Ein Gang vors Tor

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Ein Gang vors Tor  (1905) 
by Heinrich Mann
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Ein Gang vors Tor

 
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Lukas war schon auf der Schwelle, er stieß schon die geborstene Tür zurück; aber er blieb noch einmal stehen, die hohle Stimme des Alten, die längst von den Zeiten verschlungen schien, gewann noch einmal Macht über ihn.

„Geh hinaus und durchkämpfe die Welt! Wenn sie hinter dir auf den Knien liegt und du heimkehrst zu uns wie jeder zu uns heimkehrt, was hast du dann weiter getan als einen Gang vors Tor?“

Die drei Greisinnen bliesen wimmernd ihren kalten Atem in die kalte Luft des feuchten Saales. In den Mauern erweiterten sich täglich die Risse, die Eichentafeln faulten an den Wänden, und alle Scheiben erblindeten, hilflos und mit Schweigen.

Die erste der Greisinnen hatte einen berghoch angeschwollenen Bauch, die zweite einen ungeheuren Blähhals, die dritte einen Buckel. Womit nährten sie ihre fürchterlichen Auswüchse? [ 132 ]Lukas meinte, mit seiner Jugend, die in ihren alten Fängen zerdrückt wie eine Taube den Kopf drehte und zitterte; mit seinem frischen Blut, das ihre verlebten, enttäuschten Lehren aus seiner Brust leckten.

Der Alte war blind. Womit füllte er sein verstopftes Gehirn? Mit Lukas’ neuen strahlenden Bildern, mit den Bildern von Blumenwiesen, wo junge Frauen in schwarzen Haaren blonde Ritter mit Rosen krönten; von weißen Städten, die an violetten Meeren von ihrem Eroberer träumten. Der Alte nahm sie ihm alle und sagte, sie seien nichts wert. Er klagte aus der Tiefe:

„Geh doch und erlöse Gott aus der Gefangenschaft seiner Feinde! Zwinge Satan um Gnade zu flehn! Geh doch und erobere Reiche! Geh doch und mache das Weib zu deiner Kaiserin! Am Ziel erfährst du, nüchtern und ohne Stolz, daß alles größer und schöner war, als du noch träumtest. Das Beste ist geschehen, bevor du die Augen öffnetest; dein Traum hat es vorweggenommen. Er eilt dir voran und führt das Schwert, das du nicht tragen kannst. Du schleichst ihm nach, mit leeren Händen.“

Eine Fledermaus strich durch den finstern Saal und an Lukas’ Wange vorbei. Er hielt [ 133 ]sie für des Alten Wort, das ihn anwehte. Er schüttelte sich und lief über den Hof, zum Tor hinaus. Er war schon halb den Hügel hinab, von der traurigen Burg sah er nur noch schiefe, zerrissene Dächer.

Drunten lag im grauen Abend ein weites Feld. Es flog darüber hin wie die Schatten von Dingen, die man nicht sah. In der Höhe bewegten sich schwer geballte Wolken. Eine Herde von winzigen Schafen drängte sich, ängstlich und verlassen, in einen Punkt der Riesenfläche dicht zusammen. Der Hirt saß tief in den Falten seines Mantels auf einem Stein und rührte sich nicht. Kein Hund schlug an, und doch erkannte Lukas genau, wie ein Mann, auf dessen Hut eine Feder stand, ein Lamm ergriff und damit fortrannte.

Sogleich fing auch Lukas zu laufen an. Er drückte sein Schwert gegen die Hüfte und machte große Sätze. „Mag jener die ganze Herde stehlen,“ dachte er, „nur dieses Lamm nicht!“ Ob er ihn einholen würde, bevor der Mann im Walde verschwand? Er stolperte über den unbekannten Boden und schrie unaufhörlich: „Nur dieses nicht! Hörst du, nur dieses nicht!“ Aber der andere erreichte schon die Bäume und Lukas [ 134 ]war dreißig Schritte hinter ihm. Er wollte sein Schwert aus der Scheide ziehen: da sprengte ein schwarzer Gepanzerter aus dem Busch und hieb mit der Klinge dem Dieb über den Arm, so daß er das Lamm fallen ließ. Er entfloh kreischend, das Pferd mit dem Gepanzerten verschwand im Dickicht, Lukas stand allein und keuchend vor dem Lamm.

