Venus/Kapitel VI

From Wikisource
Jump to navigation Jump to search
Venus. Roman der Herzogin von Assy  (1903)  by Heinrich Mann
Kapitel VI
[ 278 ]

VI

 

Sie kehrte um. Asthmatische Anfälle zwangen sie mehrmals, die Fahrt zu unterbrechen. Ein Schmerz in der Herzgrube kam und ging. Auf jedem der Gasthofbetten befahl sie sich: „Nicht hier sterben! Ich bin nicht fertig.“

Die Qualen im Kopf begannen wieder einmal. Immer brachten sie Aufruhr mit für ihren ganzen Körper; er drängte und tobte dann nach den Armen des Mannes. Aber jetzt dachte sie an keinen. Ihr Blut that nur einen Schrei: „Das Kind!“ Ein einziger Gedanke in ihr empörte sich gegen das Ende. Nur eine Sehnsucht warf die Arme heraus aus dem Schatten, der über sie hinwuchs: „Ein Kind!“ Die Nacht würde weniger schwarz sein. Die Welt würde hinter ihr nicht untergehn, sie würde weiter blauen und singen. In Basel änderte sie plötzlich ihre Richtung und fuhr nach Paris.

Der Doktor Barbaffon empfing sie in seinem Häuschen in Asnieres. Er war von der Praxis zurückgezogen; bei der Meldung der Vesucherin hatte er eine Regung von Ungeduld zu überwinden. Rechtzeitig erinnerte er sich, daß diese Fremde in der glänzenden Zeit seiner Kraft mit andern ganz großen Damen seine Hand gespürt hatte, seine kurze, zarte Hand, die aus Klientinnen Geliebte machte. Hatte sie sich nicht Mutterfreuden eingebildet, denen es fchlechterdings an jeder Voraussetzung fehlte? Wie der alte Herzog, dieser Cyniker, gegrinst hatte! [ 279 ]Sie saß in seinem kleinen Salon. Es fielen die Namen einiger ehemaliger Bekannter. Der Doktor versicherte von dem einen, er sei am gebrochenen Vaterherzen gestorben, von der andern, der Tod sei ihr gesandt, um ihr größeres Leid zu ersparen. Die Herzogin meinte gereizt: „Wie fest muß er mich noch mit dem harmlosen Leben verbunden glauben, um mir solche Wohlgemeintheiten zuzumuten! Er selber, unter seinem Barett aus schwarzem Sammet, mit seinem schön geschnittenen weißen Bart, denkt an kein Abdanken.“ Dann berichtete sie von ihrem Leiden.

Und auf einmal war der Weltmann ausgemerzt aus dem scharfen, tiefen Gesicht des Arztes. Er hörte zu, das Kinn in der Hand. Sein Blick streifte manchmal, verschleiert, ihre Augen. Er schob aus dem Hintergrunde tastend irgend eine kleine Frage vor, die ganz harmlos klang; und doch stak sie voll Unheil. Die Herzogin merkte es gar nicht; er wunderte sich über die Kälte ihrer Stimme. Schließlich erklärte er eine Untersuchung vornehmen zu wollen. Während sie sich entkleidete, sagte er sich im Nebenzimmer:

„Die da schert sich den Teufel um ihre Gesundheit. Sie weiß so gut wie ich, daß das keine vier Worte mehr lohnt. Sie will etwas anderes. Wir werden’s schon erfahren … Welch eine prachtvolle Zerrüttung! Ah! sie ist Weib gewesen ohne Schonung, bis ans Ziel. Wenn viele den Mut dazu hätten, wäre unsereiner brotlos. Gleichviel, ich bewundere sie. Und wäre ich Weib: so möchte ich enden!“

Einstweilen aber war er’s zufrieden, vielen Frauen [ 280 ]bei der vorsichtigen Verlängerung ihres Daseins geholfen und oftmals sein eigenes Vergnügen dabei gefunden zu haben — und daß diese prachtvolle Sterbende ihm in seinem behaglichen Zimmer eines nach dem andern alle Male vorzeigte, die der wütende Eros schlagen konnte … Aber warum that sie es? Was wollte sie?

„Ich bitte die Frau Herzogin, sich wieder anzukleiden,“ sagte er sehr zurückhaltend. Sie dachte sichtlich au etwas anderes.

Sie war übervoll von ihrem einen, flehentlichen Gedanken. „Noch einen Augenblick! Wenn ich spreche, bin ich verloren. Er wird mir sagen, daß es unmöglich ist, unmöglich auf immer. Ich weiß es, o, mein Körper giebt es mir grausam zu verstehen. Aber ich glaube es ihm nicht, ich will es nicht glauben! Meine Hoffnung ist wahnsinnig, aber ich will sie behalten!“

Schon halb in den Kleidern, rief sie ihn nochmals zurück. Von oben herab, befehlshaberisch, sagte sie:

„Auch wünsche ich von Ihnen zu erfahren, ob meine Beschwerden mit meiner Kinderlosigkeit zusammenhängen.“

Der Doktor hatte verstanden, er nickte. Das hatte gefehlt; er war befriedigt.

„Zweifellos,“ sagte er langsam. „Aber die Mutterfchaft wäre lebensgefährlich.“

Er sah ihre verächtliche Miene.

„Inmitten des Rückbildungsprozesses, den Euere Hoheit durchmachen, wäre es lebensgefährlich,“ wiederholte er entfchuldigend. Sie verlangte starren Gesichts: [ 281 ]

„Verschaffen Sie mir Gewißheit, ob es mög lich ist!“

Er ging ohne Besinnen an die unnütze Förmlichkeit. Er legte ihr sorgsam die Kissen zurecht, er prüfte sie lange und peinlich und hatte dabei das Gefühl, als stehe der alte Herzog hinter ihm und grinse. Dann richtete er sich auf und versetzte ernst:

„Madame, Sie haben nichts zu hoffen.“

„Nichts mehr?“

„Nein.“

Sie zögerte.

„Niemals mehr?“

„Nein.“

Ihre Stimme klang plötzlich rauh, brüchig. Sie lag noch da mit erschlafften Zügen, während der Arzt hinausging.

Sie kehrte in den Salon zurück, um sich einfach zu verabschieden. Aber Barbasson sagte ihr freundlich und pflichtmäßig:

„Ich bitte die Frau Herzogin, sich keine unnötigen Sorgen zu machen. Die Lungenblutungen haben nicht die Wichtigkeit, die man ihnen beilegt. Im Bette liegen, könnte eine hypostatische Lungenentzündung zur Folge haben. Ich rate Ihnen vielmehr zu Luftbädern, Gymnastik, Marschen. In allem wäre Mäßigung zu beobachten, denn leider ist das Rückenmark bedroht. In dieser Beziehung verhehle ich nicht meine Besorgnis. Wenn Sie mir folgen wollen, Madame, so begeben Sie sich nach Riva am Gardasee und unter die ärztliche Leitung eines meiner Freunde. Der Doktor von [ 282 ]Männingen wird Ihnen, unterstützt durch das günstige Klima, mit ein wenig kaltem Wasser und geeigneter Bewegung in zwei Jahren Ihr vollständiges Gleichgewicht zurückverschaffen. Möge die Frau Herzogin nicht daran zweifeln,“ setzte er hinzu, leicht lächelnd.

Sie fuhr, um irgend etwas zu thun, an den Overnvlatz und nahm ein Billet nach Riva. Sie bestieg in Desenzano den Dampfer; da erinnerte sie sich, daß an diesem See Jakobus wohne. In Maderno verließ sie das Schiff; sie fand es sehr gleichgültig, ob hier oder in Riva.

Das nahe Dorf, wo er wohnte, stand geschützt von Bergen im Halbkreis vor dem Rebengelände. Die geschlossene Masse seiner verwitterten Häuser schob gedrungene steinerne Freitreppen hinaus; darauf hockten Weiber, die Arme um die Kniee, und riefen einander an. Aus den offenen Speichern, unter den vorspringenden Dächern aus Holz, drängten sich Reisigbündel. Jakobus, Haus lehnte am Abhang zwischen Wein und Oliven. Es war ein viereckiges Bauernhaus, durch eine Terrasse, zweimal so lang wie die Fassade, im Rang erhöht.

Eine schöne Magd, schwarzhaarig, grohbusig, von warmer Färbung, gab ihr den Bescheid, der Herr sei ausgegangen. Wie die Herzogin zurückschlenderte, sah sie ihn kommen zwischen zwei Männern, deren einer, kurz und dick, ein ländlicher Besitzer sein mochte. Der andere war vergilbt, hölzern und vermutlich ein Advokat. Sie umfaßte diefe beiden mit demselben Blick wie ihn, und sie fand, er gehöre zu ihnen. Er hatte [ 283 ]keinen Bauch; er war ein wenig steif geworden, nach der Richtung des Advokaten. Er drehte sich um; sein Rücken war sogar ausgehöhlt. Aber die Gebärde mit der er über das Feld hinwies, war kräftig und zufrieden: die des Besitzers.

Als er sie bemerkte, blieb er stehen und horte auf zu sprechen. Er hatte nur ihren Gang erkannt. Sie hob im langsamen Näherkommen den Schleier auf; Jakobus stutzte. Gleich darauf verständigte er seine Begleiter durch ein Wort; sie blieben eingeschüchtert zurück. Er kam, küßte unbefangen und ohne Überschwang ihre Hand und sagte:

„Wie freundlich, daß Sie mich aufsuchen.“

„Es ist mir die Neugier gekommen, Sie noch einmal zu sehen.“

„Noch einmal, Herzogin? Öfter, hoffe ich.“

„Nur diesmal, da ich krank bin und Abfchied nehmen muß.“

„Gehn’s, reden’s doch nicht. Man sieht Ihnen ja nichts an.“

„Sie sahen es soeben.“

„Sie sind trübe gestimmt, wir haben viel durchgemacht, Sie und ich. Seitdem habe ich nur selten etwas über Sie gehört. Die Welt, wissen Sie, liegt so weit von hier. Ich gehöre ganz dem Lande. Es tröstet. Man muß . nur verzichten können. Machen Sie’s wie ich. Hier giebt’s nichts Aufregendes, vor allem malt hier niemand.“

„Man merkt es gleich,“ meinte sie.

„Nicht wahr?“ [ 284 ]

Er wandte sich um.

„Hier haben wir was besseres zu thun als malen, wie, meine Herren?.. Das sind meine Freunde, Herzogin: Signor Fabio Benatti und Advokat Romualdo Bernardini.“

„Ganz recht, Hoheit,“ erklärte der Advokat, stimmlos, aber mit Schwung. „Hier heißt’s rastlos thätig sein zur Vervollkommnung der Olgewinnung sowohl als zur Hebung des Weinbaues.“

„Die gebenedeite Reblaus!“ seufzte Benatti.

„Wir werden sie besiegen!“ verhieß Jakobus. Der Advokat krächzte begeistert:

„Haben wir doch eine Gesellschaft zu ihrer Überwachung und Bekämpfung gegründet — eine Gesellschaft mit Statuten und Verwaltung. Alles ist im besten Wege, dank der Opferfreudigkeit und Arbeitslust unseres Herrn Präsidenten…“

Jakobus verbeugte sich.

„Wir waren im allgemeinen ein wenig zurück,“ so berichtete er. „Ich habe infolge genauer Studien ein ganz neues System der Kelterung auf meiner Besitzung eingeführt.“

„Sie selber?“ fragte die Herzogin.

