast —. Das warst du?“

„Wer sonst? … Ach! Arnold? Du dachtest? … O! Mach nicht solch Gesicht! Das ist entsetzlich! Ich wollte, ich hätte nichts gesagt. Vielleicht hat auch er welche hingestellt … Bist du mir nun böse?“

Lola faßte sich.

„Es macht gar nichts. Ich dachte wahrhaftig, er sei verliebt in mich; — und wenn man dann merkt, er ist es nicht, ist man blamiert, weißt du.“

Tini hielt Lolas Gesicht zwischen den Handflächen fest und ging mit den Augen darauf los.

„Und du liebst ihn nicht?“

„Nein!“

„Das ist recht: du hast nicht gezuckt … Hab’ ich dir nicht längst gesagt, daß er mir widerwärtig ist? Und auch unheimlich? Das ist nichts für dich, meine Lola. Ich habe jetzt meine Erfahrungen, und wenn du einen Mann willst, nimm schon lieber den Pardi!“

„Ich will mir’s überlegen.“

Lola stand auf. Tini fiel vornüber auf die Hände.

„Au au! Hilf mir auf, Lola! Hast du dir nicht auch die Steine in die Knie gedrückt?“ [ 251 ]

Mit wehmütigem Rückblick auf die Stelle, wo sie gelegen hatten, und aufseufzend:

„Wenigstens hab’ ich Hunger gekriegt.“
 

Auf der Schwelle, wie sie schon wieder die gewohnten Menschen um denselben Tisch sitzen sah, merkte Lola, daß sie am liebsten umgekehrt wäre. Alle Anstrengungen, unbefangen zu scheinen, ermöglichten ihr kaum, höflich zu bleiben; und es ward ihr zur Qual, beim Sprechen den Leuten ins Gesicht zu sehen. Zum Glück war die Verstimmung allgemein. Jeder nahm sich sichtlich zusammen, um nicht auszubrechen gegen jeden. Mai sagte plötzlich etwas Unliebsames zu Arnold. Pardi legte sich geschmeidig ins Mittel: er war der einzige, der sich nichts anmerken ließ; und Lola war ihm dankbar dafür, daß er sich in der Gewalt hatte. Wenn er sie anredete, atmete sie auf.

Er unterhielt die Gesellschaft von Monte Carlo, erklärte ihnen sein System, glitt allmählich von den anderen ab und trachtete nur noch Lola zu überzeugen. Überrascht, da sie zurückblieb:

„Sie haben nie gespielt?“

„Ich traue mir kein Glück zu.“

„Das müssen Sie: sonst verlieren Sie.“

„Drum habe ich nie auch nur das einfachste Kartenspiel gelernt.“

„Ich zeige Ihnen eins. Wollen Sie? Sie werden gewinnen!“

Sie richteten sich im Winkel ein. Aber die Regeln [ 252 ]des Whist machten Lola hoffnungslose Langeweile; sie mußte dazwischen nach Gwinner hinhören, der wieder einmal Schriftzüge und Handflächen deutete. Tini hielt ihm ihre hin und machte sich dabei, weit von ihm weggebeugt, ganz steif.

„Bei mir muß sich manches gründlich verändert haben,“ sagte sie fast ausdruckslos, vielleicht mit leiser Trauer und entferntem Hohn.

Er stotterte, fand nichts zu sagen; und von der Hand aufzusehen, wagte er auch nicht.

„Doch, ich weiß eins,“ entdeckte Lola plötzlich. „Ein sehr altes, ganz einfaches: als Kind lernte ich es von meiner Großmutter, drüben auf der Großen Insel. Lassen Sie mich’s wiedersucheu!“

Sie warf die Karten durcheinander, teilte sie neu aus, probierte, dachte nach … Ihr war, als zöge sie ein Stück Kindheit wieder an sich, abhanden gekommenes Glück und verlernte Zuversicht. Ein etwas mißgelauntes altes Gesicht unter einer Faltenhaube erschien ihr. Erregt lachte sie vor sich hin. „Damals gewann ich immer! Alle Orangen gewann ich Großmama ab. O, in diesem Spiel werde ich auch heute noch gewinnen!“

„So, also so: passen Sie auf! … Sie haben begriffen? Einen Pfennig die Partie.“

Pardi lachte, erklärte das Spiel für sehr schwierig und verlor. Er verlor mehrmals.

„Ich bin unglücklich, solange das Glück keinen Gegenstand hat. Haben Sie etwas dagegen, daß wir diesem Pfennig den Wert einer Million beilegen?“ [ 253 ]

Lola erschrak.

„Aber — das ist etwas ganz anderes. Und ich habe nicht so viel Geld.“

Pardi wollte sich ausschütten.

„Was denken Sie! Wenn das Spiel aus ist, wird der Pfennig wieder zum Pfennig und verpflichtet zu nichts.“

„Also gut.“

Sie schämte sich ihrer Furcht. Lachend verlor sie die erste Partie, lachend die zweite.

„Drei Millionen!“ sagte Pardi nach der dritten und sah sie, beim Geben, von unten an. Sie stutzte. Seine Stimme klang ihr weicher und gefährlicher als sonst. Unter dem Überfall eines kindischen Entsetzens glaubte sie seinen Mund teuflisch verzogen zu sehen.

Sie verlor weiter. Betäubt ließ sie’s geschehen und sah zu, wie seine allzu geschickten, weißen und starken Hände mit Karten hantierten, das Kettchen am Gelenk erklirren ließen, auf ein Papier ungeheure Zahlen setzten, die sie verloren hatte…

„Sind wir nicht Kinder?“

„Ja — aber ich habe genug, ich bin müde.“

„Also sieben Millionen: merken Sie sich’s. Vielleicht, daß ich später meine Forderung einziehe.“

Sie versuchte, noch im Weggehen, zu lachen. Aber in ihrem Zimmer schloß sie die Läden, kämmte sich langsam und mochte noch lange das Licht nicht löschen.

„Wenn es nicht das alte Kinderspiel gewesen wäre, in dem ich immer gewonnen hatte!“

Aber erklärte dies wirklich ihr Grauen vor dem [ 254 ]Scherz, der ihr eine Schuld an Pardi auferlegte: eine untilgbare, lebenslängliche?
 

Aus unruhigen Morgenträumen fuhr sie auf, unzufrieden, weil es schon so spät war. Vor Tag, erinnerte sie sich, war sie schon einmal aufgestanden, hatte das Fenster geöffnet und sich versprochen, in der stillsten Frühe in den Tau hinauszuwandern. Welche Erfrischung ihr das bringen sollte! Nun lasteten Sonne und Leben schon wieder schwer. Um nicht mit Pardi zusammenzutreffen, verzichtete sie auf das Frühstück, ging gleich ins Freie und war froh, den Gugigls mit Tini und Gwinner zu begegnen, sich in den Haufen bergen zu können. Auch Arnold war dabei, und wie die andern unter sich beschäftigt waren, begann er schon:

„Sie sind dieser Tage in Unruhe…“

Und das klang, als ob er Aufklärung, Ordnung für alles wisse; und Lola hielt sich schon vor, mit welchem Recht sie ihn verachten wolle, ihn abgetan glaube. Die Blumen? Wann hatte er vorgegeben, ihr zu huldigen?

Da kam aber Frau Gugigl dazwischen. Etwas Wichtiges war im Gange. Gugigl keuchte unter einem Sack: darin waren leere Farbentuben, deren Blei er einschmelzen wollte. Den Kessel trug Gwinner. Er stellte ihn auf den Grashügel. Tini und Frau Gugigl liefen nach Reisig. Gugigl leerte, unter Kommandorufen an die Helfer, den Sack in den Kessel, [ 255 ]beaufsichtigte, entschlossenen Blickes, den Vorgang des Schmelzens, rührte in dem Brei, entfaltete, indes ihm die Frauen achtungsvoll zusahen, eine ernste und gespannte Tätigkeit.

„Einen Klump gibt’s, einen großartigen!“ verhieß er, heimlich fiebernd.

Gwinner fragte ihn wohlwollend und nicht besonders sachlich, wie einen talentvollen Knaben:

„Und wozu brauchen Sie eigentlich den Klumpen?“

Gugigl wandte sich rasch und kühn nach ihm um.

„No — damit i halt an Klump hab’!“

Der Kübel Wasser, den er verlangt hatte, ward von zwei Mägden herbeigeschleppt. Gugigl setzte ihn auf den Rand des Kessels. Alle reckten im Kreise die Hälse.

„Jetzt abkühlen!“ — und er stülpte den Kübel um.

Im nächsten Augenblick taumelte Lola, die Augen zugedrückt, mit Tini zusammen. Es hatte furchtbar geknallt, und noch immer flogen Bleistücke umher. Mit Grauen kam man näher. Gugigl stand sprachlos da und zupfte sich das Metall aus den Kleidern. Sein erstes Wort war:

„O damisch!“

Und das Gwinners:

„Hat zufällig einer der Herrschaften noch seine beiden Augen?“

Dann brach große Heiterkeit an; — und Lola war glücklich über alles: daß es Menschen gab, die solchen Unsinn betrieben; daß man lachen konnte, und [ 256 ]daß man in Gefahr war; daß etwas geschah und nicht in ihrem Innern geschah…
 

Gegen Abend wollte sie, um auszugehen, wie immer, durch die Stube. Noch rechtzeitig sah sie durch den Spalt und schrak zurück: da stand er. Wartete er? Langweilte er sich einfach? Er nahm eine Zeitung, warf sie wieder hin, ging zum Fenster und zurück, mit den Augen auf der Tür, hinter der Lola ihn belauschte. Einen Moment fürchtete sie, er bemerke sie: so wach war sein Blick. Er wendete sich, streckte elegant die Büste, tat keine Bewegung, der nicht eine Gesellschaft hätte zusehen dürfen. Lola dachte an Arnold, damals, wie sie ihn mit sich selbst belauscht hatte. Pardi — sie erkannte es mit einer Art Grauen — war nicht allein: war offenbar nie allein; war immer in Gegenwart seiner Menschen, seiner — Opfer, mußte sie denken; war immer sprungbereit. Keinen Augenblick vergaß er einen, und immer mußte man vor ihm auf der Hut sein … Vorsichtig ging sie von außen um die Stube herum.

Von einem hohen Acker vor der Sonne, auf dem Heu gebunden ward, rief ihr jemand nach, und wie sie noch umsonst hinaufblinzelte, lief die Baroneß Thekla ihr entgegen. Droben kreischten die Dirnen; eine schrie hinter der Laufenden her:

„So eine reine Jungfrau als wie du!“

„Ich schwatze mit ihnen über ihre Liebesgeschichten und stelle mich naiv,“ sagte die Baroneß Thekla zu [ 257 ]Lola. „Dabei haben sie keine Ahnung, was ich durchgemacht habe.“ Und sie begann von einem Leutnant … Vielleicht hatten die Ereignisse, hatte die wühlerische Stimmung des Hauses sie in Fluß gebracht. Vielleicht trieb es sie, Lola vorzuführen, daß es ihr mit Pardi nicht Ernst sei und sein Verschwinden an ihr nichts ändern werde. Ausführlich klagte sie. Der Leutnant war zart und fein; auf einem Hofball hatten sie sich kennen gelernt. Er konnte Schnadahüpfln singen. Aber er hatte kein Geld, und um sie zu trennen, war er in die Provinz versetzt worden. Die Baroneß Thekla mochte keinen andern, sie haßte die Gesellschaft und wäre lieber eine Bauernmagd gewesen.

Lola hörte dem zu und verachtete es. Sie verachtete die Trägerin dieser landläufigen, billigen Schmerzen, und aus der Ferne beneidete sie sie auch. Lieben, nicht glücklich werden dürfen und sich trösten, wie es geht: damit war man in der Ordnung und hatte es leicht. Aber zu einem Manne hingezogen sein und ihn dabei höhnisch durchschauen! Aber seinem Gegner sich so nahe fühlen als ihm! Aber nie wissen, ob man für die Liebe gemacht ist, die doch bereit wäre, in einem aufzustehen! Sich selbst nicht trauen dürfen! Geteilt sein! Nirgends ganz zu Hause, seines Eigensten nicht habhaft, fragwürdig und der Antwort auf immer unmächtig!
 

So ward es Abend. „Glücklich der letzte Abend: und morgen ist er fort, und ich werde aufatmen.“ [ 258 ]Lola war lauter als sonst, weil sie Befangenheit verbarg. Im Lauf des Pfänderspiels zog sie den Stuhl weg, auf den Gwinner sich eben setzte, hob Gwinner mit erschrecktem Gelächter vom Boden auf und lachte, indes er vor verwundeter Eitelkeit knirschte, haltlos weiter.

Dann sollte sie draußen ihre Aufgabe erwarten. Sie stand auf der Veranda, vor dem Dunkel, das sternenlos und schwül war; — und wie drinnen die Beratung ein wenig lange währte, näherte sich ihr die Versuchung, da hinaus zu wandern, plötzlich alles abzuschütteln. Sie dachte daran nur wie an eine bezaubernde Unmöglichkeit, eine Entführung durch den Widderwagen, den, schlimmer Werbungen müde, Prinzessin Eselshaut besteigt. Nur im Spiel ging sie die Stufen hinunter, tastete einige Schritte durch den Garten … Sie lauschte rückwärts: Stille; — und lächelnd über ihre unsinnige Tat und immer noch als sei’s nur Probe und ohne Belang, stieß sie die Pforte auf, machte ein Stück der Straße, die sie nicht sah … Nochmals blieb sie stehen; ihr war’s, sie werde gerufen; — und da lief sie geradeaus, stürzte sich in das Dunkel, das so unwiderstehlich lockte mit seiner großen Freiheit und Unempfindlichkeit.

„Sollen sie denken, was sie mögen! Für heute bin ich alles los!“

Aber das Dunkel regte sich. Wie es zirpte und duftete! Welche lauen, schwarzen Wellen einen umspülten! „Warum habe ich nicht alle vorigen Nächte solchen Spaziergang gemacht? Nie ist man wacher und nimmt freier auf als wenn man allein ist. Ich [ 259 ]will keine Menschen …“ Sie hielt eine Weile an, um einen einzelnen Glockenschlag zu genießen. Langsam, berauschend erfüllte er ihr den Kopf. „Wenn ich die ganze Nacht wandern würde, wo mich wohl die Sonne träfe? Seltsam, nichts erkenne ich wieder. Bin ich auf einen unbekannten Weg geraten?“ Eine riesige Mannesgestalt stand vor ihr auf. Mit dem nächsten Blick und noch zitternd unterschied sie einen Heuhaufen. Häufiger blieb sie stehen und lauschte auf etwas Unbekanntes. Wenn nun Schritte kamen? Jemand konnte ihr nacheilen. Nur natürlich war’s, wenn man sie suchte. „Wer wird es sein?“ Und plötzlich: „Wer jetzt zu mir stößt, der ist es!“

Vor einem Walde zögerte sie lange. Dort innen ward ihr armer Weg vollends erstickt. Jene regungslose Finsternis mußte einem den Atem nehmen! Man fand nicht mehr heraus! Aber der Wald war unerbittlich: er zog Lola an sich, legte Arme um sie … Da, rasche Schritte: rasche und starke Schritte, quer übers Feld. Und einer kam auf sie zu, das Dunkel durchbrechend.

„Fräulein Lola?“

Pardi, selbstverständlich. „Der andere wird sich doch nicht aufraffen. Ich konnte voraus wissen, wer von ihnen zu mir stoßen würde. Das bedeutet natürlich nichts. Was für eine dumme Wette das war!“

Er war da.

„Fräulein Lola —“

Er gab ihr, hier zuerst, ihren Namen. Sie griff sofort ein. [ 260 ]

„Sie haben es so eilig? Was gibt’s denn?“

„Alle suchen Sie! Die anderen sind nach den übrigen Richtungen.“

„Suchen mich? Ich begreife nicht, was man will. Wie oft bin ich des Abends auf einige Minuten allein hinausgegangen.“

„Einige Minuten! Eine Stunde sind Sie fort, und niemand weiß, was Ihnen zugestoßen ist.“

„So hat mir’s heute mehr Spaß gemacht als sonst. Und zustoßen? Was denn? Die Gegend ist sehr friedlich. Überdies kenne ich jedes Haus am Wege. Warten Sie: wenn wir durch den Wald sind, kommt links ein Holzhaufen und dann ein Weg und ein Kruzifix.“

Entschlossen betrat sie den Wald.

„Auf diesem Baumstumpf habe ich oft genug gesessen. Die Form dort hinter den Zweigen ist eine Holzfällerhütte. In dieser Zeit übernachtet meist jemand darin …“ Alles sehr sicher und umsichtig. Sie ging, die Arme auf den Rücken verschränkt, dahin, indes Pardi stolperte, sich nicht zurecht fand, auf nichts vorbereitet war. Und so oft er ihr mit einem Wort näher zu kommen drohte:

„Achten Sie auf den Weg!“

Sie selbst war sich bewußt, einen höchst gewagten zu gehen, fast schon durch leere Luft; — und in Gegenwart der wirklichen Gefahr sah sie keine Phantome mehr, hatte den Traum abgeschüttelt, das Spiel weggeworfen und beaufsichtigte mit trockenem Mißtrauen, was geschah. [ 261 ]

„Der Wald ist noch lang. Sie kennen ihn nicht, er ermüdet Sie. Ich habe die Absicht, bis ans nächste Dorf zu gehen: kehren Sie um, ich werde es nicht übelnehmen.“

In völliger Finsternis standen sie sich gegenüber; aber Lola klopfte das Herz vor bangem Stolz, weil sie ihn in dieser Minute so sehr unterlegen wußte, daß er zögerte und ihren Vorschlag vielleicht annahm … Plötzlich sah sie sein Gesicht aufschimmern. Beide wandten sich: ein Licht schwankte um die Bäume, Stimmen und Schritte waren unvermittelt da, eine rote Lache lief über den Weg herbei, und große, dumpfe Schatten kamen mit.

„Hinter mich!“ raunte Pardi und faßte Lolas Arm. Sie hatte Furcht; und ihre plötzliche Einschüchterung und ihr Schutzbedürfnis genoß sie lautlos, wie ein schimpfliches Glücksgefühl.

Die Kommenden wurden kenntlich. Ein Greis hielt einen Mann aufrecht, der ein blasses, wütendes Gesicht und Blut unter den Haaren und am Hemd hatte. Eine Frau trug die Laterne und zog ein Kind nach. Da, ehe der Alte zugriff, war der Mann gegen einen Baum getaumelt und stöhnte auf. Pardi trat an sie hinan. Lola ward sich bewußt, außer Gefahr und in Menschennähe zu sein; und sie zitterte ganz vom Nachlassen der Spannung, worin dieser Gang zu zweien und im Finstern sie erhalten hatte.

Sie mußte hin und die Erklärungen der Leute zu verstehen trachten. Der Bauer sollte mit seinen Messerstichen zum Arzt geschafft werden. Seine [ 262 ]Betrunkenheit erschwerte das Vorwärtskommen nicht weniger als seine Verletzungen. Der Alte war erschöpft … Pardi machte seine Handbewegung, zog das Jackett aus, warf es der Frau zu, — und mit einem Ruck hatte er den Mann auf den Schultern.

„Vorwärts!“ Und munter, ohne Keuchen: „Gnädiges Fräulein, Sie können mir glauben, daß es mir lieber gewesen wäre, den Rückweg allein mit Ihnen zu machen — und im Dunkeln.“

„Wirklich? Aber Sie machen so eine viel bessere Figur!“

Sie fand es selbstverständlich, was er tat, mit solcher Leichtigkeit tat er’s, — und doch sehr schön. Die schweißigen Ärmel des betrunkenen Raufboldes engten ihm den Hals ein, verdarben ihm die Weste; die großen schwarzen Hände fuhren ihm übers Gesicht; die steifen Knochen des Bauern rutschten, Pardi mußte sie überall anpacken, stützen, mußte machen, daß sie mit seinen geschmeidigen Bewegungen mitglitten. Lola lachte auf.

