Page:H.M. Flöten und Dolche.djvu/115

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„Wann gehst du?“

„Gleich. Heute nacht!“

Ich erschrak, ich schrie auf.

„Nein! Du wirst mich nicht verlassen. Auch Claudio ist verschwunden. Soll ich immer in diesem Hause bleiben, wo nichts atmet? Wo, scheint mir’s, kein Tag mehr aufgehen wird? Oreste!“

Ich glitt von der Bank, ich sank vor ihm hin, tastete nach seinen Knien. All meine Besinnung war fort, eine kranke Närrin war ich.

„Nimm mich hin,“ sagte ich. „Nimm mich lieber hin! Aber geh nicht fort! Verlaß mich nicht!“

Er hob mich auf wie ein Bruder.

„Wir gehen zusammen, ich bringe dich nach Turin, in Sicherheit.“

Am Himmel entstand ein grauer Schein. Wir unterschieden unsere Gestalten. Wir warteten stumm, bis wir auch unsere Augen sahen. Wie vieles Stürmische mußte in ihnen geschehen sein in dieser Nacht, ohne daß wir’s gesehen hatten. Jetzt waren sie still wie Geister.

Oreste sprengte in der Stadt aus, daß er mich auf sein Lusthaus entführe, vor das Tor. Wir flohen, gelangten über die Grenze und nach

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