„Ich selber. Es findet Anklang. Sie werden seine Vorzüge leicht erkennen, wenn ich Ihnen sage —“

Aber Fabio Benatti rief dazwischen:

„Was wir brauchen, das sind Gemeindekellereien. Warum bleiben unsere Weine so niedrig im Preis? Weil sie keinen gemeinsamen Typus haben!“

„Die Stabilität des Typus,“ bemerkte der [ 285 ]Advokat mit erhobenem Finger, „das ist die erste und unerläßliche Bedingung für die Verkäuflichkeit und den Ruf eines Weines. So lange jeder Bauer auf eigene Hand seinen Wein herstellt, ist kein stabiler Typus möglich.“

Jakobus fügte hinzu:

„Und erwägen Sie, Herzogin, daß der Wein unserer Gegend dem von Bardolino, der so viel höher bezahlt wird, in nichts nachsteht. Er ist reich an Alkohol, er kommt darin gleich nach dem von Rovigo; ich könnte Ihnen den Prozentsatz nennen. Er enthält auch eine Menge Tannin, Glykosin und überhaupt viel von den Elementen, die seine Verarbeitung auf wiffenschaftlicher Grundlage erleichtern würden…“

Sie stützten sich alle drei auf einen Zaun und redeten. Die Herzogin ließ den Blick lässig über die Reben schweifen. Es erhob sich ein schwärzliches Kirchlein aus dem hellen Laub. Es war baufällig, verschlossen und verlassen. Aber über der Thür voller Sprünge trug die Mauer ein kaum versehrtes Bild in Traumfarben, grau und rosig: eine Verkündigung. Die zur Mutterschaft Ersehene war schüchtern, die Anmut des Engels sanft und leichtfertig. Und der Blick der Fremden blieb darauf haften. Er begann zu brennen auf diefem Bilde ihrer eigenen unmöglichen Sehnsucht an der Stirn des verurteilten Hauses.

∗             ∗

Jakobus trennte sich endlich von seinen Freunden. Sie waren bei den Auswanderungen; der Advokat versicherte: [ 286 ]

„Der neue Kataster wird durch eine gerechtere Verteilung der Lasten vieles wieder gut machen.“

„Vertrauen wir darauf,“ sagte Jakobus. Der Advokat rief ihm etwas nach, er kam eilig zurück:

„Mir ist eine Idee gekommen, die die gnädigste Frau Herzogin mir nicht verübeln möge. Wenn Eure Hoheit unserer Gesellschaft beitreten — was sage ich, die Ehrenmitgliedfchaft unserer Gesellschaft gütigst genehmigen würden…“

„Ihrer Gesellschaft gegen die Reblaus?“

„Es würde ihr sicherlich Glück bringen.“

„Nicht der Reblaus,“ sagte Fabio Benatti, „sondern der Gesellschaft.“

„Ich fühle mich geschmeichelt, meine Herren, ich nehme an. Sie werden mir dagegen die Ehre erweisen, eine Stiftung entgegenzunehmen.“

Jakobus führte die Herzogin über seine Äcker, ließ sie die Trauben, die noch übrig waren, in der Hand wiegen, nannte ihr den Ertrag der Reben. Er zeigte ihr den See, als habe er ihn zu vertreten, pries seine Fifche und entschuldigte ihn, weil die Aussicht nicht klar sei. Dann mußte sie seinen Hausgarten loben. Die Rosen blühten noch! Seine Hühner legten bewunderungswürdig. Er zog ein Ei aus der Spreu, bohrte es an und reichte es ihr; das gebe Kraft. Inzwischen ging die Magd umher, ein Kind auf dem Arm, und blickte aus ihren schönen, fragenden Tieraugen gleichmütig auf die Fremde.

Jakobus errötete.

„Pasqua, geh ins Haus!“ befahl er. [ 287 ]

„Warum?“ meinte die Herzogin. „Ich sehe sie gern.“

„Was wollen Sie?“ murmelte er, „das Bedürfnis nach der Frau … Und dann der Bub, der macht mir Freude!“

„Das ist Ihr Kind?“

„Ja.“

Nach einer Weile sagte sie:

„Sie sind glücklich. Mutter und Kind müssen Sie glücklich machen.“

Er fuhr fort, sich zu entschuldigen.

„Ich hatte die klugen Frauen satt, wissen Sie. Und die liebenden gar! Immer in einem Ungewitter von Leidenschaft stehen!.. Die Pasqua ist wundervoll geistlos. Auch denkt sie nicht daran, mich zu lieben. Sie sieht nichts, als daß ich ein richtig gewachsener, rüstiger Fünfziger bin. Auch habe ich Eigenschaften die ihr gefallen: ich trinke nicht, ich trage kein Messer. Sie thut, wozu sie berufen ist, und erwartet, daß ich sie in meinem Testament bedenke; ihre Hoffnung soll nicht enttäuscht werden. Aus dem Buben machen wir natürlich einen tüchtigen Bauern.“

„Natürlich. Er sieht sehr gesund aus. Wenn Sie ihn dann eines Tages allein lassen müssen, thun Sie es mit dem Bewußtsein, daß alles in Ordnung ist. Er wird wieder Kinder haben…“

„Es hat lange gedauert, bis ich eigentlich mein Herz entdeckt habe: eine gefühllose Frau, ein schones, kraftvolles Tier. Ah! die verlangt kein Werk von mir. Gemalt wird nicht!“ [ 288 ]

„Das scheint jetzt Ihr Ruhm zu sein: nicht zu malen?“

„Ich hab’ halt doch eine ziemliche Enttäuschung erlitten — seinerzeit,“ erklärte er, mit gutmütigem Vorwurf. „Man braucht eine Weile, um sich zu erholen.“

„Nun, ich bin um Sie nicht besorgt, Sie werden sich erholen.“

„Aber jetzt bitte ich Sie, Herzogin, mein ländliches Mahl zu teilen. Haben wir Carpione, Pasqua?.. Der Carpione ist nämlich der König unserer Fische. Er kommt nur im Gardasee vor. Er erschien auf der Tafel der römischen Kaiser stets mit Lorbeer bekränzt.“

„Ich möchte schon, — wenn ich nur essen könnte. Ich bin ein wenig erschöpft.“

Er bekam einen Schreck, sie schien ihm zu schwanken. Er griff nach ihr, gerade unter der Hausthür.

„In dieses Zimmer, Herzogin — nur ein paar Schritte. Aber was haben Sie denn? Die Reise war wohl etwas anstrengend?.. Bitte hier, diese Ottomane ist sehr bequem.“

Er bettete sie. Sie sah ihm zu und gedachte des Doktors Barbasson. „Immer dieselbe Gebärde um mich her: zurechtgeschobene Kissen.“ Matt und ungeduldig sagte sie:

„Lassen Sie. Ich möchte eine Stunde ruhen, es wird genügen. Ich fahre nachmittags weiter, nach Riva, zum Doktor von Männingen.“ [ 289 ]

„Ah!“

Er betrachtete sie zum erstenmal mit ganzer Aufmerksamkeit und ohne die Sorge, sich ihr vorzuführen. Kleinlaut schlich er hinaus.

Als sie wieder zum Vorschein kam, hatte er nachgedacht.

„Herzogin haben Ihre Leute vorausgeschickt?“

„Ja.“

„Aber Sie können nicht allein reisen. Wenn Herzogin befehlen, begleite ich Sie.“

„Ich danke Ihnen.“

„Ich bin sehr gut bekannt mit dem Doktor von Männingen. Eine bessere Wahl konnten Herzogin gar nicht treffen. Er ist ein wirklicher Arzt, also von einer sehr seltenen Gattung. Eine Persönlichkeit, die auf andere übergreift, nach allen Seiten austeilend, aufrichtend, fördernd, und selber beglückt durch das Gefühl ihrer Wirkungen. Er wird Sie auf Wienerische Art mit betäubender Liebenswürdigkeit geistig vergewaltigen, daß Ihnen kein Besinnen auf Ihre Krankheit mehr freisteht. Sie werden ans Nudern, an Tiefatmungen, an Bergbesteigungen von ganzen zweihundert Metern einen Ehrgeiz wenden! Das ist gesund, das beruhigt! Erinnern sich Herzogin wohl, wie ich verbraucht, unstät, hoffnungslos, fertig war — damals? Nun, dem Doktor von Männingen verdanke ich’s, daß ich heute mein Selbstvertrauen wieder habe, und Ziele und ein festes Lebensmaß.“

„Was für Ziele?“ dachte die Herzogin. „Ein gar zu mäßiges Leben!“ Sie äußerte: [ 290 ]

„Ich habe von Riva ein wenig unbedachtsam gesprochen, ich muß mir’s noch überlegen.“

„Bleiben Sie bei Ihrem Entschluß! Ich rate Ihnen gut.“

Er redete weiter; sie fragte sich: „Lohnt es sich denn, seine Glieder täglich so und so viele gesunde Bewegungen ausführen zu lassen — nur um der Welt nicht Lebewohl sagen zu müssen? Ich habe ja das Programm heruntergespielt, Stück für Stück, das für mich festgestellt war, schon bevor ich da war. Die drei Göttinnen haben, eine nach der andern, mein Gewand in Falten gelegt und meine Gesten geregelt, jede nach ihrem Sinne. Mein Leben war ein Kunstwerk. Soll ich meinem zerbrochenen Schicksal willkürlich etwas anstücken?.. Nein!“

„Ich habe mich entschieden, ich fahre heim nach Neapel.“

„Erwägen Sie es besser, Herzogin, ich flehe Sie an! Sie beunruhigen mich mehr als ich Ihnen sagen kann!“

„Ohne Grund, lieber Freund- es geht mir nach Wunsch. Begleiten Sie mich zurück nach Desenzano!“

„Ich darf? Aber es fährt heute kein Dampfer mehr. Übernachten Sie bei mir?“

„Nein nein. Können wir fegeln?“

„Segeln, natürlich, segeln! Es wird doch Wind fein?“

Er lief an die Thür.

„Paolo, ist Wind nach Desenzano?.. Ja, [ 291 ]Herzogin, wir können! Wirklich segeln, mit Ihnen, Herzogin!“

Er war glücklich; seine Ermahnungen und seine Besorgnisse hatte er auf einmal vergessen, da er mit ihr segeln durfte. Ohne daß sie es wußte, erinnerte er sie an Nino. „Was für ein Kind!“ meinte sie, zärtlich fast.

„Aber dann müssen wir gleich fort!“ rief er. „Wir haben drei Stunden. Der Zug nach Mailand geht um fünf Uhr fünfundzwanzig.“

„Telegraphieren Sie zuvor an den Arzt in Riva, daß ich nicht komme, und auch an Prosper, meinen Jäger. Er ist schon dort. Er soll sogleich umkehren und mir nach Mailand folgen.“

Sie fliegen ein.

„Sie nehmen keinen Schiffer mit?“

„Wozu denn. Ich fegele ja felber, als hätt’ ich nie was anderes gethan.“

„Und Linda,“ fragte sie plötzlich. „Die kleine Linda!“

„Ja, daß Herzogin die nicht gesehen haben, ist zu schade. Bis vor acht Tagen war sie hier. Nun wird’s kühl, da ist sie in der Stadt besser aufgehoben.“

„In Venedig?“

„Bei Clelia … Mein Gott, ich mußte der armen rau doch irgend eine Entschädigung bewilligen. Ich habe ihr Linda dagelassen. Was hat sie denn sonst. Mortwil vertrottelt, ich glaube er trinkt.“

„Die kleine Linda in ihrem schweren glänzenden Nleid, wie aus Perlmutter…“ [ 292 ]

„O, das hat sie abgelegt. Was glauben’s denn, sie ist ja nun dreizehn. Ein großes Mädel.“

„Hübsch gewiß.“

„Na!“

Er führte die Finger an den Mund.