„Sie erinnern an einen Tiger, der den Bacchus trägt!“

Er antwortete fröhlich:

„Ich will die Frau Gugigl bitten, uns zu malen.“

Und sie bewunderte ihn vollends. O, er konnte auch Lachen vertragen: er fühlte sich viel zu sehr in Tätigkeit und Kraft. Menschliche Schmerzen, menschlicher Schmutz ekelten ihn nicht; er scheute nicht das feste Anpacken menschlicher Körper. Er war selbst ein ganzer Mensch. Der andere war keiner. Sie stellte [ 263 ]sich vor, wie der sich hier benommen haben würde. „Ja: den darf ich wirklich verachten!“ Dieser aber war stark, eigentlich war nichts gegen ihn zu machen. Mit einer Art von Begeisterung erkannte sie es an. Sie sagte zu den Leuten, daß sie froh sein könnten, diesen Herrn getroffen zu haben.

„Wollen Sie denn nicht ausruhen?“ fragte sie ihn. Er brachte ein Nein hervor, das sie wieder bewunderte. Dazwischen drang die Erkenntnis durch, wie gefährlich ihr zu Sinn sei. Sie wollte glauben: „Er setzt sich in Szene.“ Aber er führte nur vor, was ihm stand. Übrigens galt es gleich. Die dunkle Masse des Dorfes wuchs schon heran. Jetzt war noch das Wiedersehen mit den andern zu überstehen, die Erklärungen des Abenteuers, die öffentlichen Belobungen für Pardi, — und morgen, Gott sei Dank, war’s ohnehin aus. „Wenn ich aufwache, ist er fort.“
 

Sie wachte auf, erinnerte sich und erschrak. Nun war er also fort. „Während ich geschlafen habe.“ Fast war’s, als sei sie eingeschlafen, indes jemand starb, und nun war er tot. Er war fort und so gut wie tot. Und sie fühlte sich beklommen und unheimlich, wie nach einem Sterbefall, hatte keine Lust aufzustehen und die Zimmer und die Wege wiederzusehen, in denen es jetzt verlassen und gedrückt zugehen mußte.

Sie trat sogleich ins Freie, sie mochte niemand treffen, von niemand bestätigt hören, daß er fort sei. Vielleicht war er noch da? Es war schwer zu glauben, [ 264 ]daß dies so rasch und glatt verlaufen sollte. „Kaum, daß wir uns noch die Hand gedrückt haben. O, er war sehr aufrichtig, als er, erregt und halblaut, noch einmal in mich drang, ihm zu schreiben, sobald ich nach Italien käme. Ich bin überzeugt, er führe mir entgegen. Aber wird denn etwas aus solchen Vorsätzen? Immer kommt anderes dazwischen, gleitet einem auch wieder unter den Händen weg, und nichts bleibt übrig von all den unterbrochenen Freundschaften als Bitterkeit. Immer vergeblicher erscheint mir alles. Ist mir denn kein anderes Leben erreichbar als dieses Reiseleben?“

Sie sann auch: „Was wäre gestern daraus geworden, wenn nicht der verwundete Bauer dazwischengekommen wäre?“ Aber sie brach ab. „Da er dazwischen kam, mußte es wohl sein und ist es wohl besser.“

Bei Tisch trank Gugigl ihr zu.

„Gelt? Jetzt sind wir wieder unter uns. Diese Welschen sind ganz ein hübscher Menschenschlag, aber trauen derf man keinem, und keine Gemütlichkeit ham’s.“

Selbst der alte Utting gab zu, daß ihm bei Pardi niemals recht warm geworden sei. Alle verstanden sie sich! Ganz aufgeräumt waren sie jetzt! Lola trennte sich in ihrem Sinn von Ihnen mit Heftigkeit, rechnete sich ganz dem Abwesenden zu, verachtete in seinem Namen diese alle. Wie er sich über die täppischen Bewegungen der Männer lustig gemacht haben mußte, er, der ein Fechter war! Und über die Frauen in ihrem selbst erdichteten Plunder! Lola verglich sich [ 265 ]angstvoll mit ihnen: ob gar keine Ähnlichkeit da sei. Nein: dies war eine andere Rasse von Frauen, mit schmalen Schultern und breiten Hüften; und damit sie noch breiter würden, trugen sie riesige Gürtel. „Doch! Den schlechten Haaransatz habe ich von ihnen.“ Und sie beugte sich, unter der Scham, über ihren Teller.

„Künstlerisch!“ hörte sie Frau Gugigl sagen; und dann war von dem Kitschgeschmack der Italiener die Rede. Lola fuhr auf. Ihr sei etwas eingefallen; und sie bat Gugigl, ihr ein Fenster der Münchner Frauenkirche genau aufzuzeichnen.

„So aus dem Kopf? Ja, das kann man doch nicht. Wie schauens denn aus, die Fenster?“

Seine Frau dachte nach, die andern dachten nach.

„Das kann überhaupt kein Mensch!“

Lola lächelte und sagte, es sei gut. Das konnte kein Mensch: aber Pardi, — wie einst Arnold den Florentinern vorgeworfen hatte, die Fassade ihres Domes weiche in manchem vom Vorbild des Glockenturmes ab: Pardi hatte in den Sand gezeichnet und gefunden:

„Es ist wahr: die Terrassen auf den Pfeilern des Turmes sind achteckig, und die der Fassade haben nur vier Seiten.“

Und Pardi war kein Künstler. Aber er hatte das Blut von Menschen, die mit einem Griff durch die Luft mehr Kunst machten als diese hier, wenn sie malten! Menschen mit einer Erziehung des Auges, aller Sinne, des ganzen Körpers, die weit zurückreichte. Sie stellte sich Pardis gewölbte Augen vor. Er sah, [ 266 ]— sah so stark, daß er, ohne daran zu denken, zum Seelenleser ward … Bei diesen hier war das Leibliche lange vernachlässigt, das Auge fast schon tot. Gewaltsam sollte es sich nun ermuntern, und über Nacht mußte alles „künstlerisch“ werden … Da begegnete sie Arnolds Blick und verstand: was sie dachte, kam von ihm. Er hatte erraten, weshalb sie nach den Fenstern der Frauenkirche gefragt hatte. Das Gefühl erbitterte sie, daß sie kaum noch ihre Gedanken vor ihm wahren könne. Hundert Gespräche mit ihm hatten sie ihm bloßgelegt, und sie hatte den Kopf, sie mußte es wohl gelten lassen, voll von Dingen, die ohne ihn nicht darin entstanden wären. Er durchschaute auch, was sie zu Pardi zog, was Pardi vor ihm selbst auszeichnete, Lolas Kämpfe, und daß sie in diesem Augenblick wieder vergebens danach lechzte, ihn verachten zu können, ihn in den Haufen der übrigen zurückstoßen zu können. Er wußte alles; und sein großes Wissen um sie gab ihm selbst das Recht, sie zu verachten: sie, die einen Geist wie ihm hätte auf seine Höhe folgen können, und die sich zu einem baren Sinnlichen hinabließ. Es war ihr, als lebte sie unter dem Auge eines Herrn. Sie liebte ihn nicht, gab ihm kein Recht auf sich: und doch — so groß war die Macht des Geistes — fühlte sie sich ohnmächtig vor ihn hingebreitet! „Wäre ich ihm erst entronnen!“ Der Trieb brannte sie, aufzuspringen und davonzulaufen.

Sie suchte sich ihn im Kampf mit Pardi vorzustellen und in der kläglichen Rolle, die ihm dabei [ 267 ]bestimmt gewesen wäre. Und sie mußte sehen, daß Pardis Manneskraft sich an diesem brach, der kein tüchtiger Mann, aber vielleicht mehr als Mann war? Sie fühlte: Pardi und er konnten sich nicht nahe kommen, auch nicht zum Kampf. Dieser bot einem Pardi keine Angriffsstelle, — so wenig wie er ihr gestattete, ihm seine Untüchtigkeit anzurechnen, die er im voraus gerechtfertigt, vermöge vieler Sophismen in Tugend umgewandelt hatte. Wenn er sich eine Blöße gegeben hätte! Wenn er mit den anderen auf den Abwesenden gescholten hätte! Nein: er hütete sich. Er war ja ein Mensch von Geschmack. Hatte er nicht die ganze Moral, wenn sie selbsterworben sei, für ein Ergebnis ästhetischen Sinnes erklärt? Ihm war nicht beizukommen, man mußte ihn laufen lassen.

Sie wich ihm nicht aus; eher erwartete sie ihn, erwartete, daß er sich um die freigewordene Stelle nun wieder bewerbe, ein wenig Würdelosigkeit zeige, — und litt, weil er’s nicht tat. Es zog sie zu Tini, sie hätte sich mit ihr verbünden wollen; denn auch Tini fand Arnold unheimlich und haßte ihn. Aber Tini verhielt sich jetzt herbe und scheu. Launisch ging sie Lola aus dem Wege. Waren sie zusammen im Zimmer, fühlte Lola die großen Augen beunruhigend hart auf sich haften, — und wenn sie hinsah, waren sie schon gesenkt. „Ist sie nachträglich wieder eifersüchtig? Sie könnte sich’s sparen.“ Wie unwichtig Lola diese Backfischnöte erschienen neben ihrer eigenen Qual!

Schlimmer war’s, daß sie auch mit Mai nicht [ 268 ]sprechen konnte. Den ersten Tag hatte Mai sich in der Gesellschaft so betragen, als sei durch Pardis Fortgang ihr ein besonderes Unrecht angetan, als habe man ihn vertrieben, um ihn ihr wegzunehmen. Bald hatte sie sich zurückgewinnen lassen: nur mit Lola schmollte sie noch, bot ihr keins von den mitgebrachten Handtüchern an und kam nicht zum Gutenachtkuß. Und wäre sie gekommen: an das Unausgesprochene hätte Lola sich nicht gewagt. Wie stand Mai mit Pardi? Sehnen mußte sie sich. Dann aber sann sie auf die Abreise nach Italien, — auf die auch Lola sann. Nur aus Befangenheit voreinander taten beide, als gäbe es nichts zu beschließen, und ließen dies Dasein fortdauern, das doch bloß noch Last war. Denn Lola ward gedemütigt von ihren herabsetzenden Entdeckungen an diesen Menschen, deren Gast sie war. Jeder Tag vermehrte ihren Widerwillen und ihre Scham.
 

Am dritten Morgen aber fand sie auf ihrem Tisch wieder Blumen; zwei Tage lang hatte Tini sie vernachlässigt; — und darin steckte ein Briefchen.

„Heute mittag,“ schrieb Tini, „wirst du nämlich mit der Post einen Brief aus Mantua bekommen, von einer Pensionsfreundin. Sie hat zufällig erfahren, daß du hier bist, und möchte, daß du rasch hinkommst, denn lange bleibt sie nicht. In Wirklichkeit aber ist der Brief von mir. Ich habe es mir schon längst ausgedacht und habe mir dazu den Umschlag von [ 269 ]einem Brief an Pardi aufgehoben, den er aus Mantua gekriegt hatte. Da mußte ich denn aus seinem Namen deinen machen, mir ganz genau dieselbe Schrift einüben und auch das Kuvert wieder heil machen. Das war eine ziemliche Geduldprobe, daher mußt du entschuldigen, daß ich mich die letzten Tage so wenig um dich bekümmern konnte. Du siehst nun doch, wie lieb ich dich habe, Lola, daß ich dies für dich getan habe! Jetzt ist der Brief mir sehr gelungen, du kannst ihn allen zeigen, sie werden es dir gewiß glauben: und dann kannst du hinreisen. Italien muß herrlich sein. Du wirst gewiß noch einmal sehr, sehr glücklich werden. Vergiß nicht deine Tini.“

„Welche heroische Kinderei!“ dachte Lola und wollte die Achseln zucken. Aber ihr kamen Tränen. Sie ließ das Blatt sinken, verschloß die Tür und drängte sich in einen Winkel, um, vor sich selbst versteckt, diese Tränen zu weinen, ohne zu wissen wem? Sich? Tini? Den Dingen?

Bei Tisch blieb Tinis Stuhl frei, aber auf Lolas Platz lag der Brief. Frau Gugigl hatte schon gesehen, daß er aus Italien kam. Niemand nahm Anstoß an dem, was darin stand: auch Mai nicht. Wie sie von der Einladung hörte, erhob sie schon die Hände, um hineinzuklatschen, besann sich aber rechtzeitig und machte ein trauriges Gesicht.

„Wir sollen also fort? O!“

„Es wird nicht anders gehen,“ erklärte Lola. „Meine Freundin erwartet uns übermorgen. Morgen müssen wir reisen: morgen mit dem ersten Zug.“ [ 270 ]

Gugigl wollte beweisen, es sei auch abends noch rechtzeitig. Ein Streit über das Kursbuch entstand.

„Und der Tini geht’s wirklich nicht gut?“ fragte Lola. „Kann ich sie nicht sehen?“

Frau Gugigl ging mit. Tini habe Fieber: es komme bei ihr plötzlich und verschwinde wieder; sie sei noch wie ein Kind.

Als sie, mit aufwärts verdrehten Augen, Lola am Kopfende ihres Bettes sah, fuhr sie aus den Decken.

„Was hast du, Tini?“ — und Lola warf sich auf die Knie und nahm Tini in die Arme.

„Mir hat geträumt, Lola, du gingst weg.“

„Nein! Wenn du lieber möchtest, daß ich dableibe, bleibe ich.“

Tini hielt sich ganz steif in Lolas Armen. Sie rückte mit dem Gesicht ein Stück fort; ihre dunkeln Blicke erweiterten sich gespenstisch; und mit ihren blassen Lippen, tonlos bewegt, daß ihre Schwester hinter ihr nichts hören konnte, sagte sie:

„Geh nur hin!“

Lola mußte die Augen niederschlagen.
 

Sie packte, ohne zu wissen, was ihr bevorstehe, was sie wähle. Nur erst hier heraus, wo so viel Wirrnis erlitten war und alles verbrauchte, zwecklose Gesichter trug. „Wenn ich ihn wiedersehe, soll mir’s recht sein; wenn nicht, ist’s auch gut,“ dachte sie im Einschlafen; und bei Tagesanbruch, unlustig und mit Gähnen, vor den fertigen Koffern: „Wie [ 271 ]unwahrscheinlich ist das Wiedersehen! Ich werde ihm doch nicht nachreisen. Und bis der Zufall es einrichtet, ist er vielleicht wieder in Afrika.“

Der Wagen mit dem Gepäck stand auf der Landstraße. Mai hatte noch mit ihrem Schleier zu tun gehabt. Niemand war aufgestanden: Lola hatte es sich dringend verbeten. Fröstelnd durcheilte sie den grauen Garten. „Dieselbe unwirtliche Stunde, zu der vor drei Tagen er fortging.“ Im Laubgang roch es nach Nebel. Der Sommer war fast zu Ende, merkte sie plötzlich. Sie blieb stehen: eine solche Trostlosigkeit durchdrang sie bei diesem Gedanken, daß ihr der Mut zum nächsten Schritt fehlte. Dahinten, über dem Lande, wallte es weißlich und ohne Grenze. So ging man denn wieder allein, allein dahinaus.

Wie sie die Hand auf die Pforte legte, tat von der andern Seite Arnold es.

„Sie — schon auf?“ stammelte Lola.

„Ich konnte nicht schlafen,“ erklärte er. Sie sah ihm ungläubig in die Augen und fand sie übernächtig.

„Dann bin ich froh, Ihnen nochmals Lebewohl wünschen zu können,“ äußerte sie, unschlüssig. Er schien zu wissen, was er sagen wollte.

„Ich habe Ihnen für einige der besten Stunden zu danken, die Menschen mir gewähren konnten. Ich hatte so viel nicht erwartet;“ — ganz ohne Bitterkeit: was ihr Staunen machte. Er senkte kurz die Lider. Dann:

„Daß mehr Glück als dieses nicht an meinem Wege liege, daran habe ich keinen Tag gezweifelt. Aber [ 272 ]auch in Ihr Schicksal glaube ich einen Blick getan zu haben und fürchte, daß Sie heute noch im Irrtum sind. Könnte ich Sie für eine Minute so sehen machen, wie Sie nach einiger Zeit sehen werden!“

„Sie geben mir ein Orakel mit auf den Weg?“ — und Lola suchte hochmütig zu lächeln. „Ich kenne Sie auch: Ihnen verwickelt sich das Einfachste.“

Wie es schal und hassenswert war, dieses Zweifeln, dieses Zögern! Jetzt quälte ihn die verdiente Eisersucht auf den, der glücklicher war und sie glücklicher machen würde. Er hätte sie so ratlos und an allem unteilhaftig gewollt, wie er selbst war! … Vor Zorn und Kummer war sie bleich. Er war bleich von den Worten, die er gesagt hatte.

Und er konnte recht haben! Jener andere lebte jetzt schon wieder darauflos, wie je. Was war sie ihm? Was änderte sie an ihm? … Und an diesem hier? Nichts, als daß er nicht schlief. „Und wenn er tiefer leiden kann: was habe ich davon!“

Sie wandte sich ab. Sein Gesicht glitt langsam an ihrem vorüber. Nun sah sie es nicht mehr. Ein äußerster Zweifel schnürte ihr die Brust zu. Sie schluckte ihn hinunter. „Wenn es bestimmt wäre, käme es.“ Und mit Grausamkeit gegen ihn und gegen sich: „Das Leben ist nicht anders.“
 
[ 273 ]

V

 

Nachts stiegen sie in Mantua aus, aber es war schwül wie bei Tage. Am Morgen erschrak Mai über Lolas Aussehen. Sie habe kaum atmen können, sagte Lola; Mücken seien unter ihren Bettschleier gedrungen. Und Mai:

„Ah! Du verträgst nichts. Drüben bei uns würdest du etwas erleben.“

Kaum aufgestanden, streckte sie sich wieder aus. Von den geschlossenen Läden war ein grünlicher Schimmer auf ihrem weißen, runden Arm, den sie mit kindlicher Genugtuung betrachtete.

„Jetzt ist’s ganz wie zu Hause.“

Nie hatte Lola sich weniger heimisch gefühlt. Sie überlegte, daß sie hierher nur wegen einer Persönlichkeit geraten sei, die es gar nicht gab.

„Nun muß ich mich wohl nach meiner Freundin umsehen,“ äußerte sie.

„Es ist wahr, du bist schon wieder angezogen. Eine richtige Deutsche bist du!“

Lola überließ Mai der Einschläferung durch die träumerischen Geräusche im Hof und ging aus. Die [ 274 ]Straße war von Hitze wie verzaubert. Unter dem alten Urturm hatte ein kleines, von Zeltdächern beschirmtes Marktgedränge etwas künstlich Aufgewecktes: als würden diese paar munteren Wesen dem ungeheuren Druck der leeren, heißen Stadt auf einmal nicht mehr widerstehen können, sich aneinander lehnen und einschlafen. Am Ende der nächsten Gasse galt es, sich in einen Platz zu stürzen, über dem das Licht wogte und blendete, wie auf einem Meer. Dort weit hinten, am schmalen Schattenufer von kaum durchdringlicher Schwärze, begegneten zwei schwarze Gestalten sich, neigten mit groteskem Ruck die großen Priesterhüte gegeneinander, — und plötzlich klappte die Matratze der Domtür über ihnen zu.