Er hob es auf und trug es langsam und zärtlich in den Wald hinein, zu einer Kapelle, die im Sternenschein auf einer Lichtung stand. Er setzte es vor das Muttergottesbild auf den Altar; und sogleich ward aus dem Kamm ein kleiner Knabe, der lächelnd mit der Linken die Hand der Jungfrau erfaßte. Die Rechte erhob er segnend gegen Lukas, der sich auf die Knie niederließ. „Was ist das?“ dachte er mit gesenktem Haupt, „was habe ich getan? Wer tat es, ich oder der Gepanzerte?“

Er mochte den Knaben nicht mehr ansehen und schlich gebeugt hinaus. Aber draußen richtete die duftende Nacht ihn auf, er ging zwei Stunden, bis die Bäume seltener standen. Dort vernahm er ein gelles Geschrei und gewahrte den schwarzen Gepanzerten, der mit langem Schwert einen grauen Mönch um eine Fichte [ 135 ]trieb. Der Mönch umklammerte den Stamm mit beiden Händen und schwenkte sich, die Streiche meidend, blitzschnell im Kreise. Er kreischte: „Gnade! Gnade! Herr, befreit mich von dem Mörder! Seht Ihr nicht, daß es der Teufel selbst ist?“ Lukas stürzte wütend auf den Gepanzerten los, der einen frommen Mann bedrohte. Er rief: „Du warst es also doch, der mir den Dieb verjagte! Du hast mich gehindert, mit meinen Händen das Lamm zu retten!“ Und er stieß ihm seine Waffe ins Gesicht.

Rasselnd sank jener auf den braunen Nadeln zusammen; der Mönch lachte wie eine Ziege. Lukas blickte hin: er war fort, ein scharfer Geruch war übrig geblieben.

Lukas murmelte voll Scham: „Stehe auf, ich bitte dich!“ Der Gepanzerte stützte sich auf ein Knie, er hob seine Hakennase gegen den Mond; aus seiner linken Augenhöhle, die ausgeleert klaffte, floß das Blut breit über seine weiße Wange.

„Du bist müde,“ sagte Lukas, und führte ihm sein Pferd zu. Der andere erwiderte: „Es ist für dich. Du hast gesiegt, ich gehöre dir.“ Und er nötigte Lukas, auf seine eiserne Hand zu steigen, um den hohen Pferderücken zu erreichen. [ 136 ]

Sie legten einen langen Weg zurück, und Lukas hörte nichts als das Klirren des Eisernen, der vor seinem Tiere herging, er sah nichts als ein dunkelrotes Band, so oft jener den Kopf wandte.

Da bekam die Straße einen Saum von blühenden Büschen, die der Nachtwind bewegte. Hoffnungen, noch verschlafene Vögel, begannen aus der Dunkelheit herzuflattern. Hinter halb geöffneten Gartentoren bat ein weißer, steinerner Busen: „Bleibe!“ Doch drüben, wo im zweifelhaften Mondlicht der Pfad hinter dem Berge verschwand, eilte es fiebernd vorbei: ein Zug von Abenteuern, die zu bestehen waren, von Schönheit, die erlöst zu werden, von Größe, die erkämpft zu werden begehrte.

Im Morgentau, als der Tag seine ersten Rosen auf die grauen Wege warf, hielten sie hoch über Orangenhainen, aus deren Mitte die spitzen Türmchen eines Schlosses in den Himmel hineinstachen. Die Stadt stieg mit träumenden Häusern auf Felsterrassen zum Meer hinab. Es lag hinter einem Zaun von Zypressen in leerem Nebelblau. Weit hinten am Vorgebirge verwehte es wie ein Flug grauer Wandervögel; ein einzelnes Segel, das von der Küste fortflüchtete. [ 137 ]ward von den andern eingeschlossen, und alle zusammen drängten sich um die Bergecke.