„Und froh?“

„Still, sehr füll.“

Er verstummte.

„Aber zum Anschauen —!“ sagte er rasch. „Ich schau sie immer nur an und dank’ ihr dafür, daß sie da ist. Zu malen brauch’ ich sie nicht: drum find’ ich sie so schön. Welch ein Genuß, die schönen Dinge ansehen zu dürfen, ohne ans Machen denken zu müssen! Sehen Sie diesen Nebelsee voll von gedämpften Spiegelbildern. Wie mich das früher aufgeregt hätte! Jetzt geht’s mich gar nichts an — gar nichts.“

„Wissen Sie, wer mich neulich besucht hat?“ fragte er. „Nino!“

„Was thut er, wo ist er?“

„Er fuhr nach Genua, er will nach Amerika, im Auftrage seiner Partei. Diese Jugend!.. Seine arme Mutter ist sehr brustkrank, es wird nicht lange dauern.“

„Ich weiß.“

„Auch Siebelind war einen Tag bei mir. Herzogin werden ihn in Neapel treffen. Er wird ganz grau. Wissen Sie, das ist mir unangenehmer bei meinen Bekannten als bei mir selbst. Zu sehen, wie alles alt wird…“ [ 293 ]

„Alt? Nein. Ich wenigstens nicht. Meine Jugend und mein Leben enden auf einmal.“

„Dann sind Sie glücklich,“ murmelte er.

Es verging eine Weile.

„Ich versande,“ sagte Jakobus. „Vielmehr, ich bin schon versandet. Glauben Sie doch nicht, Herzogin, daß ich das nicht weiß. Es gelingt mir meistens, nicht daran zu denken. Aber es giebt Tage — und heute, da ich Sie wiedersehe … Sie sind schöner als je!“

Sie sah langsam auf ihn hernieder, der den Kopf über seinen Knieen, nach ihr hinaufstarrte. Sie schwiegen. Die Herzogin saß, steil aufrecht, am hohen Steuer. Es ward Abend. Aus der Wolkenbank hinter ihr glitten ins Wasser ein paar Rosen.

„Glücklicherweise brauche ich Sie nicht zu malen,“ murmelte er wieder.

„Es geht Ihnen recht gut so, scheint mir... Aber Sie bekümmern sich zu wenig um das Segel.“

„Gleich … Bedenken Sie aber auch, mir ist geradezu alles fehlgeschlagen. Die Pallas des Botticelli hat man jetzt wieder gefunden, wissen Sie’s?“

„Ja, im Palazzo Pitti. Ich habe Photographien nach ihr gesehen.“

„Ich bin sogar hingereist … Nun also, sie ist ganz anders.“

„Leider.“

„Ganz anders als meine. Nein, ich habe nie einen der Träume des großen Jahrhunderts zu Ende [ 294 ]träumen dürfen, zur Zeit der Minerva so wenig als später, da ich die Venus wollte.“

„Sie wollten zu viel.“

Es summten ihr eigene, ehemals gesprochene Worte im Ohr: „Gemacht aus den Schlünden jedes Abgrundes, aus den Sternen jedes Himmels.“ Gehörte auch er dazu?

„Sie waren berühmt, Sie verdienten viel, — trotzdem hat Ihre Kunst Sie nicht befriedigt. Das ist nicht gewöhnlich.“

„Aber es ist ein bescheidenes Maß von Ungewöhnlichkeil.“

„Allerdings.“

Nein, er gehörte nicht dazu — da er sich klein machte, da er sich bescheiden konnte und ernüchtert weiterleben mochte.

Sie sagten lange nichts. Die Wellen wurden größer, ihr Boot stieg und fiel. Der See war weit wie ein Meer. Die Ufer waren verloren hinter tief ziehenden Wolken. Sie sahen kein Schiff, sie waren mit einander ganz allein.

„Man fragt, wohin Sie fahren,“ meinte er nachdenklich. „Verzeihen Sie, Sie sehen so aus, als müßte man fragen, — ganz weiß inmitten all diefer dunkeln Wasserdämpfe, — ganz steil auf dem hohen Hinterdeck und ganz weiß, — mit einem flachen blutroten Strich unter der Wolke gerade hinter Ihren schmalen Schultern, — ganz weiß, und die Wolke steht Ihnen eisern, wie ein Helm auf dem Kopfe.“ [ 295 ]

„Ich erkenne Sie wieder,“ sagte die Herzogin.

„Sie haben noch all Ihre Phantasie.“

Er stöhnte.

„Sie können es glauben, ich habe nachgedacht in der langen Zeit. Ich dünkte mich zu gut für die hysterische Renaissance, nicht wahr? Nun, ich hatte kein Recht dazu. Die verführerischen Krankhaftigkeiten waren genau das, was ich zu machen hatte. Hätte ich sie sonst machen können? Wir sollen nie glauben etwas anderes zu können als das was wir machen; jener schmutzige Perikles hatte ganz recht … Wir sind heute alle auf das Kranke angewiesen. Wo immer ein Verfall röchelt, da antworten wir. Das ist unser Beruf. Ich aber vergriff mich an dem großen, gesunden Leben. Sie, Herzogin, waren damals Venus, glatt und reif. Ich wollte aus Ihnen etwas Überschwängliches machen, etwas Allumarmendes, eine zermalmende Verherrlichung. Schließlich ward Siebelinds leidende Fratze daraus. Es geschah mir recht. Ich konnte Sie malen, Herzogin, — aber das einzige Werk, das allen eine Offenbarung sein sollte, das jeder erträumt zu haben glauben konnte, und das nur ich gemacht haben würde: das gaben Sie mir damals nicht. Heute…“

„Heute bin ich endlich krauk genug dazu.“

„Herzogin, ich habe Ihnen das Bild schon beschrieben — das Bild dieser seltsamen Fahrt…“

„Der letzten Fahrt.“

„O!“

„Sie haben sich nicht sehr beeilt. Sie kommen im Augenblick, da ich sterbe.“ [ 296 ]

„Wie sterben Sie! Wie vieles stirbt mit Ihnen! Die letzte von vielen Großen! Das alles würde ich mitmalen!.. Herzogin, kehren Sie mit mir um!“

Sie antwortete nicht.

Er glitt von der Bank herab und auf die Kniee.

„Kehren Sie mit mir um!“

„Besinnen Sie sich … Sie haben die Segelleine aus der Hand gelassen, der Wind dreht sich.“

„Steuern Sie nach links … Herzogin, Sie müssen! Sie dürfen es mir nicht verweigern, mein Werk, mein größtes auf immer: das Bildnis der sterbenden Herzogin von Assy!“

„Das sind die eigensinnigen Worte von früher. Ich habe heute nichts mehr zu verweigern und nichts mehr zu geben.“

„Dann sterbe ich mit Ihnen!“

Plötzlich legte sich das Boot tief auf die Seite. Jakobus fiel um.

„Sie haben das Segel zu hoch gespannt. Ziehen Sie es ein!“

„Warum, Herzogin? Wollen wir nicht sterben?“

„Ziehen Sie es ein, sage ich!“

Es kostete ihn Mühe; der Rand des Bootes hob sich nur schwer.

„Ich hatte es gar nicht zu hoch gespannt, ich kann doch segeln! Aber hier bei der Halbinsel … Herzogin, wären wir gestorben! Es wäre nun alles gut.“

Sie sah ihn von ihrem hohen Sitz reglos an — bis er zu ahnen begann, wie unfaßbar fern dieser in [ 297 ]eine Brust verschlossene Tod ihm selber war, dem Hoffenden, der sich aus Trotz den Tod von draußen forderte. „Sie ist es zufrieden, zu sterben; aber nicht in einem zufälligen Abenteuer und nicht mit mir.“

Es ward ihm scheu zu Mut. Er sehnte sich nach einem harmlosen Wort. Bei der Ankunft rief er sehr laut nach einem Kutscher. Er wollte mit einsteigen; aber sie gab ihm die Hand zum Abschied, lächelnd und kühl.

In Genua am Bahnhof hatte sie eine Genugthuung. Sie war versucht gewesen, Nino hinzubestellen; aber sie hatte sich beherrscht. Er glaubte an das andere Mal, und das war noch nicht dieses.

Sie näherte sich in kleinen Tagereisen dem Süden. Es ward wärmer, ihr Herz schlug kräftiger. In Capua stieg sie aus — wie einst — und fuhr über Land. Das Pferd mußte Schritt gehen, die Steine am Weg bereiteten ihr Schmerzen; — aber dennoch breitete diese Luft noch so üppige Kissen ihren Sinnen hin wie damals. Der Erntetag war blau und leicht. Die Wolken, vom Winde zerrieben, schwebten nur als ein silberner Schaum im Bogen über dem Horizont. Hinter den Cypressen mit silbernen Rändern hörte sie es singen und lachen von den Flöten des Abends; sie antworteten den Flöten des Morgens. Die Erde war neu wie am ersten Tage —

„— wie im Garten, als ich Kind war und im Ginster lag. Nun steht auch die blaue, behaarte Libelle wieder vor mir in der Luft … Und ich selbst [ 298 ]bin nicht gealtert. Ich habe zu Ende gelebt; aber ich kenne keinen Überdruß, keine Verachtung. Ich hasse nichts, auch nicht den Tod.“

„Dort lächeln wieder, am Abhang, meine blassen Oliven, schwach, mit ausgehöhlten Stammen, und immer noch bereit zu dem Wunder neuer Ernten … Ich möchte sein wie sie; ich feiere das Leben bis zum letzten Axthieb.

„Kreist nicht in mir, mit meinem Blut vermischt, die Liebe dieses ganzen Landes? Alle seine Geschöpfe, von zu viel Sonne matt und feurig, haben mich abwechselnd entflammt und entnervt. Durch hundert Umarmungen ist es mein geworden, dieses Land. Es ist in mir: diese Sonne ist in mir, die Schwellung dieser Traube, der Staub an den Füßen dieses Armen, und jedes wunderschöne Lächeln!.. Ich bin stolz darauf! Und ich werde eine letzte Ernte feiern, gleich dem umgehauenen Ölbaum. Ich werde dieser Erde, die ich so sehr geliebt habe, alles auf einmal zurückgeben. Das ist der Tod, er ist nicht schrecklich, ich hasse ihn nicht, weil ich das Leben nicht hasse.

„Es ist weit, weit, das Gespenst im Schnee. Hier hat es keine Macht. Hier ist der Tod mild, ich kenne schon sein Lächeln. Ich weiß ja, welcher Knabe an der Wand jener Kapelle zwei Frauen voranleuchtet, mit silberner Ampel, in ein tiefes Dunkel. Ich liebe ihn, den Genius meines Todes!

„Mein ganzes Leben war eine einzige große Liebe: jeder Größe und der ganzen Schönheit habe ich meine heiße Brust entgegengeworfen. Ich habe nichts [ 299 ]verschmäht, niemand verdammt, keinen Groll gehegt. Mich und mein Schicksal habe ich gut geheißen bis ans Ende; wie könnte ich meinen Tod hassen? Er ist nichts Fremdes. Er hat Teil an meinem Leben, das ich liebe. Er ist seine letzte Geste, und ich wünschte, er wäre seine glücklichste.“

∗             ∗

Zu Hause fand sie ein Telegramm von Nino:

„Im Begriff, die Reise über das große Wasser anzutreten, sende ich dir, liebe Yolla, einen letzten Gruß aus der alten Welt.“

Sie lächelte zu seinen abenteuerlüsternen Gemeinplätzen; sie antwortete ihm: „Guten Mut und auf Wiedersehn!“

„Es war ihr still und süß zu Sinn, als sie sich zur Ruhe legte. In der Nacht erwachte sie von dem gewöhnlichen Schmerz in der Herzgrube. „Es ist so wenig, ich kenne das viel schlimmer,“ dachte sie. Aber ihr Herz schlug wie unter einer Hülle von Angst. Sie lauschte darauf. Plötzlich setzte es aus. Sie sah mit Augen, weit offen und voll von Grauen, in die Dämmerung, und sie meinte, es spiegele sich in der fahlen Luft ihr eigenes, schreckliches Bild. Sie seufzte auf; der Puls war zurückgekehrt.