Lola eilte mit angehaltenem Atem durch die Sonne. Ein Arkadenhof nahm sie auf, überlieferte sie einem zweiten mit einer feurig geschweiften Kirchenfassade, — und dann fand sie sich in einem, um den die Säulen zerbrechlicher tänzelten und, wie unter Komplimenten, zu einem kleinen gezierten Theater geleiteten, das geborsten, bemoost, mit Schutt auf seinen rosigen Marmorschwellen, noch zu lächeln schien, galant und schmerzlich, wie ein Rokokogesicht, worauf die Schminke eintrocknet in Staub. Gras wuchs aus den feinen Fliesen; darüber flimmerte die Luft; und ging man, wandte man rasch noch den Kopf nach einem gespenstischen Kichern und Fächerschlagen … Da starrte aber, im nächsten Hof, eine riesige dunkle Burg einen an. Hinter ihrem Tor setzte eine graue Brücke ein, um, ein endloser Trauermarsch, durch Sümpfe zu ziehen. [ 275 ] Wie Lola sich in ihre Straße zurückgefunden hatte, ward vor einem Café, dessen Tür Karyatiden bewachten und worin niemand saß, ein sehr alter Herr von Wirt und Kellner an eine ungetüme schwarze Karrosse begleitet. Der Kutscher nahm die schwarze Peitsche in seinen schwarzen, faltigen Handschuh, und knarrend bewegte sich das Gefährt.

Im Hotel hing Mais Hand noch über dieselbe Armlehne.

„Meine Freundin ist —“

Lola hatte sagen wollen: „Abgereist,“ schrak aber vor einer ganzen Lüge zurück.

„— ist nicht zu finden,“ sagte sie.

Mai erstaunte nur leicht.

„Wirst du sie noch einmal suchen?“ fragte sie.

Lola suchte sie bis zum Abend noch mehrmals. Dann erklärte sie die Wohnung der Freundin für gefunden, sie selbst aber kehre erst in mehreren Tagen von einer Reise zurück.

„Wir haben nichts Besonderes vor, wollen wir nicht hier warten?“

Mai wandte nichts ein. Wenigstens war Zeit gewonnen.

Und Lola, die im Zimmer nicht Ruhe fand, durchirrte weiter die tote Stadt, betrat hinter verlassenen Haustoren, über denen die schöne Palastmauer barst, feuchte Höfe mit schmuckreichen und zerbrochenen Brunnen — und mußte denken: wenn die müde, ausgestorbene Treppe nun in all seiner Lebendigkeit Pardi herabliefe! Da drückte die Sonne noch dumpfer auf [ 276 ]das leere Pflaster. Alle hatten sie sich selbst überlassen!

Auf der Flucht vor der nahenden Sehnsucht fuhr sie, ganz allein, in das braune, traurige Land hinaus. Weiß stand darin, auf ihren groben Säulen, eine kleine Gnadenkirche: innen bäurisch bunt und die Wände umringt von Holzfiguren in den schweren Stoffen und Rüstungen von einst, von den Bildern Geretteter. Jener Ritter war aus der Schlacht bei Pavia heil hervorgegangen, diese Dame von einem Pestgeschwür gesundet, und der verdächtige Gauch dort in Schnürkittel und schütterem Bart hatte schon im Block gelegen, mit Feuer an den Füßen, und doch hatte die Madonna ihn freigemacht. Und Lola erschien sich auf einmal als die Beute einer Leidenschaft, einer Krankheit, eines barbarischen Übels; wünschte sich, gleich diesen die Madonna anrufen zu können; sank, vernichtet von der Einsamkeit dessen, den keine Götter mehr hören, auf eine Bank.

Als ihr dann wieder die Sonne ins Gesicht schien, war sie beschämt, als habe sie sich dort innen eine Komödie vorgespielt.

„Dieses Leben macht mich verrückt. Warum laß ich ihn nicht kommen: alles wäre so einfach, wäre freundschaftlich abzumachen.“

Zwar bedachte sie sogleich, er sei kein Freund: er, der mit jedem Tage schwerer zu Vermeidende … Und auch Mai hatte Lola hierbei nicht zur Freundin. Das erbitterte sie. Wie oft hatte Mai sich, wenn’s nicht not tat, zu einem Opfer erboten. Jetzt kam’s [ 277 ]darauf an, — und Mai schwieg. Sie hütete sich, noch einmal, wie am Anfang der Bekanntschaft, Lola zu fragen, ob sie Pardi heiraten wolle; denn diesmal fürchtete sie eine andere Antwort zu bekommen. Sie tat, als sei nichts los, und nötigte Lola, zu heucheln. Die Unaufrichtigkeit und die geheime Spannung zwischen ihnen beiden lagen, fand Lola, nur an Mais bösem Willen.

Genug, ein Ende mußte gemacht werden; und wie Lola eintrat, sagte sie sofort heraus:

„Also sie kommt nicht mehr zurück nach Mantua. Damit wir nun nicht ganz umsonst gewartet haben, könnten wir wenigstens Pardi kommen lassen. Er hat es mir angeboten.“

Gelassen antwortete Mai:

„Mir auch. Ich dachte sogar, wenn wir ankämen, würde er schon da sein. Du würdest dafür gesorgt haben.“

Lola starrte Mai an. Da hatte sie die ganze Zeit gelegen, hatte Lola gewähren lassen und sich ihr Teil gedacht!

„Dann haben wir wohl Verstecken miteinander gespielt?“ fragte sie. Mai erwiderte:

„Komm her, ich will dich umarmen.“

Aber während der Liebkosungen errötete Lola. Sie ging hinaus. „O, sie hat sich gehütet, zu fragen, ob ich ihn liebe!“
 

Bei seiner Ankunft waren sie am Bahnhof. Lola [ 278 ]dachte: „Das erstemal, daß Mai sich angezogen hat.“ Er begrüßte Lola zuerst mit den Augen und Mai zuerst mit der Hand. Lola achtete peinlich darauf. Keine Einzelheit seines Verhaltens gegen sie und Mai entging ihr. Den Champagner bestellte er, nachdem Lola ihn abgelehnt und Mai ihn angenommen hatte. Lola trank keinen Tropfen. Er wünschte noch in Mantua zu bleiben.

„Wir haben es genossen,“ erklärte Lola. Mai war’s recht.

„Wunder romantischer Versunkenheit werde ich Ihnen zeigen,“ verhieß er.

„Wir bekommen noch das Fieber,“ meinte Lola; und Mai:

„Bisher hast du dich gar nicht gefürchtet und warst immer unterwegs.“

Im Palazzo del Tè, unter dem Schwall der Fleischlichkeiten, die nach Jahrhunderten noch aus Decken und Wänden überquollen, beneidete und verachtete Lola Mais unbefangene Freude. Sie selbst konnte Pardi nicht in die Augen sehen und gab zornige Antworten. Er neckte sie anfangs mit ihrer Übellaunigkeit, dann zeigte er sich um ihr Befinden besorgt, und auch Mai äußerte Besorgnis. „Sie weiß ganz gut —“ dachte Lola und verlor vollends die Herrschaft über ihre Nerven. Als man sich in der Stadt eine Kapelle zeigen ließ, stand sie teilnahmslos neben dem Sakristan, der den Stock mit der Kerze über die Wände hinführte. Pardi drehte ihr, auf Mai geneigt, den Rücken. „Ich werde ihnen nicht im Wege [ 279 ]sein,“ sagte Lola sich; „aber zu ihrer Bedeckung gebe ich mich auch nicht her!“ Und wie der Sakristan den Schrein aufschloß, machte sie sich leise davon, schmerzlich berauscht von ihrer Rache. Sie erwartete, Mai werde an ihr Bett kommen, und war entschlossen, sich schlafend zu stellen. Aber Mai blieb aus.

Am Morgen beschäftigte Pardi sich nur mit Lola. Ihr schien’s, daß Mai sich zurückhalte; und sie argwöhnte, dies sei Verabredung, er habe Mai im voraus um Entschuldigung gebeten. Sie sah ihn plötzlich fest an.

„Sie brauchen nicht so viel Rücksicht auf mich zu nehmen, wissen Sie.“

Wie er etwas einwandte, hob sie die Schultern.

„Nachgrade habe ich doch schon Erfahrung darin, daß meine Mutter besser gefällt als ich; und ich kann Ihnen versichern, daß mich das nicht beleidigt.“

„Sie sind kokett.“

„Gar nicht. Ich brauche niemand. Jeden gönne ich meiner Mutter.“

Er sagte zuredend:

„Sie werden doch begreifen, daß ich Ihrer Mama den Hof machen muß.“

Lola fand nichts mehr. Wie lag es nun? O, grundfalsch! Sie erschrak tief, wie schlimm sie sich schon verrannt habe. Am zweiten Tage! „Was soll daraus werden. Wenn ich mich nicht zusammennehmen kann, bin ich verloren.“ Von der Minute an war sie ruhig. Und aus der Genugtuung, daß sie nichts mehr durchblicken ließ, ward allmählich wirkliche Überlegenheit. [ 280 ]

Sie brachen nach Viareggio auf. Pardi hielt sie noch einen Abend in Florenz zurück, obwohl Mai gern ihre Sachen ausgepackt und Lola lieber am Meer als in der heißen Stadt geschlafen hätte. Aber er erklärte, es würde nicht gut aussehen, wenn er mit fremden Damen so spät noch ankäme. Auch das Hotel zum Übernachten wählte er ohne Rücksicht auf ihre Wünsche. Zuvorkommend und bestimmt brachte er sie in eins, wo sie bessere Bedienung und ein gediegeneres Publikum finden würden. Bevor er sich verabschiedete, um in sein eignes Haus schlafen zu gehen, empfahl er sie dem Hotelier. Er, der Conte Pardi, sei verantwortlich für die Damen.

„Hast du nicht auch den Eindruck?“ sagte Lola nachher zu Mai. „Wenn wir jetzt abreisen wollten, würde man ihn holen und uns vorher gar nicht fortlassen.“

„Eigentlich ist es ganz hübsch hier,“ antwortete Mai; und Lola dachte, klarer als Mai: „Einmal nicht allein über sich bestimmen; nicht mehr gar so frei sein und überall hingehen dürfen, ohne daß etwas darauf ankommt: beinahe tut es wohl…“

Dennoch geriet sie noch vor der Weiterfahrt mit Pardi aneinander. Sie mußte aus einem Coupé wieder aussteigen; ein Paar hatte darin gesessen, dessen gesetzliche Zusammengehörigkeit Pardi leugnete.

„Aber Sie werden jetzt schrecklich!“

„Ich bin für Sie verantwortlich! Sie kompromittieren mich!“

Lola war fassungslos. Mai äußerte schüchtern: [ 281 ]

„Auch ich habe dir so etwas schon manchmal verweisen wollen, Lola.“

Plötzlich fuhr Lola auf, als habe sie nun verstanden.

„Wie kann ich denn Sie —“

Aber sie nahm sich zusammen und sah lächelnd und mit Kopfschütteln zum Fenster hinaus.

Bei der Ankunft wollte sie zu Fuß gehen, mußte aber, denn ein Auftritt drohte, in den Omnibus steigen. Die Hotelzimmer, die Pardi seinen Damen zugedacht hatte, waren am Abend vergeben. Lola sah ihn bei der Gelegenheit zum erstenmal in Wut; sie dachte: „Gut, daß ich ihn kennen lerne.“ Der Wirt war trostlos, die Kellner traten mit den Zehen auf. Mai und Lola saßen, von neugierigen Badegästen umringt, im Salon, wie feindliche Fürstinnen, denen ihr Marschall die Unterwerfung der Völker erzwang, und die ihm mit ebensoviel Angst wie Stolz dabei zusahen.

Er erreichte, daß die Fremden die Zimmer räumten. Dafür wurden Mai und Lola beim Lunch mißbilligend gemustert. Pardi sah den Männern nacheinander in die Augen, die auf einmal unbeteiligt dreinblickten. Er erklärte, man habe die Leute nicht nötig, und bestellte die Gedecke künftig an eigenem Tischchen.

Dann führte er seine Damen in ihre Zimmer, mit einer anmutigen Größe, als vertrete er eroberte Provinzen. Die weißen Vorhänge flatterten von Stößen blauer Luft. Die großen eisernen Betten sahen kühl aus unter ihren Musselinzelten. In dem kleinen Salon standen die Theaterstühle in zwei Reihen an [ 282 ]den Wänden. Überall Spiegel: und wenn sie schräge hingen, rollten Wellen darin und sprang Schaum.

„Mit Verlaub“ — in vier Stimmen; und vier Herren ließen sich vorstellen, hatten schlechterdings nicht länger warten können, machten Pardi Vorwürfe, daß er ihnen die Damen drei Tage vorenthalten habe, und fingen gleich an:

„Du weißt nicht, daß die kleine Miß Edith…“

Mai und Lola wurden auf das Laufende gebracht. Die ganze Gesellschaft zog an ihnen vorbei, jedem war eine Bosheit angeheftet. Ihnen wurden alle geopfert; sie brauchten nur fragend einen Namen nachzusprechen, und sogleich beleuchteten ihn Geschichten. Die einzigen Unanfechtbaren blieben sie selbst; und eine Ergebenheit ohne Grenzen, die rückhaltloseste Zutraulichkeit und eine spontane Verehrung drangen in knabenhaft ehrlichen Lauten und Gesten von vier Seiten auf sie ein. Nutini zog gleich seine leeren Taschen ans Licht: alles verspielt. Der Leutnant Cavà handhabte seinen Säbel mit so glücklichem Gesicht, als habe er ihn soeben geschenkt bekommen; und seine Ballhandschuhe, errötend mußte er’s gestehen, trug er schon aus Vorfreude auf heute abend. Deneris sprach mit etwas schwächerer Stimme als die andern; aber Botta wippte beim Reden mit den Absätzen und schlug sich auf die fette, straff bekleidete Brust. Allen saßen die Anzüge nach der Mode vom nächsten Jahr und ohne eine Falte, wie auf guten Bühnen.

Sobald Nutini zu Lola ein unbemerktes Wort sprechen konnte: [ 283 ]

„Er hat Sie nicht früher herbringen wollen, wie? Und er hat recht gehabt: denn die Damen Arletti sind erst heute früh fort.“

„Was machen uns die Damen Arletti?“

„O — Ihnen, nichts. Aber ihm!“

Und Nutinis Miene stellte so viele Enthüllungen in Aussicht, daß Lola etwas wie Schrecken kam.

„Sind Sie nicht sein Freund?“ fragte sie.

„Versteht sich … Und weil ich sein Freund bin, freut mich’s, daß die Arletti fort sind. Ich glaube, es waren Abenteurerinnen. Er läßt sich zu leicht ein. Sein Temperament ist sein Unglück. Ah, bitte, so viel Geld als er nötig hätte, kann ihm auch der beste Freund nicht geben. Darum habe ich vorhin meine Taschen sehen lassen.“

Lola lachte mit; aber indes sie Nutinis Augen funkeln sah in seinem eingefallenen Gesicht, nahm sie sich, unter einer Wallung von Freundschaft, vor, Pardi über diesen Feind aufzuklären. Pardi spähte schon herüber. Noch bevor er da war, zeigte Nutini vom Balkon nach Badenden. Cavà rief über Lolas Schultern, unaufhaltsam:

„Ist sie schön, die Mistreß Nicholson!“

„Bravo!“ machte Pardi. „Sicher ist sie die längste der gelben Stangen.“

Nutini klopfte Cavà auf die Schulter.

„Mich hat er einmal mit meiner sechzigjährigen Sprachlehrerin gehen sehen, und dann fragte er mich: Du, sag, wer war die wunderschöne Amerikanerin?“

Lola wandte sich lächelnd nach dem Leutnant um. [ 284 ]Er lachte wehrlos. Seine Augen in ihren sorgfältigen Wimpernhecken blickten aus seinem rosigen Gesicht, wie aus einem Öldruck. Lola erinnerte sich, daß er vorhin nur den harmlosen Klatsch mitgemacht habe.

„Sie haben alle in Italien diese Vorliebe für die Amerikanerinnen, und über Ihre eigenen Damen wissen Sie nur Unvorteilhaftes. Wie kommt das?“

„Ja, sie sind nicht so schön,“ erklärte Cavà. „Sie sind nicht blond.“ Botta wußte mehr.

„Wenn wir uns mit einem unserer jungen Mädchen sehen lassen, heißt es sofort; wir sind verlobt.“

„Mit jungen Mädchen ist hier nicht zu verkehren,“ bestätigte Nutini; und Botta setzte hinzu:

„Auch haben andere mehr Herz.“

„Schon wieder deine Olimpia? Dieser Gigi hat nämlich hier im Walde an einem Teich einen halben Sommer mit einer Balletteuse verbracht.“

„Ach ja,“ seufzte Botta und schlug sich auf die Brust, daß sein fetter Tenor ins Zittern kam. Nutini störte ihn: schließlich sei sie ihm doch davongelaufen; und Botta fuhr verwundet gegen ihn los.

Deneris seufzte laut. Er lehnte rückwärts auf den Balkon und schmachtete von unten Mai an. Seit seinem Eintritt hatte er sich keinen Augenblick von Mai getrennt. Es gäbe wertvollere Frauen, versicherte er in gezogenem Ton, als die Balletteuse Olimpia.

„Wenn die Mühe, die man sich ihretwegen gibt, ihren Wert bestimmt —“ meinte Pardi. Nutini klopfte nun Deneris. [ 285 ]

„Ja, du hast das Talent, unglücklich zu lieben.“

„Könnten Sie das?“ sagte Cavà kindlich zu Lola. Sie mußte lächeln.

„Ich habe in der Liebe keine Erfahrung.“

Sogleich begann Botta, um Lola die Liebe zu erläutern, wieder von seiner Olimpia. Und auf Lolas ungläubiges Lächeln:

„Denken Sie nur an die Lieblingspuppe, die Sie gewiß gehabt haben, und wenn Sie sich die Arme Ihres kleinen Lieblings um den Hals legten. Auch wir jungen Leute spielen gern mit Puppen, aber ach! nicht selten werden sie uns gefährlich.“

„Wirklich?“ machte Lola, dankbar. Botta sprach mit dicker Zunge, schmatzend, und rollte in seinem massigen Gesicht selbstzufriedene Kuhaugen. Aber Deneris wartete nur, daß er fertig sei. Er hatte sich aufgerichtet, das Monokel eingesetzt und trachtete mit Gesten, die beiden Damen um sich zu versammeln. Auf seinem kleinen blassen Kopf lagen die kanariengelben Härchen seiden wie Kinderhaare. Seine blauen Augen starrten ängstlich.

„Wissen Sie wohl, daß ich um die, die ich liebte, zu sehen: jawohl, nur um sie zu sehen, täglich sechs Stunden mit der Bahn gefahren bin? So ist es: dreiundeinenhalben Monat täglich nach Pisa und unter ihrem Fenster vorbei. Selten ließ sie sich sehen; aber im Salon eines Photographen stand ihr lebensgroßes Porträt, — vor dem ich mich eines Tages fast erschossen hätte. Wäre nicht gerade der Photograph gekommen —“ [ 286 ]

„Er spricht wahr,“ sagte Cavà, mit Achtung. „Der Photograph hat es überall erzählt.“

„Dein Tod, mein Lieber,“ sagte Nutini und klopfte Deneris, „wäre zu öffentlich gewesen. Viel zartfühlender handelte doch die Contessa Gavazzo, als sie um meinetwillen Gift nahm. Eigens reiste sie nach der Schweiz.“

„Sie war eine Morphinistin, mein Lieber,“ wandte Botta ein.

„Mein Lieber —“ und Nutini nickte dringlich, „ich weiß wie jene Frau mich liebte.“

„Ich aber weiß,“ entgegnete Botta, von sich erfüllt, „wie es war, als ich die Olimpia liebte; und ich werde es Ihnen erklären, mein Fräulein.“

Pardi unterbrach ihn:

„Ich könnte Liebe nicht erklären: ich vergesse jedesmal wieder, wie es war. Ist sie aber da, weiß ich’s, und handle!“

Als er der Wirkung ein wenig Zeit gelassen hatte:

„Wir holen die Damen ab, nachdem sie sich angezogen haben.“

Von der Schwelle mußte er noch mahnen:

„Marchese, komm!“

Denn Deneris konnte sich von Mai nicht trennen. Sie strahlte.