Lukas verstand nicht, wovon plötzlich seine Füße leichter wurden, wovon sein Atem höher ging. Es klirrte neben ihm; das einzige Auge des Gepanzerten war auf ihn gerichtet:

„Dianora, die Tochter des Grafen von Melfi, ist heute nacht vom Sultan der Berberei geraubt worden, und noch weiß niemand es. Der Ruf ihrer Schönheit hat ihm nicht eher Ruhe gelassen, als bis er sie auf seinem Schiffe hatte. Nun ist sie schon weit.“

„Ich hole sie zurück!“ rief Lukas und stieg den Pfad nach Melfi hinunter. Aber sein Genosse war ihm längst voraus.

Drunten standen alle Felsstufen voll bunten Volkes, das die ohnmächtigen Arme nach dem verödeten Meere ausstreckte und schallend jammerte: „Sie ist fort, wie sollen wir noch leben?“ Alle Gesichter waren bleich vor Schmerz, in alle Türen war das Unglück getreten.

„Ich hole sie zurück!“ rief Lukas, und sogleich verfolgten ihn jubelnde Scharen, die auf seine Tat warteten. Das Schloßtor ging auf, der Gepanzerte kam heraus und neben ihm der Graf von Melfi, der Lukas die Hand küßte: „Ihr holt [ 138 ]sie zurück, Herr! So holt Ihr sie Euch selbst zurück, sie ist Euer!“

Ein kleines Schiff ward ihnen ins Wasser gezogen. Der Gepanzerte stellte sich an den Mastbaum, Lukas saß am Steuer. Keine Stimme vom Lande holte sie mehr ein, sie jagten schneller als Gedanken den Berbersegeln nach. Jene tauchten schon aus dem blauen Dunst, sie waren schon so groß wie Reiherflügel. Lukas sann: „Der Räuber ist noch nicht daheim, er hält seine Beute auf schwachem Boden, sie kann ihm entfallen.“

Der Harnisch des Gepanzerten rasselte. Sie waren ganz nahe und schauten zu, wie alle Schiffe der Heiden zerschellten. Die Bretter fielen klatschend ins Wasser, die Masten sanken um.

Lukas beugte sich hinüber: Dianora schwamm unter seinen Händen, doch die zitterten. Der Gepanzerte war es, der das Weib ins Schiff hob. Aus Scham und um etwas auszurichten, schlug Lukas dem Sultan und den beiden Mohren, die ihm zunächst im Wasser trieben, die Köpfe ab. Er steckte einen ans Steuer, den andern auf den Schnabel, und den des Sultans oben auf den Mast. Darunter lag auf Kissen Dianora; Lukas sah sie an und empfand plötzlich [ 139 ]eine Pein und war versucht in Tränen auszubrechen: so schön war sie.

Ihr Gesicht glänzte mattweiß und still, wie ein vom Schatten zugedecktes Kleinod. So oft sie es wandte, spiegelte ein rosiger oder ein blaßblauer Schein darüber hin. Aus den Augen tauchte ein violettes Licht. Es waren zwei Amethyste in einem Opal, und um das kühle Rund des Steins legte sich, schwer von Trauer und Gedanken, der Ebenholzkranz ihres Haars.

Zur Heimfahrt wollte kein Wind wehen. Sie landeten an einer steilen Insel, wo alte Greifen ein graues, vergittertes Schloß bewachten. Dianora lehnte sich an eine Stufe der zersprungenen Treppe, ganz unten, und ihr weißes Kleid flatterte über dem blauen Abgrund. Aber der Gepanzerte stand bei ihr, die eiserne Hand neben ihrer schwachen Schulter.

Lukas sprach zu ihr aus banger Entfernung:

„Ich habe dich aus dem Meer und aus den Händen der Heiden gezogen: willst du nicht mein sein?“

Sie antwortete:

„Das Meer hat mich genommen, und der Sultan nahm mich: Ich danke dir nicht.“

Er sah entsetzt zu dem blutigen Kopf hinauf, [ 140 ]auf dem ein goldener Turban schwankte. Auch Dianora blickte hin.

„Hast du ihn geliebt?“ murmelte er.