Ihre Glieder waren kalt. Sie that ein paar Schritte, da ward der Herzmuskel aufs neue vom Krampf erfaßt. Es blieb ihr keine Jeit, ihr Lager aufzusuchen, der Schmerz warf sie in einen Stuhl. Dieser Schmerz eilte zu beiden Seiten der Brust nach [ 300 ]dem Halse hin, das Genick hinauf und in den Kopf. Zwischen den Anfällen erhob sie sich. Das Liegen that ihr weh und ängstigte sie. Sobald sie sich setzte, zwangen Unruhe und Ratlosigkeit sie zu weinen — sie wußte nicht warum, denn sie beklagte sich nicht.

Ihre Herzkrämpfe währten drei Tage. Sie suchte, planlos durch die Zimmer irrend, nach Erleichterungen. Sie legte die Hände gefaltet auf das Genick, denn dort hatte eine drückende Beschwerde sich festgesetzt und wich nicht einmal in den Viertelstunden der Besserung. Sie weigerte sich einen Arzt zu empfangen. Sie schickte sogar ihre Kammerfrau hinaus.

Eines Abends ging die Thür auf, und darunter stand Siebelind. Er sah die Herzogin von Assy auf den Fußboden gestreckt, entstellt von Qualen. Und er schämte sich dieser Rache, die sie ihm gewährte, sie, die stolzeste unter den Glücklichen. Er blieb reglos und schlug die Augen nieder. Sie erhob sich ohne Hast und lehnte sich, fast stehend, in einen Sessel: fahlweiß in ihrem gelblichen Schlafrock, ganz schmal unter ihrem breiten, schwarzen Haar, worin die Reste des künstlichen Rot sich auflösten. Eine Hand krümmte sich am Herzen, die andere tauchte frostig in Kissen, die knisterten. Siebelind verfolgte auf ihrer Blässe die kleinen, blutigen Windungen ihres Mundes. Er wußte nicht, schuf die Angst sie oder ein Lächeln.

Er habe sehr wichtige Mitteilungen zu machen, sagte er, sonst würde er sich nicht herausgenommen haben, einzudringen. Er erklärte in Genua mit Nino [ 301 ]zusammengewesen zu sein. Er habe ihn bei der Durchreise in Neapel begrüßen und ihn verhindern wollen, die Frau Herzogin aufzusuchen. Er wisse, der juuge Mann wäre ihr in diesem Augenblick nicht erwünscht gekommen … Sie sah ihn an.

„Sie wissen noch immer so gut Bescheid in fremden Seelen?“

„O, in einer in der Lage der Ihrigen!.. Nun ist gestern sein Schiff angekommen; er war nicht darauf. Ein Telegramm an ihn konnte nicht bestellt werden. Es ist etwas Rätselhaftes vorgefallen.“

„Er ist irgend einem andern Einfall gefolgt. Er fährt eben mit dem nächsten Schiff.“

„Wer weiß wohin sein Schiff fährt.“

„Ich verstehe Sie nicht.“

„Verstehen Sie denn, wohin das Ihrige fährt?“

„Ach so. Sie meinen, daß ich sterbe. Das ist wahrscheinlich.“

„Frau Herzogin, ich habe Ihnen etwas abzubitten.“

Unter seinen Augen kamen rote Flecken hervor. Er stand gebeugt, eckig in seinem langen, schwarzen Rock, und grau an den Schläfen.

„Ich habe Sie für eine der ruchlosen Glücklichen gehalten, die nichts vermuten von den Tiefen der Leidenden. Ich muß mich geirrt haben. Der Glück liche stirbt rasch, ahnungslos wie er lebte. Sein letzter Becher war vergiftet, er wußte es nicht, und ehe er’s begreift, ist er tot. Sie, Frau Herzogin, haben Zeit zu begreifen und zu schmecken! Sie müssen mit dem [ 302 ]Leiden bekannt sein; sonst vermiede es Sie auch in dieser Stunde … Ermüde ich Sie?“ fragte er sehr zart. Sie antwortete freundlich, obwohl eine Angst sie folterte:

„Nein, nein.“

Er sprach noch eine Zeit lang, ganz leise und mit gesenkten Lidern, von ihrem Tode, der sie läutere und verkläre. Sie meinte fast, ihr Tod verbessere zunächst ihn selbst. Er war ruhiger als ehemals, ohne ungesundes Kreischen der Gefühle. Die Hand, mit der er von ihr Abschied nahm, war nicht heiß. Er bat wiederkommen zu dürfen; sie hatte nichts dagegen.

Sie fand, als er weg war, christliche Büchlein auf ihrem Tisch und wendete ein paar Blätter um. Etwas Unbestimmtes hatte ihr wohlgethan, war wie ein nun verbotener Wohlgeruch von früher, ziemlich fade fchon, bis in ihr Krankenzimmer gedrungen. Es war Liebe, wenn noch so wenig. Dieser Schwache hatte sich aufrichtig in sie verliebt, das war es. Jetzt endlich, da sie starb, fühlte er sich ihr nahe genug: er, deffen Dafein ein langes Sterben war.

Sie hörte kein Wagenrasseln unter ihrem Fenster, und sie erfuhr, das Volk selbst trage Stroh herbei. Am Abend gelangte sanftes Gezirp von Guitarren zu ihr. Sie lächelte:

„Nun lieben Sie mich. Wenn ich tot bin, werden sie weinen. „Die Arme,“ werden sie sagen, denn so nennen sie die Toten. Wie müssen Sie froh sein, mich einmal bemitleiden zu dürfen — dieses eine, unvermeidliche Mal.“ [ 303 ]

Ihr Herz beruhigte sich endlich. Vier Tage lang litt sie nichts. Am späten Nachmittag des fünften fragte ein Diener aus dem erzbischöflichen Palais, ob Ihre Hoheit geneigt seien, den Generalvikar zu empfangen, Sie hatte noch gar nicht Zeit zu antworten gehabt, da ward er schon gemeldet.

Tamburini trat ein, rasch und wuchtig, wie vor vielen Jahren. Er war noch immer der massige, starkknochige Beamte und Geschäftsmann im Priesterkleid. Seine beweglichen, klugen Augen funkelten unter schweren Lidern in dem vierschrötigen Gesicht. Kein Muskel seiner mächtigen Kiefern war erschlafft, sein Gebiß war vollständig, und die Haarsträhne die seine niedrige Stirn teilte, war tiefschwarz. Aber unter seiner Haut floß noch mehr Galle.

Der künftige Kirchenfürst stand aufgepflanzt wie vor der Front von Millionen, und in der einschüchternden Haltung eines Portiers. Hinter ihm verharrte Nustschuk. Die Herzogin lud die Herren ein, sich zu setzen. Tamburini sagte:

„Frau Herzogin, ich komme als alter Freund. Sie sind immer eine gute Tochter der heiligen Kirche gewesen. Ich kann das unmöglich vergessen, bloß weil Sie in den letzten Jahren in Irrtümer verfallen sind.“

„Sie sind zu gütig, Monsignore,“ sagte die Herzogin.

„Ihre Irrtümer sind schwer, das gebe ich zu, und haben viel Ärgernis erregt. Aber durch eine umfafsende Beichte und aufrichtige Reue setzen Sie mich [ 304 ]in den Stand, Sie von allen Sünden loszusprechen. Und dann haben Sie ja noch ein anderes, sehr wirksames Mittel, alles gut zu machen.“

Hierauf räusperte er sich. Die Herzogin sah ihn fragend an, dann seinen Begleiter.

„Deshalb kommen wir nämlich,“ sagte Rustschuk.

Er blinzelte nach ihr hin, verschwommenen Blicks, schaudernd und begehrlich. Da lag sie und starb, immer schön und jung, da sie ja eine Herzogin war — und er hatte sie nicht besessen! Er stammelte nochmals:

„Deshalb kommen wir nämlich.“

Sie verstand.

„Ah! das Geld. Sie wollen Geld?“

„Herr von Siebelind,“ erklärte Tamburini, „hat mir auf meinen ausdrücklichen Wunsch berichtet, wie er Sie gefunden hat, liebe Tochter. Sie seien sich über Ihren Zustand klar,“ sagte er, „und ertrügen ihn christlich. Da durften wir keine Zeit verlieren, um so mehr, als der bewährte Vertreter Ihrer weltlichen Interessen, unser Freund der Herr von Rustschuk, uns wissen ließ, daß Sie bisher keinerlei Verfügungen getroffen haben.“

Hierauf warf er dem Finanzmann einen Blick zu.

„Herzogin,“ stammelte Rustschuk, rotviolett, „Sie wissen selbst, daß ich Ihr Vermögen gut verwaltet habe … Es mag sein, daß ich meinen Vorteil dabei gefunden habe, wer leugnet das. Sicher ist nur, daß kein anderer, und sei es der unbequemste Tugendheld, Ihnen solche Summen hätte beschaffen können wie ich!“ [ 305 ]

„Weil keiner so geschickt ist,“ erklärte Tamburini.

„Daher,“ behauptete Rustschuk, „werden Hoheit mir glauben, wenn ich Ihnen sage: das beste ist, Sie vermachen alles der Kirche. Mir kann es ja gleich sein, aber ich rate Ihnen dazu.“

„Der Kirche?“ meinte sie erstaunt. „Nun ja, warum nicht ebensogut der Kirche.“

„Schon wegen der ewigen Seligkeit,“ sagte der Finanzmann. „Und noch aus andern Gründen.“

„Das künftige Leben, meine Tochter, ist eine hochwichtige Sache!“ stieß der Vikar polternd hervor.

„Mir hat das gegenwärtige genügt,“ sagte die Herzogin schlicht. „Und ich habe es wichtig genommen.“

„Wir Christen legen nur auf die Ewigkeit Wert,“ bekannte Rustschuk mit Überzeugung. „Dieses Leben erfüllt uns zu wenig Wünsche.“

Und sie sah sein ungestilltes Verlangen trüb aufflackern.

„Sie wissen so wenig anzufangen mit dieser kurzen Spanne Zeit, Sie Christen,“ sagte die Herzogin, und ihre Bemerkung wunderte sie tief, „— und Sie vermessen sich, mit Ihrer Person die Ewigkeit auszufüllen?“

„Diese Philosophie werden Sie bitter bereuen, liebe Tochter!“ rief der Vikar drohend. „Statt Ihre Sache durch billige Lästerungen zu verschlimmern, machen Sie lieber, wie man Ihnen rät, Ihr Testament zu Gunsten der heiligsten Kirche, damit Sie doch etwas zu Ihrer Rechtfertigung vorzubringen haben. Sie [ 306 ]können es im nächsten Augenblick brauchen — an dem Ort, wohin Sie gehen.“

„Dort — ich weiß schon, was ich dort sagen werde zu meinem Ruhm. Ich werde sagen, ich habe Sie, Monsignore, durch meinen Jäger hinausbringen lassen. Und wer weiß, vielleicht werde ich’s wirklich gethan haben.“

Darauf geriet Tamburinis herrische Haltung ins Wanken. Er stotterte etwas Bescheidenes. Rustschuk murmelte peinlich betroffen:

„Herzogin sind strenge, man wagt nicht mehr —“

„Wagen Sie nur,“ sagte sie seltsam lächelnd.