„Ist das nicht ein reizender Mensch? Sage, Lola! Es scheint, daß er mich liebt?“

Und Lola, voll Freude:

„Gewiß, Mai! Das muß jeder sehen!“

Die Dazwischenkunft all dieser Männer hatte ihre [ 287 ]Spannung unterbrochen. Zum erstenmal konnten sie einander wieder unbefangen und mit Wohlwollen ins Gesicht sehen.

„Ich freue mich eigentlich auf das Ausgehen. Es ist doch schön, daß wir hergekommen sind!“ sagte Lola. Und Mai:

„Heute abend werden wir also tanzen! Was soll ich nur anziehen?“

Lola ging mit in Mais Zimmer. Wie sie zurückkehrte, stieß sie im Korridor auf Nutini. Sie blieb unschlüssig auf der Schwelle des Salons.

„Dieser Botta macht mich lachen,“ sagte Nutini. „Wissen Sie wohl, daß er von seiner Olimpia ganz einfach ausgehalten worden ist?“

„Nicht möglich —“ und Lola brach ab. Sie hatte sagen wollen, Botta mache ihr gerade den Eindruck des vollkommenen Liebhabers. Nutini zuckte die Achseln.

„Aber nicht dies führt mich her. Sondern ich möchte Sie bitten, mir doch gleich jetzt Ihre Noten zu geben. Im Augenblick habe ich Zeit, die Begleitung zu üben. Denn das Geschwätz der andern zieht mich nicht an.“

„Wohin sind die andern gegangen?“

„Ich weiß es nicht einmal.“

„Aber die Noten sind unten im Koffer, und er steht in meinem Zimmer.“

„Mein Fräulein! Ein guter Freund spricht mit Ihnen, — wenn er’s auch erst seit kurzem ist. Wären Sie eins unserer Püppchen, ich würde mich Ihnen [ 288 ]zum Auspacken Ihres Koffers nicht anbieten. Aber Sie sind eine Amerikanerin…“

Lola erinnerte sich, daß nicht sie, sondern Germaine die Sachen hineingelegt habe: sie lagen sicher sehr ordentlich. Sie öffnete Nutini ihr Zimmer.

Er schob zuerst die Jalousietür weg, half ihr dann geschickt und diskret und trat mit den Noten ans Licht, auf den Balkon. Er schien sich in die Musik zu vertiefen und stieß nur seltene Worte der Bewunderung aus. Lola mußte auf die Stimmen hören, die aus der Nähe kamen. Zuerst war’s die kindliche des Leutnants Cavà; Lola wollte es nicht glauben, daß sie diese Dinge sagte; dann, bevor Lola sich gefaßt hatte, die schmatzende Bottas und Deneris’ näselnde. Eins seiner Worte ward von Gelächter zugedeckt. Dann beglückwünschten sie Pardi. Er antwortete:

„Mich reizte es, sie einem Deutschen wegzunehmen.“

Bei seinem verächtlichen Auflachen errötete Lola und erblaßte wieder. Sie hielt sich am Pfosten, begriff nicht, daß sie noch dastand, und starrte angstvoll auf Nutini, der über die Noten geneigt blieb und manchmal entzückt den Hals bewegte. Lola dachte in einem Atem und im Wechsel ihres Errötens und Erblassens: „Wenn er hört!“ und „Er hat mich herausgeholt, damit ich hören sollte!“

„Was ist Ihnen?“ fragte plötzlich Nutini und warf alles hin. Sie brachte nichts hervor; und deutlich kamen Bottas Worte herauf: [ 289 ]

„Wenn ich wählen sollte: Teufel. Vielleicht beide — auf einmal.“

„Prahlhans!“ rief Pardi scharf. „Handeln ist alles!“

„Wovon redet man? Mein Gott! Doch nicht —“

Nutini schlug sich vor die Stirn.

„Ich Unseliger! Konnte ich aber ahnen, daß diese Leute drunten bei offenem Fenster solche Abscheulichkeiten von sich geben würden? Halte ich selbst mich doch meist von ihnen zurück. Aber dieser Art Menschen ist nie zu trauen…“

Uud drinnen, flüsternd:

„Dem Pardi noch weniger als den anderen. Wenn ich Ihnen erzählen wollte, wie er’s mit den Damen Arletti getrieben hat…“

„Lassen Sie’s!“ stieß Lola aus. Sie warf die Balkontür zu.

„Sie haben gehört, wie er über Sie und Ihre Frau Mutter spricht. Denn so ungeheuerlich es mir vorkommt, er meinte offenbar Sie! Ich kann nur wiederholen, wie schmerzlich ich bedauere —“

„Ich vermute,“ sagte Lola kalt, „daß so über alle gesprochen wird.“

„In der Tat, es gibt Männer: die Mehrzahl sogar, kann man sagen, ändert, kaum daß sie die Damen verlassen hat, durchaus den Ton. Die Damen, die all die Achtung und Rücksicht um sich sehen, ahnen nicht —“

„Es ist auch nicht nötig.“

Unvermittelt kam ihr Wut auf sich selbst, daß [ 290 ]sie diesen Menschen nicht hinauswies. Vorgebeugt, ihre dicke Falte zwischen den Brauen, sagte sie in unheimlich hellem Frageton:

„Wollen Sie mich jetzt nicht allein lassen? Ich habe etwas Kopfschmerzen.“

„Tatsächlich sind Sie sehr blaß,“ stammelte Nutini, und sein eingefallenes Gesicht erblaßte selbst noch mehr. Er verbeugte sich. Lola sah, immer in derselben Haltung, seinen weichlich geschweiften Rücken sich dem Ausgang zuwiegen. Als sein Händchen in dem nach vorne weibisch erweiterten Ärmel die Tür geöffnet und geschlossen hatte, fiel Lola auf einen Stuhl, gelähmt von Ekel. So war nun hier die Welt! Weil sie gerade aus einer anderen kam, hatte sie sich eine Stunde lang täuschen lassen können. Sonnig, elegant und herzlich hatte es sich ausgenommen: alles gerade entgegengesetzt den schlecht gekleideten, geistig hochmütigen Menschen dort hinten in ihrem Nebel. Aber wäre jener Arnold fähig gewesen, mit allen Leuten und zum offenen Fenster hinaus über ihren Körper zu verhandeln? Die Frage demütigte sie so, daß sie das Gesicht in die gerungenen Hände drückte … Auch Gugigl hätte das nicht fertig gebracht, und nicht einmal Gwinner! So aber war man hier. So war der Mann, den sie vielleicht lieben wollte. Ach! es hatte keinen Sinn, sich ihm befreundet zu fühlen, ihn vor diesem Nutini zu warnen. Der Intrigant und der Brutale waren einander wert.
 
[ 291 ]

Mai wußte schon durch Germaine, Lola sei schlechter Laune. Zögernd kam sie herein.

„Bist du fertig? Mein Gott, hast du mit den Sachen herumgeworfen! Die letzten Haare wirst du dir noch abbrennen!“

„Mach mich nicht ganz verrückt, ich bitte dich, Mai!“

„Dort liegen diese dummen Bücher! Du hast gewiß wieder gelesen, und dann kommen die Kopfschmerzen.“

„Ja, ich habe gelesen.“

„Sie liest, Pardi! Kommen Sie doch herein und schelten sie! Sie ist ein wahres Kind.“

„Sie sind schlecht angezogen,“ sagte Pardi sofort. „Sie müssen sich noch einmal umziehen.“

Lola fuhr auf.

„Was fällt Ihnen ein!“

„Wenigstens müssen Sie das Halsband anders stecken, es liegt in Falten. Auf den Schultern haben Sie übrigens zu viel Puder.“

„Das ist nicht Ihre Sache. Erwarten Sie mich im Salon! Hätten Sie sich früher vielleicht erlaubt, mein Zimmer zu betreten?“

„Hier ist es etwas anderes. Ich bin für Sie verantwortlich.“

„Ach ja, ich kompromittiere Sie! Warum aber sagen Sie Mai niemals etwas?“

„Ihre Mama ist tadellos angezogen.“

Mai konnte ihren frohlockenden Blick nicht mehr zurückholen. Lola hatte ihn aufgefangen und wandte sich stumm weg. [ 292 ]

Beim Aufbruch hatte sie noch etwas gefunden, was ihn treffen sollte.

„Jetzt sagen Sie mir, was Sie auf der Reise ausgelegt haben!“

„Das hat Zeit, gehen wir!“

„Ich will Ihnen nichts schuldig sein.“

„Gehen wir! Die Herren warten.“

„Ich soll gehen, ich? Weil die Herren warten?“

„Aber Lola!“ sagte Mai, ganz erschrocken über so viel heftigen Widerstand. Pardi nickte ihr zu.

„Ihre Tochter ist tatsächlich noch ein Kind.“

Aber er rechnete zusammen. Lola gab ihm das Geld, mit vielem Geklapper der Münzen. Pardi schloß kaltblütig:

„Ehrlich sind Sie.“

Lola war sprachlos. „Hat er das nicht erwartet?“ dachte sie. „Er tut, als wäre ich eine Kokotte … Das stimmt mit dem Gespräch beim offenen Fenster. Wenigstens ist er konsequent.“

Und mochte sie’s noch zu leugnen versuchen, seine Art, sie zu nehmen, ohne Rücksicht auf ihre Stimmungen, ohne Verzärtelung: seine Art besiegte sie und erleichterte sie. Auf der Treppe bemerkte sie, daß sie sich hätte weigern sollen, mitzukommen, und ärgerte sich, weil sie keine Lust hatte, umzukehren.

Den ganzen Abend unterhielt sie sich, und nicht schlechter am nächsten. Die Tage vergingen mit Baden und Nichtstun. Das Bad dauerte Stunden. Man lebte in diesem durchsonnten, blauen und weichen Wasser. Mai lachte vor Glück, wenn sie ihre Hand [ 293 ]hineintauchte, und sagte, es sei, wie wenn sie durch den Stoff eines Ballkleides gleite. Man schwamm, so weit man mochte; und ermüdete man, waren immer Herren mit einem Boot da. Man kletterte hinein; — und indes man recht unbeteiligt und träumerisch die Augen schloß, gewahrte man durch ihren Spalt doch die hungrigen und diskreten Blicke des halbnackten Ruderers. Sie prickelten einem auf der Haut. Pardi verbot ihnen diese Rast im Boot; Lola hatte, in aller Beisein, einen Auftritt mit ihm. Er hielt ihr Mai als Beispiel vor.

„Ihre Mama ist noch eine der wirklich weiblichen Frauen, die gehorchen können. In Ihnen ist etwas Feindliches.“

„Glücklicherweise,“ sagte Lola höhnisch.

Denn dies Feindliche reizte ihn! Lola sah immer deutlicher: „Mai gefällt ihm. Zu mir zieht ihn seine Herrschsucht.“

„Eines Tages,“ verhieß er, „werden wir uns auseinandersetzen müssen: ich sage es Ihnen voraus.“

„Ich glaube, wir haben uns gar nichts zu sagen.“

„Zu sagen vielleicht nicht viel.“

Er lachte, und sie drehte ihm den Rücken. In dieser Minute hätte sie keine heftige Antwort gewußt. Sie war erschlafft und einem weichen Weinen nahe. Manchmal spürte sie so, inmitten seiner Unverschämtheiten, eine begehrliche Wärme von ihm her, etwas wie einen jähen Stoß Südwind, daß einem der Atem stockt; oder wie den heißen Brodem aus einem Tigerrachen, die Sekunde, bevor er zuschnappt.

Tags darauf schwamm sie wie gewöhnlich hinaus. [ 294 ]Mai hatte ihr zugerufen, sie dürfe nicht weiter. Wie sie ins Boot wollte, war keins zu sehen. „Diese Feiglinge!“ Lola kehrte um. In immer kürzeren Pausen mußte sie sich auf dem Rücken ausruhen. Solange sie noch einen Überschuß an Kraft fühlte, dachte sie mit befriedigter Rachsucht daran, daß sie nun vielleicht umkommen werde. In dem Augenblick, als es ihr ängstlich ward, tauchte neben ihr Pardis Kopf auf. Wie lange war er denn unter Wasser geschwommen?

„Rühren Sie mich nicht an!“

Auf der Stelle hatte sie ihre Kraft zurück und schoß in großen Zügen dem Strande zu. Mai winkte mit dem Sonnenschirm.

„Kind, mein Kind! Hat er dich gerettet?“

Und sie fiel Lola um den Hals. Lola mußte erst zu Luft kommen. Sobald sie’s hervorbringen konnte:

„Wie käme ich dazu, mich von diesem Herrn retten zu lassen?“

Aber sie fühlte sich dennoch von Pardi überrumpelt und in ihrer Niederlage glücklicher als Mai. Auch Mai mußte es fühlen. Sie sah von Lola zu Pardi, der stumm blieb und ruhig atmete. Darauf betrachtete sie besorgt ihr eigenes Kleid und dann die beiden in ihren triefenden, um die Körperformen geklatschten Kostümen. Plötzlich wandte sie sich ab.

„Ich bin nicht schuld, wenn sie sich schlecht benimmt. Man hat mit nicht erlaubt, sie zu erziehen.“ [ 295 ]

„Wir werden es nachholen,“ sagte Pardi, — indes Lola schon von dannen war.
 

Und es ward Mittag, und man flüchtete auf die Hotelveranda, an den Frühstückstisch. Sah man hinaus, ward das Auge verbrannt von Sand und See; von dem frechen Wirrwarr der roten, grünen, gelben Karren vor dem wütenden Meerblau; von den weißen Flammen der Zelte, der Anzüge. Die Gäste traten aufatmend in den Schatten, oder sie schlichen an seiner Grenze vorbei, die Häuserreihe hin, in deren grausame Helle die Balkone scharf, dünn und schwarz hineinschnitten. Ermattete, schöne Frauen, die sich rückwärts bogen, willenlos und doch in einer Linie, als hätten sie Ballett tanzen gelernt, riefen mit sehr häßlicher Stimme einen Namen, streckten, ohne umzublicken, einen Arm nach hinten, — und eins dieser Kinder hängte sich daran, die nie ganz Kinder waren, die schon kokett waren, keine Ungeschicklichkeit begingen, und deren schmelzend blasse Gesichter manchmal, wie von Strapazen, die erst noch auszuhalten waren, unter den Augen bräunlich dunkelten. Matronen flankierten, mit erfahrenem Lächeln, Töchter, deren weißes Gesicht wie ein schmales Stück aus dem der Mutter aussah. Näherten sie sich, lagen beide, das der Mutter und das der Tochter, unter einem Teig von Schminke. Die alternden Männer bekamen Säcke unter die gewölbten Augen; den sehr alten entleerte sich das Gesicht von Blut; — aber sie blieben schlank, behielten den [ 296 ]aufrechten, raschen Gang des Jünglings und trugen, wie er, ihre silbernen und goldenen Stockgriffe, über den Arm gehängt, spazieren. Die aristokratische Gruppe auffallender, lauter Damen und verlebter Herren in großgewürfelten Anzügen streifte an eine Bande von Lastträgern und Schiffern; und beide sprachen mit schleierlosen Stimmen und Gebärden von Liebe und von Geld. Alle waren aus einem Blut; und wie sie gleichmäßig schritten und sich kleideten, war sicher, meinte Lola, auch die Art, zu denken und zu lieben, bei allen dieselbe. Lola gedachte der Menschen im Norden, die sie verlassen hatte, wie an Sonderlinge, von denen jeder seinen kleinen verrückten Kreis lief. Der alte Baron Utting übertrieb nur ein wenig die Sucht der übrigen. Hier ließ sich keiner aus der Masse reißen: er wäre verloren und sinnlos gewesen. Die Amerikanerinnen allein kreuzten dazwischen in gelben Winkeln, zu scharf von Umriß, um von der Sonne gedämpft zu werden. Die anderen alle schwammen ohne Mühe und jeder für sich fast unbemerkt, in dieser Atmosphäre, die sie getönt hatte und ineinander mischte.

Die Sonne tränkte gleichmäßig alles, berauschte, erschlaffte und verzauberte alles und einen selbst. Hohe, dünne Gerten mit Blumen, die nicht daran gewachsen waren, umstanden einen als Hecken, man lehnte sich in grell lackierte Sessel, hörte springenden oder schmachtenden Noten zu, fühlte sich, in seiner gewagteren Strandkleidung, freier und dreister als sonst, trank mehr, lachte mehr, ließ losere Worte zu, glaubte halb, man träume, und empfand bei allem, [ 297 ]was geschah und was man tat, daß nichts darauf ankomme. Mit Cavà hatte Lola Freundschaft geschlossen. Seine rohen Worte von neulich deuchten ihr kaum noch wirklich, wenn sie seine Knabenaugen ansah. „Man vergißt hier so rasch. Übrigens würde man mit niemand leben können, wollte man daran denken, was die Leute sagen und tun, wenn man nicht dabei ist.“

An Mais und Lolas Tisch war ein Hin und Her von Herren: Nutini, Botta und Deneris führten Freunde ein. Der Dichter Merluzzo war dabei, mit den Puppenaugen in seinem Modellkopf, auf seinem langen, nackten Halse. Er huldigte Lola mit seiner Altweiberstimme und versprach ihr, vorzulesen, wenn sie singe. Sie sang, ohne ihn um das Seine zu bitten: sang leichtfertig darauf los und freute sich des Beifalls, ob er verdient oder unverdient war. Sie lachte.

„Klatschen Sie! Sie klatschen doch auch, wenn der kleine Beppo aus Neapel uns in seinem weiten Frack und seinem Riesenzylinder Späße vormacht. Fragt man das Kind, ob es auch in Rom auftreten werde, schneidet es eine betretene Fratze und sagt: ,O nein, so stolz sind wir nicht.‘ Auch ich bin nicht so stolz …“

In aller Ausgelassenheit fühlte sie sich eifersüchtig bewacht von Pardi. Mai, harmloser, vergaß; einmal hörte sie Deneris zu lange an. In seiner schwermütigen Schwärmerei war er eben dahin gelangt, daß er nach Afrika wollte, um sich von der Schlaffliege [ 298 ]den rätselhaften Tod geben zu lassen. Da erklärte ihm Pardi, daß diese Dame unter seinem Schutze stehe! — und verblüfft, des Widerstandes unfähig wich unter seinem Ansturm Deneris vom Tisch. Nur noch heimlich wagte er sich, dem Verbot zum Trotz, an Mai. Sie ergab sich dann zum voraus in das Geschick, die Seufzer des einen mit der barschen Rüge des anderen zu büßen. Lola versuchte umsonst, sie aufzuhetzen.

„Du kennst das nicht: so sind sie. Auch dein Vater war so.“

Pardi faltete die Brauen, und Mai senkte die Stirn.

Den und jenen schloß er von der Vorstellung aus: sie hatten sich mit einer zweifelhaften Person gezeigt!

„Und sie sind wohl nicht langweilig genug?“ fragte Lola, kampfbegierig. Dann:

„Warum machen Sie uns mit keiner Dame bekannt? Fürchten Sie, daß uns Geschichten über Sie zu Ohren kommen? Wie sind die beiden puppenhaften Blonden mit den rotgeschminkten Lidern?“

Cavà antwortete statt Pardis:

„Die Contessa Bernabei und ihre Schwester.“

„Eher die hätte ich für zweifelhaft gehalten.“

„Bedenken Sie, was Sie sagen!“ heischte Pardi.