„Nein. Er war nicht mächtig genug, da ja seine Schiffe zerbrachen.“

„Und ich, der ich ihn überwunden habe? Bin ich mächtig genug?“

„Du fragst? Dann bist du nicht mächtig genug.“

Der Gepanzerte mußte sie wieder ins Schiff tragen. Lukas trachtete schweigend: „Ich will mächtiger werden,“ und inzwischen ließen sie die Meere hinter sich. Sie stiegen an einer Küste aus, wo weiße Straßen zwischen steinigen Äckern in ein Land voller Ungewißheiten führten.

Vier Knechte trugen Dianoras Sänfte, voran schritt der Gepanzerte und Lukas hinterher. Zwei des Wegs ziehende schlossen sich an, ein Gebräunter im roten Mantel und ein blasser, dünnbärtiger Gauch mit schwarzem Schnürkittel. „Ich habe schon einen Mühlstein um den Hals gehabt,“ sagte er. Der andere sagte: „Ich lag im Block, mit Feuer an den Füßen.“

Sie gingen weiter und es wurden ihrer immer mehr, die mitgingen: Männer mit noch blutrünstigen Wunden und andere mit [ 141 ]Pestgeschwüren hoch am entblößten, fleischlosen Schenkel. Sie brachten Gebreste, Lüste und Todesverachtung aus glühenden Ländern mit. Ihre Augen funkelten, ihre Sinne wurden von Gier verbrannt.

Unterwegs plünderten sie die Dörfer, verkündeten die Herrschaft des neuen Gebieters und nahmen sich das Vieh und die Weiber. Einmal blieben alle stehen. Fern, in der Höhe, thronte auf weißen Felsen die Stadt: des Reiches leuchtende Hauptstadt, die Hauptstadt des Kaiserreiches Trapezunt. Es hingen goldene Paniere von den Mauern und Rosengewinde zogen darauf hin.

Die Abenteurer stöhnten und fluchten.

Sie traten in eine Schlucht von schwarzen Felsen, so eng und hoch, daß sie darüber am Mittag die Sterne erblickten. Auf den Bergkämmen standen die Verteidiger, sie rissen Blöcke los und warfen sie hinab. Aber der Fels zog sie an: sie hafteten, keiner fiel, und die Krieger stürzten in Verzweiflung und Grauen sich selbst in die Tiefe.

Als sie das schmale Tal verließen, sahen sie wieder die Stadt, doch waren Fahnen und Kränze fort. Es rannte wirr auf den Mauern umher, [ 142 ]ein Zittern von tausend angstvollen Atemzügen stieg zum Himmel. Die Abenteurer nickten sich zu und kicherten.

Nun kam ein Wald, davor hatte das Heer des Reiches sich aufgestellt. Es sah dem Gepanzerten in das einzige Auge und senkte die Waffen, um still mitzugehen auf dem Schicksalsgange des Siegers.

Zum dritten Male lag vor ihnen die Stadt. Sie war verstummt, schwarze Tücher schlotterten von allen Dächern. Das Entsetzen breitete die hagern Arme nach dem Überwinder aus, bereit in sein Schwert zu fallen. Die Abenteurer keuchten vor Lust.

Sie rannten die Mauern ein, Lukas öffnete die Sänfte und tief: „Das ist eure Herrin!“

Ein paar Stimmen antworteten: „Wir haben einen Kaiser. Er ist ein Kind und hat keine Eltern, und wir lieben ihn.“

Lukas winkte, und die Abenteurer begannen ein Gemetzel. Als sie aufhörten, hatte die neue Herrin manchen Männern Achtung und Liebe eingeflößt. Aber aus den Häusern der winkligen Gassen schütteten die Weiber, mit Todesrufen auf die Mörder, siedendes Öl herab. Man nahm ihnen die Kinder weg, auch der junge [ 143 ]Kaiser ward seinen Beschützern entrissen, und alle starben, wie Lukas es befahl.

Da ward Dianora, der schon so viel geopfert war, dem Volk zu einer Heiligen. Sie zerfleischten sich an ihrem Wege und küßten den Kot von ihrer Sänfte.