Er lehnte sich zurück. Sein Stuhl rückte hin und her, so sehr schlotterte er. Er begehrte sie; mit Grauen vor dem Tode und die Sinne gepeitscht von seiner Gegenwart, begehrte er sie, noch auf diesem Bette. Er würde der einzige sein, den an ihrem Sarge das unwiderrufliche Bedauern zermalmen würde. Er allein hatte sie nie besessen. Und sie starb!

Sie saß tief zurückgelehnt, ganz hell, und das Gesicht in den dunkeln Polstern ihres Haars. Die Brauen waren hervorgearbeitet aus den eingesunkenen Schläfen, die Augen umspannt von dem vielfach gefältelten Schatten der Nasenflanken, — und über den engen Sattel des schmalen, durchsichtigen Knochens hinweg, fast horizontal, schlich ihr Blick herbei, müde zum Erlöschen.

Dennoch demütigte er ihre beiden Zuschauer. Sie haßten sie dafür; aber sie erwarben auch jetzt nicht das Recht, sie zu bedauern. Ihr blieb die Schönheit [ 307 ]des letzten Abendlichts. Einen roten Fleck spiegelte die schräge Sonne unter ihren linken Nasenflügel. Das Kinn bog sich von unten, weich und gepolstert, eine letzte Verführung. Die Zähne blinkten, feucht und weiß. Hinter ihrem blaß violett beschatteten Fleisch und seiner mattweißen Gewandung stand ein rotgelbes Kissen, auf der Mauer und ihrer scheinend gelben Seide.

Aber das Sprechen hatte sie erschöpft. Sie fühlte ihren Herzmuskel sich aufs neue zusammenziehen. Ihre Fußspitzen brannten auf einmal vor Kälte. Sie klingelte und ließ sich die Kniee in Decken wickeln.

∗             ∗

Tamburini sah nicht ein, warum er sich von dieser Todkranken einschüchtern lasse.

„Haben Hoheit irgendwelche Einwände weltlicher Natur?“ fragte er. „Sie besitzen keine Familie, niemand, dem Sie diese große Anzahl von Millionen könnten zuwenden wollen … All das Geld!“ sagte er, mit vollen Backen.

Sie sann. Nino? Der Reichtum würde ihn zu früh zerstören. Die kleine Linda? Was brauchte sie, die so still und kühl in sich ruhte. Wer also? Sie erwiderte:

„Ich habe nichts dagegen — und nichts dafür.“

„Geben Sie’s nicht der Kirche,“ äußerte der Vikar, „so verfällt alles dem dalmatinischen Staat.“

„Ja, dann kriegen wir’s,“ bestätigte Rustschuk. [ 308 ]„Hoheit sehen, wie uneigennützig ich Ihnen rate. Nur wegen Ihres Seelenheils.“

„Und nicht, weil Sie ein Geschäftsmann der heiligen Kirche sind? Der größte Bankier der Christenheit?“

„Hoheit verkennen mich. Ich denke nicht an so kleinliche Vorteile. Wollen wir den weltlichen Gesichtspunkt einnehmen? Dann urteile ich als Staatsmann und finde, daß das — wie soll ich sagen, freie Leben Euerer Hoheit eine Sühne verlangt vor der Öffentlichkeit. Das Vertrauen in die bestehende Gesellschaftsordnung müßte eine bedenkliche Erschütterung erleiden, wenn eine Dame in der ungewöhnlichen Stellung Euerer Hoheit, hoch betitelt und überaus kapitalkräftig, nicht wenigstens angesichts des Todes einen wohlgesinnten Gebrauch von ihren großen Mitteln machte.“

Er sprach sehr rasch, den Mund scheu gesenkt bis auf das fallende Fett seines Halses, und mit kleinen schwachen Armbewegungen. Tamburini deklamierte um so unbefangener.

„Alles: die Verhältnisse sowohl als die göttlichen und menschlichen Pflichten, und nicht zuletzt der eigene Vorteil weist Euere Hoheit darauf hin, Ihre Besitztümer Ihrer heiligen Mutter, der Kirche, zu vermachen. Auch habe ich fchon den Notar bestellt. Soll er eintreten?“

„Der Kirche oder dem Staat,“ wiederholte sie. „Er ist mir eigentlich ebenso sympathisch.“

„Wenn ich statt dessen —“ [ 309 ]

Sie legte die Wange auf die Handfläche. Sie blinzelte aus halb gefchloffenen Lidern und aus der goldigen Tiefe all ihrer nie abdankenden Liebe nach den beiden apokalyptischen Tieren, die ihre letzte Stunde ihr vorgaukelte.

„Wenn ich drei große Vermächtnisse machte. Eines für die Freiheitskämpfer aller Völker, und für die Seltenen zwifchen den Völkern, die den Geist befreien. Das zweite für Kunstwerke, die verschwenderischen Träumen gleichen, und von denen der Bürger nichts wissen kann, also eben für Kunstwerke. Das dritte für wunderbare Inseln der Lust, wo Menschen ohne Not uud beinahe ohne Sehnsucht vergessen dürfen, daß es einen Staat, eine Kirche, und eine Menschheit giebt, die leidet.“

„Herzogin werden es nicht wagen!..“ befahl Tamburini barsch, und brach in Drohungen aus. Rustschuk behauptete, solch ein Testament sei anfechtbar. „Deshalb,“ erklärte er, „weil man glauben würde, eine allzu zügellose Seele habe hier in Wahnsinn geendet.“

Sie hörte nichts. Ihre leisen Traumworte hatten sie erregt bis zum Aufschreien. Da zerriß sie ein neuer Schmerz, vom Rücken nach dem Magen. Der Krampf ergriff den Magen; das Herz zuckte und flog. Sie fuhr auf, mit einem Stöhnen, und fetzte sich wieder.

Die beiden verstummten plötzlich. Sie sahen auf der Stirn der Geängsteten den Schweiß ausbrechen, ihre Lider zuklappen, und ihre Züge erschlaffen. Das [ 310 ]Gesicht dieser Frau, die ihnen noch eben Scheu und Begierde eingeflößt hatte, war jäh ausgewechselt gegen die verfallene Maske einer ohnmächtigen Verlebten. Rustschuk heulte rauh auf. Der aufgebrachte Priester verfiel ohne Übergang in Weihe. Er nahm ihre Hand, er fand sie eisig und einen kleinen fadenförmigen Puls an ihr, der aussetzte.

„Meine Tochter, verzage nicht. Die Barmherzigkeit wacht über dir. Siehe, der Tod naht dir als Erlöser.“

Sie schien zu erwachen; das Leben trat hinter ihr Gesicht wie eine Flamme.

„Nicht als Erlöser,“ sagte sie undeutlich.

Sie wollte ihn nicht als Erlöser, nein, als Geliebten — ihn, die letzte Verwandlung ihres Lebens, in der Vollkraft seiner Schmerzen!.. Sie wand sich auf dem Rücken hin und her, sie kämpfte vergebens um ein Wort. Sie fühlte den ganzen Mut ihrer Seele auf ihre Lippen stürzen. Und ihren tiefen Qualen entstieg, unhörbar, aber blitzend wie Vogelflug aus der Nacht von Klüften, ein äußerstes Bekenntnis zu dem großen Leben und seiner Unerbittlichkeit.

„Sagten Hoheit etwas?“ fragte Tamburini.

Plötzlich riß sie die Decken von sich, rang sich empor, machte zwei Schritte, schrie laut auf. Der Schmerz entrückte sie. Sie legte sich mit der Herzgrube auf eine Stuhllehne. Gleich darauf stand sie, steil aufgerichtet, und als ob sie lauschte. Ihr Gesicht färbte sich bläulich. Dann begann sie zu keuchen; der Atem kehrte wieder. In der Minute als er [ 311 ]ausgeblieben war, hatte sie gedacht: „Also auf diese Weise, — und so schnell.“

∗             ∗

Nein, es kam nicht schnell. Sie schleppte sich an ihr Lager zurück, sie ließ sich betten. Nana legte ihrer Herrin, die würgte und sich erbrach, Dampfkompressen auf. Rustschuk war vom Schrecken ins Vorzimmer gescheucht, wo er jammerte und plapperte. Es war voll von Leuten, die auf ihren Augenblick warteten.

Tamburini schloß die Thür des Krankenzimmers hinter sich und erteilte Befehle.

„Ist der Notar da?.. Gut, Cavaliere Muzio, die Frau Herzogin wird sogleich Ihre Dienste in Anspruch nehmen. Sie hat uns ihren Willen kundgegeben. Nur ein wenig Ruhe brauchen Ihre Hoheit, die Unterredung hat sie angegriffen … Ärzte! Sind keine da? Was für eine Nachlässigkeit. Girolamo, Antonio, ihr lauft nach Ärzten. So viele wie möglich, hört ihr! Professoren!“

Der Vikar vervielfältigte sich. Er nahm einen Priester in die Ecke oder ergriff einen der Herren am Knopf, die mit dem Hut auf dem Kopf und in der Hand ein offenes Notizbuch, zwifchen den Gruppen hindurchschlüpften. Neugierige von der Straße quollen durch die unbewachten Thüren des Sterbehauses. Die Treppe summte von Stimmen. Durch das wirre Hin und Her brachen Tamburinis Boten sich eine schwarze und zielbewußte Bahn.

„Filippo, ehe ich’s vergesse: nach Santo Stefano! [ 312 ]Der Pfarrer soll mit den heiligen Sakramenten kommen! Es ist nur für alle Fälle, wir werden es, so Gott will, nicht nötig haben, die Frau Herzogin erholt sich!“

„Da sind Sie!“ rief er einem eleganten Herrn entgegen. „Sie können im Mattino< schreiben, daß die Frau Herzogin die Hälfte ihres Vermögens der Stadt Neapel vermacht, die andere Hälfte den Armen. Ein namhaftes Legat erhält der heilige Vater.“

Er schob Rustschuk und den Notar gegen eine Wand.

„Das macht sich besser,“ raunte der Vikar. „Wenn die Thatsache vollendet ist, erfährt man sie noch früh genug.“

Rustschuk trocknete sich wortlos die Stirn. Er war fahl und fürchtete umzufallen. Aber Muzio, ganz gelb in seinem blanken Röckchen, lächelte abgefeimt.

„Ich kenne die Dame,“ sagte er mit spaßhaften kleinen Verrenkungen. „Man darf mit ihr nicht allzu viele Umstände machen. Sie ist eigensinnig, Monsignore glauben nicht wie sehr. Man sollte ihr zum Heil ihrer Seele die Hand führen bei der Unterschrift.“

„Das ist Ihre Sache,“ entschied der künftige Kirchenfürst barsch. „Wir wissen nichts davon … Hätten wir nur nicht so viel Zeit verloren. Die Kranke entfernte sich immer wieder von dem Gegenstande, auf den es ankommt. Es handelt sich doch um all das Geld!“

Muzio legte ihm nahe: [ 313 ]

„Wenn Monsignore einmal nachsehen würden. Gewiß hat sie sich schon gebessert. Das geht rasch bei ihr, ich kenne sie.“

„Sie haben recht, Muzio.“

Der Vikar schritt schnell und gnädig durch die auseinander weichende Menge.

„Die Kranke verlangt nach mir,“ erklärte er laut.