„Ach! Sie sind sehr befreundet mit ihnen?“

Lola lag nichts an Frauen. Dennoch warf sie es Pardi immer wieder vor, daß er gleich bei der Ankunft durch seine rücksichtslose Eroberung der Zimmer alle Damen des Hotels zu ihren Feindinnen [ 299 ]gemacht habe. Einmal, im Wasser, hoffte sie eine für sich gewonnen zu haben, eine noch Unbekannte. Als nachher Pardi ihnen entgegenkam, ward die neue Freundin verlegen, Pardi verhielt sich unleidlich abweisend und Lola brach, als die Fremde sich ängstlich entschuldigt hatte, in ernste Wut aus. Er wartete mit steinernem Gesicht, bis sie ihn sprechen ließ.

„Sie ist eine Chanteuse.“

Erst als Lola sich durch diese Enthüllung nicht geschlagen zeigte: was das schade, im Wasser habe die Dame keine schlüpfrigen Lieder gesungen, — da verfiel auch er in Sturm. Lola habe haarsträubende Begriffe; er werde sich von ihr trennen oder sie einschließen müssen. Er verstieg sich zu der Frage:

„Warum sind Sie hergekommen, wenn Sie eine Wilde bleiben wollen?“

„Ich werde abreisen, um Sie nicht länger zu kompromittieren,“ entschied sie mit Leidenschaft. Statt dessen hielt sie sich bei Tische heftig über Pardis Lächerlichkeit auf; denn er habe ein hübsches Mädchen nur darum vom Blumenkorso ausgeschlossen, weil sie eine Schneiderstochter sei. Woher sie’s wisse, fragte er; und kaum, daß sie einen Namen genannt hatte, stand er auf. Man sah dort hinten ihn und den andern gegeneinander fuchteln. Pardi verlangte, daß ein Gericht sich bilde und sofort über seine Handlungsweise entscheide. Als er recht bekommen hatte, forderte er seinen Kritiker. Mit Mühe besänftigte man ihn; — und wie er dann, entladen, heiter, bezaubernd, unter lauter bewundernden Blicken an den Tisch zurückkehrte, [ 300 ]begann Lolas Herz nachträglich zu klopfen. Was sie nun fast angerichtet hätte! Sie kannte ihn doch: er verlor mitunter die Besinnung. Einen Engländer hatte er aus dem Spielzimmer weisen wollen, weil ihm sein Tabak nicht gut roch. Der Engländer aber hatte Humor gehabt, und jetzt spielte Pardi mit ihm und rauchte aus seinem Beutel. Lola bemerkte erstaunt, daß er, der sich mit hundert Dummheiten aufhielt, sich an die Leitung von hundert Festen verzettelte, hundert Ehrenhändel erregte, bei alledem nicht kleinlich wirkte. Denn er trat für jede Nichtigkeit mit ganzer Persönlichkeit ein: immer bereit zur Verantwortung, immer im Begriff, sich zu verfinstern, sich mit dem Zweifler zu messen. Lola dachte an seine Erzählungen aus Afrika. Im Großen, das ihm bekannt war, blieb er derselbe, wie hier im Flüchtigsten. Er war das Kind, das das Meer vor sich hat, und doch darauf besteht, aus einem Sandloch, worin das Wasser versickert, ein zweites Meer zu machen.

Sie ging umher und sann ihm nach. So war er. Er war etwas Ganzes, — und dies Ganze war vielleicht nicht weit von einem Helden. Die Frau, die ihn geliebt hätte, wäre beinahe gerechtfertigt gewesen. Und eigentlich war’s von einer weniger starken Natur unnütze, peinliche Streitsucht, sich ihm zu widersetzen … Da schrak sie auf. Lieben? Diesen Abenteurer, der nur nach außen und nach allen Seiten lebte? Der sich nie hätte zusammenhalten können für eine? Diesen unzuverlässigen Spieler, für den kein Gewinn, nichts in Spiel oder Leben endgültig war? [ 301 ]Diesen immer von seinen Launen gequälten Mann aller Frauen?

„Mai will er gerade so sehr wie mich! Mehr vielleicht!“

Das war das Schlimmste. Darüber hätte man die Augen schließen mögen und gar nicht mehr aufstehen. Aber Lola wollte alles wegwerfen. „Sollen sie tun, was sie wollen!“ Und sie kam nicht zu Tisch; war gleich nach dem Bade in den Pinienwald gelaufen und durchstrich ihn weiter und weiter. Er nahm kein Ende. Man konnte sich verirren: wie das kitzelte! Sie drehte sich mit geschlossenen Augen mehrmals um und wußte nun die Richtung nicht mehr. Das weiße Schloß lag tief, tief in den Bäumen: so gedämpft blaß, als hätte nie Sonne es beschienen. Daß nun der Wald sich wie mit Schleiern füllte! War das Dämmerung? Schon? Man konnte hier sitzen und sich in den fremden, gelben Geruch all dieses Gestrüpps hineindenken, bis man weit fort war und die Zeit vergaß. Zwar hatte man den ganzen Tag nichts gegessen, — und dort, auf der Lichtung, packten Holzfäller ihr Gerät zusammen und legten Brote auf den Baumstamm … Nein, noch weiter: jetzt gerade, nun man schon sehr, sehr müde war und die Nacht kam … Da sah mit Eulenaugen das Meer zwischen die Stämme; die Richtung war wiedergefunden, die Stelle erkannt. „Eine halbe Stunde höchstens nach Haus! War ich dumm!“

Sie kam zurück und fühlte sich ganz fremd und verachtend. Sie brauchte von dem hellen, lauten Tisch [ 302 ]nur wegzublicken, — und ins Dunkel, jenseits der Terrasse, waren friedevolle Bäume gezeichnet und Waldwege, die stumm verrannen. Ganz erfüllt war sie noch von ihrem schönen Tag in Einsamkeit, und das zwischen Menschen galt ihr gleich.

Erst Tags darauf fühlte sie, daß ihre Abwesenheit Mai und Pardi einander irgendwie näher gebracht habe. Mai hatte ihr nur laue, etwas künstliche Besorgnis gezeigt, Pardi ihr keinen Auftritt gemacht. Als die andern von einer gestrigen Ruderpartie anfingen, schwiegen sie. Waren sie allein geblieben? Mai sah an Lola, die sie prüfte, vorbei. Lola tat keine Frage. Sie sprach mit vom Rudern. Pardi fiel ein:

„Sie wären gern dabei gewesen? Dann gehen Sie also heute mit! Ihre Mama verträgt die See nicht, ich leiste ihr Gesellschaft.“

Lola sah von ihm zu Mai. Sie suchte nach einer spöttischen Ablehnung. Plötzlich aber stieß sie hervor:

„Gut denn!“

Sie hatte sich geschämt! Als sie ins Boot stieg, bereute sie’s. Mai gab den Herren lauter Empfehlungen mit, zu Lolas Wohl. „Wie sie heuchelt!“ Lola dachte weiter: „Warum erlaube ich ihr, daß sie ihn mir wegnimmt! Gebe ich mich denn auf? Ich habe doch mein Recht aufs Glück!“ Sie beschloß: „Ich werde mich nicht mehr fortdrängen lassen! Ich kann ihn gerade so gut haben wie Mai. Er hat mir sogar gesagt, daß er Mai nur meinetwegen den Hof [ 303 ]macht.“ Sie verlangte nach einer Bucht weit dort hinten; und wie eingewendet ward, ihr Vormund werde böse sein:

„Meinen Vormund nennen Sie ihn? Es fehlte noch, daß er’s wäre! Finden Sie ihn nicht, im Ernst, ziemlich anmaßend?“

„Wenn man einen unverschämten Menschen sucht,“ sagte Cavà frisch, „da hat man ihn.“

„Er geht so weit, daß er mir manchmal unsympathisch wird,“ sagte Botta.

„Das ist recht!“ — und Lolas üble Laune hob sich — „schimpfen wir ein bißchen auf ihn! Was wissen Sie von ihm, Marchese?“

Deneris antwortete:

„Als junger Mann hat er sich einmal selbstmorden wollen.“

„Das — wollten Sie doch selbst schon.“

Deneris, tief erstaunt:

„Das ist doch etwas anderes. Übrigens hatte er keine unglückliche Liebe. Höchstens Schulden.“

„Die sind ihm treu geblieben,“ begann Nutini. „Trotz seinem großen Familienbesitz kann man den Zeitpunkt seines Ruins schon berechnen. Leute wie er, enden immer schlimm.“

„Tatsächlich hat er zusammengewachsene Brauen,“ bemerkte Cavà. Botta bedauerte das Haus Pardi.

„So altadelig!“

Deneris widersprach:

„Alt wohl, aber nicht lange adelig. Diese florentiner Bürgerhäuser sind spät geadelt.“ [ 304 ]

Nutini wollte auf die Geldsachen zurückkommen, aber Lola verlangte:

„Lassen wir ihn gehen!“

Sie ertrug es auf einmal nicht mehr, hier draußen, abgesondert von ihm, gemeinsame Sache zu machen mit seinen Feinden, von denen keiner sich an ihn wagte. Auf einmal fühlte sie sich voll Angst: beklommen und gereizt durch all das feindliche, leere Blau um sie her, durch die Gesichter, die sie ansahen. Er liebte Mai: man mußte schnell ans Land, — liebte Mai. Und Mai ihn.
 

Sie begann Mai neu zu beobachten, mit Blicken, die sie selbst schmerzten, und unter denen Mai sich verwandelte. Ihre liebenswürdigen kleinen Torheiten bekamen etwas Untergeordnetes, ihre Kindlichkeit ward albern. Bei jeder von Mais Äußerungen sah Lola in den Schoß, schämte sich und empfand Genugtuung in einem. „Wie kann man so dumm sein!“ Diese verbrauchten Listen! Daß eine Mutter die Tochter, die sie fürchtete, als Kind behandelte: es war so alt, so alt. Nur ein wenig Geschmack, und man ließ es. Aber Mai wäre, in ihrer Eifersucht, nicht einmal davor zurückgeschreckt, Lola schlecht anzuziehen! Mais Ratschläge empfing Lola nur noch mit Mißtrauen. Einmal machte sie die Probe: frisierte sich absichtlich sehr unvorteilhaft und fragte Mai, wie es ihr stehe. Mai war entzückt: Lola wußte nun Bescheid. Zum Schein ging sie ein Stück mit; — aber unten auf [ 305 ]der Treppe blieb Mai stehen, ihr Gesicht war verwirrt und errötet, und sie sagte:

„Laß dich noch einmal ansehen: nein, ich glaube, es geht doch nicht.“

Mais Kampf rührte Lola nicht. Es verdroß sie, daß sie nun weniger harte Gedanken hegen mußte. Sie wollte jetzt wirklich, wie sie war, unter die Leute. Aber Mai flehte und jammerte, bis sie Lola wieder oben im Zimmer hatte und sie eigenhändig, mit eifrigen, reuigen Händen, von neuem frisieren konnte. „Ist es Verstellung? Was hat sie vor?“ dachte Lola und haßte sich selbst dafür. Aber sie konnte nicht dagegen, daß Mais Hände auf ihrem Kopf ihr widerstrebten. Sie konnte nicht hindern, daß Mais Art mit den Männern sie erbitterte, ihr schließlich übel machte. Dieses Schnurren und Schmachten, diese singende, lispelnde Sprechweise, diese seitwärts geneigten Köpfe, unenthaltsamen Blicke, und dies ironische Lächeln einer gedämpften Wollust, womit ein Mann und eine Frau sich verständigten! Und der Mann war irgendeiner, — nicht bloß Pardi: früher auch Deneris, neuerdings auch Botta; und die Frau, das lockende Weibchen, war Lolas Mutter, ihre eigene Mutter! Die Kokotten nebenan mochten dasselbe treiben, und die Aristokratinnen; Lola mochte umringt sein von unreiner Weiblichkeit; — erst in Mai aber bekam sie etwas Groteskes und etwas, das Grauen machte. Eine Mutter hatte nicht das Recht, noch Weib zu sein!

Je länger sie sich hineindachte, um so [ 306 ]überwältigender deuchte ihr das Unrecht, das sie von Mai erfuhr. „Als ich sie damals für gefallen hielt, war’s weniger schlimm. Es war wirr wie ein Weltuntergang; es peinigte nicht, denn alles war auf einmal aus; — und es war eigentlich nur, weil ich Romane gelesen hatte. Ich wußte nichts, ich stand draußen. Jetzt sehe ich von innen, wie alles geschieht. Ich liebe einen der Männer, mit dem sie kokettiert: denn so würde sie es nennen, und doch ist es entsetzlicher, als wenn sie ihn mir einfach wegnähme. Dann würde ich mich vielleicht töten! So aber äfft sie, mit allen und ihm, die Liebe nach, die ich fühle, zeigt mir, namenlos verzerrt, was eine Frau ist, macht mir Grauen, daß ich eine bin. Ich liebe einen, mit dem meine Mutter solche Blicke wechselt! Bin ich nicht beschimpft und ganz beschmutzt durch das, was ich in mir trage? Ich will nicht Frau sein! Ich will nicht lieben!“

Sie machte sich jungfräulich steif, hörte von den Reden weg, die auf allen Wegen zur Liebe glitten, und verlangte, daß man in ihrem Dabeisein von ernsten Dingen spreche.

„Ich begreife nicht, daß man hier in einer Gesellschaft von Männern und Frauen sich immer nur miteinander, nie mit unpersönlichen Fragen beschäftigen kann.“

„Ja, Sie sind eine Amerikanerin,“ sagte Cavà … Lola sah von allen Seiten Komplimente für die Amerikanerinnen kommen, fiel nervös ein und erklärte die Stellung der Frau in Italien für unwürdig und vollkommen veraltet. [ 307 ]

„Glücklicherweise wollen Ihre Minister endlich die Ehescheidung einführen.“

Botta bat:

„Nur das nicht. Wenn die Scheidung, was Gott verhüte, Gesetz wird, sind wir verloren.“

„Sie machen wirklich ein ganz betretenes Gesicht. Solche Angst haben Sie vor den Frauen?“

„Im Gegenteil,“ versicherte Botta. „Ich habe Angst für sie. Denn sie zuerst werden unter dem Gesetz leiden: haben sie doch wenig Urteil, die Armen. Sie werden, kaum daß etwas sie ärgert, aus der Ehe laufen. Dann meiden alle sie, und sie verkommen.“

„Schon jetzt,“ begann Deneris, „sitzt die Caputi allein in den Konditoreien, und sie ist nur getrennt. Was werden erst die Geschiedenen tun!“

Nutini bemerkte:

„Ein Sodom und Gomorra wird entstehen. Wir jungen Leute werden uns nicht darüber zu beklagen haben.“

Deneris aber klagte:

„Uns wird die poetischste Sache verloren gehen, nämlich unsere unbedingte Ehrfurcht vor der Frau, die in der Ehe unantastbar und die Erste ist.“

„Ich hätte meine Mutter nicht achten können, wenn mein Vater sie hätte entlassen dürfen!“ rief Botta.

„Gut, Advokat!“ machte Nutini.

„Die Frau, die geschieden werden kann, wird man vielleicht nicht einmal mehr zuerst grüßen,“ fürchtete Deneris. Cavà rief entschlossen:

„Ich werde sie grüßen!“ [ 308 ]

„Genug,“ folgerte Botta, „wir haben die Pflicht, die Frauen vor sich selbst zu schützen.“

Lola hätte gern erwidert: „Und wie schützt ihr sie jetzt? Indem ihr möglichst viele von ihnen zum Ehebruch verführt?“ Aber Pardi kam über den Sand herbei.

„Und Sie? Sie sind natürlich für die Scheidung?“ fragte Lola ihn. Er antwortete:

„Ich bin der unversöhnliche Gegner jeder Regierung, die sie uns aufzwingen will!“

Cavà bedeutete Lola mit einem Blick, daß sie auf ihn sich verlassen könne.

„Warum soll unser Land das letzte von allen sein?“ rief er hell. „Die Amerikanerinnen sind meistens geschieden, und sie sind reizend…“

Botta unterbrach.

„Der Fortschritt! Das ist euer Wort. Wenn es nun aber bewiesen ist, daß die Scheidung geschichtlich und etnographisch eine tiefstehende Einrichtung ist und sich in direkter Verbindung mit allen Entartungserscheinungen der menschlichen Psyche befindet, als da sind Verbrechen, Selbstmord, Wahnsinn und — noch mit einer, die ich vor Damen nicht nennen kann?“

„Gut, Advokat,“ sagte Nutini. Cavà behauptete frisch:

„Die Ehe ist das Grab der Liebe!“

Seine drei Widersacher fielen zugleich über ihn her. Pardi verschränkte die Arme und wartete. Als er sprechen konnte:

„Die Ehe ist das Grab der Liebe, wenn man von Liebe einen falschen Begriff hat, wenn man für [ 309 ]Liebe hält, was nichts weiter ist als tierische Fleischlichkeit, nichts als die Berührung zweier Epidermen. Die echte Liebe aber, die in der Seele wohnt und gereinigt, vergeistigt und von den Launen der Sinne unabhängig ist, kann nur eine einzige Person angehen und nirgends vorkommen als in der unlösbaren Ehe! Nur sie ist der ganz reine Herd dieser Liebe!“

Lola betrachtete ihn: da stand er, der Idealist, und glaubte an sich! Unter denen, die ihm so leidenschaftlich zustimmten, hätten vielleicht noch einige Ehefrauen sein sollen, deren reiner Herd dank ihm etwas weniger rein war, und ein paar Gatten, die er halbtot gestochen hatte.

„O!“ machte sie. „Was Sie da sagen, ist die Logik eines Dichters. Wenn nun die Wirklichkeit nicht immer so logisch wäre? Dann würde man, Ihrer Poesie zuliebe, unglücklich!“

Er merkte gar nicht ihren Spott. Mit Strenge entgegnete er:

„Auf diese oder jene, vielleicht vorschnell geschlossene Ehe kann nicht Rücksicht genommen werden, wo es sich um die Ehe als Grundstein des gesamten gesellschaftlichen Gebäudes handelt.“

„Sehr richtig!“ bemerkte Botta. „In der Ehe befiehlt der Staat.“

„Besteht der Staat nicht aus Menschen?“ fragte Lola. Pardi erklärte:

„Sie haben sich zu opfern. Nicht ihr Glück ist das Wesentliche. Das Wohl der Kinder geht ihm vor, der Bestand der Gesellschaft. Wer mit seinem freien [ 310 ]Willen gewisse Pflichten eingegangen ist, hat, was nachkommt, nur sich zuzuschreiben und kein Recht, sich zu beklagen. Ich würde mich nicht beklagen,“ schloß er, durchdrungen.

„Und er ist ein Mensch,“ dachte Lola, „der noch keine Handlung mit ruhigem Blut und Voraussicht der Folgen begangen hat!“ Sie äußerte:

„Wie Sie von Pflicht zu sprechen wissen! Sie sind förmlich ehrwürdig!“

„Tatsache ist,“ sagte Botta, „daß Sie einen ausgezeichneten Verteidiger der guten Sache geben würden; — und Gott weiß, daß sie Verteidiger braucht…“

Er wartete, ob man nicht ihn selbst auffordern werde. Dann beschied er sich:

„Stellen Sie doch Ihre Kandidatur auf!“

Deneris und Cavà stimmten ein. Lola bestätigte:

„Sie müssen ins Parlament und die Ehe retten.“

Er sah ihr spähend in die Augen. „Sein Tigergesicht,“ dachte sie.

„Von diesem Augenblick bin ich entschlossen, — und Sie werden sehen, wer recht behält!“

„Also wetten wir: für und gegen die unlösbare Ehe?“ schlug Lola vor.

„Nein! Dafür ist es zu ernst. Aber Sie können schreiben, Nutini, daß ich kandidiere. Bereiten wir doch gleich das Nötige vor…“

Schon ward er umringt, im voraus beglückwünscht und begann einem Kreise Neugieriger sein Programm zu entwickeln. Die Hotelgäste kamen die Terrasse [ 311 ]herunter, und von weither sah man laufen. Die aristokratische Gesellschaft mit ihren gewürfelten Anzügen und riesigen Schleiern drängte sich, warf skeptische Bravos in die Rede, fächelte, plapperte; und während der Kopf nach der andern Seite lächelte, betasteten unten sich irgendwelche Hände.

