Page:H.M. Der Untertan.djvu/325

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Macht des Bestehenden, von alters her Anerkannten! Diederich selbst fand es angezeigt, nicht in auffälliger Weise hinter der Mehrheit zurückzubleiben. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß Wulckow schon fort war, machte er seine Aufwartung. Der Alte saß eben allein in dem Polstersessel, der für ihn ganz vorn bei der Bühne stand; er ließ seine weiße Hand merkwürdig zart über die Lehne hängen und blickte zu Diederich hinauf.

„Da sind Sie, mein lieber Heßling. Ich habe es oft bedauert, daß Sie nicht kamen“ — ganz schlicht und nachsichtig. Diederich fühlte sofort wieder Tränen heraufsteigen. Er gab ihm die Hand hin, freute sich, daß der Herr Buck sie ein wenig länger in der seinen behielt, und stammelte etwas von Geschäften, Sorgen und „um ehrlich zu sein“ — denn ein jähes Bedürfnis nach Ehrlichkeit erfaßte ihn — von Bedenken und Hemmungen.

„Es ist schön von Ihnen,“ sagte darauf der Alte, „daß Sie mich das nicht nur erraten lassen, sondern es mir eingestehen. Sie sind jung und handeln wohl unter den Antrieben, denen die Geister heute gehorchen. In die Unduldsamkeit des Alters will ich nicht verfallen.“

Da schlug Diederich die Augen nieder. Er hatte verstanden: dies war die Verzeihung für den Prozeß, der dem Schwiegersohn des Alten die bürgerliche Ehre gekostet hatte; und ihm ward schwül unter so viel Milde — und so viel Nichtachtung. Der Alte freilich sagte:

„Ich achte den Kampf und kenne ihn zu gut, um jemand zu hassen, der gegen die Meinen kämpft.“ Worauf Diederich, von Furcht ergriffen, dies möchte zu weit führen, sich aufs Leugnen verlegte. Er wisse selbst nicht —. Mankomme in Sachen hinein —. Der Alte erleichterte es ihm. „Ich weiß: Sie suchen und haben sich selbst noch nicht gefunden.“

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