Aber vor der verschlossenen Thür stand ein breitschultriger Alter in der Uniform eines Jägers, und die Reitpeitsche in der Hand.

„Öffnen Sie,“ befahl der Vikar. Der Jäger sagte ruhig:

„Es tritt niemand ein.“

„Ich bin der Generalvikar.“

„Ich kenne Monsignore. Es tritt niemand ein, die Frau Herzogin leidet.“

„Du willst nicht?“ fragte Tamburini und erhob die Hand.

„Nein.“

Und Prosper salutierte mit der Peitsche.

Man entrüstete sich, der Jäger wurde umdrängt und verteilte Stöße. Der Vikar rief seine Diener herbei. Es waren schwarz gekleidete, beschauliche Menschen mit friedevoll rasierten Lippen, und wußten mit dem harten Greise nicht umzugehen. Einer bekam einen Hieb übers Gesicht, darauf legten die andern sich Zurückhaltung auf.

„Da ist der Arzt!“ rief man von hinten. Ein kleiner magerer Sechziger hastete wichtig herbei, in [ 314 ]hellem Anzug, mit gefärbtem Schnurrbärtchen, und zappelnd vor Jugendlichkeit.

„Die Frau Herzogin hat mich befohlen?“ rief er in der Fistel. „Natürlich, wenn die Frau Herzogin die Hilfe der Wissenschaft braucht, bin ich der einzige, an den sie denkt. Ich habe Ihrer Hoheit ja fchon einmal das Leben gerettet. Mit Gottes gnädigem Beistand, Monsignore, wird es auch diesmal gelingen.“

Der Vikar faßte ihn am Rockauffchlag.

„Doktor Giaquinto,“ flüsterte er, „es handelt sich darum, das Leben der Frau Herzogin um eine Stunde zu verlängern. Hören Sie, um eine Stunde. Das übrige ist für Gottes und seiner heiligen Kirche Zwecke nicht von Belang.“

„Wenn ich’s zehnmal wollte, die ärztliche Kunst kann nicht weiter reichen als Gottes Wille,“ versicherte der Doktor.

Aber Rustschuk wälzte sich, schwankenden Bauches, an den Arzt heran. „Thun Sie das Unmögliche, überbieten Sie sich, Doktor, erhalten Sie die Herzogin am Leben!“

Er flehte, mit gerungenen Händen. Das Testament kümmerte ihn nicht. Er hatte nur den einen inständigen Wunsch, sie möge leben. So lange sie lebte, blieb ihm die Hoffnung, sie auch noch zu besitzen, wie alle andern.

Tamburini herrschte den Jäger an.

„Den Arzt werden Sie wohl einlassen.“

Prosper klopfte an die Thür, ein Spalt ging auf. Nana antwortete nach einer Weile, wenn der [ 315 ]Doktor etwas gegen Asthma habe, dürfe er eintreten.

„Asthma bloß?“ rief Giaquinto und erhob frohlockend beide Arme gegen die Versammlung. „Asthma ist ja meine Spezialität! Und Stramonium-Cigaretten trage ich immer in der Tasche! Die Wissenschaft ist wohl ausgerüstet!“

Er glitt hinein. Jemand hatte einen Fuß in den Spalt geschoben, zu seiner Beseitigung mußte Prosper einen Ringkampf bestehen. Inzwischen krochen die Leute mit den Notizbüchern ihm zwischen den Beinen durch, um zur Thür zu gelangen. Sie ward von innen geschlossen. Aber noch immer umtobte Aufruhr den Jäger; er hieb mit der Reitpeitsche um sich.

Ein Herr im dunkeln Überzieher, sehr bleich, mit roten Flecken unter den Augen, gab einen Seufzer von sich und taumelte gegen Prospers Schulter. Der Alte versuchte ihn auf einen Stuhl zu setzen; aber Siebelinds Glieder waren nicht zu beugen. Er stand mit geschlossenen Augen, kalkweiß, und antwortete nicht. Endlich, niit einem zweiten Seufzer, wachte er auf. Es war rings umher ganz still geworden. Noch sehr verwirrt, ohne zu wissen wo er war, lallte Siebelind:

„Das kommt zuweilen vor, seit der dummen Geschichte damals mit Lady Olympia.“

Er besann sich:

„Um des Himmelswillen, ich muß hinein zu ihr, ich habe ihr etwas von höchster Wichtigkeit zu sagen.“

„Später,“ entschied der Jäger. [ 316 ]

„Wenn die Herzogin wüßte, von wem ich Nach richt bringe, keine Sekunde würde sie leben wollen, ohne mich zu hören.“

Prosper benutzte den Augenblick der Ruhe, um den Knopf einer Klingel zu erreichen. Der Thürhüter zeigte sich endlich mit zwei Lakaien. Der Jäger gab ihnen ’seine Anweisungen, und sie begannen den Gästen durch Wort und That zu verstehen zu geben, es werde Nacht, man schließe das Haus. Ein paar hohe Hüte rollten dabei die Treppe hinab, einige kleinere Einrichtungsgegenstände wurden unter den Röcken von Besuchern hervorgezogen.

Schließlich lagen die Gemächer menschenleer und im Schatten. Siebelind saß im Vorzimmer unter einem Fenster, die Hände gefaltet mit spitzen, rötlichen Knöcheln, und wiederholte sich unter trockenem Schluchzen:

„Ich werde sie niemals mehr sehen — sie, und ihr schönes Leiden. Ich darf nicht Teil daran haben…“

Rustschuk, ihm gegenüber, quoll und tropfte von Thränen. Tamburini stand aufgepflanzt in der Mitte und horchte, die Arme gekreuzt, nach dem, was drinnen der Doktor redete, hinter der Thür, die Profper reglos bewachte. Der Notar Muzio reckte in seinem bescheidenen Versteck den gelben Hals lang aus und nickte zu allem, wie ein schmutziger und weiser Vogel aus der Höhe.

∗             ∗
[ 317 ]

Ehe der Doktor eintrat, hatte die Herzogin schon den Augenblick von Schwäche bereut, der sie verleitet hatte, ihn zu rufen. Sie winkte ihm zu gehen; er mißverstand sie.

„Herzogin sind zu gnädig. Ja, ich werde mir erlauben, diesen Sitz einzunehmen und ihn erst zu verlassen, wenn meine Kunst Eure Hoheit vollkommen gesund gemacht hat … An Asthma leiden Hoheit, wie ich sehe. Das Atmen ist erschwert und tönend. In die Hände welches Pfuschers mögen Hoheit nur geraten sein? Welcher Ignorant hat Sie so zugerichtet?“

Er horchte. Die Kranke schob aufgeregt den Kopf durch die Kissen. Sie brachte ein Wort hervor.

„Wie? Das Rückenmark? Hoheit sollten sich keinen Einbildungen hingeben. Was hat denn ein gewöhnliches Asthma mit dem Rückenmark zu thun, frage ich. Hoheit als Laie konnen darüber gar nicht urteilen. Die Wissenschaft wird nach ernstlicher Prüfung zweifellos etwas ganz anderes herausbekommen … Wie? Der Doktor Barbasson in Paris? Also das ist der Nichtskönner, der mir das Vertrauen Eurer Hoheit abgeschwindelt hat! Habe ich der Frau Herzogin nicht schon einmal einen wichtigen Dienst erwiesen? Habe ich Ihnen nicht in einem Augenblick gefährlicher Erschöpfung eine wohlthätige Haft verordnet? In kürzester Zeit waren Sie hergestellt. Hütten Eure Hoheit sich auch diesmal meiner Knnst überlassen: ich bin überzeugt, daß es heute mit Eurer Hoheit nicht so stände, wie es steht … Denn Herzogin dürfen sich [ 318 ]nicht in Täuschung wiegen, es steht schlimm. Das sehe ich ohne weiteres mit dem Scharfblick der Wissenschaft. Um zu erfahren, wie schlimm es steht, werde ich eine genaue Untersuchung vornehmen.“

Er zog die Handschuhe aus. Der mühsame Widerspruch der Kranken ging unter in seinem Gekreisch. Sie zuckte und rang nach Luft. Nana mußte ihm helfen, ihre Herrin zu entkleiden. Sie richteten sie auf. Die Herzogin wandte das Gesicht weg. Ihre Büste stand wie aus Porzellan, in scharfen Flächen und erhöht durch grellweiße Lichter, in dem zurückgleitenden Linnen. Man hob ihr den Arm empor und deckte darunter die magere, dunkle Grube auf.

„Die Glieder sind eiskalt,“ so stellte Doktor Giaquinto fest. „Kein Puls daran zu fühlen; höchst sonderbar. Die Wissenschaft wird die Erscheinung aufklären. Der Unterleib ist schmerzfrei, auch bei Druck. Also in der Herzgrube sind wir empfindlich? Herzzittern haben wir? Und der Schmerz erstreckt sich über die linke Schulter und den linken Arm? Aha … Wie? Auch im Rücken thut es weh? Dort dürfte es durchaus nicht wehthun! Es ist doch nur Asthma! Ich leugne, daß es mit dem Rückenmark im geringsten etwas zu thun hat! Wir werden sehen, die Empfindlichkeit ist eingebildet, einfach hysterifch…“

Er strich mit seiner hornigen Hand das Rückgrat hinab. Die Herzogin schrie auf; der Schmerz gab ihr plötzlich den Atem zurück.

„Lassen Sie mich! Nana, das Fenster öffnen!“

„Nicht öffnen!“ rief der Greis und betupfte fein [ 319 ]luftiges Seidenhemd. „Es weht eine starke Tramontana. Die Frau Herzogin wird sich erkälten.“

Sie betrachtete ihn flüchtig.

„Nana, hilf dem Herrn seinen Mantel anlegen.“

Sie nahm ein paar Züge der kalten Luft.

„Der Kopf ist unbenommen,“ sagte der Doktor. „Es wird sich machen, nur keine Angst. So lange ich da bin, geschieht Eurer Hoheit nichts. Da habe ich gewisse Cigaretten, denen hält kein Asthma stand.“

Sie erkannte erst jetzt: „Ah! Tamburini schickt ihn.“ Sie sagte:

„Sie wollen mir Opium geben? Aber ich habe keine Zeit, mich betäuben zu lassen. Gehen Sie!“

„Wie? Eure Hoheit verweigern die Wohlthaten der Wissenschaft? Eure Hoheit thun sehr unrecht. Man wird leider annehmen müssen, daß Eure Hoheit nicht mehr die Kraft besitzen, über sich selber zu bestimmen. Man wird Sie gegen Ihren Willen retten müssen. Mußte ich das nicht schon einmal?“

Er entzündete ein Wachskerzchen und hielt eine Cigarette in die Flamme. Der Rauch schlug der Kranken ins Gesicht, sofort sank sie zurück, laut röchelnd. Sie machte eine Bewegung mit der Hand, Nana stürzte zur Thür.

„Prosper!“

Der Jäger erschien auf der Schwelle: er ließ drei Herren eintreten. Der Doktor Giaquinto erwartete sie mit würdiger Zurückhaltung. Sie waren alle drei jünger als er, und sie waren Professoren der Universität. Man hatte sie aus den Theatern geholt. [ 320 ]Im Krankenzimmer waren Sie auf einmal steif, wächsern, unnahbare Würdenträger des Nichts. Neben ihnen deuchte der Herzogin ein Giaquinto liebenswert. Er war immerhin Mensch.