Pardi ließ keinen einzigen Scheidungsgrund zu, nicht Zuchthausstrafe, nicht Wahnsinn.

„Wenn erst Bresche gelegt ist, gibt’s kein Halten, und man endet dabei, daß der Wunsch des einen Gatten genügt! Eher bin ich dafür, daß das Band noch fester geknüpft wird, daß wir, meine Herren, die Verantwortung für unsere Frauen übernehmen und sogar ihre Verbrechen büßen!“

„Welch wilder Romantiker!“ dachte Lola, auf ihrem Sesselchen im Schatten des Badekarrens.

„Dafür muß unsere Herrschaft nicht lockerer, sondern noch fester werden. Meine Herren, es haben sich Richter gefunden, die entgegen dem Gesetz eine Frau der Verpflichtung enthoben haben, ihren Mann zu begleiten, wohin immer er befiehlt…“

Eine der beiden puppenhaften Blonden mit den rot geschminkten Lidern, die Contessa Bernabei, wandte sich Lola zu, machte einen Schritt aus der Masse, daß ihr Schatten darauf fiel, und hob, mit angeregter Miene, nochmals den Fuß. Als Lola gleichgültig sitzen blieb, trat sie ärgerlich zurück, sprach nach links und nach rechts, als rührte sie in einem Sandhaufen, — und auf einmal waren drei, vier Lorgnons auf Lola gerichtet. [ 312 ]

Aber eine Stimme, Deneris’ Stimme, zog die Aufmerksamkeit ins Innere des Kreises zurück.

„Die Furcht vor der Scheidung würde keine Frau vom Ehebruch abhalten und keinen Liebhaber. Denn in der Leidenschaft fürchten wir nichts.“

„Meine Meinung!“ rief Pardi; und die beiden streckten einander die Hände hin.

„Mag der Gatte aufpassen!“ höhnte Cavà, knabenhaft hell; und der Chor erklärte sich fürs Aufpassen.

Die Versammlung bröckelte ab; auch Mai löste sich heraus, mit Deneris hinter sich.

„Hat er reizend für die Scheidung gesprochen, und auch Sie, Marchese! O! ich schwärme für die Scheidung. Meine Tochter übrigens auch: Nicht wahr, Lola?“ — und Mai lief trippelnd herbei, ganz unbefangen, wie immer, wenn Leute dabei waren. Deneris hielt sie zurück; er hatte ihr etwas zuzuflüstern. Mai schüttelte auf alles den Kopf. Schließlich sagte sie:

„Gut, daß Sie mit Pardi versöhnt sind; jetzt können Sie wieder mit uns reden. Sonst aber: lieber Marchese, Sie dürfen es nicht übelnehmen, eine glückliche Liebe würde Ihnen nicht stehen. Ihnen steht eine unglückliche. Als Sie täglich sechs Stunden gereist sind und sich bei einem Photographen haben erschießen wollen, da müssen Sie schön gewesen sein … Sollen wir jetzt nicht baden, Lola?“ — und Mai ließ Deneris zurück.

Lola dachte: „Sie ist so dumm, daß sie keine zwei Worte versteht, die etwas Allgemeines sagen. Gleich darauf aber, wenn es sich um ihren Körper [ 313 ]handelt und um die Sinne eines Mannes, wird sie beinahe geistreich. Muß man als Frau so sein? Dann bin ich ein verfehlter Mann. Wenn ich hätte auftreten dürfen: wie ich denen dort die Wahrheit gesagt hätte! Was für eine Gesellschaft! Sie sind schlaff und unmenschlich zugleich; frivol und philisterhaft, alles beides. Pardi ist das alles auch: nur heftiger als die anderen. Ich kenne ihn: sich würde er alle Freiheiten nehmen und seine Frau würde er einsperren. Draußen würde er wie ein wildes Tier herumstreichen oder wie ein Narr, und in seinem Hause würde er alles abgezirkelt und niedlich wie in einem Vogelbauer wollen. Kann man so abscheulich ungerecht sein! Nein, ich möchte kein Mann sein. Oder ich wäre einer wie Arnold…“

Zornig riß sie sich die Bluse auf, — da erschien um die Ecke des Karrens auf nacktem Hals der Modellkopf des Dichters Merluzzo. Seine Puppenaugen spähten hinein.

„Was wollen Sie, mein Gott!“

Mai, schon halb entkleidet, schrie und stürzte umher.

„Endlich treffe ich Sie allein. Erinnern Sie sich nicht, daß ich Ihnen eine Novelle vorlesen wollte?“

Es mußte sofort sein. Lola ließ ihn sich auf die Karrentreppe setzen und versprach, hinter dem Vorhang genau zuzuhören. Aber die weichliche Stimme reizte sie noch mehr. Zum Schluß sagte sie:

„Recht hübsch. Aber den Gedanken, daß an der Untreue der Frau auch der Gatte schuld haben kann, finde ich sehr kühn.“ [ 314 ]

„Nicht wahr?“ — ganz stolz. „Das sagten mir schon andere: die Idee sei neu und vielleicht zu kühn. Auch der Conte Pardi sagte es.“

„Das dachte ich mir,“ — Lola schlug den Vorhang zurück und ging in ihrem Mantel an Merluzzo vorbei. Im Wasser erklärte Mai:

„Ich mag diese Dichter nicht. Dieser ähnelt wieder dem vorigen, dem in Deutschland.“

Lola antwortete:

„Liebe Mai, solche Leute wie Deneris verstehst du sehr gut;“ — und dann schwamm sie unter Wasser davon.

Mai sprach sie nicht wieder an. Am Abend ward Lola von Pardi zur Rede gestellt. Sie sei so unartig, daß ihre Mutter geweint habe, und dabei verschwende sie das Geld ihrer Mutter. Wie sie dazu komme, die ganze Familie des Stubenmädchens zu unterhalten. Ob sie nicht sehe, daß der Mann ein Lump sei, der nicht arbeiten wolle und sie belüge. Sie wisse es, sagte Lola; da er aber einmal so sei und die Familie Not leide —

„Das ist unmoralisch!“ behauptete Pardi.

„Wenn ich fragen wollte, wem ich helfe, käme ich nie zum Helfen. Glauben Sie, daß der betrunkene Bauer in Deutschland, den Sie ins Dorf trugen und so reich beschenkten, würdiger war?“

„Er war ein sehr guter Mann, ich habe mit den Leuten gesprochen.“

„Ich auch. Und er hatte die Messerstiche, weil er gestohlen hatte. Aber Ihr Geld verdiente er darum, meine ich, nicht weniger.“ [ 315 ]

Da Pardi nur fuchtelte:

„Sehen Sie, Sie waren in Afrika, haben so vieles hinter sich: ich aber, die ich nichts erlebt habe, bin enttäuschter als Sie. Sie brauchten mich wirklich nicht so oft zu belehren.“
 

Das war ein Triumph! Auch daß er Merluzzos Albernheiten kühn gefunden hatte, war einer; und daß die süßlichen Bilder im Saal ihn entzückten. Für alles, was süßlich und veraltet war, für jeden Kitsch war er zu haben. Er mußte als Held in älteren Romanen vorkommen. Seine Abenteuer, sein Ehrbegriff, seine Ideen, seine Lebensanschauung und sein Urteil über Menschen rührten von solchem Helden her. Für ihn gab es natürlich nur Gute und Böse, Ehrenmänner und Schufte, und wer das Fechten verstand, erhielt sich stets auf der Seite der Ehrenmänner. Eine Welt, so einfach in ihrer Wildheit, daß es nicht zu glauben war. Eine Naivität, die manchmal rührte, manchmal empörte: nur Achtung konnte sie nicht eingeben.

Ihre Beobachtungen rieben sie auf, sie erschrak bei jeder neuen Waffe, die sie gegen ihn in die Hand bekam, denn mit allen traf sie sich selbst. Sie schlief nicht mehr, verbarg mit Mühe ihre ständige Gereiztheit, und von früh bis spät war sie in der Angst, einen Zug an ihm zu bemerken, der ihn entstellte, der ihn vervollständigte. Nutini war ihr Schrecken; bei jeder Begegnung lüftete er, feixend oder unter Freundschaftsbeteuerungen, wieder ein Stück von Pardis [ 316 ]Vergangenheit. Pardi hatte die Chiarini, als sie von ihm in anderen Umständen war, mit dem Wagen umgeworfen, wobei sie umkam … Nutini verhehlte nie, Lola auf den Mut hinzuweisen, womit er sie über den gefürchteten Duellanten aufkläre. Sie hielt trotzdem das meiste für Verleumdung; aber ein ruheloses Mißtrauen und eine verzweifelte Lust an seinem Gezischel trieben sie zu Nutini. Sie standen zusammen abseits, wiesen nach dem Horizont, lachten laut, und dabei sagte Nutini:

„Sie wissen wohl nicht, warum die Bernabei Sie so viel durchs Lorgnon ansieht?“

„Die mit dem zusammengedrückten Gesicht und den roten Lidern? Nein.“

„Weil sie Pardis Geliebte ist … Ja, man spricht seit zwei Tagen davon, aber ich habe mich erst überzeugen wollen…“

Lola hörte gierig die Einzelheiten von Nutinis Entdeckung an.

„Sie begreifen nun, die Bernabei ist auf Sie eifersüchtig.“

„Aber neulich, als Pardi seine Rede gegen die Scheidung hielt, schien sie sich mir ganz freundlich nähern zu wollen.“

„Das glaub ich!“ — und Nutini lachte auf, mit großen Falten neben dem Munde; „Sie wissen wohl, was Eifersucht ist: man muß die Gegnerin kennen lernen!“

„Nein, ich weiß das nicht. Und ich bin nicht die Gegnerin der Frau Bernabei.“ [ 317 ]

„Im Ernst? … Ich will aufrichtig sein. Die Gräfin hat mich beauftragt, zu machen, daß Sie beide sich kennen lernen.“

„Mich verlangt nicht nach der Bekanntschaft.“

„O! Sie sind nicht eifersüchtig. Sie sind ein bewundernswertes Geschöpf, in das auch ein ernster Mann sich verlieben könnte. Unglaublich, wie viel Seele in den Augen dieses Mädchens ist…“

Lola dachte: „Für alles andere habe ich Blick, nur nicht für Liebessachen … Jetzt begrüßen sie sich: ja, es ist wahr. Daß ich das nicht früher gesehen habe! Und doch war sie mir unsympathisch vom ersten Augenblick, und ich habe mich ihretwegen mit ihm gestritten! Also hat er eine Geliebte: hier gleich neben mir, die er doch behandelt, als ob ich ihm gehörte…“

Gegen die Liebe in ihr vermochte das alles nichts; nur die Last dieser Liebe konnte es vermehren. Ihr Wachstum war nicht mehr aufzuhalten. Kein Tag, der ihr nicht Nahrung gab. Noch mit der Verachtung des Geliebten nährte sie sich!

Und ihr Dasein glich jetzt ganz jenem Spaziergang, die letzte Nacht in Deutschland, als sie in die Luft schlug, aus blinder Angst vor seiner Berührung. Immer war sie in Angst, sich zu verraten: mochten ihre Worte noch so gehalten sein, sich mit Blicken zu verraten, wie die Bernabei, mit einer Betonung, die ihr, sie merkte es, ausglitt, mit einer Bewegung, die entschlüpfte. Stand ihr nicht der Traum der vergangenen Nacht noch in den Augen, als sie sich, einen steilen Weg hinab, fest auf ihn gestützt und sich abgespannt und [ 318 ]genesen gefühlt hatte? Konnte er nicht in sie hineinsehen? Drang nicht ihre Leidenschaft ihr durch die Haut? Sie drang doch bei allen durch, so lang die Terrasse war, so viele Menschen hier gehäuft saßen, so viele Gesichter sich aufeinander zuneigten, so viele Hände nacheinander tasteten. Lola sah jetzt dies alles und fühlte es, ohne hinzusehen. Ein neuer Sinn war ihr gekommen für den Strom, der um diese Tische und durch diese Menschen lief und von dem der Blick jedes Mannes und jeder Frau, die sich ansahen, dieses ironisch gedämpfte Einverständnis empfing. Sie fragte nicht mehr, warum hier zwischen Frauen und Männern kein Gespräch über irgend eine draußen liegende Sache aufkam. Sie selbst konnte nur noch darauflos schwatzen, schlaff lachen und, nun Nutini ihr den Hof machte, sinnlos herausfordernd an seinen Augen haften. Dazwischen empörte sie sich gegen ihren Zustand, begriff nicht, wie er hereingebrochen sei, schrieb ihn dem Scirocco zu, der einem den Atem nahm, einen gedankenlos, matt und nach Schauern gierig machte. Man zog die Mahlzeiten hin, trank, rauchte, — und wenn man die heiße, schlaffe Hand über das Geländer hängte, traf Regen sie, der nicht kühlte. Die Gerüche dieser eleganten Menge standen still in der Luft. Das Meer sandte bleierne Reflexe. Die Blicke erschienen fiebrig, die Gesichter fahl, gedunsen und von aufstachelnder Zerrüttung.

Lola fand jetzt viele beneidenswert schön. Manche dieser Frauen schminkten sich Masken wie Kokotten. Man mußte das herausbekommen. Man mußte ihren [ 319 ]lauten Chic erlernen. Sie probierte des Nachts. Mai, sah sie, hatte täglich breitere Kohleränder. Wenn sie zusammen die Terrasse betraten und von der Bernabei und den anderen gemessen wurden, spürte Lola von weitem den Erfolg. Mais dunkle, weiche Schönheit und Lolas herbere blonde Eleganz hoben einander. Sie sprachen unter sich kaum ein Wort, sie hielten beim Ankleiden die Tür zwischen sich geschlossen, gaben sich keinen Rat mehr: — am Fuß der Treppe aber blieb Mai stehen, um Lola an ihre Seite zu nehmen; und am Strande legten sie einander die Hand in den Arm und lachten sich zu.

„Wir sind eigentlich wie ein Paar Abenteurerinnen,“ dachte Lola. „Wer uns nicht kennt —.“ Mit der Wucht des Schreckens vertiefte sie sich dahinein. „Wir sind immer, ohne irgendwo hinzugehören, durch Europa gezogen, haben nur an Plätzen gelebt, wo sich Abenteuer finden lassen, — und haben wir keine gefunden? Womit habe ich, wenn ich die Branzilla abziehe, meine Zeit verbracht? Auch hatten wir nur unregelmäßig Geld …“ Und da hatte sie ihr Dasein umgesehen, verstand sich, sehr befremdet, auf einmal ganz anders. „Ich bin es! Ich bin eine Abenteurerin! … Die anderen, die es sind, wissen es vielleicht auch nicht. Man merkt das wohl selbst erst, wenn die Leute es schon längst sehen…“

Sie wehrte sich: „Ich habe doch so viel gelesen; durch meinen Kopf, der jetzt wohl leer ist, sind doch Gedanken gegangen, wie gewiß niemals durch diese Köpfe hier. Wenn ich jetzt in diese Gesellschaft gehöre, [ 320 ]— noch vor kurzem war ich doch mit ganz anderen Menschen fast verwandt. Wie war mir zumut, als ich mit Arnold war? Alles war anders. Frauen, wie diese, die ich jetzt nachahme, hätten mich gedemütigt durch ihre bloße Gegenwart.“ Dann: „Aber vorher war ich mit Da Silva. Auch das habe ich in mir. Und das bricht jedesmal mehr durch. Jetzt bin ich hier und bin so.“

Einen halben Tag lag sie gelähmt von ihren Entdeckungen; und als sie aufstand, hatte ihre Rolle einen tragischen Sinn bekommen. Wie Mai, die nichts ahnte, es kläglich gut hatte! Für sie war, sobald Paolo einmal wieder ein paar tausend Francs schickte, alles in Ordnung. Man mußte sanfter mit ihr sein … Beim Anblick der Bernabei schnellte in ihr ein Stolz auf, der sie erschütterte. „Diese Frau,“ dachte sie, „wird sich mir vorstellen! Sie wird in das Palais der Contessa Pardi kommen und sich ihr vorstellen!“ Sie ließ kein Erstaunen über den Einfall in sich aufkommen. „Ah! Diese Leute halten mich für eine Abenteurerin. Der Geliebte solcher Weltdame hat nebenher noch eine etwas verdächtige Bekanntschaft, die er in die Gesellschaft nicht einführen kann. Denn er hält mich von ihnen getrennt, er behandelt mich wie eine Kokotte. Aber sie sollen sehen! Er soll sehen!“

Sie verachtete diese Menschen! Und dabei gab die Aufgabe, sich unter ihnen Platz zu machen, ihr Begeisterung. Nun wußte sie sich wieder unangreifbar, suchte keinen Schutz mehr vor Pardi, nahm ihn sogar mit auf ihre einsamen Spazierwege. [ 321 ]

„Nicht in den langweiligen Wald, bitte: nach den Bergen zu.“

„Es wird sehr heiß sein — und weit.“

„Sie sehen ganz nahe aus, und droben geht gewiß Wind.“

„Wie Sie meinen … Übrigens wiederhole ich Ihnen, daß Sie verschwenden. Ihre Mama weiß nicht mehr, wie sie die Kleider bezahlen soll, die jetzt wieder für Sie da sind.“

„Möchten Sie, daß ich hinter der Bernabei zurückstehe?“

„Warum vergleichen Sie sich der Bernabei?“

Lola hörte, wie er stammelte. Sie fühlte sich, da sie den Namen seiner Geliebten nannte, im Genuß einer Überlegenheit; fühlte, daß ihr kühles Lächeln ihm unheimlich sei, wie gewissen Wilden eine Jungfrau.

„Ich kenne Sie schon,“ sagte sie. „Sie gehören zu den Männern, die ihrer Freundin etwas Festes im Monat geben und von ihr verlangen, daß sie darüber abrechnet. Man kann, denke ich mir, ganz gut eine Menge Geld verspielen und dann in Kleinigkeiten geizig sein. Nicht?“

„Was Sie sagen, schickt sich nicht für Sie!“

„Nehmen wir an, es wäre eine Frau, eine ältere Frau, die es Ihnen sagte.“

„Sie sind viel zu klug für eine Frau! Übrigens: wozu reden wir. Lange genug haben wir getan, als ob nichts wäre zwischen uns, als ob wir nicht wüßten, daß ich Sie besitzen werde, und daß Sie darauf warten. Ihre Klugheit ändert daran nichts. Was Sie reden, [ 322 ]sind bloß Worte; und im stillen wissen wir mehr. Ist es nicht so?“

Seine Stimme fühlte sich an, wie eine Hand, die im Würgen noch schmeichelt.

„Was Sie sagen, schickt sich nicht für Sie,“ erklärte Lola.

„Sie bringen mich zum äußersten!“

Halb ihr zugewendet, hielt er seine beiden, bebenden Fäuste vor sie hin. Sie ging weiter, ohne hinzusehen.

„Was hindert mich: was? Wenn Sie die Contessa Dingsda wären oder auch das Stubenmädchen —“

Er zischte nur noch; aber sie verstand ganz gut: man behandelte sie nicht wie eins jener Weibchen. Eine Scheu benachrichtigte selbst diesen, daß das nicht ging. Sehr hochgemut, mit Auflachen:

„Ich nehme an, daß dies alles einen Heiratsantrag bedeutet.“

„Nein!“ — ganz brutal. Lola duckte den Nacken, sie konnte nicht anders. Sie versuchte zu trotzen:

„Einen Gegner der Ehescheidung könnte ich auch nicht brauchen.“

Aber sie dachte in Panik: „Soll ich sagen: wenn es keinen Antrag bedeutete, war’s Unverschämtheit? … Darf ich das noch? Ich hatte mich ihm gleichgestellt! Plötzlich schlägt der Mann dann zu: so ist es immer. Dies Nein werde ich nie vergessen.“ Sie setzte sich hin.