Lukas erbaute ihr auf dem Säulenplatz vor dem Palast einen schmalen Thron aus wachsgelbem Marmor. Daran lehnte sie sich, im goldenen Ornat, mit purpurnen Schuhen, und das blutige Licht eines ungeheuren Rubins floß über ihre unbewegte Stirn. Um sie her war ein metallener Glanz bestickter Gewänder und silberner Rüstungen, ein Funkeln und Glitzern von Geschmeide, ein Leuchten von Kronen die voll Gemmen prangten, von emaillierten Schalen, goldenen Thronen und Purpurteppichen, übersät mit Edelgestein.

Mit dem Flügelrauschen eines Riesenvogels brach die Menge ins Knie. Zehntausend lallten und brüllten ihre Anbetung. Besessene, die unablässig tanzten, warfen den Kopf mit weißen Augen zurück und verkündeten ihre Heilung. Posaunen und kupferne Pauken rasselten und schmetterten.

Der Weg zum Thron war mit Lorbeer [ 144 ]bestreut; Lukas beschritt ihn allein. Er erstieg die Stufen und blieb stehen, weil er Dianoras Atem auf seiner Schläfe fühlte.

„Jetzt bist du Kaiserin,“ sagte er und wartete.

Sie sah ihn an: er trug auf den Wangen die Fahlheit aller begangenen Verbrechen, seine Lippen bluteten. Sie sagte:

„Du bist nicht mächtig genug.“

Da kehrte er um und verschloß sich im Palast.

Er wanderte rastlos, Tag für Tag durch goldene Säle voll gewirkter Decken, zwischen blauen, goldgeäderten Säulen; silberne Blätterranken hingen von einer zur andern. Silberne Brunnen dufteten wie die Wunden heiliger Frauen. Lukas aber erschrak tötlich, wenn draußen in den Gartenwegen die goldenen Kiesel knirschten unter den Tritten der Sklaven, die Dianoras Sänfte trugen. Sie sang zur Laute; ihre Stimme schwankte, sanft und schwermütig, über den Schwingungen der Saiten hin, wie ein Schmetterling über einem wogenden Blumenanger. Und droben, im spitzen Porphyrrahmen seines Fensters, lag Lukas, die Faust an der Stirn.

Er schlich ihr nach, wenn sie badete, in der Abendkühle, bei der warmatmenden Aloe von [ 145 ]Mandal, unter Zedern und vergoldeten Palmen. In der Mitte des scharlachnen Brunnens schlug ein Schwan mit silbernen Flügeln. Sie stand am Rande, nackt, mit lässigen Armen, und einen breiten Gürtel aus getriebenem Gold um die Hüften. Von ihren Brüsten tropfte das Wasser, ihr Fleisch erbebte im Schmeicheln der Abendluft. Rosiger Sonnenstaub umspielte sie; manchmal flog mit schrillem, seltsamem Schrei ein großes gold- und silberblau schillerndes Tier schwerfällig über sie hin.

Lukas’ gekrampfte Finger zerknickten die Büsche, die ihn verbargen. „Ich bin mächtig genug,“ stöhnte er, „ich will sie nehmen.“

Am Abend ging er nach ihrer Kammer. Der Vorhang war zurückgeschlagen, er erblickte sie: Ihre weißen Glieder hingen an der schwarzen Eisenbrust des Gepanzerten.

Lukas füllte darauf seine Säle mit Weibern und seinen Sinn und alle seine Gedanken mit dem Wogen großer Brüste, mit den Schlangenwindungen fleischiger Hüften, mit einem Knäul mächtiger Glieder und dem verzehrenden Lächeln breiter, blasser Gesichter.

Er ersann Martern und teilte sie rings unter die Sklaven aus; seine vorgeschobene Unterlippe [ 146 ]zitterte, seine Hände umkrampften die Lehnenknäufe seines Thrones. Dann stahl er sich in die Kerker und flehte die Elenden an, ihm zu vergeben und seine Freunde zu sein.

Auf seinen weißen Terrassen, auf die blau und feierlich ein unerbittlicher Himmel drückte, brach er in Hilferufe aus: „Gnade! Hör’ auf!“ Niemand vernahm es als seine stummen schwarzen Eunuchen. Nichts bewegte sich als ihre rollenden Emailaugen, und Lukas stürzte, die Arme weit geöffnet, zu Boden, so daß das Juwelenband seines Hauptes auf den Marmorfliesen zersprang.