„Zunächst,“ sagte Giaquinto, die Rechte in der Weste, „leugne ich mit aller Entschiedenheit, daß der Zustand der Kranken vom Rückenmark ausgeht. Sollten die Herren Kollegen das Gegenteil befinden, so ziehe ich mich sofort zurück.“

Er geleitete die drei an das Lager. Sie ließen sich, über die zu Untersuchende gebeugt, wortlos die Symptome berichten. Sie waren Idole, denen die Krankheiten zugeschleppt wurden wie scheußliche Mahlzeiten: sie rührten sich kaum. Am Ende sahen sie sich an, und einer sprach für alle die Worte, gegen die es keine Berufung gab.

„Die Frau Herzogin leidet an Brustkrampf, stkllia oarckiacum, krankhafter Erregung der Herznerven, hervorgerufen durch Rückenmarksreizung, Irritatia spinalis primaria. Im ganzen Lauf der Rückenwirbel haben wir die größte Empfindlichkeit gegen die leiseste Berührung, besonders der Herzgrube gegenüber. Insgesamt das Bild eines hysterischen Krampfzustandes, doch ohne nachweisbare entzündliche Erscheinungen. Thun Sie die Cigaretten weg, Herr Kollege, sie sind zwecklos. Wir nehmen eine Ableitung vor, durch ein Seifenbad.“

Doktor Giaquinto fenkte den Kopf. Schließlich verlangte er, wenn man fchon auf die schmerzhaften Rückenwirbel wirken wolle, einen tüchtigen Blafenzng. [ 321 ]

„Noch besser, den Rücken mit Bürsten bearbeiten! Haha! Sie sollen sehen, es hilft alles nichts. Denn es ist eben gar nicht das Rückenmark!“ rief der Alte, klagend vor Eigensinn.

Man hörte gar nicht auf ihn. „Sorge für ein Seifenbad!“ sagte einer der Herren zu Nana, Aber die Kammerfrau stand ganz erstarrt von so viel kalter Schicksalsmacht, mit ausgebreiteten Armen vor ihrer Herrin.

„Die Frau Herzogin haben mir befohlen,“ stotterte sie, „man soll die Frau Herzogin in Ruhe lassen. Die Frau Herzogin brauchen keine Hilfe.“

Giaquinto riß den Mund auf und hob die Arme. Aber die drei verharrten unbeteiligt, in lebloser Erhabenheit, wie Idole, denen die Schlachtopfer ausblieben. Unerwarteter Weife kehrten sie um und traten in ihren Winkel zurück, als trüge man sie wieder in ihren Tempel. Der Sprecher erklärte:

„Wir werden nichts ohne den Willen der Patientin unternehmen. Wir werden warten. Die Kranke hat Augenblicke, wo das Asthma durch einfaches Herzklopfen ersetzt wird — wo sie naturgemäß Mut faßt und sich einbildet, das ärztliche Eingreifen entbehren zu können … Aber es treten fchon allgemeine Krämpfe ein. Die Krämpfe des Zwerchfells und der übrigen Respirationsmuskeln nehmen zu an Heftigkeit und Dauer. Wir haben Krämpfe der Stimmritze mit Erstickungsgefahr und Cyanose…“

„Sehr wahr!“ krähte Doktor Giaquinto und rieb sich ingrimmig die Hände. „Ganz blau ist sie! O, sie [ 322 ]wird sich nicht mehr lange sträuben! Sie wird der Wissenschaft nicht mehr lange Widerstand leisten!“

In der Thür erschien Prosper, er hielt einen Briefteller. Er schlich bis vor die Füße seiner Herrin, legte die Hand an die Hosenstreifen und wartete, ob sie ihn hören könne. Es war still im Zimmer; nur der Atem der Herzogin pfiff, ein dünnes, oft unterbrochenes Rinnsal,von Luft, durch ihre Kehle, stockte, kehrte wieder, versagte ganz und entlud sich auf einmal und mit Rasseln, indes der Hals der Erstickenden, angstvoll sich windend, den scharfen Umriß seiner Muskeln hinhielt.

Der Jäger schluckte hinunter.

„Frau Herzogin verzeihen,“ meldete er stramm, „es ist ein Packet mit einem Bilde da, es kommt aus Maderno … Und dann ein Brief, wenn Hoheit gestatten, der Absender steht auf der Rückseite, es ist Frau Ginn Degrandis.“

Sie hob den Kopf; niemand hatte es gehofft, denn sie schien auszuatmen.

„Was wollte man mir geben?“ sagte sie klar. „Ein Seifenbad? Also schnell.“

Nana eilte hinaus.

„Wie lange Zeit werde ich haben?“ fragte sie noch, und sank zurück, zuckend vom Krampf.

Giaquinto frohlockte.

„So lange Eure Hoheit belieben. Nur die Aussprüche der Wissenschaft müffen Sie achten.“

Er lief ins Vorzimmer, den Professoren voraus. [ 323 ]

„Die Frau Herzogin ist gerettet, sie bekommt ein Seifenbad!“

„Ist kein Iournalist da?“ fragte einer der Professoren.

„Dieser elende Jäger hat alle hinausgeworfen,“ sagte Tamburini.

Als man wieder hinsah, war der Professor sort. Ein anderer äußerte bitter:

„Ich verzichte gerne auf die Presse. Es liegt mir gar nichts daran, daß man erfahre, ich habe dabei gestanden, als eine Herzogin starb.“

Und er schritt aufrecht hinaus. Der Sprecher sagte:

„Ich thue meine Pflicht, ich komme wieder, in dreiviertel Stunden. Länger als eine Stunde wird die Patientin nicht leben.“

Doktor Giaquinto wartete bis die Thür sich geschlossen hatte. Dann geriet er in Aufruhr.

„Diese hochnäsigen Besserwisser! Wollen einen alten Praktiker belehren!, Erst diagnostizieren sie Krankheiten die ein Pferd umbringen, und dann wollen sie sie mit ein bißchen Seifenwasser beseitigen.“

„Sagen Sie die Wahrheit, Doktor, wie lange Zeit hat die Kranke?“

„Ich bin ein ehrlicher Mann … Excellenz, belieben doch bitte nicht so schrecklich zu heulen!“ schrie er dem fassungslosen Rustschuk zu. „Ihre Hoheit werden morgen beim Frühstück ihr Testament unterschreiben.“

„Ist das Ihre Überzeugung?“ [ 324 ]

„Lassen wir die Frau Herzogin zur Sicherheit schon um drei Uhr frühstücken. So lange erhalte ich sie Ihnen und der heiligen Kirche, oder machen Sie mit mir was Sie wollen, Monsignore! Ich gebe ihr Moschus und Opium, ich spritze ihr Äther ein, bis sie tanzt und singt!“

„Es wäre ein großes Unglück,“ erklärte der Vikar schlicht, „wenn die arme Frau nicht mehr dazu gelangte, ihre Seele zu retten, und wenn der Kirche das Geld entginge — all das Geld!“

„Ich würde auch gewünscht haben,“ klagte Rustschuk, „sie hätte ihr Geld vernünftig verwendet, wenigstens nach ihrem Tode.“

„Sie wird es ja thun, meine Herren,“ rief der Doktor.

„Sie wird es nicht thun,“ entschied Siebelind unhörbar. „Wenn sie all ihr Leiden und ihre Demütigung durch ein christliches Testament bekräftigte, es wäre fchön. Sie wird es nicht thun. Ich habe alles in allein nie und nirgends einen Heiden gesehen, wie diese Frau einer war.“

„Drum wird man mit ihrem Vermögen die Heiden bekehren,“ sagte Muzio, der daneben stand, den Finger weise erhoben.

„Und die wundervolle Grabrede, die ich dieser großartigen Bekehrten gehalten hätte!“ versetzte der Vikar, die Arme gekreuzt, die Stirn gesenkt. „Ich hätte gesagt —“

„Das Krankenzimmer ist abgeschlossen,“ zischte der Doktor, heftig erbittert. Er klopfte mit allen Knöcheln. [ 325 ]Prosper öffnete einen Spalt; er erklärte ziemlich höflich:

„Die Frau Herzogin sind vom Bade sehr erschöpft, sie haben Schlummer und ersuchen die Herren um eine Stunde der Ruhe. Hernach werden sie den Herrn Arzt zu sich bitten.“

Uud er schloß die Thür.

„Sind wir sie los?“ fragte die Herzogin ihn. „Dann gieb her, Prosper.“

Im Vorzimmer sahen Tamburini, Muzio und der Doktor einander in die Augen: „Es ist nichts zu machen!“ Darauf gab der Vikar ein Zeichen, sie knieten hin, alle drei in einer Reihe, und jeder lehnte die Handflächen zusammen. Siebelind warf sich hinter sie zu Boden, mit schauriger Begeisterung. Rustschuk ließ sich unter feuchten Seufzern mühsam nieder. Der Vikar sprach eintönig und schallend:

„Heiligste Jungfrau Maria, wir bitten, daß durch deine Hilfe diese arme Seele in der letzten Stunde den Weg der Gnade finde.“

∗             ∗

Sie hatte, um von den Eindringlingen nichts hören zu müssen, ihr Ruhebett in das nächste Zimmer tragen lassen. Es war ein Saal, den viele Säulen stützten und weite Mosaiken beglänzten.

Sie lag mit dem Rücken hoch gebettet, die Gliedmaßen vom Bade erwärmt, mit schnellem, sehr schwachem Puls; und sie hielt sich ganz still, in der Sorge, diese leise, schmerzlose Ermattung, die das letzte Stück [ 326 ]besonnenen Daseins war, für die kommende halbe Stunde zu ersparen. Nachher, das fühlte sie voraus, kam das plötzliche Versinken … Und es gab noch zu thun.

„Gieb her, Prosper.“

Der Jäger reichte ihr den Teller mit Briefen. Jakobus meldete ihr ohne weiteres die Absendung ihres Bildes.

Ginn schrieb von Genua aus dem Hospital. Sie sterbe mit ihr. „Nino geht uns voran. Ich bin herbeigeeilt, um, selber verurteilt, seinen letzten Atem mit meinen Lippen zu empfangen. Könnte ich sie auf die Ihrigen legen!

„Jenes Bild behält recht: er geht uns Frauen mit seiner Ampel voran. Ich habe geglaubt, er leuchte uns in die Gefilde der Kunst; nein, der Garten wohin wir ihm folgen, gehört dem Tode. Aber wir folgen ihm!.. Gönnen Sie ihm zwei Worte, die ihm Mut machen!“

„Der Herr von Siebelind,“ sagte Prosper, „bittet die Frau Herzogin, diesen Zettel zu lesen; es sei wichtig.“

Siebelind schrieb:

„Ich muß Ihnen ein letztes Unheil schicken; mein Gewissen will es. Ich darf Sie nicht fchonen. Sie sollen die Rechtfertigung des Leidens ganz haben, und die Schönheit, ganz geschlagen zu sein.

„Er ist in Genua in einem verrufenen Hause umgekommen. Er ging die dunkle Treppe hinunter, und von den Balken darüber fiel ihm ein Körper auf die Schultern: ein kleiner, arg verwachsener Mensch, [ 327 ]der auf seinem Nacken ritt, ihn umwarf, ihn würgte und stach. Am Morgen fand man ihn beraubt und halbtot irgendwo in der Gosse.“

Sie ließ sich Papier und Feder geben und schrieb, auf Prospers Arm gestützt.