„Gehen Sie, bitte, allein weiter. Ich will hier bleiben.“ [ 323 ]

„Auf der Mauer, in der Sonne? Ich warte natürlich, bis Sie sich ausgeruht haben.“

Lola sah nach den Bergen und dachte: „In was für einer Lage! Mai wäre nie in solcher: sie, die ich so oft dumm finde.“ Sie lachte gewaltsam:

„Wissen Sie wohl, daß Sie ziemlich grob waren? Aber ich verzeihe Ihnen. Für die dummen Frauen hat man die Galanterie; aber was tut man mit den Klugen. Da ist man ratlos.“

Dann:

„Die Berge kommen aber gar nicht näher. Kehren wir also um.“

„Sehen Sie, daß Sie nachzugeben verstehen?“ sagte Pardi.
 

Er trällernd im Tenor, Lola mit Kopfschmerzen: so kamen sie zurück. In ihrem Zimmer schloß sie sich ein, fand aber keine Ruhe.

„Wenn er mich nicht heiratet, — ich muß mich erschießen! Dies geht nicht einfach vorüber, das weiß ich. O! wie ich ihn hasse.“

Im Umherirren gab sie ein leises Wimmern von sich. Plötzlich, stehen bleibend:

„Oder — ist das Haß? … Was tut er jetzt? Ist er bei der Bernabei?“

Sie horchte an Mais Tür, öffnete leise: Mai war nicht da.

„Und was tut Mai?“

Fieberhaft trieb es sie nach allen Seiten. Keinen [ 324 ]Augenblick konnte sie länger allein bleiben. Da kam Mai, und hatte wieder dies verdächtig Unsichere.

„Woher kommst du?“ fragte Lola hastig. Mai stutzte, und ihr Blick, der um Teilnahme gebeten hatte, verschloß sich. Lola mußte sich erst sanft machen; dann erfuhr sie, Mai habe wieder einmal Pai erblickt, vorhin, während ihrer Nachmittagsruhe, — aber noch seien ihre Augen offen gewesen; Pai sei von links gekommen und habe ein schrecklich ernstes Gesicht gehabt.

Mais sklavische Angst entrüstete Lola auch diesmal. Sie wollte sagen: „Wenn du mit vollem Magen schläfst —“ Aber sie sagte:

„Pai ist offenbar nicht zufrieden mit dir. Wundert dich das?“

Mai sah vor sich hin. Ihre Brust ging immer heftiger. Da fiel sie Lola, ohne ihr in die Augen zu sehen, um den Hals.

„Willst du Pardi? Ich lasse ihn dir. Ich begnüge mich mit Botta.“

Lola vermochte nichts gegen die eigene Gereiztheit. Sie erwehrte sich Mais.

„Du weinst mir das ganze Gesicht naß, und ich hatte mich eben gepudert … Wie willst du mir Pardi lassen? Gehört er dir?“

Und Mai, enttäuscht, aus der Stimmung gerissen und auf einmal voll Feindschaft:

„Also dann wirst du’s sehen!“

„Was werde ich sehen, Mai?“

Sie maßen sich; — und wie Lola dies haltlos und kindlich böse Gesicht dringend betrachtete, brach [ 325 ]ein Schauer von Mitleid über sie herein. „Das ist doch Mai,“ dachte sie. Da umfaßte sie Mai, drückte sie auf den Stuhl nieder, legte, vor sie hingekniet, Stirn und Augen in ihren Schoß. Dunkelheit: die tat wohl. Was sich noch eben so wild angefühlt hatte, war nun abgeschafft. „Es ist doch gar nicht nötig,“ dachte Lola.

„Ich brauche ihn gar nicht,“ sagte sie und hielt die Augen geschlossen; „ich liebe ihn gar nicht.“

Mai legte ihr die kleinen weichen Hände um das Gesicht.

„Das kennen wir,“ flüsterte sie nur. Und wie Lola die Lider öffnete:

„Sagte ich’s nicht?“

„Was sieht sie in meinen Augen?“ dachte Lola und ging zum Spiegel.

„Ich habe wohl etwas Fieber, Mai. Meinst du, daß ich heute abend zu Hause bleiben soll?“

„Ich meine, daß wir jetzt keine Zeit mehr verlieren, sondern dich verheiraten müssen,“ antwortete Mai wichtig. „Ich muß für dich handeln, sonst kommen wir zu nichts. Du bist so klug, aber ich sagte dir’s schon oft, eine Negerin weiß die Männer geschickter zu nehmen als du. Auch betest du zu keinem Heiligen. An welchen Gott glaubst du eigentlich?“

„Wie willst du handeln, Mai? Daß du ihm kein Wort sagst, du würdest mich sehr böse machen.“

„Ich habe das Recht, ihm zu verbieten, daß er meine Tochter noch länger kompromittiert. Man [ 326 ]bleibt nicht mit einem jungen Mädchen drei Stunden vom Hause fort. Laß mich nur machen, ich bin erfahrener.“

Lola wendete sich hin und her.

„Warum muß ich denn heiraten?“

„Damit du einmal zur Ruhe kommst. Weißt du das nicht? Und die Geldsachen aufhören. Seit Paolo all unser Geld in dieses Ansiedelungsunternehmen gesteckt hat, kriegen wir immer weniger.“

Mai war ganz Gesetztheit, ganz Vernunft.

„Aber wenn das Geschäft gelingt, sind wir reich.“

„Du selbst hast noch gestern gezweifelt. Besser, wir versorgen dich gleich.“

„Mir widerstrebt es, Mai. Ich werde Pardi nur heiraten, wenn unser Geschäft gelungen ist. Jetzt mußt du dich wohl anziehen,“ setzte sie rasch hinzu.

„Nein,“ sagte Mai ebenso rasch, und als habe sie darauf gewartet. „Ich werde mich gar nicht anziehen. Ich bin gut genug, wie ich bin. Aber ich werde dir helfen.“

„Was fällt dir jetzt ein? Irgend etwas mußt du doch anhaben.“

„Dann ziehe ich das grüne Kleid an.“

„Das die Schneiderin ganz verdorben hat? Und Grün steht dir nie!“

Mai wiederholte mit einer Festigkeit, unter der es zitterte:

„Ich ziehe das grüne Kleid an.“

„Du bist schrecklich!“ — und Lola sah sich verzweifelt nach allen Seiten um. Daß Mai sich häßlich [ 327 ]machen wollte, war ein peinlicheres Opfer, als wenn sie ihr Pardi freiließ.

„Zu dem grünen mußt du wenigstens Rot auflegen, hörst du?“

„Ich werde mich überhaupt nicht schminken: nur Eau végétale.“

Und Mai ging, von sich selbst erschüttert, hinaus.
 

An diesem Abend schickte Mai alle Tänzer fort, machte Bekanntschaften unter den Müttern einiger kleinen Provinzlerinnen und führte sorgenvolle Gespräche über die Kinder. Dafür ließ sie sich das nächste Mal zu ihrer silberbestickten weißen Empirerobe überreden; und jedesmal, wenn sie in Pardis Arm an den Wänden hinglitt, trieb es Lola ihr nach. Sie gab dem eigenen Begleiter keine Antwort, hing nur an Mais und Pardis Mienen, die zu süß, zu vertieft waren, quälte sich um die Worte, die er in Mais Corsage sprach, litt unter dem weichen Seidenfluß um Mais Gestalt, unter den blaßbunten Palmen darauf aus altem Kaschmir, unter Mais Flimmern und üppigen Gleiten und der nie gestörten Weiße ihres Gesichts in den breiten schwarzen Haarwellen. Sie selbst erhitzte sich, ihren Fächer bewegte sie nicht so melodisch, und nie würde sie es verstehen, solche Hingebung zu spielen! „Diese Männer hier wollen nichts, als daß man ihren Augen schmeichelt, und allen ihren Sinnen. Das ist alles, was sie kennen.“ Sie ließ sich ins Freie führen, ans Buffet, von einem [ 328 ]Raum zum andern; in aller Hitze klapperten ihr plötzlich die Zähne; und sie begann wahllos zu schwatzen. „Wie ich mich schäme!“ dachte sie dazwischen.

„Was haben Sie mit Mai gesprochen?“ fragte sie Pardi und lachte.

„Wir haben uns gestritten. Ihre Mama will nicht, daß ich mit Ihnen spazieren gehe. Sie wissen, daß ich darauf nicht verzichte: eher auf alles andere,“ sagte er mit dieser sengenden Süße. Sie lachte schwächer, schloß eine Sekunde die Augen; — und in der Sekunde war alles gut.

Beim Hinaufgehen verhielt Mai sich kleinlaut. Am Morgen sah sie verweint aus, hatte eine Stimme voll Mitleid mit sich selbst, war einfach angezogen und wollte, nur mit Botta, an den unbelebten Strand unter der Pineta. „Bis zum nächsten Mal,“ dachte Lola. Denn sie wußte jetzt: Mai opferte sich stückweise. Immer noch blieb ein Rest Selbstsucht zu bezwingen. Aber ihre unerklärten Abwesenheiten mit Pardi wurden seltener, und nach ihnen war’s, als flüchtete sie sich, verstört, zu Lola, als wollte sie nie mehr von ihrer Seite, mit Blicken und Bewegungen, wie um Schutz und um Verzeihung … Lola erinnerte sich seines furchtbaren „Was hindert mich —“ Vielleicht daß ihn bei Mai nichts hinderte? Nicht die Scheu, die sie selbst umgab? Nein! Bei Mai nichts. Und Bilder brachen herein…

Kein Mittel gab es, ruhig zu atmen, als wenn man aus jeder Stunde wußte, was sie getan hatten, sie und er. Lola verbündete sich enger mit Nutini. [ 329 ]

„Wir betragen uns zu sehr als Amerikanerinnen, nicht? Mai ist wieder mit jemand allein fort, ich glaube mit Pardi. Gestern auch, glaube ich.“

„Nein, gestern mit Botta. Sie haben droben an der Düne gelegen. Aber jemand lag auf der andern Seite und hat sie belauscht. Botta hat zuerst von seiner Balleteuse geseufzt, dann hat er Ihrer Mama einen Antrag gemacht, und nachdem er abgelehnt war, hat er sie um Geld gebeten. Es scheint, er steckt, von der Balleteuse her, noch immer in Schulden.“

„Wie man hier, bei allem Gefühl, praktisch ist. Das gefällt mir. Also Geld sucht man bei uns? Aber hält man uns denn nicht für Abenteurerinnen? Sagen Sie’s nur!“

„Mein Gott, manche geben vor, es zu glauben. Wer Ihnen schadet, ist Pardi. Hat er nicht geprahlt, er werde Sie beide zu seinen Geliebten machen? Ihre Mama und Sie?“

Lola sah ihm in die Augen: sie waren lügnerisch. „Und doch könnte Pardi das sagen!“ mußte sie denken.

„Wo und wann hat er das geäußert?“

„Vor aller Welt, noch gestern. Sie und Ihre Mama brauchen nur den Rücken zu wenden.“

Lola bebte vor Zorn.

„Das lassen Sie ihn sagen? Und Sie behaupten manchmal, Sie lieben mich.“

„Ich liebe Sie,“ wiederholte Nutini, durchdrungen. Gleich darauf nahm sein Gesicht einen anderen Faltenwurf an.

„Was den Herrn Pardi betrifft, verachte ich ihn [ 330 ]zu tief, um seine Prahlereien wichtig zu nehmen. Niemand nimmt sie wichtig. Übrigens macht er mich nicht eifersüchtig, denn ich habe die Überzeugung, daß er es viel mehr auf Ihre Mama absieht.“

Lola zuckte zusammen. Vergebens hielt sie sich vor: „Nur aus Feigheit spricht er so.“ Sie fühlte sich tief niedergeschlagen und rätselhaft gefangen, wie mit Stricken aus Luft. Nutinis Ränke, Pardis Unzuverlässigkeit, Mais Schwäche und Lolas eigene Ängste würden immer so weiter gehen. Eine atemlose Ungeduld quälte sie auf einmal. Keinen Augenblick länger durfte dies alles dauern. Sie machte eine Bewegung, als risse sie sich los.

„Daß ihr Männer, kaum daß ihr unter euch seid, von uns Frauen so redet, das ist mir nichts Neues. Sie erinnern sich, was ich einmal, auf meinem Balkon, von euch zu hören bekam.“

Nutini legte die Hand aufs Herz.

„Ich war nicht dabei: vergessen Sie das nicht.“

„Auch Sie hätten dabei sein können. Was würde das ändern. Nur von Pardi glaube ich nichts.“

„Damals haben Sie seine Stimme wohl erkannt; und was seine Worte von gestern betrifft —“

„Nichts glaube ich, und dürfte es auch nicht; denn —“

Laut:

„Ich liebe ihn!“

Aufatmend, mit Stolz:

„Ja: ich liebe ihn. So ist es. Was wollen Sie dabei tun.“ [ 331 ]

Sie grüßte und ging. Das tat wohl: etwas Unwiderrufliches war geschehen. Zurück ging’s nun nicht mehr. Nutini würde dies herumschwatzen. Pardi erfuhr es … Er konnte sie auslachen — oder sie heiraten. „Wenn nicht, erschieße ich mich.“ Das Mitwissen aller konnte auch einen Druck auf ihn bewirken, konnte ihn nötigen, sie zu heiraten. „Wie ich berechne! Ich werde wirklich zur Abenteurerin.“ Gleichviel: wer alles wagte, hatte Rechte auf alles. „Werde ich mich nicht erschießen?“
 

Pardi holte sie ein; er war ganz in Flammen.

„Wissen Sie, daß ich den Nutini zur Rede stellen werde? Ihre Duos mit ihm gefallen mir nicht mehr.“

„Wenn sie aber mir gefallen?“

„Das genügt nicht —“ und sie zankten schon wieder, vorgeneigt, mit leidenden Gesichtern, aufeinander ein. Lola verfiel in die Furcht, er möchte schon wissen, was sie erst eben gesagt hatte; der Lauscher, der hier hinter jedem Baume stand, hatte wohl schon gesprochen! Und jetzt, da sie ihm in die Augen sah, begriff sie nicht mehr, daß sie’s hatte sagen können. „Ich habe mich aufgegeben, ich habe ihn zu meinem Herrn gemacht!“ In Verzweiflung:

„Was geht Sie’s an: ich liebe Nutini!“

Pardi war plötzlich still. Lola sah verstört beiseite. Er erholte sich.

„Das ist natürlich wieder eine Lüge.“

„Wie kommen Sie dazu —“ [ 332 ]

„Sonst würde es ihm schlecht ergehen. Aber Sie werden ihn nicht wiedersehen. Sie werden ihn wegschicken, wenn er Sie anredet!“

„Sie sind verrückt. Sie vielmehr: Sie werde ich besser einige Tage nicht sehen. Heute Abend fahren wir nach dem Hause, wo Botta die Balleteuse geliebt hat. Ich bitte Sie, hierzubleiben.“

„Heute Abend überreiche ich dem Kommandanten der ,Savoia‘ im Namen des Komitees die Fahne. Sie werden mit mir auf das Schiff kommen.“

„Ich werde im Hause der Balleteuse dinieren.“

„Sie werden mit mir auf das Schiff kommen!“

„Gute Unterhaltung!“

„Ich befehle Ihnen…“

„Bitte?“

„Sie werden nicht mit Nutini gehen! Sie werden ihn nicht lieben!“

„Ich liebe, wen ich will.“

„Hüten Sie sich!“

„Morgen reise ich, und er folgt mir.“

„Schweigen Sie! Ich befehle es!“

„Sie befehlen mir? Gehen Sie!“

Die lange Halskette, die von ihren vorgestreckten Schultern herabschaukelte, knirschte unter Lolas Fingern: sie hatten eine Perle zerrieben. Die andern rannen auf den Teppich, ein dünner, bunter Regen. Pardi sah zuerst ihn, dann Lolas dicke Falte, die bewußtlose Wut ihrer Augen, die ganz leise und ohne die seinen loszulassen, hin und herrückten. Und da gewahrte Lola, wie er rückwärts ging. Kein Wort mehr sagte [ 333 ]er, tastete hinter sich nach dem Türgriff und verschwand. Lola erstaunte; aber im Begriff, sich aufzurichten, erkannte sie im Spiegel den ganzen irren Schwung des Hasses, den ihr Körper ausdrückte. Sie setzte sich, strich sich über die Stirn. „Er hat wohl geglaubt, ich würde ihm in die Augen springen?“ Die Wonne der Freiheit begann plötzlich in ihr zu strömen. „Ich bin ihn los! Er ist vor mir davongelaufen! Ich kann tun, was ich will!“

Sie stellte sich mit einer Zigarette auf den Balkon. Dann:

„Mai! Mai! Heute abend wird an den See gefahren, den Kanal hinauf. Wir wollen uns furchtbar amüsieren!“

Und als Mai die Fahne und Pardi einwendete:

„Er ist vor mir davongelaufen! Wir sind ihn los! Mai! wir wollen tanzen!“

Ohne Mai Fragen zu erlauben, drehte sie sie herum. Als Mai endlich, atemlos, zu Wort kam:

„Ich muß aber hier bleiben.“

Dabei verharrte sie, weinerlich und feindlich.

„Mai! du kannst mir nicht in die Augen sehen. Das ist nicht recht. Das ist nicht recht.“

Und Lola ging aufgebracht durch das Zimmer. Mai klagte:

„Was soll ich denn tun?“

„Wählen!“ antwortete Lola, den Türgriff in der Hand.

„Also … fahren wir an … diesen dummen See?“ [ 334 ]

„Und inzwischen packt Germaine! Und wir werden Pardi nie wiedersehen!“

„Das glaubst du selbst nicht,“ sagte Mai.
 

Sie behandelte den Ausflug mit Verachtung, lehnte es ab, sich dafür anzuziehen und fragte schon wie man ins Boot stieg, ob es lange dauere. Lola erklärte sich zu allem aufgelegt. Sie warf den Kindern, die am Ufer des Kanals mitliefen, Süßigkeiten zu. Nutini hatte eine Gitarre, Cavà setzte sich, seiner Uniform ungeachtet, eine künstliche Nase auf. Die kreischenden Kleinen blieben allmählich zurück. Mai nahm die Hände von den Ohren und sagte „Gott sei Dank“. Die große Stille der leeren Wiesen, der grenzenlos umblauten Kornfelder ward fühlbar. Mochte Botta ihn verhöhnen: Deneris seufzte ergriffen. Als Lola zu singen begann, nahm Cavà seine Nase wieder ab. Ihr Lied galt der rosigen Wasserbahn, die man, ohne je zu landen, ohne je mit Menschen Gemeinschaft zu wollen, einsam entlang gleite. Nur fremd und gleich wieder entrückt, konnte man die Menschen lieben, konnte von ihrer Liebe träumen, wie die blauen Pfade dem Walde entgegenträumen.

Sie sang dies am Boden ausgestreckt, den Kopf im Arm, der sich auf die Bank stützte. Mai fragte, widerspenstig:

„Riechst du denn nicht die Füße des Ruderers? Was für eine ekle Hitze! Während wir in unserm kühlen Salon liegen könnten!“ [ 335 ]

Aber Lola verlangte ein kleines Mädchen ins Boot zu nehmen, das im dünnen Schatten der seltenen Pappeln ein Lamm vor sich hertrieb. Sofort flüchtete Mai vor dem Lamm an das Ende des Bootes. Die Herren bewunderten es. Unter Lolas Augen überboten sie sich mit Zärtlichkeiten an die Kleine. Deneris küßte sie, Cavà schenkte ihr seine Nase, Botta gab ihr, im fetten Tenor, väterliche Ratschläge, Nutini schnitt ihr Fratzen. Dann sahen alle sie mit wehmütigen Köpfen an, wie Lola sie in den Armen hielt.