Eines Nachts tastete er sich durch finstere Gänge. Die Mordgedanken, die er hegte, glühten vor ihm her und zeigten ihm den Weg. Er kratzte an Dianoras Pforte, sie ging klagend auf, und er sah, daß es schon geschehen war: Ihr Kopf hing mit schwerem Haar über den Rand ihres Lagers, ihr Hals trug den dunkel unterlaufenen Abdruck einer eisernen Faust.

Er floh und lebte als schweifendes Tier. Er heulte ihren Namen dem Sturmwind entgegen, er fluchte ihn zum Himmel hinauf, er brüllte ihn den Ungeheuern in die Erdhöhlen hinein. Er tobte, bis sein Leib von Stahl und seine Seele [ 147 ]erschöpft war. Allmählich sah er sie bloß noch als schwaches Traumbild an der Oberfläche seines Schlummers vorüberwandeln. Und endlich fühlte er, wenn er an sie dachte, nur mehr in dämmeriger Ferne ein paar Augen hinter sich, wie die einer sanften Geopferten, die uns von ihrer Schattenwand in stiller Kapelle immer nachschaut auf unsern Gängen durch die lauten Straßen der Welt.

Seine Miene zeigte weder Hoffnung noch Reue; aber er schlief nie anders als hinter verschlossenen Türen, denn er fürchtete, sein Schlaf möchte etwas zu verraten haben. Er war ein Abenteurer, dem nichts neu dünkte, ein Sieger ohne Hochmut und ein Genießer mit kalten Lippen.

An einem grauen Abend schritt er über ein weites Feld. Es flog darüber hin wie die Schatten von Dingen, die man nicht sah. In der Höhe bewegten sich schwer geballte Wolken. Er erstieg einen Hügel: schiefe, zerrissene Dächer erschienen ihm. Er war schon im Schatten der traurigen Burg, er stand schon unter dem Tor. Die drei Greisinnen im feuchten Saal bliesen wimmernd ihren kalten Atem in die kalte Luft. Sie sagten: „Lukas ist heimgekehrt,“ und sogleich [ 148 ]begann des Alten hohle Stimme, die längst von den Zeiten verschlungen schien.

„Nun hast du die Welt durchkämpft, sie hat hinter dir auf den Knien gelegen, und du bist zu uns heimgekehrt, wie jeder zu uns heimkehrt. Was hast du nun weiter getan als einen Gang vors Tor?“

Da Lukas schwieg, sprach der Alte weiter.

„Du hast Gott aus der Gefangenschaft seiner Feinde erlöst, du hast Satan gezwungen, um Gnade zu flehen! Du hast Reiche erobert und das Weib zu deiner Kaiserin gemacht! Am Ziel hast du, nüchtern und ohne Stolz, erfahren, daß alles größer und schöner war, als du noch träumtest. Das Beste ist geschehen, bevor du die Augen öffnetest; dein Traum hat es vorweggenommen. Er ist dir vorangeeilt und hat das Schwert geführt, das du nicht tragen konntest. Du bist ihm nachgeschlichen mit leeren Händen.“

Lukas senkte die Stirn und erhob sie wieder.

„Das alles ist wahr,“ sagte er. „So war mein Leben. Aber wenn ich weiter nichts getan habe als einen Gang vors Tor, so will ich jetzt dennoch nicht bei euch Alten sitzen bleiben, die ihr so weise seid. Lieber tue ich einen zweiten Gang vors Tor und beginne alles, was ich versucht [ 149 ]habe, noch einmal, und lasse es mich nicht gereuen, wenn mir der Tod auf einer Landstraße begegnet. Dann will ich mich auch mit ihm messen; vielleicht fühlt er meine Streiche, vielleicht ich seine. Ich decke ihn mit meiner roten Fahne zu, oder er mich mit seiner schwarzen.“

Darauf wandte er sich und schritt den Hügel wieder hinab, und über Felder und Steige. Junge Mädchen, über herbstliche Beete geneigt in den Gärten am Wege, bewarfen den Vorübergehenden mit Astern. Eine große rote Blume haftete auf seinem grauen Haar; es flatterte lang im Winde.
 
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