„Siehst du, nun treffen wir uns beim Sterben. Ich weiß, ich werde als letztes Bild vor dir stehen, so wie mein letzter Blick auf dich gerichtet sein wird. So sieht das nächste Mal aus, an das du glaubtest — und wir wollen glücklich sein. Sei ganz sicher, daß ich nie jemand geliebt habe als dich!“

„Das muß gleich aufs Telegraphenamt getragen werden.“

Der Jäger lieferte die Depesche am jenseitigen Ausgang einem Lakaien ab. Dann stellte er Jakobus’ Bild vor sie hin. Sie ließ ihn alle Flammen aufdrehen. Große Büschel elektrischen Lichts vergewaltigten hart die Dämmerung. Der kalte Prunk des Saales blitzte auf. Und in der weißen Helle sah die Herzogin in das plötzlich entschleierte Gesicht ihrer letzten Verwandlung.

Sie stand im hohen Kahn auf dem Nebelmeer, die Brust stach unter dem fahl gleißenden Panzer, schwarzes Haar am Rande des Helmes, der matt heraus schien aus Wolken, und die müde, blasse Hand auf den Schwertknauf gestreckt. Sie war die Jungfrau, die von allen Gewalten des heißen Lebens verwüstet, im Glanze einer andern, unangreifbaren Reinheit von dannen fuhr.

Ihr Maler hatte mehr gemalt als ihr Sein, [ 328 ]und mehr als ihr Vergehn. Aus diesem weißen Gesicht, das kühl erhoben über das Leben hinwegsah, grüßten, im Verscheiden, die großen Traume von Jahrhunderten. Diese glatte Rüstung und dies kalte Schwert funkelten unbesiegbaren Stolz. Und die Blässe des Todes rief auf dieses Gesicht eine zweite Unschuld. Es war wieder das der zwanzigjährigen, unbekümmerten Siegerin. Was damals die Unberührte nicht wußte — die Sterbende hatte es vergessen. Das Leben, das damals noch hinter ihrer Schulter lächelte, war inzwischen aus der Sehweite ihrer großen, starren und hellen Augen entflohen. Nun stand wie gereifte Saat der vielfache Tod in ihr auf. Es zog in den Augen der sterbenden Assy der lange Leichenzug all derer vorbei, in denen sie vormals schon gelebt hatte.

Mit gefalteten Händen, spitzen Füßen, und aus Eisen, reckten sich auf ihren Sarkophagen die einen, und Mönche hüllten sie in Gebetmurmeln. Jener andere strahlte bleich und groß von den Fackeln nackter Knaben, die seine Bahre umringten. Die Toten waren zart geschminkt und zierten sich mit gemaltem Lächeln, oder sie grinsten fürchterlich aus fahl geränderten Wunden … Sie alle starben aufs neue und endgiltig. In dieser Frau, die leise zu Ende ging, entschwankten mit majestätischem Getöse ihre zahllosen Katafalke. Alle ihre Schönheiten waren noch einmal erstanden in dieser Frau. In ihr hatten alle ihre Leidenschaften noch einmal aufgeschrieen. Nun versiegte mit ihr der letzte Blutstropfen, der ihnen gehört hatte. Mit ihr erstarrte ihrer aller letzte Begierde, zerbrach [ 329 ]ihre letzte Geste, und senkte seinen Flügel ihr letzter Traum.

∗             ∗

Sie entwarf einige Zeilen an Jakobus, um ihm zu danken und ihm zu sagen, daß sie beide recht gethan hätten, damals, als sie sich begehrten, sich genossen und miteinander kämpften. „Dies Werk giebt uns zuletzt recht — und alles ist gutes Schicksal.“

Aus dem Vorzimmer schrillten falsche Töne der Grabrede, die Tamburini im voraus zum besten gab. Er war bei der Einleitung und sagte kraftvoll:

„… Ich wollte, daß alle von Gott entfernten Seelen, daß alle diejenigen, die sich vorreden, man könne sich nicht selbst überwinden, noch seine Standhaftigkeit bewahren inmitten der Kämpfe und Schmerzen; kurz, daß alle, die an ihrer Bekehrung oder ihrer Ausdauer verzweifeln, zugegen gewefen wären beim Tode dieser Frau!..“

„Komm her, Prosper, da hast du einen Check auf die Bank von Frankreich. Dort bekommst du, ohne daß dir jemand Schwierigkeiten machen kann, so viel als ihr alle braucht, du und Nana und die andern. Du verteilst es nach Verdienst … Und nun gieb mir die Hand, ich muß dich verabschieden.“

Der Alte murmelte:

„Frau Herzogin sagten einmal, als Don Saverio mich fortschickte, Sie würden es niemals thun — mich niemals verabschieden.“

„Und sieh, nun thue ich’s doch. Aber gewartet [ 330 ]hab’ ich bis zur letzten Viertelstunde, das mußt du mir zu gut halten.“

„Aber die letzte Viertelstunde der Frau Herzogin, die sollte nicht kommen,“ sagte der Jäger, verstört, mit brechender Stimme. „Wo bleibe ich?“

„Du darfst noch dableiben — so lange ich da bin. Sage, wirst du nun in die Heimat zurückkehren, dir ein Gütchen kaufen?“

„Frau Herzogin halten zu Gnaden, ich weiß nicht mehr, wohin ich gehöre, wenn die Frau Herzogin mir einmal nicht mehr befiehlt, ihr zu folgen, hierher oder dorthin.“

„Es ist wahr, das thust du seit so langer Zeit. Hast du keinen Freund?“

„Zu Hause in Dalmatien hatte ich einen. Wir liebten uns sehr, er hatte mir das Leben gerettet. Aber er gehörte zu den Feinden der Frau Herzogin, darum sagte ich ihm, es sei aus zwischen uns.“

„Hättest du dich nicht verheiraten wollen?“

„Ein Weib in Zara wollte mich; ich hätte sie genommen. Aber sie besaß eine Wirtschaft und verlangte, ich solle dableiben. Wie konnte ich, — da ja die Frau Herzogin fortgingen.“

Sie betrachtete ihn, er war schön, dieser Alte, kraft seiner langen Ehrfurcht. Sie sagte ihm:

„Und alle deine Entsagungen tragen dir nur die eine Belohnung ein, daß deine Herrin es durch dich ein wenig besser gehabt hat. Genügt dir das?“

Er kniete hin, sie gab ihm beide Hände, er küßte [ 331 ]sie langsam, leise, andächtig. Durch die verschlossenen Thüren schallte ehern die Stimme des Vikars:

„… Ihr Tod sah aus wie eine heilige Handlung … Denn wie das Wasser das Feuer löscht, so das Almosen die Sünde! Und ihre ist ganz ausgelöscht!..“

„Prosper,“ sagte sie schläfrig, „drehe das Licht ab, es stört mich. Zünde die drei Kerzen an, auf dem Armleuchter hier neben mir.“

Sie hörte die eigene Stimme wie im Nebel, und sie meinte einzusinken in etwas Weichem, Dumpfem, worin die Sinne nur noch halb wachten, und die Träume auf samtenen Fußsohlen und eilig vorüberliefen. Sie schloß die Augen. Im hellen Schlummer war’s ihr, als kehrte sie von einer Reise zurück — zurück aus dem schwarzen Lande, wo man litt. Die wilden Schmerzenslandschaften blieben hinter ihr. Die Steine, die unter den Rädern ihrer Kutsche gekracht hatten und sie gemartert und ihr den Atem genommen hatten, waren fort. Sie fuhren nun sanft über den feuchten Strand eines Meeres, das weite, stache Wellen rollte; und sie stiegen aus, Nino und Yolla.

Sie standen, aneinander gelehnt, vor dem Meer und starrten mit ihren Seelen in ein blutig rauchendes Abendrot. Es kamen ihnen Gedanken, die kein Wort entsiegelte, und die nur das tiefe Heraufzittern ihres unsäglichen Stolzes waren.

Ganz ferne strengte eine grobe Stimme sich an:

„… Allen Ruhm ihrer Vorfahren hat sie [ 332 ]übertroffen dadurch, daß sie sich unterwarf und in Demutlitt…“

Sie erblickten, über die Meeresweiten hingeschoben, ein Feld mit langen Zügen zerrissener Bogen, die das Feuer des Abends erfüllte, — mit starken Grabmälern, Cypressen golden gerändert, und vielen Reitern, die dahinjagten.

Jene Stimme erhob sich wieder:

„… Die Grabstätte großer Menschen ist die Welt, sagt ein Heide. Wir aber sagen mit dem heiligen Bischof Ambrosius: Mögen die weinen, die auf kein neues Leben hoffen!..“

Sie erstiegen zusammen die Stufen eines schimmernden Terrassenbaues. Ihn krönten weiße Tempel und bevölkerten Statuen, stumm, in unerbittlicher Schönheit. Zwischen bleichen Säulen, von Lorbeer umraschelt, spähte aus der Tiefe das fahle Meer. Sie atmeten kaum.

Es schrie dort hinten:

„… Ihre letzte Stunde war dem Nachdenken gewidmet über die Irrtümer des menschlichen Lebens. Die Ewigkeit trat ihr vor Augen als der einzige, des Menschenherzens würdige Gegenstand…“

Und sie befanden sich am Rande eines alten rostigroten Gartens, wo heiße Tiere umherschlichen, grimme Flöten gellten, und große Giftblumen einen blutigen Saft verspritzten.

„… Nur wer kein Erbe an Liebe hinterläßt, den freut nicht seine Urne! so ruft der Dichter. Vereinigt euch alle, ihr Christen, die ihr sie geliebt habt, [ 333 ]Einheimische und Fremde: helft mir, ihr Lob zu vollenden. Jeder von euch erzähle eine ihrer Tugenden und verweile bei einem rührenden Zuge aus ihrem Leben…“

Die Sterbende schrak empor. Sie war allein, und sie fühlte sich gewürgt. Sie besann sich; es war der Krampf, der letzte, der nun ihre Brust packte. Sie sammelte den Rest ihrer Kraft, sie richtete den Nacken auf, sah sich um. Prosper stand, Brust heraus, Hände an den Hosenstreifen, zur Seite der Thür, bereit, noch einmal zu grüßen, wenn sie noch einmal vorüber käme.

Ihr gegenüber dämmerte das Bild, worauf sie starb.

Sie griff nach dem Kandelaber mit drei Kerzen. Durch die erste Flamme, schien ihr’s, lief eine fchlanke Frau in kurzem Chiton, und den silbernen Bogen auf der Hüfte. Die Flamme starb zwischen den Fingern der Herzogin. In der zweiten, meinte sie, stand aufrecht eine andere, in geraden Falten, mit Helm und Speer. Die Herzogin zerdrückte die zweite Flamme. Ihre Finger umzingelten langsam die letzte. Es lag darin, den Kopf ins Feuer zurückgeworfen, eine dritte, mit fchwellenden Brüsten und öffnete gewaltige Glieder.

Und plötzlich stürzten von Decke und Wanden über einander die weiten Schatten.

Die Herzogin fiel zurück, mit dem Gesicht auf die rechte Seite, röchelnd mit offenem Munde. Der Atem blieb ihr vollends aus, — da sah sie, klaren Geistes, in der Dunkelheit einen Jüngling erscheinen. [ 334 ]Er lehnte sich gegen eine Säule und hielt die Hände hinter dem Kopf gekreuzt. Sein Fuß trat lässig auf eine ausgelöschte Fackel. Er war nackt. Er deuchte ihr sehr schön. Er hatte große, aufwärts gebogene Locken, seine Augen blitzten blau, sein Mund mit kurzer roter Lippe war vor Kühnheit fast thöricht.

Draußen wurden die Worte entschleudert:

„Tochter Björn Björnsides, steige auf gen Himmel!“

Die Herzogin errang einen letzten Atemzug. Die Stirne feucht und kalt, und brechenden Blicks, lächelte sie hinüber in den Schatten. Und sie fühlte, es lächele im Schatten.
 

Ende des dritten Romans