„Ich dachte, Ihr würdet viel lustiger sein,“ bemerkte Mai boshaft.

Und Lola gestand sich, daß sie Komödie spiele; daß der schöne Abend ihr verloren sei; daß nicht auf der rosigsten Bahn das Glück mitfahre, wenn sie abgewendet sei von ihm. Leere und Verlassenheit ängsteten Lola. Das Kind fing an zu weinen: es war an seinem Hause vorüber und glaubte, es solle entführt werden. Es ward ausgesetzt; — und nun glitt das Boot in den lang vorgeschobenen Schatten des Waldes. Der dunkle Wasserweg blinkte tief drinnen auf. Das nasse alte Grün duftete wild und einsam; die Ruderschläge hörten sich an wie ein Wagnis.

„Ihr habt alle fahlgrüne Gesichter,“ sagte Botta.

„Die Fahrt zur Unterwelt!“ sagte Cavà.

Mai klagte, sie werde sich erkälten. Da wichen die Laubmauern zurück; und unbewegt, dreieckig, und voll abgründiger Schatten, öffnete sich der See. Das Haus drüben im letzten Licht sah, über sein [ 336 ]Spiegelbild hinweg, weiß und sehnsüchtig her, wie eine Gefangene, deren Kleid im Wasser schleppte.

„Ich kann nicht glauben, daß sie fort ist,“ sagte Botta, durchdrungen, indes er die Tür aufschloß.

„Olimpia!“ rief Cavà, unter ein Sofa und schlug sich dabei lockend aufs Knie.

„Zeige uns die Küche!“ verlangte Deneris. „Die gnädige Frau will die Güte haben, uns eine süße Speise zu bereiten.“

Er sah, die Hand am Herzen, in Mais schmollendes Gesicht.

Dann kehrte Botta mit Lola vor eine noch verschlossene Tür zurück. Er sperrte auf.

„Das Schlafzimmer!“ — und er seufzte, aus fetter Brust. Lola lächelte trübselig. Sie gingen hindurch, traten auf den Balkon und lehnten sich über das Wasser. Botta seufzte nochmals: „Wie oft habe ich hier mit ihr gebadet!“ — und er spuckte hinab. Aus jener Bucht kam mit Nutinis Geklimper Cavàs frische Stimme gesprungen.

„Da nun Succi bewiesen hat, daß man ohne Essen leben kann, liebe Nina, will ich dich heiraten: dann können wir zusammen fasten.“

„Was ist der Mensch,“ sagte Botta. „Ein wenig Gesang, einen Sommerabend am Wasser, — und ein Herz, das sich alt glaubte, wird wieder ungestüm. Fräulein Lola, haben Sie Mitleid mit einem, der leidet: holen Sie Deneris aus der Küche, ich muß mit Ihrer Mama sprechen. Alles hängt davon ab!“ [ 337 ]

„Ich glaube,“ sagte Lola, „Deneris spricht schon mit ihr: er tut es, so oft er kann.“

„Ein hochherziges Geschöpf wie Sie kann nicht den gemeinen Eitelkeiten des Weibes verfallen: ich weiß, Sie sind nicht eifersüchtig auf Ihre Mama. Auch werden Sie es angenehm finden, wenn ein ehrenhafter Mann Ihre Mama heiratet. Die Sorge um sie, die von Ihnen beiden das Kind ist, nimmt er Ihnen ab…“

Lola dachte: „Er hat recht: ich würde sie nicht mehr vor all den Männern behüten müssen.“ Aber darunter, insgeheim: „Sie würde mir nicht mehr ihn wegnehmen!“

„Sind Sie meine Bundesgenossin?“ fragte Botta vertraulich. „O, natürlich erwarten Sie auch Ihren Nutzen davon.“

Da sie errötete:

„Das ist billig … Seien wir offen. Mag das dumme Volk hier glauben, was es will: ich habe mich nach Ihnen erkundigt und weiß, daß Ihr Herr Bruder sehr aussichtsreiche Geschäfte in Händen hat. Sie werden einmal reich sein. Aber Ihnen persönlich nützt dies nichts, bevor Sie heiraten, und (ich kenne die Sitten Ihres Landes) nur wenig, bis zum Tode Ihrer Mama. Machen wir einen Pakt: Sie begünstigen meine Werbung um Ihre Mama; und im Fall, daß ich sie bekomme, verpflichte ich mich Ihnen zur Abzahlung eines noch zu bestimmenden Kapitals…“

Lola dachte, ohne sich zu regen: „O mein Gott, [ 338 ]und eben wünsche ich mir, Mai möchte ihn nehmen!“ Sie wandte ihm das Gesicht zu.

„Aber ich habe meine Mutter nicht zu verkaufen.“

Botta sagte im selben väterlich vertraulichen Ton, wie das übrige:

„Sie sind noch sehr jung.“

„Dann warten wir also, bis ich älter bin.“

Sie richtete sich auf. Drinnen war’s nun ganz finster. Cavà und Nutini riefen nach Licht. Wie man die Speisekörbe auf den Tisch leerte, trat Mai ein, lächelnd, als brächte sie ein Versöhnungsgeschenk, — und Deneris trug hinter ihr das süße Gericht. Es ward bestaunt; jeder verlangte gleich eine Probe.

„Du tust ja, als wäre es dein!“ sagte Botta zu Deneris.

„Wer weiß,“ machte er, bedeutsam, und starrte glücklich auf Mai, die an ihm vorbeilächelte.

„Wie du heute gesund aussiehst!“ bemerkte Cavà.

„Und ich?“ fragte Nutini an Lolas Ohr. „Werden Sie den gesund machen, dem ihretwegen die Wangen einfallen?“

Bei Tisch, neben ihr:

„Ich kann Ihnen versichern, daß Sie heute ungewöhnlich schön sind. Der andere schadet Ihnen. Sie haben förmlich etwas Beruhigtes. Eine Frau mit Ihren Nerven braucht einen bequemen Gatten. Ich würde einer sein: Sie dürfen es glauben. Ich liebe Sie so sehr, so sehr, daß ich sogar bereit wäre, wegzusehen, wenn einmal eine Laune Sie ankäme…“

„Das ist mehr, als ich erwartete,“ sagte Lola. [ 339 ]

„Nein,“ dachte sie, „Pardi würde nicht wegsehen. Weder Bottas Vorschlag wäre ihm eingefallen, noch das, was ich nun gehört habe…“

Cavà sah mit knabenhaftem Spott herüber, indes er seinen Uniformrock aufknöpfte und ihm eine Photographie entnahm. Er stellte sie vor Lola hin: Pardi!

Alle lachten: da ging die Haustür. „Nun?“ Jemand tastete die Treppe herauf. Noch rührte sich keiner; man sah einander in die Augen. Cavà lachte laut auf:

„Er wird uns doch nicht alle umbringen!“

Und auf einmal sprangen alle Männer an die Tür. Lola erschauerte vor Grauen und Stolz. „Welche Furcht haben sie alle vor ihm!“ Sie leuchteten in den Gang; und auf die Schwelle trat in dürftiger Eleganz ein blasser Kellner aus dem Hotel und hielt einen Brief hin. „Wer? Wer? … Nutini!“ Die andern zogen sich ein wenig von ihm zurück, wie von einem, den’s getroffen hatte. Er hatte gelesen und sah erbleicht umher.

„Er fordert mich. Pah!“

„Gratuliere,“ sagte Cavà.

„Endlich!“ — und Nutini schielte hastig nach den Damen. In die Brust geworfen, fuchtelnd: „Ich habe ihn erwartet! O! ich triumphiere. Zu spät wird er erkennen, daß er diesmal an den Rechten kam.“

Er schrie den Kellner an:

„Sage dem, der dich schickt, daß er’s bereuen wird! Daß dies sein letztes Duell sein wird!“ [ 340 ]

„Beachte die Formen!“ sagte Botta. „Du sprichst mit Pardis Sekundanten.“

„Er sieht verhungert aus, der Sekundant. Er soll essen!“

Nutini drückte ihm, gewaltsam lachend, die Schüssel mit Mais süßer Speise in die Hand und schob ihn zur Tür hinaus. Mai griff nicht ein; sie hielt eine angstvoll geballte Faust an den Mund und wimmerte. Lola saß reglos da, mit erweiterten Augen und ineinander gepreßten Fingern. Nutini nahm den Brief vom Boden auf, schien ihn nochmals lesen zu wollen. Plötzlich zerriß er ihn in zackige Fetzen und stampfte darauf. Dann fiel er gegen den Türpfosten, griff sich, rasch atmend, ans Herz und zerdrückte, unter krampfigen Grimassen, Tränen zwischen den Lidern. Stockend murmelte er:

„Was will er übrigens von mir…“

Sogleich, wie gehetzt, fuhr er wieder auf, schielte wild nach den Damen, gab sich verzweifelt Haltung.

„Laß nur!“ — und Cavà reichte ihm ein Glas Champagner. „Das würde jedem passieren. Im ersten Augenblick macht solche Forderung uns stolz, im zweiten besinnen wir uns. Der Pardi ist ja wirklich ein furchtbarer Gegner. Wer aber seinen Schrecken sehen läßt —“

Cavà, wandte sich den Damen zu.

„— schlägt sich nachher oft am besten.“

Botta bemerkte:

„Aber schön siehst du nicht aus.“

„Schweige!“ schrie Nutini. „Oder ich fordere auch dich und schone dich ebensowenig!“ [ 341 ]

„Armer Kerl, seine Forderung geht ja vor; und nachher, wo bist du dann?“

„Sst!“ machte Cavà; — und zu Mai und Lola:

„Die Damen begreifen, daß es in diesem Augenblick unter uns Männern einiges zu besprechen gibt. Da Sie leider Zeuginnen der peinlichen Sache geworden sind, darf ich Ihnen sagen, daß sie wohl schon bei Tagesanbruch geordnet werden wird, und daß wir ein wenig Eile haben…“

Deneris bot Mai den Arm, Botta Lola. Sie machten ihnen im Schlafzimmer Licht und ließen sie allein. Lola ging in einen Winkel, Mai in einen andern. Ein erregtes Schweigen; — plötzlich, unterdrückt:

„Lola!“

„Mai!“

Und Mai lief Lola entgegen, drängte sich in ihre Arme, die sie empfingen.

„Das darf doch nicht geschehen,“ sagte Lola mehrmals, indes Mai nur wimmerte. Da entquoll ihr alles auf einmal.

„Mit welchem gefährlichen Menschen haben wir uns eingelassen! O, Lola! Das hättest du nicht tun sollen…“

Ohne auf Lolas Widerspruch zu hören:

„Wir sind viel zu weit mit ihm gegangen; jetzt schießt er, damit er uns allein hat, um uns her die Leute tot. Warum hast du dich ihm auch widersetzt! Bist nicht dageblieben, wegen dieser Fahne, wie er’s wollte! Einem solchen Mann darf man sich nicht [ 342 ]widersetzen. Ich habe mehr Erfahrung als du, aber du glaubst mir nicht. Wird er dich heiraten? Welche Ängste! Was soll ich tun?“

„Beruhige dich, Mai, ich werde verhindern, daß er ihn tötet!“

„Was soll ich tun! Dein Vater erscheint mir, — aber auch Pardi! Nur durch den finstern Korridor brauche ich zu gehen, und mir ist’s, als hätte ich ihn hinter mir. Ich bin zwischen ihnen beiden, die mich ängstigen! Aber ein Ende muß gemacht werden. Wir entkommen nicht anders: er muß dich heiraten. Dein Vater verzeihe mir, aber ich werde alles tun, damit er dich heiratet: ich werde mich opfern.“

Lola hörte das nur von fern, ohne einzudringen.

„Mai! Mai! Gib doch acht: ich muß verhindern, daß er diesen Menschen tötet. Ich könnte das nicht aushalten: es wäre durch meinen Leichtsinn geschehen. Denn ich habe ihm gesagt, daß ich Nutini liebe. Verstehst du: weil ich kokett und widerspenstig und kleinlich bin und gelogen habe, stirbt ein Mensch. Das ist furchtbar, das ist das äußerste. Davor muß ich mich retten! Zu allem bin ich bereit. Soll ich mich ihm hingeben?“

„Nein! Was denkst du denn!“

Eine Pause. Mai löste sich aus Lolas Armen und nahm sie selbst in die ihren.

„Du bist unpraktisch,“ sagte sie mütterlich; und schmerzlich stolz: „Ich bin viel praktischer.“

„Wie denn, Mai?“

Lola suchte, durch ihre Tränen hindurch, vergebens [ 343 ]in Mais Gesicht. In diesem Augenblick kam Mai ihr befremdend groß vor. Sie selbst fühlte sich wie ein kleines Mädchen.

Wie sie den Kopf gegen Mais Schulter senkte, traten die Herren ein, sie abzuholen: alle zusammen, mit Nutini an der Spitze, der Haltung zeigte. Er beteiligte sich mit Maß und freiem Kopf an der Unterhaltung, die nichts Kriegerisches hatte. Lola mußte immer nach ihm hinsehen, gequält von nichtiger Neugier und unablässig versucht, von seiner schlimmen Angelegenheit anzufangen, wie eine Verbrecherin, die nicht schweigen kann.

„Haben Sie nicht das Bedürfnis, sich zu betäuben?“ fragte sie endlich, durchschauert. Nein; Nutini war nüchtern und besonnen; er beabsichtigte noch einige Stunden zu schlafen. Man stieg ins Boot. Vor dem Gesicht des Schiffers, das plötzlich aus dem Dunkel trat, schrak Lola zurück. Nutini war’s, der sie festhielt, als ihr Fuß schon das Wasser berührte. Sie haßte dies kurzatmige Klappen der Ruderschläge; es klang nach Flucht; — und doch wartete, wohin immer sie ins Dunkel die Augen richtete, kurz und geisterhaft aufflammend, Pardis bleiches, drohendes Gesicht. Was die anderen ihr sagten, machte ihr Ungeduld. Mai hatte ganz recht, daß sie Deneris Geflüster abschnitt und ihn bat, er möge vergessen, was sie vorhin verabredet hätten. Alles sei verändert; sie könne ihn nicht mehr heiraten. „Natürlich,“ dachte Lola. „Ist nicht alles in Auflösung?“ [ 344 ]

Sofort schickte sie nach Pardi. „Wäre ich nur die erste, mit der er spräche!“ Vom Balkon sah sie ihren Boten von Hotel zu Hotel irren und ohne Eile in die schlafende Stadt biegen. Lola ging bis in den Winkel bei der Tür, übersah das helle, heitere Zimmer, suchte den Stuhl aus, auf dem er sitzen würde, und nahm sich zusammen: „Was werde ich ihm sagen?“ „Damit er den Nutini nicht tötet, mich ihm hingeben? Wie bin ich zu der Überschwenglichkeit nur gekommen? Das dunkle, moderige Haus muß Schuld haben, an dem unheimlichen See. Ich habe Phantasie, wie ein Mann. Nutini, den es doch am nächsten angeht, ist viel nüchterner geblieben. Wie die Menschen hier, trotz ihrem Feuer, eigentlich mäßig und vernünftig sind! Im rechten Augenblick bekommen sie immer ihre Nerven in die Gewalt. Ich bin sicher, Gugigl hätte sich betrunken. Er fing damals schon damit an … Woran denke ich denn? Gleich wird er da sein. Was will ich? Ohne Umschweife: ich will, daß er mich heiratet. Und hat er meinetwillen jemand umgebracht, dann werden vielleicht alle und sein Gewissen ihn drängen, zu tun, was ich will? Ich müßte also Nutinis Tod wünschen. Das bring’ ich nicht fertig. Dann muß ich ihm sagen: Es war eine Lüge, ich liebe nicht Nutini. Und da er mir nicht glauben wird, muß ich hinzusetzen: Ich liebe niemand und gleich morgen reise ich ab … Auch das kann ich nicht. Aber es ist furchtbar, dort, wo man liebt, keinen Augenblick mit Rechtlichkeit und Sanftmut rechnen zu dürfen, immer nur mit unbedingtem Drang …“ Wieder sah sie auf den Platz, den er [ 345 ]einnehmen würde, und dachte sich dort statt seiner eine verhaltene, befangene Geste, eine nachdenkliche, verläßliche Freundesmiene: Arnold. Sie seufzte und schüttelte den Kopf. „Das ist abgetan. Der Zwang und das Leiden der Sinne sind gegeben und erprobt. Ich kämpfe nicht mehr. Besser ist’s, ich beruhige ihn und stimme ihn menschlich…“

Da schrak sie auf; es klopfte heftig. Erregt trat sie ihm entgegen; der Vorsatz der Milde war ihr schon entfallen; und sie sagte drohend:

„Wenn Sie sich mit Nutini schlagen, ist zwischen uns alles aus.“

„Ah! wie Sie ihn lieben. Aber lange genug haben Sie mich genarrt: ich werde ihn töten.“

„Hören Sie die Wahrheit! Ich liebe ihn nicht. Erst wenn Sie ihn getroffen haben, werde ich ihn lieben. Hüten Sie sich, ihn nicht ganz zu töten! Sie werden sehen, wie ich ihn lieben werde!“

„O, ich treffe!“ — und sein Gesicht war zerfahren von Haß. Sie rief, hingerissen, voll Not:

„Was wollen Sie! Sie lieben mich doch nicht!“

„Doch.“

„Dann heiraten Sie mich! Begreifen Sie nicht, daß Sie es mir längst schulden? Was hält Sie ab? Ich bin aus angesehener Familie, die künftig reich sein wird. Glauben Sie, sich meiner schämen zu müssen? Nein nein: gerade aus Eitelkeit lieben Sie mich! und irgend eine zieht Sie von mir ab, die Sie anders lieben.“

„Sie irren sich…“ [ 346 ]

„Sprechen Sie doch!“

Wie dies hassenswert und trostlos aussah: das Schwanken, die Unehrlichkeit und Unzuverlässigkeit dieses von seinen Launen gequälten Mannes aller Frauen! Und das mußte man begehren: gerade das!

„Was sage ich, irgend eine: alle vielmehr! Sie sind eine männliche Dirne! Gehen Sie!“

Pardi zischte:

„Danken Sie Gott, daß Sie kein Mann sind!“

„Danken Sie Gott dafür!“

Er rang sich nieder.

„Ich würde mich vergessen; lieber verlasse ich Sie. Ihre Mama hat mich gerufen.“

Lola, über die Schulter:

„Mai heiratet Deneris.“

„Das ist nicht wahr! Ich werde es verhindern!“

„Gut, auch das noch.“

„Und dann sehen Sie mich wieder!“

Die Tür krachte. Lola ging, die Hände vor der Brust, rasch hin und her. „Was geschieht nun! Mai wollte ihn mir lassen. Aber im äußersten Augenblick vergißt man die andern. Mai ist schwach. Wenn er sie statt meiner will, sie heiratet ihn!“ Sie warf sich in Kissen, drückte das Gesicht weg. „Es ist klar, war immer klar: sie liebt er, nicht mich!“ Tiefer in die Kissen, weit fort. „Was tun sie nun!“ Nein: auf! Das Haar ordnen! Sich bereit halten, stolz zu lächeln, wenn er eintrat und die erwarteten Worte sprach. [ 347 ]

Da flog, ohne Klopfen, die Tür auf. Er stand da, stürmisches Glück auf seinem schönen Gesicht. Wie er Lola ansah, kam ihm eine Falte; mit wiedergekehrter Gereiztheit in der Stimme fragte er:

„Wollen Sie mich also heiraten?“

Sie antwortete, zornig nach vorn geworfen:

„Ja!“